Andrij Melnyk Quelle: "Ukraine verstehen"

„Ich bin der Waffenhändler der Ukraine“

Update: Am 9. Juli 2022 entließ der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij mit dem Dekret 479/2022 Botschafter Andrij Melnyk. Dies sein ein normaler Vorgang.

Der Mann ist seit Monaten in aller Munde. Andrij Jaroslawowytsch Melnyk. Ukrainischer Botschafter. 46 Jahre. Die „verbale Panzerhaubitze“ Kiews im Westen. Der gebürtige Lwiwer (Lemberger) studierte Chemie, Jura und Internationale Beziehungen und war während der Maidan-Proteste Aktivist. „Ich war der Fahrer des Maidans“. Der ungewöhnlichste Diplomat auf deutschem Boden sagt über sich selbst: „Ich bin ein moderater Mensch. Kein Radikaler. Ich will Menschen überzeugen. Durch die Kraft des Wortes“.

Dabei versteht Melnyk seine Mission als Abwehrkampf eines überfallenen Landes, das um sein Überleben ringt. In dieser Notwehrsituation – „jede zweite ukrainische Familie ist kriegsbetroffen“ – feuert er seine Verbalattacken auf die Trägheit bundesdeutscher Entscheidungsträger, wie es ihm beliebt. Wie einst Trump twittert er gegen die deutsche Elite in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Einen SPD-Politiker titulierte er als „Arschloch“, den Bundespräsidenten als Russenfreund und Verfasser von Friedensappellen als „pseudo-intellektuelle Versager“, die sich „zum Teufel scheren“ sollten. So viel Trommelfeuer war noch nie – von einem Diplomaten.

 

 

Jetzt legte Andriy Melnyk in einem dreistündigen Gespräch bei jung&naiv nach. Im Viertelstundentakt krachte es: „Alle Russen sind meine Feinde“. „Russland hat ein faschistisches System“. „Putin ist schlimmer als Hitler und Stalin“. „Wir haben Merkel naiv vertraut. Das war ein Fehler“. „Ich bin der Waffenhändler der Ukraine“. „Die Menschen aus der Rüstungsindustrie sind die nettesten Menschen, die ich kennenlernen durfte“. „Bandera war kein Massenmörder“.

 

Stepan Bandera. (1909-1959) Ukrainischer Nationalheld oder Nazi-Kollaborateur? Foto Grzegorz Rossoliński-Liebe

 

Bandera? Ein Name, ein Mythos, ein Streitfall. Wer ist dieser Stepan Bandera? National-Held oder Nazi-Halunke? Der Priestersohn aus Staryj Uhryniw, Ostgalizien wurde 1909 in das zerfallende Habsburger Reich hineingeboren. Seine Jugend erlebte er als Angehöriger der ukrainischen Minderheit im neuen Polen. Der glänzende Redner stieg 1933 zum Prowidnyk, zum Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) auf. Die militante OUN-Bewegung orientierte sich an ihren Vorbildern Hitler und Mussolini. Sie wollten einen unabhängigen, homogenen ukrainischen Staat ohne Juden und Polen. Aus diesem Grund ermordete die OUN 1934 den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki. Bandera wurde verurteilt.

Bandera erklärte, dass im Kampf um die Freiheit der Ukraine „nicht nur Hunderte, sondern Tausende Menschenleben geopfert werden müssen“. Nach dem Hitler-Überfall auf Stalins Sowjetunion sah Bandera seine Stunde gekommen. Er proklamierte am 30. Juni 1941 in Lemberg einen neuen Staat, doch Hitler verweigerte dieser Ukraine die Aufnahme in sein „Neues Europa“. Hitler hatte völlig andere Pläne und ließ ihn verhaften. Bis Herbst 1944 war Bandera Sonderhäftling in Sachsenhausen, allerdings mit Wohnzimmer, Teppich und einer Versorgung, von der andere KZ-Häftlinge nur träumen konnten.

 

Lemberger Pogrom Anfang Juli 1941. Foto Grzegorz Rossoliński-Liebe

 

Die Bilanz von Banderas Freiheitskampf? Seine Milizen töteten im Juli 1941 in Lemberg Zehntausende Juden und im März 1943 rund 100.000 Polen. Zehntausende vertrieben sie aus der Westukraine. Bandera hatte persönlich nichts damit zu tun. Doch die OUN-Milizen, die an Massakern, Deportationen und Vertreibungen beteiligt waren, betrachteten ihn als ihren Prowidnyk, ihren Führer, wie u.a. der polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe in seiner Promotion nachwies.

 

Feierstunde zu Ehren Stepan Banderas in München am 17.10.2009 Foto Grzegorz Rossoliński-Liebe

 

Nach dem II. Weltkrieg setzte sich in der Ukraine der brutale Partisanenkrieg mit mehr als Hunderttausend Todesopfern bis in die 50er Jahre fort. Stepan Bandera unterstützte diesen Kampf aus seinem deutschen Exil. Nach den tödlichen Schüssen durch den KGB-Agenten Bohdan Staschinski am 15. Oktober 1959 in München erreichte der Bandera-Kult neuen Auftrieb. Seit dem Ende der Sowjetunion wurden in der Westukraine 46 Denkmäler für Bandera aufgestellt. In der Ostukraine und besonders im Putin-Russland wird er hingegen als Verräter und Faschist wahrgenommen. Für Botschafter Andrij Melnyk ist der 2010 zum „Helden der Ukraine“ ernannte Lemberger der „Inbegriff des Freiheitskämpfers“. Als eine seiner ersten Amtshandlungen in Deutschland besuchte er im April 2015 dessen Grab im Waldfriedhof von München.

US-Historiker Timothy Snyder in Prag über Stepan Bandera.

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