Sommerträume
Irgendwie ist alles Mist. Das typische 2023er-Lebensgefühl in Zeiten von Hitze, Krieg, Klimawandel und Ungleichheit verharrt in starrer Gleichgültigkeit. So viel Müdigkeit und Erschöpfung. „Ich bin zu matt für eine gute Wut.“ Im Netz halten die meisten ihre Identität für etwas besonders Kostbares, gleichzeitig will niemand auf etwas festgelegt werden. Sortenrein soll es im Leben zugehen. Bei den Rechten und Völkischen sowieso. Bei den Linken besonders in den eigenen Reihen. Wer anders denkt, ist AfD, Nazi oder Rassist. Die Mitte schüttelt ratlos den Kopf. Doch die allermeisten gehen auf Tauchstation. Auf TikTok, Twitter und Insta hat der Rausch der Eigenliebe und Fremdbeobachtung die allerletzten Reste Privatheit erobert. Das Anprangern feiert im Sekundentakt Triumphe. Sei der/die Coolste. 24/7.
Im Juli leuchtet der Klatschmohn am Feldrand, hell und schamrot-schüchtern wie ein junges Pärchen, nach einem beglückenden Date. Ich radele durch die glühende Mark Brandenburg und träume von einem Verlag, der meinen neuen Text drucken will. Da sagt meine Heldin Lisa: „Alle drei Sekunden verhungert in dieser Welt ein Kind. Und wir regen uns über geänderte Wagenreihung auf. Was für eine kaputte Welt!“ Lisa fährt fort: „Jeder von uns ist allein zu schwach, um etwas zu verändern, daher ändern wir nichts. Wir überlassen die Veränderungen den Mächtigen, den Reichen, den Gierigen. Sie halten zusammen. Wenn es um ihre Beute geht. Danach streiten sie sich um den Anteil ihrer Beute, zerfleischen sich gegenseitig. Aber das gemeinsame Ziel eint sie.“
Lisa träumt von Wüstenblumen und neuen Ideen im Land. Einige hat sie verraten:
+ „Gebt die Dächer frei! Ideal in Berlin, da einheitliche Traufhöhe in vielen Straßen: Baut Begegnungsstätten auf den Dächern von Haus zu Haus! Gern auch mit Brücken über die Straßen in luftiger Höhe.“
+ „Wie wäre es mit einem Zeitkaufhaus, wo private Spenden gegen ehrenamtlich geleistete Zeit eingetauscht werden können?“
+ „Müllabgabe-Stationen einrichten – wer ein Kilo Müll in Parks gesammelt hat, bekommt einen Euro. Die Parks werden sauber, und die lästige Bettelei in den U-Bahnen nimmt ab!“
+ „Wer in eine kleinere Wohnung zieht, muss keine höhere Miete zahlen, damit Familien wieder Wohnungen finden.“
+ „Kronkorken werden von den Brauereien zurückgenommen, zu mindestens zwei Cent – das schont die Grünflächen.“
+ „Wie wäre es mit einem Lächeln? Kinder lachen 400mal am Tag. Erwachsene im Schnitt fünfzehn Mal.
+ Für Dich soll es frischen Erdbeeren regnen.“
Gewidmet den mutigen Lisas. Überall auf dieser Welt.