Ach, lass liegen!

Aufräumen, To-do-Listen abarbeiten, Lästiges erledigen. Oh, Gott! Ordnung ist das halbe Leben, sagt der Volksmund. Über die andere Hälfte hat sich Nele Pollatschek  Gedanken gemacht. Die streitbare und talentierte Journalistin beschäftigt sich in ihrem neuen Buch „Kleine Probleme“ mit der Last des ständigen Aufschiebens. Wer kennt das nicht?  Im Mittelpunkt steht ein 49-jähriger Lars. Durchschnittstyp, verheiratet, eine Tochter. Der Vorstadt-Schluffi hat – genau genommen – nur YouTube studiert. Er ist keine Trans, kein cooler, queerer Zeitgenosse. Er ist eine Stimme, die schon lange nicht mehr gehört wird. Auch Lars sucht den Weltrettungsknopf, träumt von einer Karriere als Bestsellerautor oder wenn es dazu nicht reicht, wenigstens vom Aufstieg zum Homeshopping-Milliardär.

 

Wäre es niicht an der Zeit, ein paar Dinge in Ordnung zu bringen?

 

Nele Pollatschek kümmert sich um Durchschnittsmenschen. Das ist gegen den Trend. Für sie ist ihr Held Lars „ein alter Sack, der in einem Drecksloch sitzt und raucht und davon erzählt, was er morgen machen wird.“ Aufräumen ist eine Qual. Dreizehn Punkte muss er bis zum Jahresende unbedingt erledigen. Steuererklärung, Wohnung putzen, Bett für die Tochter zusammenschrauben, Lebenswerk schreiben, mit dem Rauchen aufhören, Klima retten. Nicht mehr prokrastinieren, nichts mehr aufschieben. Zauberwort und Kernproblem der Instagram-Generation. „Wie beschissen ist es bitte, wenn alle Türen offenstehen und man trotzdem stehenbleibt.“ Pollatschek erzählt vom Wunsch nach Perfektion, dem “Nudelsalat mit Geschmacksexplosion“ und der kinderleichten Steuererklärung. Sie breitet uns die Dramen des Alltags aus. Ein Leben zwischen Ordnung und Chaos, mal profan, mal hoch-Philosophisch, irgendwo zwischen Tragik und Komik. Motto: Spannend ist, was nicht funktioniert.

 

Nele Pollatschek, Jahrgang 1988, schreibt gerne gegen den Strich. Foto Wikipedia

 

Pollatschek balanciert in „Kleine Problem“ souverän zwischen wokem Zeitgeist und der Sehnsucht der normalen Smartphone-Junkies, die wir längst alle sind. Stets auf der Suche nach dem Kick, nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Wisch für Wisch, unterwegs mit, Google, Tinder und YouTube. Ach, wenn nur nicht das versiffte Bad zu putzen wäre oder die Sache mit der Beziehung, die endlich angegangen werden muss. Zu guter Letzt: Das Finanzamt wartet. Mist: „Eine Steuererklärung ist wie eine Schachtel Pralinen, nur ohne Schokolade. Man greift in die Belege und weiß selbst nicht, was man bekommt.“

Nele Pollatschek erblickte ein Jahr vor dem Mauerfall in Ost-Berlin das Licht der Welt, zog in die Welt hinaus, studierte an britischen Eliteunis. Sie schreibt frohgelaunt gegen den Strich. Die 35-jährige SZ-Autorin bevorzugt das generische Maskulinum. Durch die weibliche Berufsbezeichnung „Schriftstellerin“ fühle sie sich auf ihr Geschlecht reduziert: „Wer aus meinem ‚Schriftsteller‘ ein ‚Schriftstellerin‘ macht, kann auch gleich ‚Vagina!‘ rufen.“

Nele Pollatschek. „Kleine Probleme“. Galiani. Macht Spaß. Ab 7. September 2023.

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