9. November 1989 23 Uhr. Der Reporter im Gespräch mit dem ersten Ost-Berliner in West-Berlin

„Wahnsinn“

Es war einmal ein Land, das geteilt war. Das ist lange her. Heute teilen wir alles. Berlin, Deutschland, Europa und die Welt. Genau wie unsere Gefühle und Emotionen: Liebe, Hass, Leidenschaft, Wut, Überzeugungen, Ideologien, Hoffnungen, Enttäuschungen, Resignation, Trauer.

Sofort, per Klick, rund um die Uhr. Wir teilen auf facebook, twitter, instagram, telegram, tiktok. Make your day. Real people. Real videos, heißt es in den digitalen Netzwerken. Dort findet heute der Kalte Krieg statt. Wir teilen aus, teilen uns mit, teilen die Welt ein in Gut und Böse. Im einst durch Mauer und Stacheldraht eingeschnürten Land gab es eine geflügelte Redewendung. „…in dieser Frage sind wir aber absolut geteilter Meinung.

 

10.315 Tage hielt das deutsche Symbol von Abgrenzung und Abschottung. Die Mauer an der heutigen Wilhelmstraße, am Finanzministerium. Vorher Treuhand, zuvor Haus der DDR-Ministerien, davor Görings NS-Reichsluftfahrtministerium… Quelle: BSTU.

 

Vor genau dreißig Jahren war ich mit Notizblock und Stift unterwegs. Mobiltelefon, Laptop, IPad? Unvorstellbar! Aber ich traf reale Menschen, stellte reale Fragen und versuchte reale Filme zu drehen. Das reichte in den späten achtziger Jahren als Ansporn und Ausdruck. Am 9. November 1989 war ich die ganze lange Berliner Nacht unterwegs. Mit meinem Team Michael Koltermann, Hartmut Pauls und Marco Mangelli. Ihnen meinen Dank. Wir waren mittendrin, nicht nur dabei. Wir drehten, bis die Kassetten ausgingen und wir vor Müdigkeit fast umfielen. Es waren Momente, in denen Gänsehaut unser Begleiter war. Menschen wie du und ich rüttelten an der Mauer. Kein Politiker, kein Regime, kein Militär konnte die Menge aufhalten. In Berlin und anderswo.

 

Ohnmächtige DDR-Grenzer. Von oben keine Befehle, vor ihnen das Volk, hinter ihnen 28 Jahre Druck, Drill, Stress. Sie taten in dieser Nacht das einzig Richtige. Sie schossen als Angehörige der Nationalen Volksarmee nicht auf das eigene Volk. In der Stunde ihrer absoluten Niederlage errangen sie ihren größten Erfolg.

 

Der 9. November 1989 war für mich ein Glücksfall. Als junger Reporter traf ich in dieser Nacht am Brandenburger Tor so viele fröhliche, friedliche und feiernde Menschen wie nie zuvor und auch nicht mehr danach. Sie kamen von überall, aus Ost und West. Alle einte der Wunsch, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Was viele umsonst mitbrachten – ungläubiges Staunen! Kein Schuss fiel. Nur und ab und zu krächzten Stimmen aus Armee-Lautsprechern, die aufforderten die Staatsgrenze der DDR sofort zu verlassen. Doch niemand rührte sich. Das Grenzregime war am Ende und das Wort des 9. November 89 war geboren – Wahnsinn.

 

Brandenburger Tor. Hauptstadt der DDR. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 2019. Gegen ein Uhr früh. Blick von Ost nach West am Pariser Platz.

 

Erinnern wir an diese Stunden als die Mauer in Berlin fiel, die so viel Leid, Tränen und Tote brachte. Und fragen nach, was aus diesem Glücksmoment der deutschen Geschichte geworden ist. Ein Fest ohne Buden, Gourmet-Meile, Kommerz. Ich teile hier 45 Minuten meiner Erlebnisse und Erfahrungen vom 9. November 1989 – mit realen Menschen und realen Bildern.

 

Demnächst mehr.

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