Cornelia Schleime. Ich habe noch einen Trumpf im Ärmel.

Schau mal

Sie reist gerne. Ein Notizblock ist immer dabei. Was ihr unterwegs auffällt, zeichnet sie. Es sind erste Eindrücke und Ideen, die zu Skizzen oder Entwürfen werden. Manche Anregungen werden zu eigenständigen Werken, die meisten landen im Papierkorb. Die Malerin Cornelia Schleime schaut ganz genau hin. Aus ihren Begegnungen werden Bilder, die eine eigene Sprache sprechen. Porträts vor allem. Ihre Bilder sind ein Akt der Verlangsamung. So kann sie festhalten, was sie wirklich spannend oder aufregend findet. Ihre Frauen sind Spiegel einer überreizten und vergnügungssüchtigen gleichwohl erschöpften wie gelangweilten Gesellschaft. Kann eine Künstlerin mit 68 Jahren noch Punk sein? Cornelia Schleime: „Warum nicht? Ich habe mir meine Wut erhalten.“

 

Cornelia Schleime. Drei Schritte und ein Atemzug. 2021

 

Die Ost-Berlinerin lernte Friseurin, jobbte als Pferdepflegerin. Dabei wollte sie mit 17 Jahren Künstlerin werden. Doch die DDR, in der sie aufwuchs, setzte enge Grenzen. So probierte sie sich aus: als Grenzgängerin. Sie war Punkband-Frontfrau, Friedhofwächterin, Aktmodell und Fotografin. Sie studierte Malerei in Dresden, lernte mit 18 Sascha Anderson kennen, der die Ost-Untergrund-Szene anführte und an die Stasi verriet. Seine Freundin Conny gleich mit. Schleime hatte Berufsverbot, als sie mit dreißig das kleine DDR-Land mit dem großen Anspruch verließ. Das war 1984. Sie reiste „mit Sohn Moritz, einem Koffer und einem Federbett“ nach West-Berlin aus. Zurück blieben rund 100 Ölbilder und 1.000 Zeichnungen, die bis heute nicht mehr aufgetaucht sind.

 

Cornelia Schleime. Kalte Schulter II, 2015

Neu anfangen. Sich nichts vorschreiben lassen. Den eigenen Weg gehen. Ihr Motto: „In der Kunst bin ich die Domina“. Sie eckt weiter an, weil der westliche Kunstbetrieb andere, subtile Grenzen kennt. Hier wird eine Fertigkeit verlangt, die im Osten nicht gelernt wurde: Die Kunst der Selbstvermarktung. Sie bereist die Welt, von New York bis Indonesien, von Kenia bis ins Ruppiner Land. Dort lässt sie sich nieder. Mit Hund, Katzen und Nachbarn, die misstrauisch über den Zaun schauen. „Ich bin nicht in der Berliner Szene. Ich bin gerne allein. Ich brauche die Ruhe, damit die Kunst aus mir herauskommt“. Was denken die Dörfler über den zugeflogenen Paradiesvogel? Sie schweigen, aber sie akzeptieren mich, meint Schleime: „Ach. Ich sage, was ich denke. Das verstehen die Leute.“ Und noch etwas fällt ihr auf: „Die Städter geben sich vital, sind aber melancholisch. Die Brandenburger geben sich starrköpfig, sind aber viel schlauer und flexibler.“

 

 

Cornelia Schleime.Ich sehe was, was ihr nicht seht. 2003.

 

So schreibt sie Geschichten, aus denen ihr fröhliches Kichern, Klappern und Küssen tropft. „Weit fort“, zum Beispiel, ihre Lebensgeschichte als Roman, als Einstieg sehr zu empfehlen. Und sie malt, was das Zeug hält. Auch den Papst, wenn es sein muss. Den polnischen Wojtyla, der an Parkinson litt. Conny Schleime war als junges Mädchen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Sie bleibt sich treu. Nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Porträts erzählen von selbstbewussten, ungebrochenen Menschen, die nicht aufgeben. Der Blick ihrer meist weiblichen Heldinnen ist in die Zukunft gerichtet. Sie schauen uns an: Was wird? Die Antworten sollen wir selbst finden. Cornelia Schleime malt weiter, weil die Kunst ihr Leben ist. So wichtig wie das Licht und unser tägliches Brot.

Cornelia Schleime. Drei Schritte und ein Atemzug. Galerie Schlichtenmaier. Stuttgart. Bis 7. Januar 2022

 

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