Brot ist Leben.

Der Brotaufstand von Rahnsdorf

AKTUALISIERT am 24. Februar 2021

Anfang April 1945. Der Krieg steht vor Berlin. Er kehrt in die Stadt zurück, in der er begonnen wurde. Die Rote Armee setzt zur Entscheidungsschlacht an. Hitler erklärt im Führer-Bunker: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“ Am 1. April 1945 um 20.00 Uhr meldet der neue Sender „Radio Werwolf“: „Lieber tot als rot! – Siegen oder sterben! – Hass ist unser Gebet, Rache unser Feldgeschrei.“ Die allermeisten Berliner wollen nicht mehr kämpfen. Sie verstecken sich in Kellern, hungern und kämpfen ums nackte Überleben. Ende März beschließt die NSDAP eine Sonderbrotverteilung nur für Parteigenossen. Im östlichen Bezirk Köpenick ist bereits der Geschützdonner zu hören. Es ist der 6. April 1945, ein frühlingshafter Freitag im April.

 

Die ehemalige Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf. Weit über Hundert hungrige Menschen stürmten am 6. April 1945 den Laden.  Foto: Werner Zimmermann, 1998.

 

Im Ortsteil Rahnsdorf wird bekannt, dass die Bevölkerung kein Brot mehr erhalten soll. Vor allem aufgebrachte Rahnsdorfer Frauen versammeln sich am Vormittag vor der Bäckerei Deter in der Fürstenwalder Allee 27. Im kleinen Laden ergattert der Schüler Reinhard Heubeck noch ein Brotlaib. Dann ist Schluss. Bäckermeister Deter, ein treuer Parteigenosse, alarmiert NSDAP-Ortsgruppenleiter Hans Gathemann.  – „Es gibt kein Brot mehr. Nur noch für Parteigenossen!“ – Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Lage eskaliert. Erregt versucht eine vielköpfige Menge den Bäckerladen zu stürmen.  Reinhard Heuback war damals zehn Jahre alt. Der Augenzeuge erinnert sich genau. „Der komische Gathemann stand auf dem Ladentisch mit der Pistole in der Hand. Ich durfte noch gehen. Andere wurden verhaftet, in den Knast gesperrt.“

 

„Gathemann stand mit der Pistole auf dem Ladentisch.“ Reinhard Heubeck war damals zehn Jahre alt. Er ist der vermutlich letzte lebende Augenzeuge des „Brotaufruhrs“ von Rahnsdorf.

 

Der fanatische Nazifunktionär meldet der Gestapo den Tischler Max Hilliges (53) und die beiden Frauen Margarete Elchlepp (45) und deren Schwester Gertrud Kleindienst (37) als „Aufrührer“ . Sie seien „Volksschädlinge“, würden sich widersetzen. Hilliges war im Laden mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Er lieferte sich mit dem NS-Mann, der mit der Waffe herumfuchtelte, ein Wortgefecht: „Gib doch den Frauen Brot, sie wollen es ja nicht für sich, sondern für ihre Kinder.“ Dann setzte Hilliges nach: „Es dauert ja nicht mehr lange, dann musst du deinen braunen Rock auch ausziehen.“ Noch am gleichen Tag gegen 18 Uhr wird der Tischler in seiner Wohnung verhaftet. Die Gestapo nimmt insgesamt 15 Personen fest, die zum Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht werden. Ein Standgericht verurteilt den Tischler und zwei weitere Frauen am nächsten Tag als „Rädelsführer“ zum Tode.

 

Hier starben Max Hilliges und Margarete Elchlepp in der Nacht vom 7. auf den 8. April 1945 – drei Wochen vor Kriegsende. Quelle: Gedenkstätte Plötzensee

 

Keine drei Stunden nach dem Todesurteil werden Max Hilliges und Margarete Elchlepp in der Nacht des 7. April 1945 gegen 0.45 Uhr in der Haftanstalt Plötzensee enthauptet. Die dritte als „Rädelsführerin“ zum Tode verurteilte Gertrud Kleindienst, Mutter von drei Kindern, wird  von Gauleiter Goebbels in letzter Sekunde zu acht Jahren Zuchthaus begnadigt. Hitlers Propagandaminister notiert in seinem Tagebuch am 8. April 1945: „So muss man vorgehen, wenn man in einer Millionenstadt Ordnung halten will. Und die Ordnung ist die Voraussetzung der Fortsetzung unseres Widerstandes.“ Gleich am nächsten Tag werden die Hinrichtungen „unter Trommelwirbel“, so Augenzeuge Heubeck, auf dem Platz vor der Bäckerei verkündet. „Zur Abschreckung“ kleben NS-Genossen Flugblätter mit der Nachricht vom vollzogenen Todesurteil an Laternen und Bäume.

Keine zwei Wochen später marschiert am 21. April die 1. Weißrussische Front der Sowjetarmee im Berliner Vorort Rahnsdorf ein. NS-Ortsgröße Gathemann taucht in den Wirren unter. Für immer. Gerüchte besagen, er und seine Familie seien im Müggelsee „ins Wasser gegangen“ Gertrud Kleindienst aber überlebt. Sie wird am 2. Mai 1945 aus dem Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel befreit.

 

Diese Gedenktafel wurde 1998 an der ehem. Bäckerei Deter angebracht. Sie verschwand vor einigen Jahren spurlos.

 

Dann wird es viele Jahre sehr still. Über ein halbes Jahrhundert lang gerät die Geschichte vom Brotaufruhr der Frauen in Vergessenheit. „Darüber wurde nicht einmal in unserer Familie geredet“, sagt ein Angehöriger. Erst 1998 organisierten einige couragierte Bürger eine Gedenktafel am Ort des Geschehens. Die ehemalige Bäckerei wurde mittlerweile verkauft, die Tafel verschwand. Seit 2016 versucht der Verein Bürger für Rahnsdorf die Gedenktafel wieder anzubringen. Der neue Besitzer weigert sich, trotz eines entsprechenden Beschlusses des Bezirksamtes Treptow-Köpenick. Er wolle das renovierte Haus nicht durch eine Erinnerungstafel „verschandelt“ wissen, soll er mitgeteilt haben.

 

Berlin. Juli 1945

 

3 comments

  • Christian Sperber

    Der zitierte Tagebucheintrag von Goebbels erwähnt aber drei Todesurteile, von denen zwei vollstreckt wurden: „Drei werden zum Tode verurteilt, ein Mann und zwei Frauen . Bei einer Frau liegt der Fall wesentlich milder, so daß ich mich hier zu einer Begnadigung entschließe.“ Demnach müsste auch eine Frau hingerichtet worden sein., und die Angaben auf der Erinnerungstafel wären unvollständig.
    .

  • Dietrich Elchlepp

    Der Vetter meins Vaters ,Walter Elchlepp aus Berlin hat nach dem Krieg immer berichtet, dass seine Frau Margarete Elchlepp nach dem „Brotaufstand „von den Nazis hingerichtet wurde.

  • CLaepple

    Christian Sperber und Dietrich Elchlepp haben recht. Dessen Verwandte Margarete Elchlepp wurde in der Nacht des 7. April 1945 wegen „Landfriedensbruch“ und „Plünderns“ gleichfalls hingerichtet. Die kinderlose Rahnsdorferin fand bei Joesph Goebbels keine Gnade, während ihre Schwester Gertrud Kleindienst (ebenfalls eine geborene Weidhöner) überlebte und in der Haftanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel am 2. Mai 1945 befreit werden konnte. Ebenfalls an diesem Tag kamen weitere zu Haftstrafen verurteilte Beteiligte in Freiheit. Verurteilt nur, weil sie Brot kaufen wollten.
    Vielen Dank für Ihre Hinweise.
    Mein Blog wurde um die neuen Informationen ergänzt und am 21. Februar 2021 aktualisiert.

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