Mann mit viel Poesie. Dylan Thomas (1914-1953)

Wer ist Dylan Thomas?

“And you are not Dylan Thomas. I´m not Patti Smith. This ain´t the Chelsea Hotel. We are two idiots”, singt Taylor Swift in ihrem neuen Song The Tortured Poets Department. Eine Hommage an Rockikone Pati Smith, die sich wiederum geehrt fühlt in einem Atemzug mit dem Poeten Dylan Thomas genannt zu werden. Aber wer um alles in der Welt ist Dylan Thomas? Millionen Swifties rätseln und googlen den Namen des Walisers. Hier ein paar Infos für alle, die Geschichten von genial-kreativen Menschen kennenlernen möchten, die sich allzu häufig selbst im Wege stehen. Dylan Thomas, das ist ein weltberühmter Unbekannter. Ein Dichterfürst, der mit 39 Jahren in New York kurz nach der Premiere von „Unter dem Milchwald“ starb. Viel zu früh, nach drei durchzechten Nächten.

 

 

Dylan war ein begnadeter Lyriker des 20. Jahrhunderts, ein gefallener Engel und genialer Trunkenbold, Schürzenjäger und Verseschmied. Zwanzig Jahre feilte er an seinem Hauptwerk Unter dem Milchwald. Dylan erzählt von einem Tag im fiktiven walisischen Fischerdorf Llaregub – vom Morgengrauen bis in die Abenddämmerung. „Anfangen, wo es anfängt: Es ist Frühling, mondlose Nacht in der Kleinen Stadt. Sternlos und bibelschwarz, die Kopfsteinpflasterstraßen still und der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur schlehen-schwarzen, zähen, schwarzen krähenschwarzen fischerbootschaukelnden See. (…) Die Zeit vergeht. Horch, die Zeit vergeht.“

 

Dylan Thomas. (*27.10.1914- 9.11.1953) Der Dichter wurde nur 39 Jahre alt. Sein Bild hängt noch heute in der New Yorker Kultkneipe White Horse Tavern. Hier feierte Dylan drei Tage lang den Premierenerfolg seiner szenischen Lesung „Milchwald“. Dann verabschiedete er sich von dieser Welt. Das Stück mit über siebzig Personen hat er nie auf der Bühne gesehen.

 

Llarregub bedeutet rückwärts gelesen Bugger all = rein gar nichts. Die Nichtsnutze. An der Dorfkneipe steht: „Drink till late“. Was sollte man auch sonst tun? Ein Frühlingstag begrenzt das Spiel. In einer mondlosen Nacht beginnt alles. Stunden, in denen selbst die Toten sprechen oder die Ertrunkenen. Schon bald melden sich die Einsamen und Liebenden in ihren Betten zu Wort. Es ist nur ein Tag von vielen, dem andere vorausgegangen sind und andere folgen werden. Kneipenwirt Sindbad verzehrt sich liebeskrank nach der spröden Schullehrerin Gossemer Beynon, die auch will, aber sich nicht traut. Briefträger Willy Nilly kann den Empfängern erzählen, was drinsteht, weil seine Frau alle Briefe aufdampft. Beim schnell aufbrausenden Metzger Beynon gibt´s manchmal Katze. Den blinden Käptn Cat besuchen seine ertrunkenen Seeleute. Alle machen mit: von der Hafenhure Rosi Probert bis zum Bachliebenden Organ-Morgan.

 

Wer ist Dylan Thomas? Viel Erfolg beim Googeln. Noch besser: seine Gedichte und seinen großen Wurf „Unter dem Milchwald“ lesen.

 

Originalton Dylan Thomas: „Nur du kannst die Häuser schlafen hören, in den Straßen, in der langsamen, tiefen, salzigen, schweigenden, schwarzen bindenumhüllten Nacht. Nur du kannst in den vorhangblinden Schlafzimmern die Kämme sehen, die Unterröcke über den Stuhllehnen, die Krüge und Becken, die Gläser mit falschen Gebissen, an der Wand das „Du sollst nicht“ und die vergilbenden Bitte-recht-freundlich-Bilder der Toten. Nur du kannst hören und sehen, hinter den Augen der Schläfer: die Fahrten und Länder, Labyrinthe und Farben, Bestürzungen und Regenbogen, Melodien und Wünsche; und Flug und Fall und Verzweiflungen, und die großen Seen ihrer Träume.“

 

Dylan Thomas ist bei uns nahezu unbekannt. Aber er hat weltweit unzählige Fans und mit seinen Versen viele beeinflusst: Bob Dylan hat sich nach ihm benannt. Igor Strawinsky, die Stones und die Beatles lieb(t)en ihn. Die Schauspielerin Catherine Zeta Jones, selbst Waliserin, nennt ihre eigene Produktionsfirma „Milchwald“. Van Morrison und John Cale haben Songs und Suiten nach Thomas-Versen komponiert. Elke Heidenreich, Corinna Harfouch und Wolf Biermann verehren den Waliser.

Nun auch Pop-Lady Taylor Swift. Was würde der weltberühmte und doch unbekannte Waliser wohl sagen? Ach, lassen wir ihn selbst mit seinem Milchwald sprechen:

„Unsere Stadt, die unterm Milchwald ruht/die ist nicht ganz schlecht, und auch nicht ganz gut/Und Du, o Herr, ich weiß, bist der erste/der es für uns leicht macht, und nicht prüft uns aufs schwerste. Oh, lass uns den morgenden Tag noch sehen/ich bitte Dich, lass uns die Nacht überstehen/und wir neigen uns vor deiner Sonnen Pracht/und sagen Lebewohl, aber nur für heute Nacht!“

 

 

Für Dylan Thomas-Fans im Großraum Berlin und alle, die es werden wollen: „Unter dem Milchwald“ im Rahmen von  Theatersommer Netzeband. 21./22./28./29. Juni 2024.

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