Schilfboot auf dem Tanasee. Äthiopien. Foto: PeterW150

Jenseits der Documenta

Ein Freund von mir ist verzweifelt. In seiner Heimat Äthiopien tobt seit Jahren ein grausamer Krieg. Niemand schaut hin. Er schreibt, allein letzte Woche seien mittlerweile „1.200 Angehörige seines Amhara-Volkes ermordet“ worden. Abgeschlachtet, „erschossen wie Hühner“, schreibt die US-Agentur Associated Press. Ich wusste davon nichts. Immerhin haben zwei österreichische Blätter den Massenmord an Amharas gemeldet. Es soll sich um Mordkommandos der OROMO-Milizen handeln, die offenbar unter Billigung von Premier Abyi Ahmed im bitterarmen Vielvölkerstaat vorgehen. Premier Abyi ist Friedensnobelpreisträger von 2019.

Er galt bisher als Hoffnungsträger, als „der Gorbatschow“ des geschundenen Landes am Horn von Afrika. In Deutschland hat keine einzige große Zeitung diese Meldung abgedruckt. Hierzulande dominierte die Documenta die Schlagzeilen. Der Rest unserer Aufmerksamkeitsökonomie verteilte sich auf Ukraine-Krieg, explodierende Gaspreise, Pandemie, Hitze und Waldbrände. Mein Freund schreibt: „Es ist einfach furchtbar. Zum Heulen. Wir sind … machtlos!“

 

Protest der kleinen Amhara-Community vor dem Berliner Kanzleramt. Er blieb bislang ungehört.

 

Gleichgültigkeit kann auch töten. Völlig klar ist, dass kein Mensch die vielen Krisen der Welt auch nur annähernd wahrnehmen kann. Daher sind immer wieder Mutige erforderlich, die an ihre Aufgabe und an eine sinnvolle Sache im Leben glauben. Es gibt die wunderbare Geschichte von Johann Franck aus der Armeleuteregion Lausitz. Der Gubener liebte seine Heimat und dichtete als Jurist nebenbei Lieder. Die Zeiten, in denen er lebte, waren niederschmetternd. Mitten im Dreißigjährigen Krieg griff er zur Feder. Mitteleuropa war verwüstet. Mehr als Hälfte seiner Zeitgenossen fiel dem Religionskrieg (1618 bis 1648) zum Opfer. Sie wurden abgeschlachtet, vergewaltigt, gerädert oder fielen der Pest anheim. Hobbydichter Franck wollte gegen die Volksverhetzer ein Zeichen setzen. Also dichtete er aus vollem Herzen:

„Trotz dem alten Drachen, trotz des Todes Rachen, trotz der Furcht dazu! Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh“.

Franck gehörte zu den unbeugsamen Menschen, deren Gewissen nicht schwieg. Er handelte in der Überzeugung, dass zu Lebzeiten der Feind des Menschen eben nicht der Tod, sondern das irdische Unrecht ist. Der Choral Jesu meine Freude, das Protest- und Anti-Unrechtlied des längst vergessenen brandenburgischen Dichters Jonathan Franck wurde hundert Jahre später vertont. Kein geringerer als Johann Sebastian Bach nahm sich seinem Aufschrei an. Eine Motette, die seitdem millionenfach erklungen ist.

 

 

Mein Freund aus Äthiopien ist gläubiger Christ. Für ihn mag diese kleine Anekdote aus unserem 30-jährigen Krieg ein schwacher Trost sein. Aber vielleicht findet sich jemand, der seine Klage weiterträgt. Die Klage der Amharas. „Wir sind … machtlos!“ Mein Freund wird mit ein paar mutigen Getreuen in Garmisch-Patenkirchen am Rande der Sperrzone des G7-Gipfeltreffens gegen Krieg und Massenmorde in seiner Heimat Äthiopien demonstrieren.

 

Wer mehr über die Lage der Amharas in Äthiopien erfahren will, kann hier erste Informationen erhalten.

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