Archive for : März, 2018

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Verweile doch

„Das ist absolut cool“, ruft die junge Ausstellungmacherin ihrer Gruppe zu. Sie weist auf einen Grabstein für Graffiti-Kunst hin. Entworfen von einem Vertreter der sprühenden Branche. Ruhe sanft! Von wegen. Aus den Boxen in der Werkstatthalle dröhnen die Bässe. Der Rapper textet kraft seiner Verstärkung: „Baby, deine Augen sind es, die machen mich verrückt!“ Das Publikum wiegt im Rhythmus. Das Wegbier in der Hand. „Welcome to Wandelism“, willkommen zur schnellen Kunst mit Verfallsdatum. In einer stillgelegten Werkstatt ist der Wandel Berlins aus erster Hand zu besichtigen.

 

 

Die Hauptstadt wächst rasant. Überall neuer Beton, Glas und Stein. Wohnpaläste ragen in den Himmel. Die Freiflächen für Kunst und Kreativität schwinden. In einem Autohaus im Westen der Stadt feiert die Pop-Art-Szene ihr Fest. Für wenige Tage. Dann wird der Autohandel abgerissen, macht Platz für exklusives Wohnen im gehobenen Eigentumssegment, wie es heißt. „Den Wandel feiern“ wollen die Künstler. Und der Stadt die Seele erhalten, nach der die Touristen an jedem Wochenende neu suchen.

 

 

„Verweile doch, du bist so schön.“ Kunst als Antwort auf Wandel. Und Angst. Angst vor Verdrängung und steigende Mieten. Es ist der Kampf um die letzten Freiräume für eine Szene, die mit dem rasenden Tempo der Veränderung mithalten will. Mit der Spraydose gegen Gentrifizierung. Hier ist es erlaubt. Erwünscht. Wird gefördert und geduldet. Künstler und Immobilienmacher gehen ein Bündnis ein – auf Zeit.

 

 

Wie rebelliert man? Wie geht eine Revolution in der Kunst? Wenn alles schon gesagt, getan und ausprobiert worden ist? Fragen der blondierten Künstlerin. Sie muss weiter tapfer gegen die wummernden Beats aus den Boxen anschreien. Kunst kann und soll die Augen öffnen, fährt sie fort. Ob die Gruppe noch etwas versteht, geht im Lärm der Rapper unter. „Wir wollen ein Zeichen setzen.“ Also Augen auf: Die Arbeiten sind bunt, schräg, witzig und voller Energie.

 

 

Schaut her, wie wir auf den Wandel reagieren, sagen die Künstler. Nicht alles gefällt. Manches ist plakativ, billig, kopiert. Doch in der Gesamtwirkung überrascht der Ort. Es ist eine Zeitansage an Wände, Decken und in Kellergewölben. Die Austellungsführerin lächelt. Sie droht heiser zu werden. Unverzagt präsentiert sie die flüchtigen Arbeiten im Abrisshaus mit einer Leidenschaft, die ansteckt. Am Ende bleibt nur ein Gedanke: Schade, dass hier bald die Abrissbirne regiert.

 

 

Für nichtkommerzielle Kunst wird es eng. Aber beim nächsten Abriss- und Zwischennutzungsprojekt sind wir dabei, versprechen die Macher. So ist Berlin im Jahre 2018. Nichts ist ewig, alles vergänglich. Das nächste Event steht vor der Tür. Ganz bestimmt. Welcome to Wandelism. Der schnellen Kunst auf Zeit.

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Vorwärts im Verkehr

Eine deutsche Innenstadt, beliebig wo. Egal welcher Größe, Baustellendichte oder Schönheit. Auf engstem Raum tummeln sich Fußgänger, Radfahrer, Lieferanten und Autofahrer jeglicher Couleur. Es mutet so manches Mal an, wie der tägliche Überlebenskampf um Vorfahrt, Rechthaberei und Schnelligkeit. Me first! Jeder gegen jeden. Die Ellbogengesellschaft zeigt ihre Krallen. Rote Ampeln sind nur noch eine Option. Der Rest ist eine Frage der Nervenkraft.

 

 

Der Zeitgeist tritt in die Pedale. Die wachsende Radfahrerzunft steht immer häufiger im Mittelpunkt. Fahren auf Bürgersteigen, gegen die Richtung, ohne Licht, jedoch stets mit der selbstbewußten Haltung moralischer Überlegenheit. Moral Hazard nennen das Wissenschaftler. Der  Freifahrtschein für eigene Regeln, Leichtsinn und Risikobereitschaft. Man kann sich ja moralisch im Recht wähnen. Merksatz: Radfahrer sind Umweltfreunde, folglich keine Luftverpester, folglich bessere Verkehrsteilnehmer. Regeln im Alltag werden neu- oder umdefiniert. Oder sie gelten nur noch für die anderen. Ausweichen wird zur Bürgerpflicht.

 

 

Was tun gegen Rüpelradler? Schauen wir genauer hin. Unter der Schlagzeile „Radfahrer-Rowdie“ meldet ein deutsches Blatt:

„Mit dem zunehmenden Radfahrsport hier und in den beiden Nachbargemeinden mehren sich leider auch die Unarten, welche sich gewissenlose Radfahrer zu schulden kommen lassen. So hätte leicht gestern Abend ein Radfahrer auf der Westernstraße eine Dame überradelt, wenn diese im kritischen Augenblick ihre Geistesgegenwart nicht bewahrt hätte.

Der Radfahrer fuhr im schnellsten Tempo ohne irgend ein Glocken- oder Warnungszeichen die Straße entlang und rempelte dabei eine die Fahrbahn ahnungslos überschreitende Dame mit seinem Rade dermaßen an, dass das Kleid derselben sich bereits in den Speichen des Rades zu verwickeln begann. Statt sich nun wegen seiner Ungezogenheit zu entschuldigen, bezeugte der, anscheinend den „besseren Ständen“ angehörende Radler seine Bildung in einer Flut unflätiger Schimpfworte und suchte dann sein Heil in möglichst schneller Flucht.“

Dieser Bericht über einen sogenannten Rüpel-Radler ist im Harzstädtchen Wernigerode erschienen. Geschehen im Sommer 1901.

 

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Nur für gewisse Stunden

Es beginnt so banal. Den Wecker überhört. Das Fahrrad weg. Den Zug verpasst. Das Auto nicht angesprungen. Im Stau steckengeblieben. Zu spät gekommen. Die Eltern nicht besucht. Die Kinder vergrault. Den Partner auf die Palme gebracht.

Es geht einfach so weiter. Der Job eine Tortur. Die Mails eine Katastrophe. Die Chefs toben: Don´t do it again. Die lieben Kollegen sind bitter-süße Chamäleons. Die Zeit flieht. Der Auftrag platzt. Die Kündigung droht. Freude, Lust, ein Lächeln, so weit entfernt wie ein Glas kühles Wasser in der Wüste.

 

 

Raus aus der Spur. Nur wie? Und wohin? – Da hilft nur Musik. Es gibt zwei Dinge, die im Leben unverzichtbar sind, gab mir mein Vater auf den Weg: Musik und Freunde. Beides kann man sich wenigstens selbst aussuchen. Wenn also die persönliche Titanic mal wieder unterzugehen droht, hier zwei Empfehlungen für Rettungsboote aus der großen weiten musikalischen Welt.

Da ist der wunderbare Pianist Bugge Wesseltoft aus Norwegen. Zum Kennenlernen am besten mit seinem neuen Album: Everybody loves Angels. Es sind Adaptionen von vertrauten und bekannten Songs. Alte Lieder von Bach bis Hendrix – neu interpretiert. Aufgenommen in einer Kirche auf den Lofoten. Hoch oben im Norden. Bugge Wesseltoft inspiriert, variiert und verführt in andere musikalische Sphären. Längst gilt er in der Pianistenszene als einer der ganz großen Vorbilder.

 

 

Dann noch ein Tipp für Rhythmus-Begeisterte: Snarky Puppy aus New York City. Aufmunternd, fröhlich, jazzig. Tanzbare Großstadtmusik – schräg, verspielt und perfekt arrangiert. Für Menschen, die sich irgendwann die Frage stellen. Gibt es das? –  Ablenkung für Stunden, die einfach nach Aufmunterung verlangen.

 

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Zuhören

Wäre es möglich ein oder zwei dieser Menschen kennenzulernen? Meine Bitte geht an die Leiterin eines Sprach-Netzwerkes, von dem ich nichts wusste. Roswitha Keicher lacht. Sie ist die Chefin von mehr als 400 Übersetzern und Dolmetschern aus 41 Nationen. Sie nennt sie Mittler. In Heilbronn haben mehr als die Hälfte der Menschen einen Migrationshintergrund. Gebürtige Schwaben sind in der Minderheit. Heilbronn ist eine traditionsreiche und wohlhabende Stadt. In der Industriestadt im Südwesten leben heute 140 Nationen. Ein modernes Babylon.

 

Im Ratssaal von Heilbronn. Alle Fotos: Heinz Kerber.

 

Als wir im Heilbronner Rathaus eintreffen, ist die Überraschung perfekt. Dutzende Menschen versammeln sich. Von Minute zu Minute werden es mehr. Es sind überwiegend Frauen. Die Stimmung ist gelöst. Viele umarmen sich. Sie kommen aus Ägypten oder Togo, Albanien oder dem Iran. Rasch sind es mehr als siebzig Ehrenamtler innerhalb von wenigen Stunden mobilisiert. Sie sind Übersetzer, Welcome-Guides, Elternmultiplikatoren. Was sie verbindet? Sie halten Heilbronn am Laufen. Sie arbeiten in Ämtern, Schulen, Vereinen, Organisationen. Sie sind dort, wo Hilfe gebraucht wird. Ohne sie geht nichts.

 

Ein Teil der 400 Sprach-Mittler von Heilbronn.

 

Integrationsfrau Roswitha Keicher hat Wort gehalten. Heilbronn hat etwas zu bieten, ist Vorreiter. Mit der Ausdauer und dem Fleiß einer schwäbischen Hausfrau organisiert sie seit knapp zehn Jahren das Zusammenleben in ihrer Heimatstadt. Sie schafft es auch, die gute Stube, den großen Ratssaal für das Treffen zu öffnen. Mit so viel Zuspruch hatte niemand gerechnet. So versammeln wir uns vor dem Porträt des Heilbronner Ehrenbürgers und ersten Bundespräsidenten der Nachkriegszeit Theodor Heuss. Im Saal ist eine Stimmung wie auf einer UNO-Vollversammlung in New York. Die Welt ist zu Gast.

 

 

Ich will wissen, ob Integration in einer Multi-Kulti-Stadt wie Heilbronn funktioniert? Die Wünsche der Frauen – die wenigen Männer halten sich eher zurück – sind einfach und kommen aus dem Leben: Anerkennung von Schulabschlüssen, kommunales Wahlrecht oder schlicht weniger Bürokratie bei Aufenthaltsfragen. Das wäre schon eine Menge, sagt eine Russland-Deutsche. Unisono loben die Frauen Heilbronn und die Chancen, die sich bieten. Doch ein wenig mehr Anerkennung, so eine zugewanderte Italienerin, wäre schön. „Wir bereichern mit unserer Kultur ja auch die Stadt.“

 

Mit Roswitha Keicher (links) im Heilbronner Ratssaal.

 

Was ich zum Schluss noch erfahren will: Wer fühlt sich als echte Heilbronnerin oder Heilbronner? Alle Arme gehen hoch. Keine Frage: Diese Menschen wollen sich beteiligen und fühlen sich längst integriert. Roswitha Keicher nickt zufrieden. „Es geht doch, wenn man nur will. Hier ist ein riesiges Potential, welches das Land nutzen kann.“ Nach mehr als einer Stunde Zuhören gehen wir auseinander. Am Ausgang sprechen mich noch zwei Frauen an. Sie sagen, die entscheidende Frage hätte ich nicht gestellt. Ich stutze. „Ja, ob wir verheiratet sind oder nicht!“ – Sie lachen fröhlich und verschwinden im Getümmel ihrer Kollegenschar.

 

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Bezahlt wird nicht

Der Durchschnittspreis für eine reguläre Theaterkarte liegt in Deutschland derzeit zwischen 30 und 35 Euro. Die Häuser sind hochsubventioniert. Alles hat seinen Preis. Für Normalverdiener sind Tickets in der Regel bezahlbar. Für immer mehr Menschen jedoch nicht. Sie bleiben draußen vor der Tür. Für sie wird ein Konzert-, Opern- oder Theatererlebnis zum Luxus. Nun hilft eine Einrichtung, die größte Not zu lindern: Die Kultur-Tafel. Richtig gelesen. Auch Kultur kann ein Lebensmittel sein. Kultur kann verschenkt werden.

Kulturtafeln gibt es mittlerweile in über sechzig deutschen Städten. Marburg war 2010 der Vorreiter.  In der Uni-Stadt als Kulturloge gegründet, funktioniert die Vermittlung wie die Lebensmittelhilfe. Theater, Konzert- und Opernhäuser stellen kostenlos nicht verkaufte Karten zur Verfügung.  Die jeweilige Tafel vor Ort vermittelt sie an Menschen, die sich den Eintritt nicht leisten können. Ein einfaches Prinzip. Für einen immer größer werdenden Nutzerkreis bedeutet die Kulturtafel eine echte Chance, wieder am Leben teilnehmen zu können.

 

 

 

Die Lübecker Kultur-Tafel zum Beispiel ist seit knapp einem Jahr ehrenamtlich aktiv. Sie hat über dreitausend Tickets vermittelt und äußerst positive Erfahrungen gesammelt. Die Arbeit zeigt, dass von einer (kostenlosen) Tafelrunde der Kultur alle profitieren können. Ensembles, die sich über volle Vorstellungen freuen und ein Publikum, das selten gewordene Gaben verschenkt: Aufmerksamkeit und Dankbarkeit. Kultur kann Herzen wärmen. Mehr geht nicht.

 

 

Hier einige Lübecker Stimmen

 

„Der Abend hat mir so viel gegeben. Ich habe richtig wieder am Leben teilgenommen, davon zehre ich immer noch.“

 

„Es war das allererste Mal überhaupt, dass ich bei einer kulturellen Abendveranstaltung war, dank Ihrer Unterstützung!!!“

 

„Ich habe mich riesig gefreut und war sogar ziemlich aufgeregt, weil es für mich der erste Besuch einer Oper in meinem Leben überhaupt war. Bisher konnte ich mir eine Kulturveranstaltung dieser Kategorie nicht leisten.“

 

„Mein Partner und ich möchten uns herzlichst bei Ihnen bedanken, dass wir durch Ihren Anruf, gestern Abend einen sehr schönen Abend erleben durften. Das Theaterstück ist ein sehr schönes Stück, wobei man für 2 Stunden wirklich alle Sorgen, Ängste usw. vergessen kann. Dass uns, die wir jeden Cent mindestens einmal umdrehen müssen, diese Karten ermöglicht wurden, ist ganz toll.“

 

„Man schämt sich so. Ich möchte so gerne mal einen unbeschwerten Abend haben, aber ohne mich zu outen. Dass die Kultur-Tafel dies möglich macht, ist wirklich toll. Endlich komme ich mal wieder raus!“

 

Kultur-Tafeln gibt es mittlerweile in sechzig deutschen Städten. Eine einfache, aber geniale Idee. Auch Kultur ist ein Lebensmittel.