Das Leben der Fußgänger

„Rette sich, wer kann“. Es gilt „die Menschenwürde der Fußgänger hochzuhalten, die kaltblütig, mit Todesverachtung, den Kampf gegen die Übermacht aufnehmen“. Es geht um das Überleben im Großstadtdschungel. Wir befinden uns im Jahre 1934 in der Reichshauptstadt Berlin. „Ungepanzert und waffenlos“ muss sich der Fußgänger „in schlichter Zivilkleidung“ durchkämpfen, „inmitten des tobenden und klirrenden Wirrwarrs losgelassener Mammutmächte auf dieser wildgewordenen Welt – was ist jeder einzelne von uns anderes als ein Fußgänger?“

Diese Frage stellt der literarische Fußgänger Raimund Werner Martin Pretzel. Ein junger aufstrebender Referendar am Kammergericht Berlin, der sein Geld lieber mit kleinen Alltags-Texten bei der Vossischen Zeitung verdient. Die Fußgänger-Glosse ist eine geschickte Anspielung auf die neuen Herren im Lande. Die Genossen der NSDAP regieren. Berlin blüht auf. Für alle, die mitmarschieren. Für alle anderen, es ist die Minderheit, heißt die Strafe bei offenem Widerspruch: Goebbels, Gewalt und Gestapo. Ganz Widerspenstige landen – im Namen des Volkes – im „Umerziehungslager“ KZ.

 

Raimund Pretzel alias Sebastian Haffner (1907-1999). Foto: Bundesarchiv. Peter-Adler.de

 

Berlin, die mondäne Welt-Metropole jener 30er-Jahre, boomt. Wer nicht genauer hinschaut, kann das Leben in vollen Zügen genießen. Es gibt für viele wieder Arbeit. Überall wird gebaut. Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür. Jungjurist Pretzel: „Es war ja so, dass in diesen ersten Nazi-Jahren – wer es nicht miterlebt hat, glaubt es nicht – das normale Leben, wenn man nicht gerade mit der Politik oder irgendetwas Politischem Berührung hatte, noch ziemlich normal war, auch das Juristische. Es war noch eine Art Rechtsstaat.“

 

 

Der Schreiber dieser Zeilen, den einige vielleicht als Sebastian Haffner kennen, war nicht nur ein dichtender Flaneur. Er schrieb später Zeitgeschichte. Er galt als halber Kommunist und ganzer Reaktionär, preußischer Patriot und überzeugter Europäer. Er war einer, der nicht ins Schema passte. Der Haltung bewies. Im August 1938 verließ er Berlin in Richtung London. Rechtzeitig, um mit seiner Verlobten Erika, einer Jüdin, dem Schlimmsten zu entgehen. Haffner selbst wurde nie politisch oder rassisch verfolgt. Er folgte seiner Liebe und seinem Gewissen. Mit den Wölfen wollte er nicht heulen.

Im britischen Exil verfasste er 1939 die Geschichte eines Deutschen. Das Manuskript verschwand in der Schublade. In diesem Text beschreibt er, wie sich die Deutschen mit Hitler arrangierten. Erst folgt der Rückzug ins Private, dann die Resignation. Zuletzt das Über­laufen. Die Flucht ins Private sieht Haffner als größte Gefahr – er selbst zählt sich zu dieser zahlenmäßig größten Gattung der „Wegseher“. 1939 schreibt er: „Ein kleiner Pakt mit dem Teufel und man gehörte nicht mehr zu den Gefangenen und Gejagten, sondern zu den Siegern und Verfolgern.“

 

 

Die Geschichte eines Deutschen erschien erst sechzig Jahre später, nach seinem Tod 1999. Haffners Buch wurde ein Bestseller. Es beschreibt präzise und mit cooler Distanz wie eine Kulturnation ihre Seele an Hitler verkaufte. Sebastian Haffner wählte im Exil seinen Künstlernamen nach der Haffner-Sinfonie von Mozart und seinem Idol Johann Sebastian Bach. Er empfahl stets wach durch das Leben zu gehen. In diesem Sinne: Gehen Sie spazieren. Schauen Sie, was in den Straßen passiert. Was gerade zu sehen und zu hören ist. Wir schreiben das Jahr 2018.

Und zur Entspannung noch die wunderbare Selah Sue. Time.

 

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