Carl Spitzweg. Der arme Poet. Erste Fassung

Wo ist der arme Poet?

In einer Dachstube hat sich der arme Schlucker in sein Bett verkrochen. Der Ofen ist aus. Das Dach ist undicht, selbst der Regenschirm hat Löcher. Vermutlich sucht er nach den richtigen Zeilen, hofft auf eine göttliche Eingebung. Was immer man im Bildnis des Überlebenskünstlers sehen möchte: Der arme Poet von Carl Spitzweg aus dem Jahre 1839 ist ein Lieblingsbild der Deutschen. Spitzweg hat es selbst wenig Glück gebracht. Die ersten Kritiken waren so vernichtend, dass Spitzweg seine Bilder nicht mehr mit seinem Namen signierte. Als er seinen Poeten 1841 dem Münchner Kunstverein anbot, lehnte die Jury kühl ab.

Der brave Poet mit der Biedermeier-Schlafmütze sollte das Meisterwerk von Spitzweg werden. Als Vorbild diente ihm vermutlich der Münchner Dichterfreund Mathias Etenhueber, der stets klamm war. Drei Versionen malte Spitzweg. Die Erstfassung befindet sich in Privatbesitz, die zweite Fassung hängt in der Neuen Pinakothek in München. Das dritte Poeten-Meisterwerk sollte eigentlich in Berlin zu sehen sein. Aber es wurde geklaut. Gleich zweimal.

 

Carl Spitzwegs dritte Version vom Armen Poeten. 1989 in Berlin gestohlen, seitdem verschollen.

 

Neue Natio­nal­ga­le­rie Berlin am 12. Dezem­ber 1976 gegen 13 Uhr. Der Aktionskünstler Frank Uwe Laysiepen – genannt Ulay – verlässt unbemerkt mit dem 36 x 45 cm großen Poeten-Bild unterm Arm das Haus. „Links­ra­di­ka­ler raubt unser schöns­tes Bild!“ schäumt die Bild-Zeitung. Ulay schleppt das Werk zum Künstlerhaus Bethanien, dokumentiert jeden Schritt mit der Kamera und erklärt den Kunstraub zur Kunstkritik. Seine damalige Lebensgefährtin Marina Abra­mović soll an der Entführung betei­ligt gewesen sein. Abra­mović zählt heute zu den berühmtesten Aktionskünstlern der Welt. Stunden später gibt Poeten-Räuber Ulay das Bild zurück.

 

Der Arme Poet wird geklaut. Ulays Kunstraub 1976, zur Kunstkritik erklärt. Das Bild wird zurückgegeben. Quelle: Ulay

 

Schloss Charlottenburg am 3. September 1989. Diesmal schleichen sich heimlich professionelle Kunsträuber in die Räume. Sie reißen den armen Poeten zusammen mit Spitzwegs Werk Der Liebesbrief gewaltsam von der Wand. Beide Bilder sind seit drei Jahrzehnten nicht wieder aufgetaucht, sie gelten als verschollen. Der Schätzwert von Spitzwegs Poeten liegt bei einer halben Million Euro aufwärts.

 

Marina Abramovic und Ulay 1980. Rest Energy. Quelle: MoMa

 

Und heute? Da kauert der arme Poet pandemiebedingt und zum Stillstand verurteilt in seiner Schreibstube und weiß nicht wie er über die Runden kommen soll. Er füllt fleißig Anträge auf Förderung aus, schwankt zwischen Hoffen und Bangen. Unabhängigkeit hat seinen Preis, heißt es. Seit Spitzwegs Zeiten vor fast 200 Jahren hat sich die Welt turbulent gedreht. Doch das Schicksal des armen Poeten ist geblieben. Vielleicht regnet es bei den modernen Solo-Selbstständigen nicht mehr durchs Dach?

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