Alexander Binder. Anita Berber. 1920

Die Hundertjährige hat Fieber

Seit Monaten darben Berlins Nachtschwärmer. Sie verzagen vor verschlossenen Clubtüren. Was völkische Nazis, sittenstrenge DDR-Funktionäre und selbst der Bombenhagel im letzten Krieg nicht schafften, gelingt diesem kleinen, fiesen Covid-19-Virus. Seit Monaten fallen die legendären Kreuzberger Nächte aus oder tummeln sich maximal virtuell im Netz. Abgesehen vielleicht von einigen heimlichen Treffs in illegalen Kaschemmen oder versteckten Hinterhöfen. Manche Clubs flüchten sich in sogenannte Watchparties. Sie heißen zum Beispiel YWO. Das Kürzel steht für Yes, we`re open. Trotz aller Verheißungen von interaktiven, digitalen Dancefloors: Anfassen ist nicht. Knutschen schon gar nicht.

Tugendwächter mag diese Ruhe diebisch freuen. Berlins Clubleben liegt komplett darnieder. Online-Partys sind nun der letzte Notnagel im hauptstädtischen Nachtleben. Nächtliche Partys vor dem heimischen Laptop sind allerdings genau so verheißungsvoll wie eine Kanne Fencheltee. So lustvoll wie kalorienarmer Süßstoff. Oder verlockend wie ein Schlag Haferschleimsuppe. Das Entscheidende fehlt: Die Bühne. Die Arena zum Balzen, Flirten und Glitzern. Die kurzen Momente des Glücks, in denen Sehnsüchte wie Glühwürmchen umherschwirren, bis sie auf dem Heimweg im Morgengrauen verglühen.

 

Berliner Nachtleben vor einhundert Jahren. Erwartungsfrohe Gäste mit Masken in der „Weißen Maus“. Hier flog Anita Berber 1923 aus dem Laden und erhielt Hausverbot.

 

Der Vorhang zum echten, wilden Leben bleibt zu. Wie genau vor hundert Jahren, als die Spanische Grippe wütete. Damals raffte die Pandemie in Europa Millionen Menschen hinweg. Ohne Warn-App, Lock-Down oder besorgte Wutbürger, die an die Kraft kosmischer Strahlen glauben. Über diese Zeit ist wenig überliefert. Die Chronisten berichten lieber über den aufkommenden Berlin-Mythos der Zwanziger Jahre. Die Boheme berauschte sich an „Ausdruckstanz“, Cognac und Morphium.  Alles wurde kürzer: die Haare, die Kleider, die Liebe, der Schlaf. In jedem zweiten Nachtlokal verkaufte die Toilettenfrau den Stoff, so heißt es, der Künstler, Großbürger und Kleinkriminelle am Laufen hielt: Kokain. Klaus Mann notierte: „Früher mal hatten wir eine Armee, jetzt haben wir prima Perversitäten! Laster noch und noch! Kolossale Auswahl! Das muss man gesehen haben!“ Die moderne Großstadt als „Hure Babylon“.

 

 

Der Tanz auf dem Vulkan. Die Ikone der wilden Nächte war Anita Berber. Sie trat im „Wintergarten“, in der „Rakete“ oder im „Toppkeller“ auf, meist vor gutsitierten Gaffern. Sie tanzte bis die letzten Kleidungsstücke und Hemmungen fielen. Es gibt unzählige Anekdoten über diese Königin der Berliner Nächte. Otto Dix verewigte sie als dämonische Diva. Angezogen, im knallroten hochgeschlossenen Kleid. Von Kopf bis Fuß Grand Dame. Geheimnisvoll, gealtert, unnahbar. Der Chef der „Weißen Maus“ soll Anita Berber 1923 vor die Tür gesetzt haben. Sie habe im Rausch einem aufdringlichen Gast eine Flasche Champagner über den Schädel gebraten.

 

So sah Otto Dix die 25-jährige Anita Berber. Er malte sie ganz in Rot und als deutlich ältere Dame. Die Nazis entfernten das Porträt von 1925 als „entartet“ aus dem Nürnberger Museum. Heute ist es im Kunstmuseum in Stuttgart zu sehen.

 

Was aus der Tänzerin des Lasters wurde? Sie starb 1928 an Tuberkulose, krank und vereinsamt im Alter von gerade einmal 29 Jahren. Das Ende der wilden Berliner Lasterjahre nur wenige Jahre später blieb ihr erspart. Ein Finale des Grauens, als in den Clubs „ohne Herzbeschwerden“ noch gelacht und getanzt wurde, so Harry Graf Kessler, während in den Straßen längst Menschen starben. Als die Nationalsozialisten nach der Macht griffen, um im „brodelnden Kessel“, im „Sündenbabel Berlin“ endlich „aufzuräumen“.

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