Brot ist Leben.

Der Brotaufstand von Rahnsdorf

Vor genau 75 Jahren. Der Krieg steht vor Berlin. Er kehrt in die Stadt zurück, in der er begonnen wurde. Die Rote Armee setzt zur Entscheidungsschlacht an. Hitler erklärt im Führer-Bunker: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“ Am 1. April 1945 um 20.00 Uhr (kein Aprilscherz) meldet der neue Sender „Radio Werwolf“: „Lieber tot als rot! – Siegen oder sterben! – Hass ist unser Gebet, Rache unser Feldgeschrei.“ Die allermeisten Berliner wollen nicht mehr kämpfen. Sie hungern, kämpfen ums nackte Überleben. Ende März beschließt die NSDAP eine Sonderbrotverteilung nur für Parteigenossen. Im östlichen Bezirk Köpenick ist bereits der Geschützdonner zu hören. Es ist der 6. April 1945, ein frühlingshafter Freitag im April.

 

Die ehemalige Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf. Weit über Hundert hungrige Menschen stürmten am 6. April 1945 den Laden.  Quelle: Werner Zimmermann, 1998.

 

Im Ortsteil Rahnsdorf wird bekannt, dass die Bevölkerung kein Brot mehr erhalten soll. Aufgebrachte Rahnsdorfer Frauen versammeln sich vor der Bäckerei Deter in der Fürstenwalder Allee 27. Im kleinen Laden ergattert der Schüler Reinhard Heubeck gerade noch ein Stück Brot. Dann ist Schluss. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Erregt stürmt die mehr als einhundertköpfige Menge den Bäckerladen. Einige Frauen greifen zu. Bäckermeister Deter, ein treuer Parteigenosse, alarmiert NSDAP-Ortsgruppenleiter Gathemann. Die Lage eskaliert. Der vermutlich letzte noch lebende Augenzeuge Reinhard Heuback war damals zehn Jahre alt. Er erinnert sich genau. „Der komische Gathemann stand auf dem Ladentisch mit der Pistole in der Hand. Ich durfte noch gehen. Andere wurden verhaftet, in den Knast gesperrt.“

Tatsächlich meldet der fanatische Nazi den Tischler Max Hilliges und die Hausfrau Gertrud Kleindienst namentlich bei der Gestapo.  Hilliges ist mit Reparaturarbeiten im Laden beschäftigt. Er hatte sich mit dem mit der Waffe herumfuchtelnden NS-Mann ein Wortgefecht geliefert: „Es dauert ja nicht mehr lange, dann musst du deinen braunen Rock auch ausziehen.“ Noch am gleichen Tag gegen 18 Uhr wird der Tischler in seiner Wohnung verhaftet. Ein Standgericht verurteilt  ihn und eine Mutter von fünf Kindern am nächsten Tag als „Rädelsführer“ zum Tode – wegen „Wehrkraftzersetzung“.

 

„Gathemann stand mit der Pistole auf dem Ladentisch.“ Reinhard Heubeck war damals zehn Jahre alt. Er ist der vermutlich letzte lebende Augenzeuge des „Brotaufstandes“ von Rahnsdorf.

 

Noch in der Nacht des 7. April 1945 gegen 0.45 Uhr wird Max Hilliges in Plötzensee enthauptet. Die gleichfalls zum Tode verurteilte Mutter von fünf Kindern begnadigt Gauleiter Goebbels in letzter Sekunde zu acht Jahren Zuchthaus. Hitlers Propagandaminister notiert in seinem Tagebuch am 8. April 1945: „So muss man vorgehen, wenn man in einer Millionenstadt Ordnung halten will. Und die Ordnung ist die Voraussetzung der Fortsetzung unseres Widerstandes.“ Gleich am nächsten Tag wird „unter Trommelwirbel“ die Hinrichtung Hilliges auf dem Platz vor der Bäckerei verkündet. „Zur Abschreckung“ kleben NS-Parteigenossen Flugblätter mit der Nachricht vom vollzogenen Todesurteil an Laternen und Bäume.

Keine zwei Wochen später marschiert am 21. April mit der 1. Weißrussischen Front die Sowjetarmee im Berliner Vorort Rahnsdorf ein. NS-Ortsgröße Gathemann taucht in den Wirren unter. Für immer. Gerüchte besagen, er und seine Familie seien im Müggelsee „ins Wasser gegangen“ Gertrud Kleindienst aber überlebt. Sie wird am 25. April 1945 von der Roten Armee aus dem Gefängnis befreit.

 

Diese Gedenktafel wurde 1998 an der ehem. Bäckerei Deter angebracht. Sie verschwand vor einigen Jahren spurlos.

 

Dann wird es still, sehr lange sehr still. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang gerät die Geschichte vom Brotaufstand der Frauen in Vergessenheit. Erst 1998 organisierten einige couragierte Bürger eine Gedenktafel am Ort des Geschehens. Die ehemalige Bäckerei wurde mittlerweile verkauft, die Tafel verschwand. Seit vier Jahren versucht der Verein Bürger für Rahnsdorf die Gedenktafel wieder anzubringen. Der neue Besitzer weigert sich. Er wolle das renovierte Haus nicht durch eine Erinnerungstafel „verschandelt“ wissen, soll er mitgeteilt haben.

 

Berlin. Juli 1945

 

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