Archive for : Mai, 2020

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Urlaub von Corona

Wer hier zu Fuß unterwegs ist, macht sich schnell verdächtig. Ein Fremder? Bestimmt! Vermutlich ein Stadtmensch, sicher ein Berliner. Wanderer sind selten. Spaziergänger absolute Exoten. Der misstrauische Blick fragt: woher des Weges? Was wollen Sie hier? So ist das in der Prignitz. Auf halbem Wege zwischen Berlin und Hamburg. Das leere, flache Land mit endlosen Feldern, einsamen Wäldern mit einem weiten Himmel bis ans Ende der Welt. Was es sonst noch gibt? Landschaft, einfach nur Landschaft, nichts weiter. Willkommen in der Mark! In Corona-Zeiten ist es eine ganze Umdrehung noch stiller als üblich. Ein heftiger Platzregen kann das Aufregendste sein. Plipp, plop plattert es spritzig aus schweren Wolken! Lustige Kringel bilden sich in den Pfützen. Einsam zieht der nasse Wanderer seine Runden.

„Wollense rin?“, ruft der Mann aus dem Lieferwagen und bremst direkt vor uns. Wir stehen etwas unschlüssig vor einer märkischen Dorfkirche allerdings von stattlicher Größe mit einem auffallend schönen schlanken Turm. Friede sei mit Euch, heißt es über dem Portal. Der Mann aus dem Lieferwagen zückt den Schlüsselbund und öffnet die Dorfkirche von Teetz. Nun ist sein persönlicher Rede-Schalter umgelegt. Der Mann in Arbeitshosen vom lokalen Förderverein legt los. Wir erfahren alle Einzelheiten aus der Geschichte seines Ortes. In der Kirche sei alles selbstgemacht. Gegen die Amtskirche habe man sogar klagen müssen, weil sie die „uns die Rechte für unsere Kirche wegnehmen wollten“.

 

„Friede sei mit euch.“ Die Kirche von Teetz bei Kyritz an der Knatter. Viel zu groß. Halb saniert. Meistens leer. Aber mit großen Plänen für die Zukunft.

 

Der Prozess ging für die Teetzer gut aus. So bestaunen wir in einer halbsanierten Dorfkirche Bilder vom Abendmahl und Aposteln, während die Farbe an Wänden abblättert. Doch die Orgel ist komplett saniert, „geschenkt von der Berliner Nikolaikirche“. Die schicken Kronleuchter sind in Stettin aufpoliert worden, „auch umsonst, von den Polen, hat aber ein dreiviertel Jahr gedauert“. Studenten aus Aachen haben ein Sanierungskonzept erarbeitet, die Professorin hatte sich in die Kirche verguckt. „Ja, eine Hand wäscht die andere“. Nur es fehlt an Geld und genau genommen an Gemeindemitgliedern. Die Kirche mit ihren vielleicht 150 Sitzplätzen ist viel zu groß. Wenn zehn Besucher zum Gottesdienst kommen, betet der Pastor ein Extra-Vater unser. Aber da er sechzehn Gemeinden zu betreuen habe, berichtet der Teetzer, sehe er Kirche und Gemeinde sowieso nur wenige Male im Jahr.

 

 

Rund die Hälfte der Teetzer sind zugereiste Berliner, so der Anfang Sechzigjährige. Beliebt sei das Dorf besonders bei „Pensionären“, die dem Großstadttrubel entwachsen sind. Aber „ein paar Verrückte“ pendeln täglich. Teetz sei internationaler geworden. Es leben hier Kroaten und Engländer. Der kräftige Teetzer schließt die Kirche wieder ab, er muss zum Rasenmähen bei einer alten Dame. „Macht ja sonst keener“. Wir gehen durchs leere Dorf. Das Antiquariat eines Berliner Paares mit Kaffee, Kuchen und Kulturprogramm hat nach ein paar Jahren wieder aufgegeben. Genau wie der Ferienhof gegenüber. Die Besitzer hatten die Nase voll. Dieses Paar habe auch verkauft, erzählt uns noch der Kirchenmann, zehn Jahre Tourismus mit verwöhnten Feriengästen – na,ja – das reicht wohl. Sobald das Wetter schlecht sei, waren die Gäste wieder weg oder sind gar nicht gekommen.

 

Gasthaus zur Linde in Wutike (Prignitz) mit 365 Ruhetagen.

 

Wer zu Fuß von Dorf zu Dorf geht, fällt in der Prignitz auf. Egal ob in Teetz, Bork oder Wutike. Rennradler mit teurer Sonnenbrille, viel zu engem Dress und verbissenem Blick sind auf dem Land wohl vertraut. Sobald Wanderer kommen, bellt der Hund und setzt der Märker seinen skeptischen Is-wohl-ein-Berliner-Blick? auf. Aber sollten sie auftauen, können sie viel erzählen, von der Schönheit und Langeweile des Landlebens. Ob mit oder ohne Corona. Da kannste eh nichts machen…

 

Nicht an allem ist Corona schuld. Die „Club-Lounge“ von Wutike ist wohl schon länger dicht.

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Der Stellvertreter

Überhaupt das Jackett. Es lag wie immer lose über den Schultern. Wenn er loslegte, redete und gestikulierte, griffen irgendwann die Gesetze der Physik. Es rutschte weg. Nun stand er hemdsärmelig vor dem Publikum. Aber stets betont bürgerlich mit Schlips und Kragen. So provozierte er am liebsten brave Bürgerseelen. Wenn er außer Rand und Band geriet, polterte er zornesrot vom Pult los und schlug beim Abgang alle Türen zu. Rumms! Gestatten, Rolf Hochhuth. Fabrikantensohn aus dem hessischen Eschwege und  Wutbürger auf Lebenszeit – auf seine ganz spezielle Art. Bis zum Schluss. Nun trat er im Alter von 89 Jahren ab. Das Herz. Dabei wollte er seinen Neunzigsten unbedingt noch feiern.

 

Rolf Hochhuth (1931-2020). Mahner, Moralist. Dramatiker.  Quelle: Wikipedia.

 

Der Vorhang fällt. Der Dramatiker schweigt. Für immer. – Rumms. Ein Frösteln: Erst vor wenigen Wochen hatten wir lebhaft telefoniert. Über die Goebbels-Tagebücher, das Kriegsende vor 75 Jahren, den Fanatismus und Vernichtungswillen der Nazis. Er hatte ein brillantes Vorwort zu den Tagebüchern verfasst. Das deutsche NS-Drama hat Hochhuth ein Leben lang beschäftigt. Der gelernte Buchhändler schrieb geradezu manisch gegen das bundesdeutsche Verdrängen und Vergessen an. 1963 der Durchbruch. Der Knaller war der „Stellvertreter“, sein Theaterstück über das beredte Schweigen des Papstes zum Holocaust. So entfachte er einen wahrhaften Theater-Skandal und landete einen Welterfolg.

 

 

Hochhuth brachte  1978 Hans Filbinger zu Fall, den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Der ehemalige Nazi-Marinerichter wollte seine Vergangenheit nicht wahrhaben, konterte mit dem legendären Satz, der in die Geschichtsbücher einging: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Filbinger hatte einen 22-jährigen Matrosen wegen geplanter Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Er selbst leitete die Erschießung wenige Monate vor dem Ende des Dritten Reiches.

„Wenn ich nicht streiten kann, fehlt mir die Luft zum Atmen. Dann ersticke ich.“ Das raunte er mir einmal während einer langen Buchmessen-Nacht zu, als er sicheren Geleitschutz zu seinem Hotel benötigte. Für mich war der berühmte Dichter wie ein einsamer Wolf, immer auf Jagd. Gegen die Großen, die Mächtigen, die Selbstgerechten. Er legte sich in seinen Stücken mit selbsternannten McKinsey-Göttern, Treuhand-Abwicklern oder linken Kulturpäpsten an. Manches Mal verrannte er sich. Er fühlte eine Seelenverwandtschaft mit dem britischen Historiker  David Irving, der später den Holocaust leugnete. Er bekämpfte die Führung des Berliner Ensembles. Dessen damaliger Chef Claus Peymann sagte über Hochhuth trocken: „Ein echter deutscher Dichter – humorlos bis in die Knochen, kampflustig, streitsüchtig“.

 

Als Theater noch Proteste auslöste. Demonstration in den Sechzigern gegen die Aufführung von Hochhuths „Stellvertreter“ in der Schweiz. Foto: srf

 

In den letzten Jahren rannte Hochhuth  Don Quichote-gleich gegen das Vergessenwerden und seine eigene Vergesslichkeit ins Feld. „Bin ich überhaupt gewesen“, seine bange Frage. Als furchtloser Dramatiker wollte er in die Geschichtsbücher eingehen. Wie der junge Schiller. Er sah sich als Stellvertreter des anständigen Deutschlands. „Autoren müssen das schlechte Gewissen der Nation artikulieren, weil die Politiker ein gutes haben.“

In unserem letzten Telefonat drängte er auf einen „baldigen Bericht bei Ihnen im Fernsehen“. Es ging um seine neuesten Pläne. Er wollte in der „Ruine“ des Berliner  ICC-Kongresszentrums ein „Museum für neuere Geschichte“ einrichten. Auf meinen Einwand, dass es so etwas bereits gebe, winkte er ab. „Papperlapapp. Ich meinte ein richtiges Museum.  Eines für die wirklich wichtigen Geschichten…“

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Das Märchenschloss von Gentzrode

In Zeiten des Stillstandes gilt: Viele Pläne sind in die Zukunft zu verlegen. Die Vergangenheit taugt nur für Romantiker, die Gegenwart eignet sich eher für Entdecker. Momentan geht das nur in der Nähe, das Fernweh muss sich gedulden. Wie wäre es daher mit Gut Gentzrode? Eine gute Autostunde von Berlin entfernt zwischen Neuruppin und Rheinsberg. Hier ist Brandenburg am Brandenburgischsten. Eine stille Region, in der das einstige Preußen unter jedem aufgehobenem Stein eine Geschichte erzählen kann. Die beige-bunten Steine von Gentzrode berichten von kühnem Größenwahn und kauziger Kleingeisterei.

Auf nach Gentzrode. Seit fast 150 Jahren versteckt sich ein hochherrschaftliches Anwesen in dichtem Kiefernwald. Ein wundersames orientalisches Märchenschloss. Einst Sitz der Kaufmanns-Familie Gentz. Diese gelangte durch Torfabbau zu Wohlstand und reiste viel, bevorzugt in den Orient. Unternehmer Alexander Gentz beauftragte 1876 mit Martin Gropius einen der besten Architekten seiner Zeit. Dieser entwarf mit seinem Partner Heino Schmieden ein wahres Prachtschloss im Zeitgeist des orientalischen Historismus. Geld spielte offenbar keine Rolle. Übrigens: Martins Neffe Walter Gropius sollte als Bauhaus-Architekt weltberühmt werden.

 

Gut Gentzrode. Das Herrenhaus. Mai 2020.

 

Der märkische Goethe Theodor Fontane zeigte sich auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg bei seiner Visite von Schloss, Park und Wirtschaftsgebäuden beeindruckt. „Der Reiz, den diese Gentzroder Schöpfung von Anfang hatte, wird ihr noch auf lange verbleiben, der Reiz, dass hier alles erst im Werden ist. Unsere Teilnahme haftet am Unfertigen. „Was wird sich bewähren, was nicht?, „Wie wird sich´s entwickeln?“ Das sind die Fragen, die von alters her uns an Menschen und Dingen am meisten interessiert haben.“

 

 

Das Schloss brachte dem ehrgeizigen Gentz-Chef kein Glück. Die Familie mit dem „vollkommen dynastischen Gefühl“ übernahm sich mit dem Prachtbau, zudem stagnierte das Torfgeschäft. Kohle löste Torf als billiges Heizmaterial der Hauptstadt ab. Seniorchef Gentz ging kurz nach Fertigstellung des Märchenschlosses „bankrutt“, wurde verhaftet und wegen Betruges verurteilt.  „Er raste, jeder Warnung unzugänglich, in sein Verderben hinein, durch nichts berechtigt oder entschuldigt als durch den Glauben an seinen Stern“, notiert Fontane. Der stolze Bankrotteur musste das Gut „gebrochen an Leib und Seele“ verkaufen.

Fortan wechselte das Schloss munter seine Besitzer, wurde zum reinen Spekulationsobjekt. Amtmänner, Zuckerfabrikanten oder auch ein Konsul gaben sich die Klinke in die Hand. 1934 übernahm die Wehrmacht das Anwesen samt Herrenhaus und funktionierte das riesige Areal zum Schießplatz und Munitionslager um. Nach dem Untergang des Dritten Reiches übernahm 1945 die Rote Armee Gut Gentzrode. Deren 112. Garderaketenbrigade wiederum übergab Herrenhaus, Kornspeicher und das gesamte militärisch genutzte Gelände 1991 kampflos an die Bundesrepublik Deutschland.

 

Turmzimmer. Familie Gentz machte ihr Vermögen mit Torf. Schloss Gentzrode trieb sie in den Ruin. Mai 2020

 

Die neue Zeit brachte Gut Gentzrode keine blühende Zukunft. Im Gegenteil. Der Staat ließ das Areal verkommen, verscherbelte es 2000 an einen Baumschulen-Besitzer, der es wiederum 2010 an eine türkische Baufirma weitervertickte. Aus all den großspurigen Plänen für Golf-Resorts, Hotels oder was-sonst-noch wurde nichts. Die Behörden schauten diskret weg. Nach mittlerweile dreißig Jahren Leerstand ist Gut Gentzrode – ein Denkmal von „nationaler Bedeutung“ – am Ende. Nichts als eine ruinierte Schönheit, ein Lost Places. Ein Ort für Träumer, Pilzsucher und Romantiker.

 

„Ungunst und Wechsel der Zeiten zerstörte, was wir geschaffen“. Detail im Turmzimmer.  Mai 2020

 

Das ist die wundersame Geschichte von einem Spuk-Schloss in Dauer-Quarantäne. Aber vielleicht gibt es doch noch ein Happy End?

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1945 – Ein kurzer Sommernachtstraum

Alles neu macht der Mai. Ein beliebter Kinderreim. In diesen Tagen freuen wir uns über jede Lockerung. Vor 75 Jahren war am 8. Mai 1945 ein ganzes Reich untergegangen. In den Ruinen der „Reichshauptstadt“ notierte die Berliner Schriftstellerin Ruth Andreas Friedrich in ihr Tagebuch: „Wie ein Spuk ist das Dritte Reich zerstoben. Mit den Hakenkreuzfahnen ist auch Herr Hitler auf den Abfallhaufen geflogen. Fahr zur Hölle, Führer und Reichskanzler!“ Über die geschundene Stadt legte sich eine bleierne Stille. Kein Geschützlärm mehr, keine Granaten. Aber auch kein Strom, kein Gas oder etwa Wasser aus der Leitung. Merkwürdig nur: Die Nazis waren plötzlich alle verschwunden. Wohin?

Immerhin: Keine drei Wochen nach der Kapitulation – genau am 26. Mai 1945 – blüht in den Ruinen ein erstes kulturelles Pflänzlein auf. Die Philharmoniker bitten zu ihrem ersten Nachkriegs-Konzert in den Steglitzer Titania-Palast. Das Premieren-Programm hat eine klare Ansage: Auftakt mit der Sommernachtstraum-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dessen Werke waren unter den Nazis zwölf Jahre lang verschwunden, verfemt und verboten. Weiter im Programm folgen Mozart und die Vierte Symphonie von Tschaikowsky. Am Pult steht der 46-jährige Leo Borchard, genannt Andrik. Ein glänzendes Comeback. Das Publikum feiert ihn.

 

Der erste Nachkriegs-Dirigent der Berliner Philharmoniker Leo Borchard. (1899-1945) Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

 

Der erste Nachkriegsdirigent der weltberühmten Berliner Philharmoniker ist ein gebürtiger Moskauer. Anfang 1933 dirigierte er als Shooting Star die »Populären Konzerte«. Doch er musste den Dirigentenstab abgeben, wegen »politischer Unzuverlässigkeit«. Leo Borchard tauchte in Berlin ab, lebte fortan gemeinsam mit der Schriftstellerin Ruth Andreas Friedrich im inneren Exil. Er unterstützte still und effektiv die Widerstandsgruppe Onkel Emil, die im südlichen Bezirk Steglitz Verfolgten Schutz bot. Zwölf Jahre lang ein Leben zwischen Bangen, Hoffen und Warten auf einen Neuanfang.

 

Leo Borchard dirigiert Johann Strauß. Eine seltene Aufnahme von 1933.

 

Endlich. Mai 45. Nach Hitlers Ende nehmen die Berliner Philharmoniker Kontakt zu Leo Borchard auf. Er ist ihr Mann für die Zukunft. Andrik steckt voller Pläne, hat tausend Ideen. Noch gilt in Berlin die Ausgangssperre. Am 23. August 1945 bittet der Besatzungs-Offizier Thomas R. M. Creighton Leo Borchard zu einem Abendessen. Der britische Oberst ist ein großer Musikliebhaber. Die Abendgesellschaft plaudert in der Offiziers-Villa im Grunewald über Bach und Mendelssohn. Spät am Abend soll ein Chauffeur den Musiker zurück in seine Wohnung im amerikanischen Sektor bringen. Die damalige Sektorengrenze am Bundesplatz durchfährt der Fahrer ohne anzuhalten. Weisungsgemäß eröffnet der amerikanische Wachtposten das Feuer. Eine Kugel trifft den Dirigenten tödlich. Das tragische Ende eines hoffnungsvollen Comebacks an der Spitze der Berliner Philharmoniker. Die Hoffnung auf einen Neuanfang blieb ein kurzer Sommernachtstraum.

 

 

Diese Mai-1945-Episode findet sich auch in dem sehr empfehlenswerten Buch von Jens Bisky. Berlin. Biographie einer großen Stadt.