Wolfgang Becker. (1954-2024)

Held der Arbeit

Wir brauchen sie. Andere erschaffen sie: Helden des Alltags. Sie helfen uns, den vielen Widrigkeiten zu trotzen. Am aufregendsten sind Helden wider Willen. Menschen wie du und ich, die über sich hinauswachsen. Wolfgang Becker ist so einer. Ein Mann, der im Stillen wirkte, hinter der Kamera, ohne großes Gedöns. Dieser Autor, Filmemacher und Kultregisseur. Good Bye, Lenin, sein Welterfolg. „Der witzigste deutsche Wendefilm aller Zeiten“, wie die internationale Presse jubelte. Vor genau einem Jahr ist Becker im Alter von siebzig Jahren verstorben. Bis zum Schluss hatte er an seinen letzten großen Kinofilm gearbeitet. „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße.“ Eine bittersüße Komödie vom Feinsten.

Nach der Romanvorlage von Maxim Leo entwickelte Becker eine rasante Schwindelgeschichte über Sensationsgier und Scheinheiligkeit von Medien, Politik und Gesellschaft. Denn: Das Land braucht neue Helden. Micha, ein erfolgloser Videothekenbetreiber, wird zum „ostdeutschen Oskar Schindler“ hochgejazzt. Eine Paraderolle für Charly Hübner. Der Plot: der ehemalige Reichsbahner Micha habe 1984 am Berliner Bahnhof Friedrichstraße die Weichen für eine vollbesetzte S-Bahn in die Freiheit gestellt. Alles Schabernack, alles erfunden, aber „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.“ Mit dabei ein Starensemble von Christiane Paul über Daniel Brühl bis Jürgen Vogel. Sogar Eisprinzessin Kati Witt wirkt als Gast mit.

 

 

Regisseur Wolfgang Becker liebte Außenseiter, schräge Typen und Tagträumer. Er gab ihnen den nötigen Raum, ob bei Das Leben ist eine Baustelle (1997), Good Bye, Lenin (2003) oder in der Romanverfilmung Ich & Kaminski nach Daniel Kehlmann  (2015). Manchmal spielte der gebürtige Westfale in kleinen Nebenrollen selbst mit: als gescheiterter Stasi-Spitzel oder als KZ-Kommandant. Seine wenigen, gleichwohl wichtigen Filme zeichnen Herzenswärme, Genauigkeit und Komik aus. Das Einfache, das so schwer zu machen ist.

 

Das Heldenteam vom Bahnhof Friedrichstraße: Charly Hübner, Christiane Paul, Maxim Leo, Leonie Benesch und Wolfgang Becker. (von links nach rechts). Foto: X Verleih AG, Frederic Batie.

 

In seinem Abschiedsfilm „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ bringt Becker den Zeitgeist im vereinten Land auf den Punkt. Dieses Gebräu aus klick-geilen Medien, publicitysüchtigen Politikern und überhitzten TikTok-Trends. In diesem Biotop gedeihen blühende Landschaften voller Personenkult, Verdummung und Geschichtsverdrehung. Wolfgang Beckers Antwort: Versöhnung durch Humor. Er erzählt einmal mehr eine deutsch-deutsche Geschichte, die nicht nur von Siegern geschrieben wird. Sondern von „Helden wider Willen“ wie Micha alias Charly Hübner, der den Schriftsteller Uwe Johnson zitiert: „Kenntnisnahme voneinander.“ Das ist es. Dazu ein Augenzwinkern. Mehr geht nicht.

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