„Grundlos vergnügt“

Alles war schon einmal da. Krisen, Epidemien, eine selbstverliebte Elite, verbitterte Abgehängte. Das Leben kennt kein Pardon. Siege und Niederlagen liegen oft nur einen Wimpernschlag entfernt. Genauso Hoffnungen und Hilflosigkeit, Euphorie und Enttäuschungen. Alles kommt wieder. Vor hundert Jahren wie heute. Seien wir also „sozusagen grundlos vergnügt“. Das meint eine kleine, quirlige Frau mit Witz und Esprit, die Ende der „Goldenen Zwanziger“ die Berliner Welt im Vorübergehen entdeckt, erobert und elektrisiert hat. Sie heißt Golda Malka Aufen. Besser bekannt unter dem Künstlernamen Mascha Kaléko. Ihr Motto: Ich schaue mir die Welt an, solange es sie noch gibt. Magisch zieht sie Träumer, Abenteurer und Idealisten an. Ihre Gedichte sind wie Eispickel, die einen zugefrorenen See spielend leicht knacken. Was sie nicht ertragen kann: Träumer, die nur reden, aber keinen tropfenden Wasserhahn reparieren können. Oder Kerle, die beim ersten größeren Problem weglaufen.

Sozusagen grundlos vergnügtRezitation: Carmen-Maja Antoni.

 

Mascha Kaléko starb zurückgezogen und vergessen in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Heutzutage wird die Berlinerin mit Geburtsort im galizischen Chrzanóv in Literaturkreisen gefeiert. Die heiter-zarte Melancholikerin hat viele Fans. Diese Großstadtlerche, die unbekümmert ihr Leben in vollen Zügen genoss. Eine Kostprobe? – Was, bitteschön? Das ist wohl nicht mehr als eine kurze Affäre. Warum eigentlich nicht, überlegt sie und schläft zuhause federleicht ein. Neben ihrem Ehemann. So beschreibt Florian Illies Mascha in seinem Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“.

Gedichte gelten als altmodisch, nicht Instagram-kompatibel. Doch sie können mitten ins Herz treffen. Wer sich Zeit und Geduld nimmt, wird belohnt. Und wie! Auf geht´s. Auf dieser Seite nun Mascha Kaléko. Mit zwei kurzen Texten zum Hören, Träumen, Genießen und Entdecken.

 

Kompliziertes Innenleben. Rezitation: Elke Heidenreich

 

Mascha verlebte in Berlin eine überwiegend heiter-unbeschwerte Jugend. Sie probierte sich aus, provozierte, begeisterte ihr Publikum. Als die Nazis an die Macht kamen, war sie 26 Jahre alt. Ihre Texte wurden 1935 als „schädliche und unerwünschte Schriften“ verboten. Sie konnte rechtzeitig in die USA emigrieren. Nach dem Krieg sollte sie 1960 in der Stadt ihrer hoffnungsfrohen Blüte den „Fontane-Preis“ der Akademie der Künste erhalten. Als sie im Mai 1959 erfuhr, dass ein früherer SS-Standartenführer in der Jury saß, lehnte sie die Nominierung ab. Die Akademie beschwichtigte und stufte dessen SS-Zeit als Jugendtorheit ein. Außerdem wurde ihr mitgeteilt, „wenn es „den Emigranten nicht gefalle, wie wir hier die Dinge handhaben,“ sollten sie fortbleiben. Nach diesem verbalen Fußtritt zog sie mit ihrem Mann nach Israel. Dort aber fehlte ihr die deutsche Sprache wie die Luft zum Atmen.

Ein letztes Mal überlegte Mascha Mitte der siebziger Jahre nach (West) Berlin zurückzukehren. Dazu kam es nicht mehr.  Sie erlag in Zürich einem Krebsleiden, gut ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes. Maschas letzte Ruhestätte ist auf dem Jüdischen Friedhof in Zürich zu finden. Ihre Gedichte aber bleiben und sind lebendiger als je zuvor.

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