Archive for : Februar, 2019

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Macht. Das Gedicht. Aus. – An.

So viel Aufregung war selten. Avenidas. Ein Gedicht. Acht Zeilen. Geschrieben auf einer Wand. Knallharte Konflikte um einen alten Dichter. Eugen Gomringer (94), der „Altmeister der konkreten Poesie“.  Getilgt im Namen von Aufklärung, Sittlichkeit und Reinheit der Lehre. Der Preis für derartige politische Korrektur: 31.575,59 Euro. So viel kostete die Übermalung. Nun ist das Acht-Zeilen-Gedicht wieder aufgetaucht. Ein Comeback, ein paar Straßen weiter. Avenidas ziert nun ein Genossenschaftshaus im Berliner Bezirk Hellersdorf.

Berlin-Hellersdorf. „avenidas“ ist zurück an der Fassade eines Plattenbaus. Quelle: Wohnungsgenossenschaft Grüne-Mitte Hellersdorf.

So viel Wirkung war selten. Der bizarre Berliner Bilderstreit lässt eine weitere Blüte der Poesie reifen. Seit einigen Tagen heißt es wieder:

„Alleen/Alleen und Blumen/ Blumen/Blumen und Frauen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“

Das neue, politisch genehme Gedicht, ausgelobt von den Gremien des Allgemeinen Studier_Innenausschusses (ASTA) der Alice-Salomon-Hochschule – Name hoffentlich korrekt zitiert, oder heißt es Studierendenausschuss (?) – stammt von der Lyrikerin Barbara Köhler. Es lautet.

„SIE BEWUNDERN SIE/BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN/SIE WIRD ODER WERDEN GROSS/ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO/STEHEN SIE VOR IHNEN/IN IHRER SPRACHE/WÜNSCHEN SIE IHNEN/BON DIA GOOD LUCK.“

Das entfernte Gedicht „avenidas“ an der Fassade der Alice Salomon Hochschule Berlin. Foto: Barbara Halstenberg

Gomringers avenidas war zu anstößig. Es stelle eine „patriarchale Kunsttradition“ dar, in der Frauen nur schöne Musen seien wodurch sexistische Tendenzen vermittelt würden, hieß es. Nach aufgeheizter und nervöser Gender-Debatte musste das Gedicht weichen. Die Hochschule war obenauf. Doch jener Bildersturm hatte zumindest auch eine positive Seite. Monatelang wurde leidenschaftlich über Lyrik gestritten, über acht Zeilen eines Gedichtes. Mehr kann Kunst nicht erreichen.

Der Deutsch-Schweizer Dichter Eugen Gomringer pflanzte acht Kinder in die Welt. Sieben Söhne und eine Tochter. Nora nahm den Staffel ihres Vaters und seiner „Konkreten Poesie“ fantasievoll auf. Sie erfreut eine wachsende Fangemeinde mit wortmächtig-witzigen, tiefgründig-treffenden Versen, Texten und Stücken. Die 39-jährige Nora Gomringer stritt vergeblich gegen die selbsternannten avenidas-Sprachreiniger von der Berliner Hochschule.

Nora Gomringer. 2018.

Sprache ist Macht. Verwaltung ist Herrschaft. Dogma ist Unfreiheit. „Macht. Das Gedicht aus“, heißt es auf ihrer Website. Die in Bamberg lebende Bachmann-Preisträgerin Gomringer konzentriert sich auf „Texte in natürlicher Umgebung“. Sie denkt nach über das „Verhandeln des Poetischen im Öffentlichen“. Eine Suchende. Eine, die Grenzen überschreitet. Ein Freigeist.  Sie dichtet: Ohne Körper keine Stimme

„Ich mache das nicht zum Vergnügen
Das Auflösen in Sprache

Wie eine Tablette

Und vor ihr der Schmerz“

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Mann mit Hut

Wenn er die Bühne betritt, trägt er Hut, Sonnenbrille und Nadelstreifenanzug. Er schottet sich ab, als ob der Rest der Welt eine einzige Zumutung ist. Dann erhebt er seine Stimme. Der Prophet singt. Und das Eis bricht. Seit sechs Jahrzehnten steht George Ivan Morrison im Rampenlicht. Besser bekannt ist der schrullige Ire als Van the Man. Genau genommen heißt er Sir Van Morrison. Die Queen hat den weißen Vater des RnB 2015 geadelt.

Den kleinen Van warf das Schicksal 1945 in die bescheidene Hütte einer Belfaster Familie. Der Vater ist Elektriker auf einer Schiffswerft, die Mutter Stepptänzerin. Doch im Hause Morrison gibt es eine Besonderheit. Hier wird Blues und Jazz gehört und gelebt. Mit elf lernt Van Gitarre spielen, mit sechzehn Saxofon, mit siebzehn tourt er zum ersten Mal durch Europa. Mit neunzehn gründet er seine Band „Them“, es sind die irischen Beatles. 1964 gelingt mit „Gloria“ auch der erste Hit. Drei Jahre später 1967 erobert er mit „Brown Eyed Girl“ die Charts. Längst ist dieses Lied ein Klassiker.

Das 40. Album von Van Morrison. The Prophet speaks. 2018/19.

Sein Kapital ist seine Stimme. Van hat den Blues. Eine Stimme voller Poesie, Leidenschaft und Hunger nach Leben. Seit sechzig Jahren tourt Van the Man durch Bars und Clubs, füllt Säle und Stadien. Längst ist er eine sogenannte lebende Legende. Ein Denkmal. Ein Stimmwunder, der wie kein anderer die irische Seele verkörpert. Ein Schrei nach Hoffnung und Überwindung von Trauer und Melancholie. Zuverlässig ist der Mann mit Hut bei seinen Konzerten schlecht gelaunt, um genau so die besten Songs und Interpretationen berühmter Vorlagen abzuliefern. Das Leben ist kein Ponyhof. Vieles scheitert. Manches geht für immer in die Brüche:  It´s all over now. Keiner hat den Dylan-Song so veredelt wie er.

Van Morrison wird dieses Jahr 74 Jahre alt. Er ist ein Workaholic. Ein Unruhegeist. Als wollte er die Zeit aufhalten, hat er in den letzten anderthalb Jahren gleich vier Alben eingespielt. Erst Keep me singing, 2017 dann das bluesige Roll with the Punches, im gleichen Jahr das eher verjazzte Versatile. Und vor kurzem die jüngste Neuveröffentlichung The Prophet speaks aus dem Dezember 2018. Der Prophet ist ein Mix aus eigenen Songs und neu arrangierten Klassikern von Willie Dixon, Solomon Burke oder John Lee Hooker. Let the good times roll…

Im Juni 2019 kommt Van Morrison für zwei Konzerte nach Deutschland.

Live-Konzerte mit Van Morrison haben eine ganz eigene Dramaturgie. Sie können den Bären steppen lassen. Oder in lustloser Routine versinken. Ganz nach Tagesform. Es geht im Leben eben ständig auf und ab. Genau wie in seinem Song Ancient Highway. Doch in den letzten Jahren hat sich etwas geändert. Je älter der Ire wird, desto kürzer werden seine Konzerte, aber auch umso besser, gehaltvoller, intensiver. Wie ein guter, reifer Wein. Van the Man startet im März in Brexit-UK seine x-te Welttournee. Zweimal schaut er in Deutschland kurz vorbei. Am 11. Juni 2019 Open Air im Stadtpark in Hamburg, am 12. Juni in der Berliner Arena am Ostbahnhof.

Thanks Man.

Er hat den Blues. Auf die irische Weise. Ancient Highway. Einer seiner zahllosen Songs aus sechzig Jahren.
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Prager Fenstersturz

Wirkliche Veränderungen, so heißt es bei Bismarck, sind aus Blut und Eisen geschmiedet. Anpacken, zur Tat schreiten, vollendete Tatsachen schaffen. Die Prager haben damit Erfahrung. Dreimal in ihrer Geschichte haben sie den Fenstersturz als Methode des Herrschaftswechsels praktiziert. Zuerst stürzten aufständische Hussiten 1419 die Obrigkeit aus dem Rathaus. 1618 warfen wütende Protestanten katholische Statthalter aus dem Fenster der Burg. Die Herren überlebten. Aber nicht Außenminister Masaryk 1948. Er lag zerschmettert im Hof des Czernin-Palastes.

Der 1618er-Fenstersturz löste einen verheerenden dreißigjährigen Glaubenskrieg in Europa aus. Der 1948er sicherte den Kommunisten eine vierzigjährige Herrschaft in der neuen CSSR. Der Eiserne Vorhang teilte fortan Europa. Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. In der Mitte das eingemauerte Berlin. Fensterstürze können geschichtsmächtige Prozesse entwickeln. Unumkehrbar. Mit weitreichenden Folgen.

Dieser Herkules mit Keule empfängt den Besucher im Prager Czernin-Palast.

Was am 10. März 1948 im prächtigen Prager Czernin-Palast genau geschah, bleibt bis heute ungeklärt. Sicher ist nur: Der liberale, aus dem englischen Exil zurückgekehrte Außenminister war tot. Er stürzte im Palast fünfzehn Meter in die Tiefe, das Fenster in seinem Badezimmer stand offen. Jan Masaryk, Sohn des tschechoslowakischen Staatsgründers, war äußerst beliebt und der letzte verbliebene bürgerliche Politiker im neuen Kabinett. Die Kommunisten hatten die Macht übernommen.

British Pathé News 1948. „Europe divides“.

Gestürzt oder gestürzt worden? Die amtlichen Untersuchungen 1948/49 sprachen von einem Selbstmord. Zweifel blieben. Die offizielle Version, er habe an Depressionen gelitten, haben viele nicht geglaubt. 1968 im „Prager Frühling“ nahmen Behörden ihre Ermittlungen wieder auf. Sie wurden mit dem Einmarsch der Sowjets jäh gestoppt. Nach der „samtenen Revolution“ 1989 mühte sich eine Kommission über ein Jahrzehnt lang um Aufklärung. Das Ergebnis 2004 lautete auf Mord. Aber es sei nicht mehr eindeutig und zweifelsfrei beweisbar.

Das Fenster in der dritten Etage, aus dem Jan Masaryk 1948 stürzte. Im Halbschatten Romanautor Marek Toman.

So bleibt das Geheimnis um den letzten Fenstersturz bestehen. Der Czernin-Palast hat in seinen Gemäuern viele Wechsel erlebt. Barocke Pracht. Habsburger Pomp. Niedergang des K.u.K.-Reichs. 1918 Neugeburt und Ende der Tschechischen Republik 1938. Amtssitz des Hitler-Statthalters Reinhard Heidrich. Fenstersturz 1948. Heute residiert im Barock-Palast das Außenministerium der tschechische Republik, die sich 1992 mit der Trennung von der Slowakei halbiert hatte.

Czernin-Palast. Seit dem 17. Jahrhundert Ort von Macht- und Ränkespielen. Heute Sitz des tschechischen Außenministeriums.

„Lob des Opportunismus“. Der tschechische Autor Marek Toman hat einen Roman über die Geschichte des Czernin-Palastes geschrieben. Mit Helden und Halunken, Festen, Feiern, Machtspielen und Intrigen. Das beeindruckende Palais hoch über der Moldau hat die Toiletten mit dem schönsten Ausblick in ganz Mitteleuropa, sagt Toman. Er weiß, wovon er spricht. Der hochgewachsene Mann arbeitet im tschechischen Außenministerium. Nur sollte man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

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Villa mit Wartezeiten

„Das nächste halbe Jahr sind wir komplett ausgebucht“, betont die junge Dame stolz. Sie führt uns durch ein Meisterwerk der Moderne. Die Villa Tugendhat in Brünn. Architekt: Mies van der Rohe. Bauhaus at its best. Die deutsche Journalistengruppe nickt zustimmend. Was für eine Villa! Leicht, luftig, elegant. Motto „Weniger ist mehr“. Flachdach. Fließende Räume, viel Beton und Glas. Die erste tragende Stahlkonstruktion in einem Privathaus. Seltene Materialien: Onyx aus Marokko, italienischer Travertin, Holzfurniere aus Südostasien. Einzigartig: eine Warmluftheizung. Elektrische Jalousien. Alles erbaut  in vierzehn Monaten.

1930 zogen Fritz und Grete Tugendhat mit ihren fünf Kindern in die neue Villa ein. Das Haus am Hang mit Blick auf die Altstadt von Brünn zählte zum Modernsten, was es in Europa gab. Die Tugendhats machten ihr Geld mit Stoffen, Tuch und Seide. Brünn war das „mährische Manchester“. Doch ihr Glück in der luftigen Villa währte gerade einmal acht Jahre. 1938 mussten sie Hals über Kopf flüchten, als Hitler nach dem Münchner Abkommen Mähren annektierte. Schlechte Zeiten für jüdische Familien.

Die Tugendhats setzten sich über die Schweiz nach Venezuela ab. Die Nazis nutzten das „jüdische Haus mit Flachdach“ als ein Konstruktionsbüro für die Rüstungsproduktion. Auftrag: „Bomben für den Endsieg“. 1945 marschierte die Rote Armee in Brünn ein. Die Soldaten brieten im Wohnzimmer am offenen Feuer Ochsen und verwandelten die Villa in einen Pferdestall. Jetzt wurden die Deutschen aus der Stadt vertrieben. Den berüchtigten „Brünner Todesmarsch überlebten im Mai 45 Tausende nicht.

Mies van der Rohe. Villa Tugendhat.

Nach Kriegsende zogen Kinder und Kranke in die Luxus-Villa am Berg ein. Das Haus wurde zuerst als Ballettschule, in den fünfziger Jahren als medizinische Einrichtung für Heilgymnastik genutzt. Im großzügigen Wohnzimmer wurde nun geturnt. Ab den achtziger Jahren stand die Tugendhat-Villa leer. Die kommunistische Regierung entschied schließlich auf Drängen tschechischer Architekten das Haus einer Kapitalistenfamilie zu sanieren. Die Villa diente nun als Gästehaus der Regierung.

Noch einmal schrieb Anfang der neunziger Jahre die Villa Geschichte. Der Tscheche Vaclav Klaus und der Slowake Vladimir Meciar beschlossen 1992 die Trennung ihres Landes. Nach zwei Stunden im Wohnzimmer war alles vorbei. Die Tschechoslowakei hörte auf zu existieren. Immerhin eine friedliche Scheidung und  kein blutiger Exzess wie in Jugoslawien. Der Wunsch der Witwe Grete Tugendhat nach „Öffnung des Hauses für alle“ konnte erst im 21. Jahrhundert erfüllt werden.

Eine Villa mit Liebe zum Detail.

Die Villa wurde in den Jahren 2010 bis 2012 aufwändig und originalgetreu grundsaniert. Mies van der Rohes kühner Entwurf ist mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. In diesem Jahr feiert das Bauhaus sein hundertjähriges Jubiläum. Der Tipp: Rasch auf die Warteliste setzen lassen. Der Ausflug nach Brünn lohnt sich. Zu entdecken ist nicht nur ein faszinierendes Denkmal der Moderne. Die Villa mit ihren Höhen und Tiefen erzählt viel mehr über das vergangene Jahrhundert als alle dicken Geschichtsbücher.

Die Villa Tugendhat in Brünn/Tschechische Republik. 100 Jahre Bauhaus. Lohnenswert. Aber 2019 mit langen Wartezeiten.