Bäuerin sucht Wohnung

Nennen wir sie Li Si. Wie bei Michael Endes Geschichte von Jim Knopf und Lukas. Li Si ist keine Märchenprinzessin, keine Comicfigur. Sie ist Bäuerin. Aufgewachsen in einer kleinen Hütte mit einfachen Mao-Möbeln. Das ganze Leben Arbeit von früh bis spät. Li Si ist eine von vielen Millionen Chinesen, die gerade ihre Sachen packen. Einige freiwillig, die meisten still und genügsam. Die Partei hat es angeordnet. Die Volksrepublik setzt ihren ehrgeizigen Modernisierungsplan um. Bis 2020 sollen rund Hundert Millionen Bauern Städter werden. Der Plan: Wohlstand durch Urbanisierung.

 

Auf in die Städte. Tanz in den Straßen von Shanghai. Fotos: Chinareise 2015.

 

Ein dreißig Punkte umfassender Nationalplan Pekings sieht vor: Elf Ballungszentren werden auf Reisfeldern aus dem Boden gestampft: mit „hochwertigen Arbeitsplätzen und energieeffizienten Bürogebäuden“ wie es heißt. Das ergibt gigantische Hochsiedlungen und Hochgeschwindigkeitsbahnen. Soweit das Auge reicht. Mittlerweile zählt China bereits über 600 Städte, darunter viele, die Berlin an Einwohnerzahl weit überschreiten. Viele dieser neuen Megastädte waren noch vor wenigen Jahren Dörfer.

 

Das Urbanisierungsprogramm läuft von 2014 bis 2020.

 

Li Si zieht in eines der Entschädigungshäuser. Wenn sie Glück hat, kann sie zusammen mit ihrer Dorfgemeinschaft in einem der sogenannten Kompensationsblocks unterkommen. Das sind Hochhäuser mit 30, 32 oder noch mehr Etagen. Jedes Familienmitglied erhält im Schnitt vierzig bis achtzig Quadratmeter Wohnfläche. Balkon und Zentralheizung statt Kohleofen und Plumpsklo. Die jungen Erfolgreichen machen ihr Glück als Makler, andere versuchen sich mit Start-Ups. Einige Ex-Bauern konnten ihr Land unter der Hand an Funktionäre veräußern. Sie machten das Geschäft ihres Lebens. Sie gehören zu Gewinnern des Urbanisierungsprogramms.

 

Die Jeunesse dorée Chinas bei der Fashion Week in Peking.

 

Vielleicht gelingt Li Si der Sprung in die neue Zeit problemlos. Vielleicht findet sie Anschluss, gelingt ein Neuanfang. Sicher wird sie nicht klagen. Vermutlich schließt sie sich der weit verbreiteten Meinung vieler Neu-Städter an: „Wissen Sie, unsere Wohnung ist sauber, es gibt eine Toilette, es sind keine Moskitos dar und man muss auch nicht auf dem Feld arbeiten.“

 

Shanghai. Posieren für die Hochzeits-Einladungskarte.

 

Der soziale Wandel ist atemberaubend. Innerhalb von wenigen Monaten katapultiert der Fortschritt Menschen wie Li Si in Betonburgen, mitten ins 21. Jahrhundert mit Smartphone, U-Bahnanschluss und Karaoke-Bars. Plötzlich werden Hunde bestaunt oder zu Freunden; früher landeten sie an der Kette oder im Kochtopf. Überall zwischen den Betongiganten pflanzen Bewohner auf kleinen Beeten Süßkartoffeln, Bohnen oder Kohl an. Die Partei duldet diese kleinen Inseln des ländlichen Widerstands.

 

Vormittags treffen sich Frauen zur Gymnastik im Zentrum von Choncqing. Mit rund 30 Millionen Einwohnern derzeit die größte Stadt der Welt.

 

Der Sechs-Jahres Plan ist bald abgeschlossen. Bis 2030 sollen rund eine Milliarde Chinesen in den neuen Riesen-Städten leben. Das wären dann fast 80% aller Einwohner. Die neue Super-Megastadt ist Jing-Jin Ji in der Zentralregion. Dazu gehört Peking. Dort leben später einmal rund 130 Millionen Einwohner. Bäuerin Li Si ist dann Rentner, hat eine zentralbeheizte Wohnung in der 24. Etage. Wenn sie Glück hat, kann sie – sollte mal kein Smog sein – sehr weit auf das neue China schauen. Wie heißt doch ein altes chinesisches Sprichwort? „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“ Chinas neue Windmühlen heißen Entschädigungshäuser.

 

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