Vorschlag für weiße Wände

„Alleen/Alleen und Blumen/ Blumen/Blumen und Frauen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“ Dieses spanische Gedicht des Bolivianisch-Schweizer Poeten Eugen Gomringer (93) wird getilgt. Die Entscheidung ist gefallen. Das Ende eines monatelangen Kulturkampfes. Ein Kräftemessen, irgendwo zwischen Posse und sehr viel deutscher Prinzipienreiterei. Das Ergebnis: ein postmoderner Bildersturm. Nun werden die Wände übertüncht. Der „Allgemeine Studierendenausschuss“ der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin errang einen Sieg, die Kunst eine Niederlage.

 

Umstrittene Wandpoesie. Das Gedicht von Eugen Gomringer muss weg. Die Entscheidung ist gefallen.

 

Was nun? Kommen nun Gedichte mit Gender-Gerechtigkeit und künstlerischer Korrektheit bis zum letzten Komma? „Sexistische, rassistische oder sonstige diskriminierende Bezüge werden nicht akzeptiert“, heißt es. Die beauftragte Lyrikerin Barbara Köhler ist um ihren Auftrag nicht zu beneiden. Künftig sollen Schichttexte an der Wand der Berliner Hochschule angebracht werden. Gut sicht- und überall lesbar. Politisch korrekt, diskriminierungsfrei und geprüft tugendgerecht. Kunst im Rotationsverfahren. Alle fünf Jahre übermalt.

Was geht da noch? Ich empfehle für einen Schichttext an der Alice-Salomon-Hochschule das Hohelied Salomos. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von zärtlichen, an manchen Stellen hochgradig erotischen Liebesliedern. Es geht um das Suchen und Finden, das Sehnen und gegenseitige Lobpreisen zweier Liebender. Eigentlich um das, was das Leben ausmacht.

 

Egon Tschirch. 1923. Das Hohelied Salomos.Nr. 1

 

Er – Salomo

„Wie schön sind deine Schritte in den Sandalen, / du Edelgeborene! / Das Rund deiner Hüften / ist das Werk eines Künstlers. Dein Schoß ist eine runde Schale, / an Mischwein soll es nicht fehlen! / Dein Leib ist wie ein Weizenhügel / von Lilienblüten umrankt. / Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weiden.“

 

Sie – Sulamit

„Seine Schenkel sind Säulen von Marmor, / Gegründet auf Sockeln von Gold. /Sein Aussehen ist gleich dem Libanon, Auserkoren gleich den Cedern. / Sein Mund ist voll Süße; / alles ist Wonne an ihm. / Das ist mein Geliebter, / ja, das ist mein Freund, / ihr Töchter Jerusalems.“

 

Egon Tschirch. 1923. Das Hohelied Salomos. Nr. 8.

 

Diese Gedichte mögen mehrere tausend Jahre alt sein. Sie sind in der Kultur Israels, Ägyptens und des Vorderen Orients verankert. Eine Sprache wie ein Gedicht. „Seine Wangen sind wie Balsambeete, darin Gewürzkräuter sprießen.“ Der Verfasser ist unbekannt. Es soll sich um König Salomo handeln. Zu finden im Alten Testament. Eine einzige poetische Entdeckung – das Hohelied Salomos. Zu eindeutig für die Wand?

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