Was uns blüht

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Eine alte Weisheit. Immer wieder neu erlebt. Was hatten die frisch vereinten Deutschen vor dreißig Jahren für Träume, Hoffnungen, Erwartungen. Meinungsfreiheit. Blühende Landschaften. Viasfrei bis Hawaii. Die friedliche Wende hat sich in ein lautes, verzagtes Jammern, Klagen und Verdammen verwandelt.

Geh ins Offene, empfahl Hölderlin. Doch wohin? Ohne Geländer? Ohne Führung? Selbstbestimmt gar? Das verquere Ding mit der Einheit. So viel Frust war nie. Der Osten wütend, der Westen genervt. Die SPD ausgelaugt, die AfD stark. Tonnen an Büchern, Schriften und Rechtfertigungen versinken im trockenen Sand wie ein heißer Sommerregen. Der gemeinsame Grund scheint ausgelaugt und verstaubt zu sein wie der Waldboden in unserem zweiten Dürrejahr.

 

40 Jahre Militärische Sperrzone. Seit knapp 30 Jahren erholt sich die Natur. Blick aufs „Bombodrom“ – Kyritz-Ruppiner Heide zwischen Neuruppin und Wittstock. Juni 2019.

 

1989 hieß es. Wir wollen Lügen nicht mehr Wahrheiten nennen, und Wahrheiten nicht Lügen. Eine banale Forderung und doch so richtig. Die allesverschlingende Globalisierung spülte gleichwohl alte Gewissheiten einfach weg. Ungebremst gilt das Recht des Stärkeren, des Geldes, der Vermögenden. Es zählen die Argumente der Macht. Nicht die Macht der Argumente. Dabei ist diese Macht anonym und scheinbar unangreifbar geworden. Regiert wirklich die von uns gewählte politische Elite? Oder nicht die Zentralen des Plattform-Kapitalismus – Investmentfonds, Google, Facebook und wie sie alle heißen. Was bleibt? Die Empfehlung „Optimiere dich selbst“.

 

„Heimatschützer“. In abgelegenen Teilen In Brandenburgs überall plakative Wahlversprechen – auch lange nach der Wahl. Die Botschaften bleiben einfach hängen.

 

„Je länger die DDR tot ist, desto schöner wird sie.“ Das erkannte rasch der viel zu früh verstorbene Schriftsteller Jurek Becker. Er kannte sich mit Wahrheiten aus. Sein wichtigstes Werk war „Jakob der Lügner“ über einen Juden, der mit kleinen Lügen die Hoffnung in der KZ-Hölle nährt. Und heute? Das Erbe der untergegangen DDR bleibt ihr Versprechen: eine faire, gerechte, gemeinschaftliche Gesellschaft anzustreben. Eine Hoffnung, die von der DDR-Führung bürokratisch und planmäßig mit Mauer und Überwachung erdrosselt wurde. Bis das Land erstickte.

 

Blühende Landschaften rund um Berlin 2019. Der Trockenheit abgetrotzt.

 

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, sagte Hermann Hesse, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Genau über diese wunderbare Zeit handelt So viel Anfang war nie, als alles möglich erschien.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.