Archive for : Oktober, 2018

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„Mein Milljöh“

Wie fast alle Berliner Originale, war auch er ein Fremder, ein Zugereister. In diesem Fall ein Sachse aus Radeburg: „Pinselheinrich“ Zille. Der Maler und Chronist verkörpert die perfekte Kombination aus Berliner Schnauze und Berliner Lebensart. Ähnlich wie Volks-Sängerin Claire Waldoff, deren Wiege in Gelsenkirchen stand. Nun hat die Berlinische Galerie Heinrich Zilles fotografischen Schatz freigegeben. Es sind 628 Fotografien aus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Dieses einmalige Erbe ist seit kurzem Volkseigentum. Rechtefrei und kostenlos verwendbar.

 

Reisigsammlerinnen bei der Rückkehr aus dem Grunewald.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Heinrich Zille.

 

Die Fotografien zeigen weder Kaisers Glanz und Gloria noch das vielbeschworene und verruchte Babylon Berlin. Zille kümmerte sich um die kleinen Leute. Um den Alltag in engen Hinterhöfen, trostlosen Mietskasernen und auf Volksfesten. Ihn interessierten Reisigsammlerinnen genauso wie das Ringelpietz mit Anfassen in der Eckkneipe. Zille hielt in seinen Fotografien die Bretterzäune vor zahllosen Baustellen fest, auch die vielen hölzernen Latrinen, an denen sturzbetrunkene Berliner  Erleichterung fanden.

 

Berlin zur Gründerzeit. Stadt der Bauzäune.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Heinrich Zille.

 

Einige Fotos dienten ihm als Vorlage für seine berühmten Karikaturen. Zille (1858-1929) schaute dem Volk aufs Maul, ohne den Menschen nach dem Mund zu reden. Das wahre Leben beschäftigte ihn. Eine typische Zille-Anekdote aus dem Hinterhof geht so. Eine Ehefrau ermahnt ihren Kerl vor der abendlichen Zechtour: „Besauft eich nich un bringt det Sarg wieder, die Müllern ihre Möblierte braucht’n morjen ooch.“

 

Wilde Müllkippe im Westen der Stadt.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Heinrich Zille.

Viele Jahre verdiente Zille sein Geld als Lithograf bei der feinen Photographischen Gesellschaft in Westend. 1907 wurde er gekündigt, im Alter von 49 Jahren. Er beschäftigte sich wohl zu sehr mit der trostlosen Wirklichkeit. Das störte die Chefs. Zille war tief gekränkt. Aber der Vater von drei Kindern rappelte sich wieder auf, auch weil er wusste, dass es anderen noch viel schlechter ging. Er notierte: „Dreiundzwanzig Fennje bekam ’ne Heimarbeiterin, und die Kinder jingen in ’ne Streichholzfabrik und hatten denn von dem Phosphor und Schwefel jar keene Fingernägel mehr. Und da soll man nich mal dazwischenfahren, wenn man erlebt hat, wie sich det Elend von Jeneration zu Jeneration weiterfrißt – wo det Kind schon als Sklave jeboren wird?!“

 

Im Atelier.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Vor der Haustüre. Ein obdachloses Paar.  Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

 

Als Zille 1858 geboren wurde, zählte Berlin gut 450.000 Einwohner. Als er 1929 im Alter von 71 Jahren in Charlottenburg starb, lebten in der Hauptstadt zehnmal so viele Menschen, mehr als vier Millionen. Diesen rasanten Aufstieg zu einer hektischen Weltmetropole hat Pinselheinrich Zille wie kein anderer festgehalten. Ohne rührseligen Kitsch oder falsches Pathos. Er schaute nicht wie viele Zeitgenossen einfach weg, sondern genau hin. Er porträtierte das Berliner Leben wie es sonst keiner zeigte. Mehr über Zilles 628 Fotografien ist bei der Berlinischen Galerie zu erfahren.

 

„Mein Milljöh“ erschien 1914.

 

Hulda und Heinrich Zille. Foto: Heinrich Zille/Public Domain/Berlinische Galerie

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So viel Nähe: Muss das sein?

So dramatisch wie im Kino oder in Serien vollziehen sich große Veränderungen selten. Dramen geschehen eher beiläufig, oft unbeabsichtigt und manchmal auch lakonisch. Hoffnungen und Enttäuschungen, Mut und Angst offenbaren sich in der Regel in kleinen Episoden. Das ist der wahre Lauf der Geschichte. Der Alltag, der sich manchmal in einem einzigen Moment verdichtet, entlädt oder sogar explodiert.

Bei meinen Lesungen werde ich immer wieder gefragt, wie „meine“ Dorfbewohner auf das Buch reagiert hätten. Ob ich mich noch blicken lassen könne? Meine Antwort ist immer die gleiche: Ja. Die vielen Jahre Vorbereitung, Gespräche und Rücksprachen haben sich offenbar gelohnt. Natürlich gibt es Beleidigte, Gekränkte und einige Empörte. Doch diese Menschengruppe schweigt lieber dröhnend. Oder tobt sich im Netz aus. Ein Blick auf einige Kommentare bei amazon zu So viel Anfang war nie vermittelt einen Eindruck.

 

Treffen der Wanderburschen in Netzeband. Mai 2016.

 

Nach wie vor bekomme ich in der Dorfkneipe mein Bier. Das ist wichtig. Das zählt. Aber natürlich bleiben Bedenken. Habe ich den richtigen Ton getroffen? Im Augenblick des Schreibens triumphieren Zweifel und Fragen. Wen soll das interessieren? Habe ich tatsächlich mit allen Wichtigen gesprochen? Muss ich noch diesen oder jenen anrufen, dieses oder jenes lesen? Porträts bedeuten tagelang herumsitzen, zuhören, abwarten, beobachten, wirken lassen. Das Thema, das Erlebte, die Geschichte muss sich in einem Menschen verdichten.

 

 

Stairways to heaven. Eine Tradition im brandenburgischen Netzeband. Nach dem „Milchwald“ im Theatersommer erklingt Autor Dylan Thomas zu Ehren die ihm gewidmete Hymne von Led Zeppelin.

 

Manchmal fühlte ich mich als Eindringling. Es war nicht immer klar, ob mir mein Gegenüber gleich eine knallt oder mich umarmt. Spannende Menschen haben in ihrem Leben einen Wendepunkt. Ihre Persönlichkeit, ihr Ego, ihr Ich sind angegriffen. Sie müssen oder mussten um ihren Platz kämpfen, ihr Selbstverständnis erringen. Jedes Porträt hat eine Grenze. Zum wirklichen Kern des Menschen kann niemand vordringen. Es ist stets nur ein Versuch, ein Herantasten.

 

Heimatstolz. Gesehen auf der Heckscheibe eines Mittelklassewagens in Hoyerswerda. Sommer 2018. Foto: René Feldmann

 

Der Kontakt zu den Protagonisten ist wie eine kurze leidenschaftliche Affäre, schrieb einmal die Zeit-Autorin Jana Simon. Sehr intensiv, aber danach wollen sich beide nicht mehr so genau daran erinnern. Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ergänzt: „Ich aber sehe die Menschen mit den Augen der Menschenforscherin, nicht mit denen des Historikers. Ich bestaune die Menschen. Dieser Maßstab hat mich schon immer fasziniert – der Mensch … der einzelne Mensch. Denn im Grunde passiert alles dort“.

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Unter dem Pflaster der Strand

Die Welt verändern. Aus den Angeln heben. Wie hieß es noch? „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“.  Ein halbes Jahrhundert ist es nun her. Die Helden von damals sind alt geworden. Heute heißt es Ruhestand, Reha und Rollator statt Revolte, Sex, Drugs and Rock´n Roll. Die vielbeschworenen und heftig verdammten „68er“ sind mittlerweile um die achtzig geworden.

Die vier „68er“, die wir getroffen haben, sind hellwach, engagiert und hochpolitisch geblieben.  Einer aus dem Quartett erweist sich bis heute als auffallend extrem, wechselte jedoch komplett die Seiten: Horst Mahler. Vom Faschismus-Feind zum Hitler-Verehrer. Mahler blieb uns ein großes Rätsel.

 

 

Die Revoluzzer von 1968 hatten große Pläne und große Sprüche: „Brecht dem Staat die Gräten – alle Macht den Räten.“ – „Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Sie wollten ein freieres Miteinander, überlebte Traditionen abschaffen. Sie erzielten helle Momente wie eine grundlegende Erneuerung der Gesellschaft, naive Verwirrungen wie das blumenkinderhafte Laisser-faire und gewaltige Irrtümer wie der Weg in dogmatische Splittergruppen oder blutigen RAF-Terror.

 

Wibke Bruhns 2018. Foto: Heinz Kerber

 

Keine Generation in der bundesdeutschen Geschichte ist so gescheitert und hat doch so viel verändert. Glücksfall für die einen, Irrlichter für die anderen.

 

Hans-Christian Ströbele 2018. Foto: Heinz Kerber

 

Fünfzig Jahre danach, 2018, erleben wir einen Kulturkampf von rechts. Es heißt, Deutschland sei ein durchgeknallter „Hippie-Staat, der nur noch von Gefühlen geleitet wird“ und sich nicht mehr an das Recht hält (Anthony Glees, britischer Politologe). Es gelte die „Herrschaft des Unrechts“ zu beenden. Die Anti-68er von heute versuchen die Uhren der Geschichte und Gesellschaft auf die Zeit vor 1968 zurückzudrehen.

 

Horst Mahler 2018. Foto: Heinz Kerber

 

Wir haben in diesem Jahr Horst Mahler und Wibke Bruhns, Hans-Christian Ströbele und Alice Schwarzer beobachtet und befragt. Was bleibt von 1968? Ein Mythos? Oder vielleicht doch mehr? Die Antworten überraschen.

 

Alice Schwarzer 2018. Foto: Heinz Kerber

 

Großer Dank an mein Team um Heinz Kerber (Kamera), Jan Dottschadis (Schnitt), Alexandra Bidian (Recherche), Jutta Melsheimer & Kai Hofmann (Grafik, Firma Bildbad) und Ferdinand Schaalburg (Produktion). Betreut wurde die ZDF-Info Produktion von den Mainzer Redakteuren Paul Amberg, Susanne Krause-Klinck und Christian Deick.

ZDF. 17. Oktober 2018. 00.45 Uhr. (45 Minuten)

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Going, Going, Gone

Eins, zwei, drei. Fertig ist der Hype. Banksy hat es geschafft. Wieder einmal. Er kann die millionenfach geteilte Aufmerksamkeit genießen. Sein Mädchen mit dem Ballon hat sich in Streifen aufgelöst. Ein geschreddertes Kunstwerk im Moment des absoluten Höhepunkts – in der Sekunde des Zuschlags bei Sothebys in London. 1.2 Millionen Euro werden vor den Augen der Weltöffentlichkeit einfach pulverisiert. Die Smartphones des Publikums laufen heiß.

 

 

Mehr geht nicht. Denn längst pfeifen es die Spatzen des Kunstbetriebs von den Dächern. Der Zerstörungsakt von Banksy könnte für das Werk eine Wertsteigerung um das Doppelte erzielen. Das Mädchen mit dem roten Ballon hebt endgültig ab. Street-Art-Künstler Banksy hat der zahlenden Kundschaft wieder einmal den Spiegel vorgehalten. Perfekt. Ein Narr, der meint, hier könnte es sich um eine gelungene gemeinsame Inszenierung von Künstler und Auktionshaus handeln.

Was zählt, ist Aufmerksamkeit. Banksy verbreitet kurz nach der Aktion ein Filmchen. Darin wohlfeiler Protest. Dann zitiert er Meister Picasso. Es passt so wunderbar zur Unterhaltung der Bussi-Bussi-VIP-Society: „Der Drang zu zerstören ist auch ein kreativer Drang.“ Chapeau, Banksy. Das war ein Meisterstück. Die bürgerliche Gesellschaft braucht und liebt ihre Hofnarren. Eigene Abgestumpftheit, Langeweile und Leere können durch (gekaufte) Leidenschaft, Lebensfreude und Kreativität ersetzt werden.

 

 

Applaus, Applaus. Die Geschäftsidee: Mangel erzeugt Hunger, Neugier, Sehnsucht, Liebe. Durch Mangel oder langes Warten kann die Lust oder das Glücksgefühl gesteigert werden. Nur das knappe Gut ist kostbar und teuer. „Willst du etwas gelten, mach dich selten“, reimt der Volksmund. Banksy hat verstanden. Er liefert. Sein Geheimnis: Er bleibt anonym.

 

Banksy. Heißt er Robert?

 

Jede Epoche hat genau die Kunst, die sie verdient. Die Kurse im kommerziellen Kunstbetrieb explodieren in diesen Tagen in ungeahnte Höhen. Nur übertroffen vom Boom in der Immobilienbranche. Going, going, gone: Die Party erreicht ihren Siedepunkt. Bald gibt es einen Banksy für zwei, drei Millionen. In Streifen oder am Stück? Egal. Bleibt nur noch eine Frage: Ist der große Unbekannte nun ein virtuoser Kämpfer gegen das System, wie er vorgibt, oder einfach dessen genialster Vertreter?

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Alles wird besser

Die Erde ist eine Scheibe. Regen fällt nach oben. Der Dauerbeschuss mit schlechten Nachrichten, versagenden Eliten und um sich greifender Klimakrise macht uns offenbar ziemlich blind und taub. Die tägliche Schwarzmalerei der Angstmacher in Politik, Gesellschaft und Medien fördert tatsächlich Angst, Stress, Ohnmacht und am Ende die Sehnsucht nach einem starken Führer.

Die Fakten? Die Erde ist eine Kugel, die sich täglich aufs Neue dreht. Das heißt: Niemals zuvor lebten wir so lange und gesund, derart gut ausgebildet und sicher wie im Jahre 2018. Nur zwei Beispiele: Kindersterblichkeit hat sich in den letzten zwanzig Jahren halbiert. Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, nimmt weltweit weiter täglich um 137.000 ab. Um 1.4 Milliarden Erdenbewohner seit 1990. „Wir leben in der besten Welt aller Zeiten“, erklären Forscher und Statistiker. Wahrheiten, die wir nicht wahrnehmen wollen, weil es uns so gut geht? Weil wir uns über die letzten 1% auf der Wohlstandsskala bis aufs Blut streiten?

 

Mit Musik geht alles besser. Das weiß jeder Bach-Schüler.

 

Zwei aktuelle Nachrichten aus unserem Alltag: „Immer mehr Menschen ertrinken“, hieß es in diesem langen heißen Sommer. Der ernste Vorwurf: Kinder lernen nicht mehr Schwimmen. Dies sei Folge geschlossener Schwimmbäder und fehlender Unterrichtsstunden. Die Statistik gibt das nicht her. 1970 ertranken 1.119 Menschen. 2017 waren es 404. Neun davon waren bedauerlicherweise Kinder. Jedes einzelne Kind ist eines zu viel. Keine Frage.

Beispiel zwei. Infolge von Neo-Liberalismus, Globalisierung und Digitalisierung leben immer mehr Menschen als Arbeitsnomaden. Sie seien gezwungen, ständig Arbeitgeber und Arbeitsplatz zu wechseln. Wie ist die Lage beim Jobkarussell? 1988 – vor dem Untergang des Real-Sozialismus und Aufblühen des Turbokapitalismus – war der deutsche Arbeitnehmer im Schnitt 10,2 Jahre beim gleichen Arbeitgeber beschäftigt. 2013 waren es 10,6 Jahre. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Vielleicht hat sich seitdem alles geändert? Die Statistik müsse noch gefälscht werden, argwöhnen nun Verschwörungstheoretiker.

 

Gesehen in Bukarest. Titel: Verpasste Chancen.

 

Sehen wir nur noch schwarz? War früher alles besser? Die Pessimismus-Lücke öffnet sich vollends bei der Frage nach gefühlter und eigener Zufriedenheit. 83% der Deutschen meinen, die Unterschiede zwischen Arm und Reich seien ein „großes“ oder „sehr großes“ Problem. Aber nur 16% der Bundesbürger sind mit ihrer eigenen Situation unzufrieden. Sogar notorisch besorgte AfD-Bürger fühlen sich mehrheitlich persönlich nicht „benachteiligt“.

Leiden die Deutschen an Phantomschmerzen? Psychologen führen dieses Parodoxon auf die mediale Dauerregung der Empörungsgesellschaft zurück. Sie sprechen von einem Negativitätsbias. „Menschen nehmen Schlechtes per se stärker wahr als Gutes, erinnern sich mehr an Niederlagen als an Erfolge, beschäftigen sich mehr mit Kritik als mit Lob.“ Dieses Erbe der Evolution hilft uns wachsam bei Gefahren zu sein. Unsere Vorfahren hatten nur eine Keule. Der Säbelzahntiger hingegen scharfe Krallen, Zähne und mächtig Hunger.

 

 

 

Die Lösung? Nur noch gute Nachrichten verbreiten wie einst die Aktuelle Kamera der DDR? – Unsinn. Aber wir sollten wissen: Hassprediger und Heilsversprecher haben derzeit Hochkonjunktur. Sie behaupten lautstark es sei mal wieder Fünf vor zwölf. Das stimmt. Aber nur eine einzige Minute am Tag. Gott sei Dank.

„Vieles entwickelt sich zum Guten. Wir wollen es nur nicht wahrhaben“, sagen Zukunftsforscher. Für alle Skeptiker, Kultur-Pessimisten und Dramatiker Hirnfutter zum Weiterlesen.

Hans Rosling. Factfulness: Wie wir lernen die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist.

Steven Pinker. Aufklärung jetzt.

Yuval Noah Harari. Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen.