Auf verlorenem Posten

In engen, scharfen Kurven schlängelt sich die Landstraße auf die Höhen des Thüringer Waldes. Geschafft. Zu sehen ist hier oben leider wenig. Es regnet aus Kübeln. Willkommen in Lichtenhain. Letzter Außenposten der einstigen DDR. Das Tor ist mit einem Schloss gesichert. Im Zaun sind Löcher. Durchs Unterholz klettert es sich kinderleicht in eine versunkene Welt. In das Reich der Grenztruppen der DDR. Grenzkompanie Lichtenhain. Gut zwanzig Kilometer entfernt von der einstigen Spielzeugstadt Sonneberg. Zwischen Birken und Kiefern verstecken sich eine Kaserne mit drei Etagen, Kfz-Garagen, eine ehemalige Hundezwingeranlage und ein Munitionsbunker. Regen prasselt auf die Dächer. Was sonst? Absolute Stille. So sieht wohl das Ende der Welt aus.

 

Nicthts bleibt ewig. Reste der 7. DDR-Grenzkompanie Lichtenhain im Juni 2020.

 

Auf der Höhe von Lichtenhain war die 7. Grenzkompanie des Grenzregiments 15 „Herbert Warnke“stationiert. Benannt nach einem verdienten Altkommunisten. Hier bewachten Soldaten einen hügeligen Abschnitt der 1.393 Kilometer langen innerdeutschen Grenze. Genannt „Staatsgrenze West“ oder „Todesstreifen“. Am Ende war dieses Monstrum ein tödlicher Irrtum der Führenden, die sich nicht anders zu helfen wussten, als ihre Macht durch Stolperdrähte, Stacheldraht und Minenfelder zu sichern. „Es gab Mauertote auf beiden Seiten, es sind auch Grenzsoldaten erschossen worden“, sagte vor kurzem Barbara Borchardt, die neue Verfassungsrichterin in Mecklenburg Vorpommern von den Linken. Dafür erntete sie einen Shitstorm.

Die Aussage ist faktisch zutreffend. Doch aus dem Mund einer ehemaligen SED-Genossin nur zynisch. Der Streit um die Notwendigkeit der Mauer ist Teil einer neu entfachten alten Debatte. Was waren die rund 500.000 DDR-Grenzer, die fast vierzig Jahre lang die Teilung bewachten? Heimatschützer oder Mördertruppe? Keiner musste zur Grenze und sich selbst zum KZ-Wächter machen, erklärte einmal SPD-Chef Willy Brandt. Auch diese Aussage ist ergänzungsbedürftig. Denn die meisten an der Grenze waren junge Wehrpflichtige. Konnten sie den Dienst verweigern? Vielleicht. Auf ihnen lastete jedoch die ganze Last der Verantwortung – mit allen Konsequenzen. Im Ernstfall: Schießen oder laufen lassen?

 

Lichtenhain. 2. Etage des Kompaniegebäudes. Erbaut 1968, geschlossen 1990.

 

Am Beispiel jeden einzelnen Grenzers lässt sich die Beziehung des Individuums zur Diktatur wie in einem Brennglas nachvollziehen. Die kleine Anpassung hatte große Folgen. Das System funktionierte. Bis zum Schluss. An den Wänden eines Schuppens in Lichtenhain lassen sich geheimnisvolle Spuren finden. Graffitis. Krakeleien mit Jahreszahlen, Namensinitialen und versteckten Botschaften. EKs, sogenannte Entlassungskandidaten hinterließen Strichlisten und Daten ihres herbeiersehnten Endes des Grenzdienstes. 1988, 1989, 1990. Jahre, in denen das kleine Land materiell und moralisch erschöpft war. Als der Westen leuchtete und jeder Ostler eine Alternative hatte. Als die große Unzufriedenheit im Sommer 1989 in eine Massenabwanderung mündete.

 

Ein beliebtes Ritual. Strichlisten bis zur Entlassung aus dem Grenzdienst markieren. Spuren in einem Schuppen am Eingangstor der Grenzkompanie Lichtenhain.

 

Am 9. November 1989 errangen die Grenzer in der Stunde der größten Niederlage ihren größten Triumph. Die Nationale Volksarmee schoss nicht auf das Volk. Sie ließ die Menschen selbst entscheiden und öffnete die Tore.

Der Regen will nicht aufhören. Ich erfahre, dass die 1968 errichtete Kaserne von Lichtenhain nach der Wende „Übergangsheim“ und auch mal Jugendherberge war. Seit über zehn Jahren steht der „Komplex“ leer. Der verlorene Außenposten liegt im Dornröschenschlaf mitten im 1.106 Kilometer langen Grünen Band quer durch Deutschland. Demnächst soll dieses Schutzgebiet UNESCO-Welterbe werden. Dreißig Jahre nach der Einheit. Der einstige Todesstreifen als grüne Oase. Nichts ist unmöglich…

 

EK 89 = Entlassungskandidat 1989. Inschrift eines Wehrpflichtigen in Lichtenhain. Manche Wände hüten heimliche Botschaften aus DDR-Tagen.

 

xxx

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