George Grosz. American Couple. 1932.

Eine Russland-Reise

Ein renommierter Berliner Maler und ein bekannter Schriftsteller reisen für fünf Monate nach Russland. Der Künstler George Grosz will selbst herausfinden, was es mit dem neuen Riesenreich auf sich hat, wie die junge Sowjetunion einen „neuen Menschen“ hervorbringen will. Reiseauftrag: Martin Anderson Nexö soll ein Buch über Russland schreiben und George Grosz die Illustrationen übernehmen. Ihre Reiseroute führt sie über Finnland nach Leningrad und Moskau. Sie erhalten die Ehre einer Audienz im Kreml bei Wladimir Iljtsch Lenin.  Sie treffen auch mit Leo Trotzki zusammen. Doch die Reise nach Russland führt zum offenen Streit zwischen Grosz und Nexö. Das geplante Buch wird nie erscheinen. Die Reise war vor genau 100 Jahren

 

George Grosz. Die Stützen der Gesellschaft. 1926

 

Der gebürtige Berliner Grosz gilt als der genaueste Chronist der wilden Weimarer Jahre. Nach dem I. Weltkrieg tritt der Maler 1919 der KPD bei. Nach einem kurzen Gastspiel als Dadaist streitet er künstlerisch für einen neuen linken Klassizismus. Kernpunkte sind Kollektivität statt Individualismus, Ordnung statt Anarchie, Tradition statt Kunstfeindlichkeit. Seine Russland -Reise verstört ihn. Der Individualist Grosz will nicht Opfer seines politischen Dogmas werden. Für ihn als unabhängigen Künstler ist das Leben in einer normierten Gesellschaft eine absurde Vorstellung. Er möchte kein Kulissenmaler sein, der planmäßig Auftragskunst abliefert – nach der Lenin-Formel „Kommunismus ist gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“.

 

„Der Überfall“ von 1912. Der frühe Grosz, als er noch Georg Ehrenfried Gross hieß. Im I. Weltkrieg gab er sich 1916 den Künstlernamen George Grosz.

 

Er bricht mit seinen eigenen Illusionen und tritt 1923 wieder aus der KPD aus. Die Russland-Reise hat ihm die Augen geöffnet. Grosz bleibt sich jedoch treu. Die herrschenden Verhältnisse im eigenen Lande kritisiert er scharfsinnig in Wort, Bild und Karikaturen, auf Theaterbühnen und in Zeitschriften. Grosz: „Der Mensch ist nicht gut, sondern ein Vieh. Die Menschen haben ein niederträchtiges System geschaffen – ein Oben und ein Unten. Einige wenige verdienen Millionen, während Abertausende knapp das Existenzminimum haben. In Südamerika heizt man die Lokomotiven mit Korn, in Russland sterben Viele. Viele vor Hunger.“

Was kann Kunst, was soll sie? Antwort Grosz: „Da wird von Kultur geredet und über Kunst debattiert – oder ist vielleicht der gedeckte Tisch, die schöne Limousine, die Bühne und der bemalte Salon, die Bibliothek oder die Bildergalerie, die sich der reiche Schraubengroßhändler auf Kosten seiner Sklaven leistet, ist das vielleicht keine Kultur? Was hat das aber nur mit „Kunscht“ zu tun? Eben das, dass viele Maler und Schriftsteller mit einem Wort fast alle die sogenannten „Geistigen“ diese Dinge immer noch dulden, ohne sich klar dagegen zu entscheiden. Heute, wo es gilt, auszumisten! …wo es gilt, gegen all diese schäbigen Eigenschaften, diese Kulturheuchelei und all diese verfluchte Lieblosigkeit vorzugehen. Es herrscht der Glaube an die alleinseligmachende Privatinitiative. Diesen Glauben mit erschüttern zu helfen, und den Unterdrückten die wahren Gesichter ihrer Herren zu zeigen, gilt meine Arbeit“.

 

„Siegfried Hitler“. 1923. Mit dieser Karikatur zog sich Grosz  den Hass von Adolf Hitler zu.

 

Ein Jahr nach der Russland-Reise karikiert George Grosz den damals unbekannten Münchner Bierkeller-Redner Adolf Hitler: als Siegfried, der sein Volk in den Untergang führt. Hitler erklärt den Maler zu seinem Intimfeind. George Grosz kann sich kurz vor der NS-Machtergreifung im Januar 1933 nach New York retten. In der USA – seinem Sehnsuchtsland – ist seine Arbeit nicht mehr gefragt. Er fühlt sich als Exil-Künstler überflüssig, seine Existenz ist gefährdet. George Grosz stürzt sich in Alkohol, leidet an Depressionen. Erst 1959 kehrt er nach Berlin zurück. „Einer der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts“, so Kurator Grosz-Kurator Pay Matthis Karstens, ist selbst in seiner Heimat nahezu vergessen. Er stirbt im Alter von 65 Jahren sechs Wochen nach seiner Rückkehr im Treppenhaus seiner neuen Wohnung am Savignyplatz.

 

George Grosz. Mann mit Zigarre.

 

Mehr im neuen Privatmuseum im „Das kleinen Grosz-Museum“. Berlin. Bülowstraße 18. Ab 15 Mai 2022 geöffnet. Sehr empfehlenswert!

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