Wenn der Schuh drückt

Es riecht nach Leder und nach frischem Kleber. Endlich geschafft! Ein Schuster, der noch besohlt. Mittlerweile sind Handwerker gefragt wie eine bezahlbare Wohnung in der Innenstadt. Schuhmacher sind mindestens so begehrt wie faire Vermieter. Schnaufend erbarmt sich Meister Luschanski aus dem hinteren Teil seiner kleinen Werkstatt in den Verkaufsraum. Mit Kennerblick zieht er seine buschigen Augenbrauen kraus, als er meine desolaten Treter auf dem Ladentisch begutachtet. Es ist ein dänischer Markenschuh, keine Billigware. Er ist mir an den Fuß gewachsen. Ich will mich nicht trennen. Die Gummi-Sohle hat sich an der Schuhspitze aufgerollt. Akute Solpergefahr. Mmh, meint der Meister. „Alles Plastik! Keine Qualität. Das hält höchstens drei, vier Jahre.“ – „Vor genau zwei Jahren gekauft“, entgegne ich. „Sehnse, das ist das Elend. Ein Wegwerfartikel.“

 

 

Ich bereite mich auf das Schlimmste vor. Ich muss wohl Abschied nehmen von meinen bequemen Fußgefährten. „Macht 89 Euro! Mit Ledersohlen, die auch halten“, sagt der Meister und sieht meine überraschten Augen sprechen. „Gut. Ich mach´s für 80,-. Gegen Vorkasse aber nur in bar. Kartengerät habe ich nicht. Zwei Wochen Wartezeit. Ich habe viel zu tun.“ Ein „Noch“ schiebt er rasch hinterher. Schuster seien ein aussterbender Beruf, wie früher die Kohlekumpel. Die Zeiten seien längst vorbei, als es für seinen Berufsstand hieß „Handwerk hat goldenen Boden.“ Dann legt er los. Erzählt, dass er von einigen anhänglichen älteren Herrschaften aus den besseren Berliner Vierteln lebe, die ihre Schuhe bis zu zwölf- oder dreizehn Mal besohlen lassen. „Gute Schuhe können ein Leben lang halten“, betont er. „Drei bis vier Paare reichen. Mehr braucht kein Mensch“. Aber die Generation Greta trage nur noch Turnschuhe oder Sneakers. Die landen zum Saubermachen in der Waschmaschine, wenig später im Mülleimer.

 

Schuhe zum Lüften. Gesehen in Flensburg.

 

Tja. So ist das, sagen seine Augen. Er prüft noch einmal die kaputte Plastiksohle. Dann lehnt sich der Meister über den Ladentisch. Nachhaltig soll alles sein, erklärt er, die Umwelt wolle man schützen, aber die Menschen trügen heutzutage zusammengeklebte Plastiktüten um die Füße. Gesund sei das nicht. Nicht für die Füße. Nicht für die Umwelt, nicht für den Mittelstand, der noch repariert und bewahrt. Schuhmacher befänden sich auf verlorenem Posten. Von der eigenen Hände Arbeit könne keiner mehr richtig leben, sprudelt es weiter. Vielleicht wird aus seinem Laden bald ein Sushi-Lieferservice oder ein Späti.

 

Frisch besohlt? – Nur gegen Vorkasse.

 

Ob er Hoffnung habe, dass sich was ändere? Meister Luschanski lacht kurz laut und gallig auf. „Christian Lindner verspricht uns ja alles. Aber am Ende denkt er nur an sich selbst. Kannste abhaken!“ Ich gebe ihm meine Anzahlung. Er überreicht mir den Abholschein wie eine Reliquie und dankt für mein Vertrauen. Ach, was für ein schönes altmodisches Wort: Vertrauen.

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