Brot ist Leben.

Der Brotaufstand von Rahnsdorf

AKTUALISIERT am 8. April 2021

Anfang April 1945. Der Krieg steht vor Berlin. Er kehrt in die Stadt zurück, in der er begonnen wurde. Die Rote Armee setzt zur Entscheidungsschlacht an. Hitler erklärt im Führer-Bunker: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“ Am 1. April 1945 um 20.00 Uhr meldet der neue Sender „Radio Werwolf“: „Lieber tot als rot! – Siegen oder sterben! – Hass ist unser Gebet, Rache unser Feldgeschrei.“ Die allermeisten Berliner wollen nicht mehr kämpfen. Sie verstecken sich in Kellern, hungern und kämpfen in den Trümmern ums nackte Überleben. „Reichsverteidigungskommissar für den Gau Berlin“ Joseph Goebbels verfügt eine Sonderbrotverteilung nur noch für NS-Parteigenossen.  Die Nachricht erreicht Berlin-Köpenick am 6 . April 1945. Es ist ein frühlingshafter Freitag.

 

Die ehemalige Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf. NSDAP-Ortsgruppenleiter Hans Gathemann: „Es gibt kein Brot mehr. Nur noch für Parteigenossen!“ Hunderte Menschen versuchten am Vomittag des 6. April 1945 verzweifelt an Brot zu kommen.  Foto: Werner Zimmermann, 1998.

 

Im Ortsteil Rahnsdorf wird bekannt, dass die Bevölkerung kein Brot mehr erhalten soll. Hunderte Frauen, Kinder und Alte eilen zu den drei Bäckern des Ortes. Zwei verkaufen das Stück zu 50,- Pfennig, bis alles weg ist. Beim zentralen Bäcker in der Fürstenwalder Allee 27 weigern sich die nazitreuen Bäckersleute Brot an die Bevölkerung abzugeben.  Sie alarmieren NSDAP-Ortsgruppenleiter Hans Gathemann.  – „Es gibt kein Brot mehr. Nur noch für Parteigenossen!“ – Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Lage eskaliert. Erregt versucht eine vielköpfige Menge den Bäckerladen zu stürmen.  Reinhard Heuback war damals zehn Jahre alt. Der damalige Schüler erinnert sich genau. „Der komische Gathemann stand mit der Pistole in der Hand. Ich durfte noch gehen. Andere wurden verhaftet, in den Knast gesperrt.“

 

Margarete Elchlepp (1899-1945). Mit dem Tischler Max Hilliges als  „Rädelsführer“ enthauptet.  Foto: Familiennachlass Elchlepp

 

Der fanatische Nazifunktionär meldet der Gestapo den Tischler Max Hilliges (53) und die beiden Frauen Margarete Elchlepp (45) und deren Schwester Gertrud Kleindienst (36) als „Aufrührer“. Sie seien „Volksschädlinge“, würden sich widersetzen. Hilliges ist im Laden mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Er liefert sich mit dem NS-Mann, der mit der Waffe herumfuchtelt, ein Wortgefecht: „Gib doch den Frauen Brot, sie wollen es ja nicht für sich, sondern für ihre Kinder.“ Dann setzt Hilliges nach: „Es dauert ja nicht mehr lange, dann musst du deinen braunen Rock auch ausziehen.“ Noch am gleichen Tag gegen 18 Uhr wird der Tischler in seiner Wohnung verhaftet. Die Gestapo nimmt insgesamt 15 Personen fest, die zum Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht werden. Ein Standgericht verurteilt den Tischler und die beiden Schwestern Margarete und Gertrud am nächsten Tag als „Rädelsführer“ zum Tode.

 

Hier starben Max Hilliges und Margarete Elchlepp in der Nacht vom 7. auf den 8. April 1945 – drei Wochen vor Kriegsende. Sie gehörten zu den letzten Opfern in Plötzensee. Quelle: Gedenkstätte Plötzensee

 

Keine drei Stunden nach dem Todesurteil werden Max Hilliges und Margarete Elchlepp in der Nacht des 7. April 1945 gegen 0.45 Uhr in der Haftanstalt Plötzensee enthauptet. Die dritte als „Rädelsführerin“ zum Tode verurteilte Gertrud Kleindienst, Mutter von drei Kindern, wird  von Gauleiter Goebbels in letzter Sekunde zu acht Jahren Zuchthaus begnadigt. Hitlers Propagandaminister notiert in seinem Tagebuch am 8. April 1945: „So muss man vorgehen, wenn man in einer Millionenstadt Ordnung halten will. Und die Ordnung ist die Voraussetzung der Fortsetzung unseres Widerstandes.“ Am Tag darauf werden die Hinrichtungen „unter Trommelwirbel“, so Augenzeuge Heubeck, auf dem Bismarckplatz vor der Bäckerei verkündet. „Zur Abschreckung“ kleben NS-Genossen Flugblätter mit der Nachricht mit den vollzogenen Todesurteilen an Laternen und Bäume.

Keine zwei Wochen später marschiert am 21. April die 1. Weißrussische Front der Sowjetarmee im Berliner Vorort Rahnsdorf ein. NS-Ortsgröße Gathemann taucht in den Wirren unter. Für immer. Gerüchte besagen, er und seine Familie seien im Müggelsee „ins Wasser gegangen“ Tatsächlich führen die Spuren nach Moskau. Nach einem bislang unbestätigten Aktenfund soll Gathemann „zum Tode durch Erschießen“ verurteilt worden sein. Wann und wo, ist unklar. Eine Anfrage zum Verbleib Gathemanns ist beim zuständigen Militärstaatsanwalt in Moskau auf dem Wege. Gertrud Kleindienst aber überlebt. Sie wird am 2. Mai 1945 aus dem Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel befreit. Im September 1945 kehrt sie nach Rahnsdorf zurück.

 

Diese erste (fehlerhafte) Gedenktafel wurde 1998 an der ehem. Bäckerei Deter angebracht. Sie verschwand vor einigen Jahren spurlos. Tatsächlich wurden drei Todesurteile verkündet, zwei davon vollzogen.

 

Nach 1945 wird es viele Jahrzehnte still. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang gerät die Geschichte vom Brotaufruhr der Frauen in Vergessenheit. Selbst die Angehörigen der Opfer halten sich bedeckt. Dietrich Elchlepp lebt in Denzlingen bei Freiburg. Er gehört zur Familie der hingerichteten Margarete Elchlepp: „Ich erinnere mich noch sehr genau, wie die Familie allerdings nur sehr leise darüber sprach, mit einem gewissen Erschrecken auch im Gesicht. Aber es wurde nicht ausführlich über diese Ungeheuerlichkeit gesprochen. Man wollte es und konnte es anfänglich gar nicht glauben, was geschehen war. Das wohl der Hintergrund für das Schweigen“,  Der heute 83-jährige Ministerialdirigent i. R. über den tragischen Tod seiner Tante: „Ich war bei Kriegsende acht Jahre alt. Von meinem Onkel Walter (dem Witwer) weiß ich nur, dass er sagte, sie sei wegen einer Nichtigkeit kurz vor Kriegsende hingerichtet worden“.

Erst 1998 organisierten einige couragierte Bürger eine Gedenktafel am Ort des Geschehens. Die ehemalige Bäckerei wurde mittlerweile verkauft, das Haus vorbildlich renoviert, nur die Tafel verschwand. Seit 2016 versucht der Verein Bürger für Rahnsdorf die Gedenktafel wieder am Haus anzubringen. Der neue Besitzer weigert sich, trotz eines entsprechenden Beschlusses des Bezirksamtes Treptow-Köpenick. Der Hausbesitzer erklärte telefonisch, er sei grundsätzlich bereit die Erinnerungstafel an alter Stelle anzubringen, aber erst nach einem für ihn erfolgreichen Ende seines Rechtsstreits mit den Behörden.

Nun wird über Alternativen nachgedacht. Geplant ist eine Gedenk-Stele vor der ehemaligen Bäckerei. Aber im Berlin der vielen Zuständigkeiten ist seit fünf Jahren nichts geschehen.

 

6 comments

  • Christian Sperber

    Der zitierte Tagebucheintrag von Goebbels erwähnt aber drei Todesurteile, von denen zwei vollstreckt wurden: „Drei werden zum Tode verurteilt, ein Mann und zwei Frauen . Bei einer Frau liegt der Fall wesentlich milder, so daß ich mich hier zu einer Begnadigung entschließe.“ Demnach müsste auch eine Frau hingerichtet worden sein., und die Angaben auf der Erinnerungstafel wären unvollständig.
    .

  • Dietrich Elchlepp

    Der Vetter meins Vaters ,Walter Elchlepp aus Berlin hat nach dem Krieg immer berichtet, dass seine Frau Margarete Elchlepp nach dem „Brotaufstand „von den Nazis hingerichtet wurde.

  • CLaepple

    Christian Sperber und Dietrich Elchlepp haben recht. Dessen Verwandte Margarete Elchlepp wurde in der Nacht des 7. April 1945 wegen „Landfriedensbruch“ und „Plünderns“ gleichfalls hingerichtet. Die kinderlose Rahnsdorferin fand bei Joesph Goebbels keine Gnade, während ihre Schwester Gertrud Kleindienst (ebenfalls eine geborene Weidhöner) überlebte und in der Haftanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel am 2. Mai 1945 befreit werden konnte. Ebenfalls an diesem Tag kamen weitere zu Haftstrafen verurteilte Beteiligte in Freiheit. Verurteilt nur, weil sie Brot kaufen wollten.
    Vielen Dank für Ihre Hinweise.
    Mein Blog wurde um die neuen Informationen ergänzt und am 21. Februar 2021 aktualisiert.

    • CLaepple

      Der Richter ist unbekannt. Es war ein Standgericht. Darüber gibt es keinerlei Unterlagen.
      Der Verein Bürger für Rahnsdorf kümmert sich Jahren um eine Lösung vor Ort. Eine Stele wäre eine kluge Alternative.
      Vielleicht wird sie bald realisiert.

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