Brandenburger Tor 1989. Aufnahme von einem sowjetischen Hubschrauber. Quelle: BSTU

Mit dem Kopf durch die Wand

Wozu sind Menschen fähig? Wann verweigern sie sich? Eine alte Formel sagt: Vierzig Jahre Machterhalt sind ein einigermaßen verlässlicher Richtwert. Vierzig Jahre brauchte es, bis Moses sein Volk ins Gelobte Land führen konnte. Vierzig Jahre hielt das DDR-Versprechen einer neuen Gesellschaft, bis sie zusammenbrach. Seit über dreißig Jahren regieren die neuen Masters of the Universe. Die gutverdienenden Piloten des Turbo-Kapitalismus. Die smarten Chefs von Amazon bis Google. Auch sie versprechen eine bessere Welt.

 

Letzte stumme Zeugen. Ein versteckter Wachturm in Berlin-Köpenick im Sommer 2020. Ort: eine ehem. Ausbildungsstätte der Grenztruppen, heute ein Schrottplatz.

 

Die DDR sicherte ihr „Paradies“-Versprechen mit Hilfe von Mauern und einem hoch gerüsteten Apparat. In vierzig Jahren Grenze standen über 500.000 Deutsche in der Uniform der DDR-Grenztruppen. Wer waren diese Menschen? Wie denken Sie heute? – Sie hatten mit der Waffe den Schutzwall gegen Imperialismus, Revanchismus und Faschismus zu verteidigen. So verklärte die SED-Propaganda bis zum letzten Tage ihr Monument der Abschottung. Viele Familien in der DDR hatten Angehörige, die „an die Grenze“ mussten. Sie wurden nach der Wende Unternehmer, Verleger, Bürgerrechtler, Immobilienmakler, SED-Opferbeauftragter oder Ministerpräsident. Das Schweigen über ihre Grenz-Erfahrungen ist das einigende unsichtbares Band, das sie verbindet.

 

Gescheiterte Flucht mit Citroen im Mai 1989 am Grenzübergang Stolpe zu West-Berlin. Der 27-jährige Fahrer überlebte schwerverletzt und wurde festgenommen. Ein halbes Jahr später wird der Weg für alle frei. Quelle: BSTU

 

Nach Jahren der Recherche konnte ich das Vertrauen von einigen Ex-Grenzern gewinnen. Mich interessierte, wie die damals 18- bis 20-jährigen mit der Last ihrer Verantwortung umgingen. Denn das System überließ am Ende jedem einzelnen Soldaten ein folgenschweres Dilemma. Was tun, wenn plötzlich im Abschnitt jemand flüchten will? Schießen oder laufen lassen? Ein irrer Konflikt, der meine Gesprächspartner bis heute belastet. Ich lernte, dass einige aus Idealismus, andere aus Überzeugung, die allermeisten jedoch ängstlich und total gestresst ihre Zeit an der Grenze absolvierten. Der innerdeutsche Todesstreifen war das Kainsmal der DDR. Bei „Grenzalarm“ war auf Flüchtlinge zu schießen war, um „Grenzverletzer“ wie es in der Vergatterung hieß, zu „vernichten“.

 

Lied der Grenzer, 1981

„Wir Grenzsoldaten halten Wacht, sind nicht zu überlisten. An unseren Grenzen bricht die Macht der Imperialisten. Es hat sich schon so mancher hier den Schädel eingerannt. In unser Haus geht´s durch die Tür und nicht durch die Wand.“

 

 

Die ganze Perfidie dieses Grenzregimes zeigte sich nach der Einheit. Für Kalte Krieger blieben DDR-Grenzer eine „Mördertruppe“. SED-Altkader sprachen hingegen von westlicher „Siegerjustiz“. Die Folge: Abertausende Menschen im einstigen Sperrgebiet zogen sich zurück, verhüllten sich mit einem dicken Mantel des Schweigens. Grenzer wurden nach der Stasi zum Sündenbock, zum Symbol des Scheitern eines Systems. Bloß nichts sagen! Vergessen jedoch wird, dass die Grenzsoldaten in der Stunde ihrer größten Niederlage ihren wichtigsten Erfolg errangen. Sie ignorierten in der Nacht der Maueröffnung bestehende Befehle und folgten dem gesunden Menschenverstand. Sie standen am 9. November 1989 an der Seite des Volkes. So machte die Nationale Volksarmee ihrem Namen als Armee des Volkes alle Ehre.

 

Pariser Platz und Brandenburger Tor. Das Symbol der deutschen Teilung. Aufnahme aus dem Sommer 1989. Quelle: BSTU

 

Im September 2020 ist meine 45-minütige ZDF-Dokumentation im ZDF-Hauptprogramm und auf ZDF-Info zu sehen. Hier bereits vorab online  „Am Todesstreifen – DDR-Grenzer erzählen“

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