Verweile doch

„Das ist absolut cool“, ruft die junge Ausstellungmacherin ihrer Gruppe zu. Sie weist auf einen Grabstein für Graffiti-Kunst hin. Entworfen von einem Vertreter der sprühenden Branche. Ruhe sanft! Von wegen. Aus den Boxen in der Werkstatthalle dröhnen die Bässe. Der Rapper textet kraft seiner Verstärkung: „Baby, deine Augen sind es, die machen mich verrückt!“ Das Publikum wiegt im Rhythmus. Das Wegbier in der Hand. „Welcome to Wandelism“, willkommen zur schnellen Kunst mit Verfallsdatum. In einer stillgelegten Werkstatt ist der Wandel Berlins aus erster Hand zu besichtigen.

 

 

Die Hauptstadt wächst rasant. Überall neuer Beton, Glas und Stein. Wohnpaläste ragen in den Himmel. Die Freiflächen für Kunst und Kreativität schwinden. In einem Autohaus im Westen der Stadt feiert die Pop-Art-Szene ihr Fest. Für wenige Tage. Dann wird der Autohandel abgerissen, macht Platz für exklusives Wohnen im gehobenen Eigentumssegment, wie es heißt. „Den Wandel feiern“ wollen die Künstler. Und der Stadt die Seele erhalten, nach der die Touristen an jedem Wochenende neu suchen.

 

 

„Verweile doch, du bist so schön.“ Kunst als Antwort auf Wandel. Und Angst. Angst vor Verdrängung und steigende Mieten. Es ist der Kampf um die letzten Freiräume für eine Szene, die mit dem rasenden Tempo der Veränderung mithalten will. Mit der Spraydose gegen Gentrifizierung. Hier ist es erlaubt. Erwünscht. Wird gefördert und geduldet. Künstler und Immobilienmacher gehen ein Bündnis ein – auf Zeit.

 

 

Wie rebelliert man? Wie geht eine Revolution in der Kunst? Wenn alles schon gesagt, getan und ausprobiert worden ist? Fragen der blondierten Künstlerin. Sie muss weiter tapfer gegen die wummernden Beats aus den Boxen anschreien. Kunst kann und soll die Augen öffnen, fährt sie fort. Ob die Gruppe noch etwas versteht, geht im Lärm der Rapper unter. „Wir wollen ein Zeichen setzen.“ Also Augen auf: Die Arbeiten sind bunt, schräg, witzig und voller Energie.

 

 

Schaut her, wie wir auf den Wandel reagieren, sagen die Künstler. Nicht alles gefällt. Manches ist plakativ, billig, kopiert. Doch in der Gesamtwirkung überrascht der Ort. Es ist eine Zeitansage an Wände, Decken und in Kellergewölben. Die Austellungsführerin lächelt. Sie droht heiser zu werden. Unverzagt präsentiert sie die flüchtigen Arbeiten im Abrisshaus mit einer Leidenschaft, die ansteckt. Am Ende bleibt nur ein Gedanke: Schade, dass hier bald die Abrissbirne regiert.

 

 

Für nichtkommerzielle Kunst wird es eng. Aber beim nächsten Abriss- und Zwischennutzungsprojekt sind wir dabei, versprechen die Macher. So ist Berlin im Jahre 2018. Nichts ist ewig, alles vergänglich. Das nächste Event steht vor der Tür. Ganz bestimmt. Welcome to Wandelism. Der schnellen Kunst auf Zeit.

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