„Familienabend“

Folge 1:

„Jörg, der für gewöhnlich bei seinen Schulaufgaben mindestens zehn Träume einschob, war flink fertig geworden. Heute Abend wollten sie zur Oma gehen, die gemeinsam mit Opa zwei Tage „drüben“ in Westberlin gewesen war. Er hatte sich ein „Asterix-Heft“ bestellt und war nun schon seit Tagen gespannt, ob sein Wunsch erfüllt würde. Gleich nachdem Karin und Wolfgang nach Hause gekommen waren, drängelte der Junge unentwegt, dass sie losgehen sollten.

 Bei der Großmutter angekommen, konnte er überglücklich seinen „Asterix“ in Empfang nehmen. Er zog sich in die Küche zurück und war für niemand zu sprechen.

„Familienabend“ gehört zur Geschichte einer fiktiven Ost-Berliner Familie Kraft, die sich Ende der siebziger Jahre dem DDR-Alltag stellt. Der Autorin Wilma R. wurden ihre Geschichten zum Verhängnis. Sie erhielt 1980 sieben Jahre Haft wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“,

Wolfgangs Mutter sah schlecht aus. Der Besuch musste anstrengend gewesen sein. Karin und Wolfgang fragten sie, wie es ihnen gefallen habe. Wolfgangs Mutter winkte ab: „Im Grunde ist es fruchtbar. Das fängt hier schon an, wenn sie einen mit fünfzehn Westmark für die dreißig möglichen Reisetage abspeisen.“ Wolfgang warf ein: „Das sind fünfzig Pfennig pro Tag, unser Geld darfst du ja nicht mitnehmen, sehr großzügig!“

„Ja, und so fühlst Du Dich dann auch – wie ein Bettler. An der Grenze werden wir abgefertigt, das kann man kaum beschreiben“, fuhr seine Mutter fort. „Ich mach doch mal das Radio an. Es ist so hellhörig bei uns. – Einen Ton schlagen die gegenüber uns alten Leuten an, sagenhaft. Da stehen nun einige und zittern schon vor Aufregung und dann werden sie fast nochgestukt. (Berlinisch: einen kleinen Stoß/Stups versetzen)

Die Ost-Berlinerin Wilma geriet schnell ins Visier des MfS. Die federführende Abteilung II/13 überwachte West-Journalisten in der Hauptstadt der DDR. Wilma wurde als sogenannte „Anläuferin“ registiert und „bearbeitet“.

Ich würde mich nicht wundern, wenn mal einer umkippt und stirbt. Ich bin jedenfalls fix und fertig, wenn wir durch sind. Dann kommst Du drüben an und bist den ganzen Tag ein Gefangener in der Wohnungvon Karl.“ Karl war der Schwager, also der Bruder von Jörgs Opa.

„Ich habe nichts gegen Karl und seine Frau, aber wir würden ganz gern, nachdem wir uns ein bisschen erholt haben, mal allein durch die Geschäfte gehen. Das erlauben die einfach nicht. Wisst Ihr, wenn die mitzuckeln, wird jede Mark, die Du ausgibst beobachtet und dauernd werden Gegenvorschläge unterbreitet. Also hocken wir den ganzen Tag bei denen oben. Ich meine, unser Essen bringen wir ja mit. Ich mache uns hier noch Fleisch und einiges anderes zurecht. Dass lass ich mir nicht nachsagen, dass ich mich durchfuttern komme. Meist essen die noch mit uns und erzählen mir dauernd: „Hilde, die Du das Fleisch zubereitest, das schmeckt ja wunderbar!“ Ich habe mich inzwischen mit der Menge darauf eingestellt. Dafür geben sie mir Bananenoder irgendwas anderes, was ich mit der Galle vertrage.“

Wilma wollte ihre Texte veröffentlichen. Da sie in der DDR keine Chance sah, nahm sie Kontakt zum „Feindsender“ ZDF auf. Das galt nach DDR-Recht als „ungesetzliche Verbindungsaufnahme“.

Wolfgangs Vater kam ins Wohnzimmer und setzte sich in einen Sessel. „Na, Opa hat´s Dir gefallen?“, fragte ihn Karin. „Ach, na ja. Bei denen ist auch nicht alles so.“ Damit klappte ihr Schwiegervater den Mund wieder zu. Sehr gesprächig war er nie.


Wolfgangs Mutter schüttelte mit dem Kopf. „Du bist ulkig, Paul. Natürlich ist bei denen drüben nicht nur alles schön und rosig, aber sieh mal, welche Rente Dein Bruder bekommt und welche Du. Dabei hast Du Dein Leben lang schwere Arbeit getan und früher auch immer mehr verdient als er, hier bei uns haben sie Dich nur ausgenutzt. Wenn Du drüben gearbeitet hättest mit Deiner Bärenkraft, was hättest Du verdienen können! Aber Du warst Deiner inneren Einstellung treu, hast hier geschuftet. Hast Du dafür jemals einen Dank bekommen? Hat Dein Betrieb, der Dich zwar hundertmal für die Partei zu werben versucht hat, einen Finger krumm gemacht, als Du gesagt hast, Du kannst die vier Treppen nicht mehr jeden Tag laufen, Du hättest gerne eine andere Wohnung? Klar, drüben würde ein Kapitalist Dich ausnutzen, aber Du bekommst wenigsten was für Dein Geld. Hier musst Du als Rentner so hart arbeiten gehen, damit wir uns einigermaßen etwas leisten können.“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.

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