Rad-Los

Eine Liebesbeziehung zu meinem Fahrrad hatte ich nie. Eher eine Vernunftehe. 7-Gang-Schaltung. Rücktrittbremse. Altherren-Modell. Zweckmäßig, unauffällig, ohne Schnickschnack. Allerdings fiel mir jede Trennung schwer. Nachdem das vierte Rad in drei Jahren geklaut wurde, flog ich aus der Versicherung. Mein Blutdruck schoss nach oben – ins Bedenkliche. Man könnte sagen, ich wurde kurzzeitig zum Wutbürger. Doch dann geschah ein Wunder.

 

Tatort Berlin. Links stand mein letztes neues Rad. Dann war es weg – das vierte Mal. Seitdem dient ein fast dreißigjähriger Drahtesel als Gefährt. Er fällt bald auseinander. Aber er wird nicht geklaut.

 

Anfang April dieses Jahres meldete sich ein freundlicher Polizist. „Ihr Fahrrad ist aufgefunden worden.“ – Ich war sprachlos. Meine erste Frage: „Welches?“ – „Marke Pegasus.“ – Wir stellten schnell fest, es war der letzte Diebstahl. Das gute Stück war am anderen Ende der Stadt an einem S-Bahnhof entdeckt worden. Fahrgestellnummer. Kaufvertrag. Radpass. Ich konnte alles liefern. Perfekt. Der Polizist brummte freundlich. „Na, prima. Es ist ramponiert, aber noch einigermaßen fahrtüchtig.“ Ich platzte fast vor Freude. „Wann kann ich es abholen?“

 

34.000 Räder werden im Schnitt in Berlin pro Jahr geklaut. Macht rund 93 pro Tag. Ich bin Teil der Statistik.  Foto: kahll

 

„So einfach geht das nicht“, meinte der Amtsträger. Er müsse den Fall mit meiner Versicherung klären. Einen Monat später, im Mai, erfuhr ich nach vielen Kontakt-Versuchen, die Versicherung erhebe keine Ansprüche mehr. „Und? Bekomme ich jetzt das Rad?“ – „So schnell schießen die Preußen nicht“, stoppte er mich. Das Rad sei jetzt ein Fall für den Staatsanwalt. Da die Versicherung den Kaufpreis erstattet habe, sei ich nicht mehr der Eigentümer. Nun müsse das weitere Vorgehen geklärt werden. Drei Möglichkeiten gebe es: Rückgabe. Vergabe an eine soziale Einrichtung. Oder Versteigerung zugunsten der Staatskasse.

 

Massendelikt Rad-Diebstahl. Nach vier Wochen kommt in Berlin in der Regel das amtliche Kapitulations-Dokument. „Das Verfahren ist daher eingestellt worden.“ Nicht bei meinem letzten Fall.  Foto: Photorama

 

Der Juni kam und ging. Ich hörte nichts mehr. Der Juli zog ins Land und war schon wieder fast vorüber als ich den freundlichen Polizisten eines Tages am Telefon erreichen konnte. „Nichts passiert. Seit drei Monaten. Ungewöhnlich. Mmmh!“ antwortet er. – Ob der Berliner Flughafen schneller fertig werde, als die Rad-Entscheidung des Staatsanwaltes, entgegne ich ratlos. Er lacht. So sei eben der Dienstweg. Da könne man nichts machen. Dann verspricht er in der Sache weiter zu ermitteln.

 

Seit Oktober 2014 ermittelt die Polizei in einem „besonders schweren Fall des Diebstahls“ gegen „unbekannt“. Im Sommer 2018 nahm der Fall eine überraschende Wende.

 

Eine halbe Stunde später. Ein amtlicher Anruf. Und eine überraschende Wende. „Eine Entscheidung ist getroffen!“ Der Polizist aus Hohenschönhausen hebt die Stimme: „Der Staatsanwalt hat verfügt, das Rad einer gemeinnützigen Einrichtung zuzuführen. Für 18 Euro.“ Eine Behindertenwerkstatt habe mein ehemaliges Gefährt sogleich wieder instandgesetzt. „Na, wenigstens für einen guten Zweck“, bemerke ich erleichtert-resigniert. Der Polizist fällt mir ins Wort. „Na, ja. Nach einer Woche war es weg. Das Rad ist sofort wieder geklaut worden.“

 

Was passiert, wenn ein geklautes Rad von der Polizei wieder aufgefunden wird? – Bei mir wurden die Ermittlungen ein Akt großer Heiterkeit.  Foto: Couleur

 

Kurze Pause in der Leitung. Dann beginnen wir beide ausgiebig und lange zu lachen. So ist es in Berlin. Nun bin ich wieder radlos. Die Ermittlungen im Fall Pegasus aber gehen weiter.

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