Einen alten Baum…

… verpflanzt man nicht. Sagt der Volksmund. Ben Wagin ist 91 Jahre alt. Knorrig, nicht mehr ganz knackig. Doch im Denken, Fühlen, Handeln kreativer als die meisten der jüngeren Nachgeborenen. Ben ist eine echte Berliner Pflanze. Baumpate, Bildhauer, Lebenskünstler, Maler und unermüdlicher Kämpfer Er duzt jede(n), egal ob be-porschter Makler, mächtiger Minister oder tatendurstige Feministin. Ben ist sauer. Mächtig sauer. Sein letztes großes Wandbild soll weg. Und zwar flott. Zum 30. Juni 2021. Da ist nicht mehr viel Zeit. Die bittere Pointe: Sein Weckruf für mehr Umweltschutz aus den Achtzigern soll weichen – im Namen des Umweltschutzes. Die schwarzbraune verrußte Ziegelwand erhält einen neuen Dämmputz.

 

Ben Wagin, 2013. Der Mann mit Mütze sanierte vor acht Jahren seinen Weltenbaum II. Nun soll das riesige Werk verschwinden.

 

„Wir trinken was wir pinkeln!“ Wie oft habe ich am S-Bahnhof Savignyplatz auf seinen Weltenbaum II geschaut? Ich kann es nicht mehr zählen. Meistens so lange, bis die nächste Bahn kam und mich nach Berlin-Mitte beförderte. Sein Werk ist 105 Meter lange Kunst. In der Mitte ein Riesenbaum mit Ästen, züngelnder Schlange, verzweifelten Gesichtern, Trauernden, Toten, dazwischen ein Mädchen, das lächelt. „Idealisten sind immer in der Gefahr/An ihrem Idealismus zugrunde zu gehen.“ Schiller grüßt. Wagin schrieb es in den achtziger Jahren an die Wand, als die Züge seltener fuhren, als die Mauer die Stadt noch stabil teilte.

 

Weltenbaum II. Detail. Berlin. S-Bahnhof Savignyplatz.

 

„Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur.“ Seinen Satz auf seinem riesigem in die Jahre gekommenen Wandbild hat sich mir eingebrannt. Ob die Smartphone-Generation Wagins Botschaften noch wahrnimmt? Heute heißt auf den Zug warten, aufs Gerät starren und subito zum nächsten Bild wischen. Was man verpasst? DenWeltenbaum II, 2013 komplett saniert. Das Wagin-Gesamtwerk verbindet bekannte Künstler wie Beuys, Grass oder Frida Kahlo, schlägt eine Brücke von den Nazi-Jahren 1933 bis 1945 bis zur Umweltzerstörung unserer Tage. Wagins Werk soll nun „irgendwie“ gerettet werden. Nach Vorstellungen von Investoren und mancher Politiker am besten im Internet. Als Instagram-News. Dann sehen es die Menschen vielleicht wieder.

 

Alt wie ein Baum. Der Putz fällt ab. Im Namen des Umweltschutzes soll der Umweltbaum weg. Frist des Investors bis 30. Juni 2021.

 

Alt wie ein Baum. Ben Wagin hat in seinem langen Leben an die 50.000 Bäume gepflanzt. Als Junge musste er am Ende des II. Weltkrieges aus den ehemaligen Ostgebieten nach West-Berlin flüchten. Der Großvater gab ihm eine Lebensweisheit mit: „Egal, was kommen wird, die Bäume werden zu dir sprechen.“ Wenigstens sein bekanntes Parlament der Bäume am Reichstag genießt Denkmalschutz. Was wird nun aus seinem großen Lebenswerk? Ein Umpflanzen des Weltenbaums ist kaum möglich, dem Künstler fehlt das Geld und mit seinen 91 Jahren vielleicht auch die Kraft. Ob sein Werk auf Dämmschutzplatten gepinselt werden kann? Kaum vorstellbar. Der ewigjunge Ben Wagin zitiert einen anderen alten, sperrigen Idealisten: Ernst Jünger. „Bruder Mensch hat uns schon oft verlassen. Bruder Baum nie.“

 

Weltenbaum II. Detail. S-Bahnhof Savignyplatz.

 

Weltenbaum II ist noch zu sehen am S-Bahnhof Savignyplatz. 24/7. Eintritt frei. Soundtechnisch untermalt von der Berliner S-Bahn.

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