Anestiev. Virus

Eine Klinik funkt SOS

„Wenn es so weitergeht mit dem Trend, haben wir an Weihnachten 19.200 Infektionen am Tag“, sagte Angela Merkel Anfang Oktober 2020. Nur wenige hörten zu. Tausende gingen auf die Straße, um „gegen die Corona-Diktatur“ zu demonstrieren. Seit Tagen liegt die Zahl der Neuinfizierten höher. Wenn die Zeiten mies sind, sollte man Komödien inszenieren, meinte einmal Hollywood-Ikone Billy Wilder. Ich verstoße gegen dieses ungeschriebene Gesetz, in der Hoffnung, diejenigen zu unterstützen, die in dieser Covid-Krise nicht lautstark protestieren, sondern leise ihren Job machen. Bis zur Erschöpfung.

 

Aufnahmestopp im Klinikum Niederlausitz. Die Klinik in Senftenberg (Brandenburg) funkt SOS. Foto: Wikipedia

 

Dieser Hilferuf kommt aus dem Klinikum Niederlausitz. Dort herrscht Aufnahmestopp. Der Grund: Im Raum Senftenberg/Weißwasser (Brandenburg/Sachsen) steigt „die Zahl der schweren Verläufe und Sterbefälle“. Die Situation für Ärzte und Pflegekräfte sei nur noch schwer auszuhalten, heißt es in einer Mitteilung vom 4. Dezember 2020. Thomas Schneider, Leitender Oberarzt auf der Intensivstation des Klinikums, schildert seine Erfahrungen der letzten Tage:

„Alles hat sich verändert. Wir haben jetzt knapp fünfzig Patienten, und jeden Tag kommen neue dazu. Die Patienten sind schwer krank. Sie sind stark pflegebedürftig. Die Belastung für die Ärzte, Pflegepersonal, Servicepersonal, Reinigungskräfte, Physiotherapeuten ist immens. Uns fehlt das Verständnis für Menschen, die das Krankheitsbild kleinreden oder gar leugnen. Covid-19 ist eine Multisystemerkrankung. Die Lunge ist nur eines der Systeme, das betroffen ist. Das Gehirn ist betroffen. Wir sehen Patienten, die Schlaganfälle aufgrund einer Corona-Infektion haben, wir sehen Nierenerkrankungen, wir sehen Leberversagen, wir sehen Darmversagen, wir sehen Schäden des zentralen Nervensystems.“

 

Appell des Klinikums Niederlausitz: „Zuhause bleiben.“ Foto: RitaE

 

Der Oberarzt erklärt weiter: „Das Spektrum reicht von leichten Verläufen bis zu schweren Verläufen und geht quer durch die Bevölkerung, ob jung oder alt – das macht keinen Unterschied. Das wirkt für viele vielleicht sehr abstrakt. Für den Einzelnen scheint gerade alles in Ordnung zu sein. Hinter den Mauern im Krankenhaus in Senftenberg liegen aber rund 50 Covid-Patienten. Wir müssen viele Patienten verabschieden, die das Krankheitsbild nicht überstehen, trotz maximaler Intensivtherapie. Lange, schwere Verläufe sind nicht die Seltenheit.“

Fachschwester Petra Quittel über ihre Arbeit auf der Intensivstation: „Meine Patienten haben Corona, keinen Schnupfen. Einer kämpft um sein Leben, er lässt sich nur sehr schwer beatmen, seine Werte werden immer schlechter. Versteht das jemand draußen, wenn ich sage, der bekommt sein CO2 nicht aus seinem Körper abgeatmet? Wohl nur wenige. Der andere Patient schaut mich bei der Morgenhygiene ängstlich an, er sieht seinen sterbenskranken Nachbarpatienten. Er benötigt Unterstützung beim Atmen, aber noch schafft er es selbständig, fragt sich nur wie lange. Bei jeder Anstrengung wird es knapp mit seiner Luft. Er schafft es heute nicht vor dem Bett ein paar Schritte zu gehen, zum Essen hat er keine Kraft.“

 

Klinikum Niederlausitz am 4. Dezember 2020: „Reduzieren Sie Kontakte, schützen Sie sich und andere!“

 

Einziger Rat von Arzt und Intensivschwester: „Bleiben Sie zu Hause, reduzieren Sie Kontakte, schützen Sie sich und andere!“

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