Hochzeit. Teschendorf. 6. November 1971 Sibylle Bergemann

Was für ein Blick

Der Rand der Welt ist interessant, nicht die Mitte. Davon war die Ost-Berliner Fotografin Sibylle Bergemann zeitlebens überzeugt. Sie beobachtete den Wandel der Jahreszeiten, Menschen und Systeme. Niemand schaute so genau hin wie sie. Ihre Aufnahmen sind Dokumente feiner, fliehender, flüchtiger Momente. Meist beiläufig, stets unaufgeregt, gleichwohl sorgfältig und präzise. So hielt sie das Besondere im Banalen fest. Bilder zum Entdecken. Mit einem Augenzwinkern oder einem Aha-Effekt. Jetzt erinnert die große Ausstellung „Landläufig“ im Kurt-Mühlenhaupt-Museum in Bergsdorf bei Berlin an die vor acht Jahren verstorbene Künstlerin.

 

Sibylle Bergemann. Hochzeit. Teschendorf 6. November 1971. Der andere Blick.

 

Sibylle Bergemann (1941-2010) sagte einmal: „Der Wandel hat die bekannten Zeichen vielleicht verwischt, aber nicht unkenntlich gemacht.“ Landläufig beschreibt die großen Veränderungen seit dem Mauerfall am Beispiel einfacher Menschen und kleiner Alltagssituationen. Die Fotografin hatte bereits Ende der siebziger Jahre an den Wochenenden Berlin gegen das Land eingetauscht. Eine Pionierin. Heutzutage pendeln Zehntausende am Freitagnachmittag zu ihren Zeitwohnsitzen, bewohnen aufgehübschte Bauernhöfe und edelsanierte Ställe.

 

Sibylle Bergemann. Jana. Margaretenhof. 1983

 

Bergemanns Sehnsuchtsort war das heruntergekommene Schloss Hoppenrade. Der traditionsreiche Landsitz ist nicht weit entfernt vom heutigen Ausstellungsort in Bergsdorf. In dieses kleine Dorf bei Zehdenick hatte sich der West-Berliner Maler und Bildhauer Kurt Mühlenhaupt nach der Wende aufgemacht. Beide Künstler einte der Wunsch nach Ruhe und Rückzug. In der märkischen Sandbüchse gelangen Bergemann einige ihrer bekanntesten Fotografien. Aber der Wechsel aufs Land war nicht nur stille Kontemplation: „Oft enden hier die Tage nach der Arbeit zwar in ausschweifenden Festen, die Fotografie bleibt dabei aber immer im Mittelpunkt“, deutet der Ausstellungstext dezent an.

 

Sibylle Bergemann. Kirsten, Hoppenrade 1975.

 

So sind nicht nur die Bilder Sibylle Bergmanns in der stilvoll sanierten Feldsteinscheune zu empfehlen. Das Kurt Mühlenhaupt Museum selbst ist einen Besuch wert. Es lockt ein Mix aus Kunst aller Art mit Bildern, Grafiken, Werkstatt und Skulpturen, Angereichert mit dem Duft von Esel, Heu und Hängebauchschwein. Eine entspannte Kombination aus Natur, Landleben und anregender Kunst. Im Café gibt es selbstgebackenen Kuchen. Manchmal wird im Hof ein Wildschwein gegrillt. Die unvergleichliche Atmosphäre ist das Verdienst von Gastgeberin Hannelore Mühlenhaupt, der Witwe des Künstlers. Besuchen Sie das Museum. Wer weiß, wie sich die Welt an den Rändern weiter wandelt?

 

Sibylle Bergemann. Selbstporträt.

 

Landläufig. Fotografien von Sibylle Bergemann. Bergsdorfer Dorfstraße 1 in Zehdenick. Ortsteil Bergsdorf. Nur am Wochenende von 13 bis 18 Uhr und nach tel. Vereinbarung geöffnet. Bis 9. September 2018.

 

Sibylle Bergemann. Barbara Paz. Sao Paulo 2001.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.