Blick zurück im Zorn?

Eine berechtigte Frage: Hatte die kleine DDR jemals eine echte Chance? War sie nicht vom ersten Tag an eine Totgeburt? Zum Scheitern verurteilt? Aussichtslos im Wettlauf mit dem ganz großen Geld und angetreten gegen alle Gesetzmäßigkeiten von tausenden Jahren Menschheitsgeschichte: Das einzelne Menschenkind strebt eben nach Glück, Wohlstand und dem eigenen Vorteil. Der Ost-Berliner Fotograf Jürgen Hohmuth gibt mit seinen DDR-Bildern überraschende Antworten.

 

Kollwitzstraße, Ecke Belforter Straße, Berlin, 1983. Alle Bilder: Jürgen Hohmuth.

 

Hohmuths Blick zurück in den Alltag stammt aus dem letzten Jahrzehnt der DDR. Es sind die achtziger Jahre, die bleierne Zeit des VEB-Sozialismus. Die Mauer war unüberwindbar geworden, die Menschen hatten sich arrangiert, alle Versprechen waren abgenutzt. Stillstand. Nichts bewegte sich mehr. Nichts wurde wirklich besser. Wer konnte, ging. Trotz sicheren Jobs, billigen Mieten und dem Anspruch auf soziale Rundumversorgung.

 

Berlin, 1982. Für Insider: Der Mann am Steuer ist nicht Sascha Anderson.

 

Seine Schwarz-Weißbilder erzählen von angehaltener Zeit. Von Langeweile und Leere, von Abhängen, Aufgeben und auch von stillem Aufbegehren. Von Warten auf Godot und größtmöglicher Gottverlassenheit. Das Arbeiter- und Bauernparadies aus der Nahdistanz. Hohmuth ist ein sehr genauer Chronist. Er fotografierte auf Kundgebungen und in Betrieben, vor Geschäften und in Wohnzimmern. So dokumentierte er den schleichenden Untergang einer Menschheitsidee. Am Ende blieben Rituale, billige Rhetorik und trügerische Ruhe.

 

Uftrungen, 1987.

 

„Graustufen“ heißt der neue Fotoband. War alles nur grau? Keineswegs. Die DDR konnte sehr anders und zuweilen ganz schön bunt sein. Einzige Voraussetzung: etwaige Vorurteile mussten bei der Einreise abgegeben werden. Dann konnte der unvoreingenommene Bürger-West Menschen kennenlernen, die lachten und weinten, feierten und fröhlich waren, sich anpassten und auflehnten. Mein Eindruck war: Die meisten wurstelten sich durchs Leben. Ist das heute so viel anders?

 

Dessau, 1989.

 

In „Graustufen“ wetzen vierzig bekannte und unbekannte Weggefährten von Jürgen Hohmuth die Feder. Viele liefern teilweise sehr persönliche Bildbetrachtungen, frei von Pathos und nostalgischen Seufzern. Nicht wenige Autoren kommentieren ihre Geschichten mit einem wissenden Lächeln, angereichert mit einer Portion Selbstironie. So wird zwischen zwei Buchdeckeln ein Land wach geküsst, das es nicht mehr gibt. Ein Land mit einem gewaltigen Planüberschuss an Zeit und Leere, aber auch mit Bier, Bratwurst und deftigen Besäufnissen.

 

Jena, Marktplatz, 1988.

 

Der begnadete Schriftsteller Jurek Becker („Jakob der Lügner“) verließ 1977 entnervt das Honecker-Land und erfand im Westen „Liebling Kreuzberg“. Nach der Einheit schrieb er: Je länger die DDR tot ist, desto schöner wird sie. Ironie der Geschichte: Längst wohnen in den alten Werkhallen und Wohnstuben des Berliner Ostens junge, zugezogene Familien und rendite-fixierte Start-Up-Unternehmer. Die DDR ist abgewickelt. Ihr Versprechen nicht. Es bleibt der Traum von einer gerechteren Welt. Wie der Sozialismusversuch der Väter und Mütter einmal aussah, das zeigt dieser Bildband ungeschminkt und präzise – mit Blicken zurück ohne Zorn. Jürgen Hohmuth. Graustufen. Leben in der DDR in Fotografien und Texten. Braus-Verlag.

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