Lachen über A.

New York. Große Kino-Premiere in Manhattan an einem Herbstabend Mitte Oktober 1940. Auf der Leinwand erscheint „Der große Diktator“. Charlie Chaplins erster Tonfilm überhaupt. Die Hitler-Parodie wird ein Kassenmagnet. Zwar mäkeln einige Kritiker, der Zweistundenfilm sei an manchen Stellen zu kitschig geraten. Doch die Verwechslungskomödie vom kleinen Friseur Anton Hinkel und dem großen Diktator A.H. trifft den Nerv in einer Zeit, in der Hitler in Europa von Sieg zu Sieg eilt. Chaplins Meisterwerk spielt im Tomanischen Reich. Mit dabei sind Gorbitsch-Goebbels und der dicke Hering-Göring. Diktator Hinkel benutzt am liebsten sein Schimpfwort „Schtonk“. Demokratie ist Schtonk! Liberty ist Schtonk! Free Sprecken ist Schtonk!

 

Der Große Diktator wird 80. Original Filmplakat von 1940.

 

Perfektionist Chaplin sagte über seinen Film für den er viele Klinken putzen musste und vor dem konservative Kreise warnten: „Das Lustigste auf der Welt kann für mich sein, Angeber und Wichtigtuer in hohen Stellungen lächerlich zu machen. Je größer der Angeber ist, an dem man arbeitet, desto besser stehen die Chancen für einen lustigen Film – und es wäre schwierig, einen anderen Angeber vom Kaliber Hitlers zu finden.“

Die bewegende Schlussrede im Film hält folglich der falsche Hitler, der kleine jüdische Friseur Hinkel aus Wien. „Nur wer nicht geliebt wird, hasst“, setzt er vor verdutzten Parteigenossen an und steigert sich zu einem flammenden Plädoyer für Demokratie und Menschenrechte. Friseur Hinkel bedeutet Menschlichkeit einfach entscheidend mehr als Macht. So erobert er – natürlich – das Herz seiner geliebten Hannah. Coldplay hat übrigens Chaplins Rede für den Song A Head Full of Dreams neu interpretiert.

 

 

Hitler und Chaplin sind beide im April 1889 geboren. Hitler trug seinen Schnauzer ähnlich wie Chaplins Filmfigur des Tramps. Das mag Zufall gewesen sein, diese Manneszierde war in den Zwanzigern modischer Zeitgeist. Das war es aber auch mit den Gemeinsamkeiten. Hitlers Kampfblatt „Stürmer“ hetzte bereits 1926 gegen den britischen Komiker und behauptete Chaplin sei Jude. „Seine Handlungen sind die eines Tagediebes, der immer wieder mit den Gesetzen in Konflikt kommt.“ Eine reine Propagandalüge. Chaplin war nie Jude. Als der Weltstar im März 1931 Berlin besuchte, organisierten Nazis  Anti-Chaplin-Demonstrationen.

 

Charlie Chaplin vor dem Reichstag in Berlin. März 1931

 

Hitler soll den Film angeblich zweimal angefordert haben. Belegt ist das nicht, aber eine andere Anekdote. Titos Partisanen tauschten im besetzten Jugoslawien einen deutschen Propaganda-Film in einem Wehrmachtskino gegen eine Chaplin-Kopie aus. Offiziere stoppten nach der Hälfte den Großen Diktator und drohten, den Filmvorführer zu erschießen. Im Nachkriegs-Deutschland kam „Der große Diktator“ erst 1958, dreizehn Jahre nach Kriegsende,  in die Kinos. Charlie Chaplin musste sich zeitlebens gegen Vorwürfe wehren, er habe Hitlers Verbrechen verharmlost: „Hätte ich von dem Grauen in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte ‚Der große Diktator‘ nicht machen können.“

 

 

Mehr in „Das Charlie Chaplin Archiv“. Herausgegeben von Paul Duncan.

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