Archive for : Februar, 2026

post image

Neues aus der Anstalt

Als ich nach vier Jahrzehnten ZDF meine Abschiedsparty feierte, wünschten mir viele eine gute Zeit. Ein Ritual, wenn jemand nach langer Zeit geht. Was mich überraschte, war etwas anderes. Erst einer, dann zwei, drei Kolleginnen und Kollegen raunten mir zu: „Du konntest Deine Meinung im Sender sagen. Du warst festangestellt. Dir konnte nichts passieren. Ich kann mir das als Freier nicht leisten. Ich muss meine Miete zahlen!“ Wie bitte? Ich stutzte. Ab dem dritten, vierten Mal fragte ich zurück: „Wieso? Was hat dich gehindert? Wir sind doch nicht in Adlershof, beim DDR-Fernsehen.“ Viele konnten nur süß-sauer lächeln. Mehr aber auch nicht.

Privat eine andere Meinung als beruflich zu haben, ist im Journalismus so ziemlich das Allerletzte. Anpassung, Duckmäusertum und Angst vor Konsequenzen statt frei denken, recherchieren und senden? Es stimmt: Fehlende Freiheit wird am liebsten bei anderen angeprangert. Und nun das: Skandal heißt es seit Rosenmontag. Ausgerechnet. Mainz wie es singt und lacht. Der Sender sei ein Narrenschiff, schlimmer noch eine „Lügenfabrik“. Manipulationsvorwürfe an das Flaggschiff heute journal, für das ich mit Leib und Seele gearbeitet habe. Was war passiert? Falsche KI-Bilder und ein vier Jahre altes Video in einem Bericht über die ICE-Behörden in den USA.

 

KI-Bilder mit Sora-Wasserzeichen in einem heute journal-Beitrag vom 15.02.2026 über ICE-Praktiken. Quelle: Screenshot Übermedien

 

Dabei haben ARD und ZDF im Januar 2026 ihren KI-Kodex präsentiert. Da heißt es:

„Das Vertrauen in unsere journalistischen Inhalte ist unser höchstes Gut. Die redaktionelle Kontrolle und die Einhaltung der journalistischen Sorgfaltsgrundsätze stellen wir auch dann sicher, wenn uns generative KI bei der Erstellung journalistischer Inhalte unterstützt. Die publizistische Verantwortung liegt beim Menschen, nicht bei dem System. Wir kennzeichnen den Einsatz von generativer KI nach transparenten Regeln.“ Schöne Worte. Aber wie sieht es aus mit Anspruch und Wirklichkeit?

In unseren turbulenten Tagen ist das Thema Vertrauen die Gretchenfrage. Seit 2025 backe ich kleinere Brötchen.  Die erarbeite ich mir ehrenamtlich an Schulen, Unis und in Sachsen. Dort schwerpunktmäßig im Landkreis Bautzen, einer AfD-Hochburg. Lichtjahre entfernt von der Mainzer ZDF-Welt und viele Umdrehungen weit weg von meinem eigenen, langjährigen Kosmos. Richtig. Wo ich jetzt unterwegs bin, ob bei Jugendlichen oder Rentnern, ist Zuhören das Gebot der Stunde. Aber auch Maßstäbe im Journalismus wie solide Recherche, Ergebnisoffenheit, Faktencheck und sorgfältige Prüfung verteidigen.

 

Was darf man noch sagen? Eine Schlüsselfrage im Empörungszeitalter. Wer gibt die richtigen Antworten?

 

Im Kern geht es „meinem“ Publikum, das ich erlebe, um einfache Fragen. Was ist richtig, was falsch? Was ist echt, was gefälscht? Vor allem: Wem kann ich – noch – vertrauen? Glaubwürdigkeit ist der Schlüssel. Vertrauen in Politik, Medien, Unternehmen, Kirche, Eliten. Da klemmt es. Da ist die große Störung. Hier steckt unendlich viel Frust. Ständig höre ich: „Was bringt Euer Journalismus? – Es ändert sich doch nichts.“ /“Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen.“ / „Ihr denkt doch nur an euch selbst.“/ „Niemand kümmert sich um uns.“

Viele Menschen wünschen sich Orientierung. Zu mir als Referenten aus Berlin entwickeln die meisten ein Ja, aber-Verhältnis. Toll, dass mal jemand von den Medien vorbeikommt, aber …  es bleibt ein Schweigen. Ich sehe die Skepsis in ihren Augen. Was sie aus meiner Stunde mitnehmen, weiß ich nicht.

 

Schlimmer als die Polizei erlaubt. News in KI-Zeiten. Dieses Bild ist eine reine KI-Fälschung. Das musste später die Gewerkschaft der Polizei einräumen. Quelle: GdP Sachsen

 

Das Traurig-Perfide. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk liefert derzeit seinen Feinden gratis Munition. Vor allem dank dessen Krisenmanagement. Ob beim Rücktritt von RBB-Intendantin Patricia Schlesinger oder in der Gelbhaar-Affäre (schon vergessen?). Auch dort übernahm niemand Verantwortung. Stattdessen zahlte der Sender wegen falscher Berichterstattung einem Grünen-Abgeordneten ein hohes „Schweigegeld“.

Das öffentlich-rechtliche System ist das Beste, was es im Medienwesen gibt. Davon bin ich weiter überzeugt. Nur sind die Anstalten in einem schlechten Zustand. Die KI-Affäre im ZDF ist ein Geschenk an seine Gegner. Denn NIUS und Co haben nur ein Geschäftsmodell: Das Öffentlich-Rechtliche muss weg. Mit Ressentiments werden Quoten und Klicks produziert. Das wird ihnen in diesen Tagen leicht gemacht. Und das ist kaum auszuhalten.

 

Ein weiteres KI-Fake-Beispiel. Angebliche Trauer um „Täter wie Opfer im U-Bahnhof Wandsbek“. Diese 100%ige Fälschung diente zur Stimmungsmache gegen einen Asylbewerber, der eine junge Frau in Hamburg mit in den Tod gerissen hatte. Quelle: Facebook 31.01.2026

 

Aussitzen und wegducken geht nicht mehr. Traut euch in den Anstalten, einen professionellen Job zu machen. Die Unterscheidung von Fälschung und Wahrheit ist wichtiger denn je. Ich weiß: Lügen ist in der Empörungsgesellschaft bequemer und erscheint „dem Verstand häufig viel einleuchtender und anziehender als die Wahrheit. Weil der Lügner den großen Vorteil hat, im Voraus zu wissen, was das Publikum hören will.“ Das sagte einst die Philosophin Hannah Arendt. Ich weiß auch: NIUS ist keine Alternative. Die Öffentlich-Rechtlichen sollten sich endlich wieder auf ihre Wurzeln besinnen. Auf das, was den Rundfunk nach 1945 stark gemacht hat: Berichten, was ist. Und nicht, was sein soll.

post image

Nur nichts verpassen

Dating-Ladys in schickem Outfit. Drohnenbilder von der ukrainischen Front. Eine stilgerechte Tischdecke. Hungernde Kinder in Gaza. Strandbilder aus Teneriffa. ICE-Agenten-Schüsse auf eine Mutter in den USA. Eine Schafsherde im Supermarkt. Die Hochzeit der Nachbarin. Martenstein bei seiner AfD-Rede. Wir scrollen uns unermüdlich in rasendem Tempo durch unsere Schöne Neue Digi-Welt. Bis die Augäpfelchen brennen und unsere Texthälse schmerzen, bis wir Handarthrose, Nackenstarre oder es am Rücken bekommen. Unentwegt beugen wir unser Haupt dem Gerät entgegen. Gekrümmte Menschen sind die Folge. Orthopäden sprechen vom Dropped-Head-Syndrom. Immer länger beten wir unseren kleinen Handy-Freund an, anstatt uns zu bewegen. Viele betrachten eher Bilder vom „Waldbaden“ als im echten Wald unterwegs zu sein.

Keine Sorge. Kein erhobener Zeigefinger, nur ein paar Alltagsbeobachtungen. Als neulich eine Frau in der vollen U-Bahn ihren Handschuh verlor, war ich der Einzige, der es bemerkt habe. Handschuhe fallen leise. Alle Mitreisenden starrten auf ihr Smartphone. Mittlerweile ist das neue Normal in Konzerten, Kinos, Galerien, Lesungen, Sporthallen, Elternabenden oder Vorträgen immer wieder das Handy zu checken, selbst bei Berlinale-Premieren oder auf dem Bundespresseball. Ohne das Ding geht nichts mehr. Es muss eine Urangst geben, irgendetwas zu verpassen. Für dieses Massenphänomen gibt es bereits die passende englische Abkürzung: „FOMO = Fear of Missing Out“.

 

Bloß nichts verpassen. Als die Zukunft vielversprechend war. Das Tischtelefon der Zukunft. Berlin. 1925.

 

Wer steuert wen? Der Mensch die Maschine? Oder umgekehrt? Das US-Portal Substack verhandelt moderne Zeitgeistfragen. Vor kurzem erschien ein flammender Text: Have Fun in the Apocalypse. Die Botschaft: Es sei „dringend und unabdingbar, dauerhaft“ Instagram (TikTok, X, Facebook oder was auch immer) zu verlassen. Wörtlich heißt es: „Hören Sie mit der toxischen Satan-Verdummungsmaschine auf. Bitte.” Ist das eine neue Massen-Exodus-Bewegung aus den USA oder einfach nur naiv, nostalgisch und weltfremd?

Instagram sei das Werkzeug der Millennial-Mittelschicht. Durchschnittlich würden Menschen pro Tag sechs bis sieben Stunden freiwillig auf der Plattform verbringen, ist zu lesen, einen Arbeitstag lang. Insta und Co. seien all inclusive: Partner, Plattform für Aktivitäten und Organisation, Nachrichtenmedium, Ersatzwelt (safe space) und Arbeitsplatz. Du willst etwas verkaufen oder bewerben? Deine Kreativität, Dein Buch oder ein Live-Auftritt? Blöd nur, heißt es da, ohne mehr als dreißigtausend Follower läuft nichts. Folglich musst du ständig mehr posten. Der Algorithmus mag keine Pausen und ersetzt Dich sonst durch gekaufte oder gesponserte Beiträge.

 

Gegenwart 2026. KI-Generiert. Quelle: Myshoun

 

Insta & Co vertreiben Langeweile und Leerlauf. Insta verschlingt Zeit. Lebenszeit. Und wer verdient daran? Richtig! Meta, TikTok, Google, Amazon und Co. Wir füttern Tech-Konzerne mit unseren Daten und die werden minütlich mächtiger. Besonders Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp) habe eine lange Tradition, auffällige Aktivisten an autoritäre Regierungen zu melden oder Kritik zu zensieren. Die US-Autorin Zoe Keziah Mendelson: „Ich bin zunehmend besorgt, dass Trump eines Tages Zuck(erberg) um eine Liste von „radikalen linken Terroristen“ bitten wird und Zuck einfach alle unsere Daten übergeben wird, ohne zu zögern.”

Ist ein Ausstieg noch möglich? Substack benennt das eigentliche psychische Problem: Insta, TikTok und Co entwickeln ein hohes Suchtpotential; der Digi-Junkie leidet an Dopaminabhängigkeit. Die Droge gegen Langeweile, Krisen, Katastrophen und eigenen tristen Alltag. Der Preis: Wir leben mit Dauerempörung, Shitstorms und einem Verlust an Mitgefühl und sozialer Kontrolle. Zudem: Was ist in KI-Zeiten noch echt, was gefälscht?

 

Alle suchen das kleine, große Glück. Manche finden es im Lesen.

 

Vor zwanzig Jahren versprach Google eine bessere Welt. Heute finden wir diese nur noch, wenn wir das Gerät ausschalten. Wenn wir das Gras draußen berühren und nicht auf dem Screen neue Bilder wischen. Wenn wir mit Freunden, Familie oder am Lagerfeuer zusammen sind, ohne dass es pausenlos Alarm piept. Ist altmodisch, ich weiß, aber ein echtes Erlebnis, das lohnt. Die Apokalypse, sollte sie wirklich kommen, würde sowieso niemand verpassen.

 

KI übernimmt die Macht. Der Berlinale-Film 2026 zum Plot. Good Luck, Have Fun, Don´t die. Trailer.

post image

„Angst essen Seele auf“

Wer klug ist, hält die Klappe. Seit hunderten Jahren. Denn: Wer seinen Mund aufmacht, muss gehen oder verschwindet. Typisch Russland? Ein westliches Klischee? Nein, leider nicht, stellt Lev Gudkov fest. „Angst konsolidiert Machtstrukturen.“ Der Moskauer ist eine Art Mastermind der russischen Meinungsforschung. Der 79-jährige Veteran agiert ungebrochen und bewundernswert angstfrei. Der Leiter des einzigen unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada in Russland weiß: „Selbstzensur und Angst bestimmen die russischen Gesellschaft“. Siebzig Prozent meinen, man dürfe anderen Menschen nicht trauen. Im Westen ist Gudkov Lew-Kopelew-Preisträger. In seiner Heimat gilt er als „ausländischer Agent“. Der Soziologe ist quasi vogelfrei.

 

 

 

Seine aktuellen Umfrageergebnisse: Achtzig Prozent unterstützen Putin und siebzig Prozent wünschen sich eine baldige Kapitulation der Ukraine zu Moskaus Konditionen. Nur etwa 6% bis 8% der Russen empfinden angesichts des Überfalls ein Schamgefühl. Es fehle elementar an Mitgefühl für die Menschen in der Ukraine. Russland selbst sehe sich als Opfer des Westens. Drei von vier Menschen glauben laut Lewada-Studie, dass die NATO nur gegründet wurde, um Russland zu vernichten. Gudkov: „Es gibt einen Komplex nationaler Minderwertigkeit. Er wird durch das Gefühl der Demonstration von Großmacht und imperialer Vergangenheit in einer Konfrontation mit dem Westen kompensiert. All das zusammen sorgt für einen erzwungenen Konsens in der Gesellschaft und für die Abwesenheit von Kritik.“

Die Dauerpropaganda zeige Wirkung: Bis zu vierzig Prozent der Russinnen und Russen haben Angst vor Repression und Verfolgung. Das sei auch eine Folge erlebter Sowjet-Erfahrungen. Das Putin-Regime habe alte Ängste aus Stalins Zeiten wiederbelebt und benutze sie zur Mobilisierung und Kontrolle der Gesellschaft, so Gudkov in der FAZ: „Der Ärger wird nur im eigenen Umfeld, in der Küche, in der Familie geäußert. Wichtiger sind ideologische und symbolische Faktoren. Eine militärische Niederlage Russlands könnte die Autorität Putins untergraben. Militärische Misserfolge könnten zum stärksten Faktor für einen Zusammenbruch des Regimes werden.“

 

Selfie vor Heldendenkmal. Foto: Frank Gaudlitz aus: „Kosmos Russland“.

 

Höchst aufschlussreich ist Gudkovs „Theorie der kollektiven Angst“, veröffentlicht im Fachmagazin Osteuropa. „Angst essen Seele auf“, so die Kurzformel. Seit 35 Jahren schaut der Meinungsforscher dem Volk aufs Maul. Den Mächtigen redet er nicht nach dem Mund. Als Wissenschaftler fühle er sich den Prinzipien von Fakten und Empirie verpflichtet. Diese Unabhängigkeit fordert einen hohen Preis. Seine Ergebnisse insbesondere zum Ukraine-Krieg bringen Gudkov in ständige Konflikte mit dem Kreml. Die Folge: Permanente Nadelstiche, Zensur und Alltagsschikanen wie grundlose Doppel-Besteuerung oder Einschränkung der Arbeitsmöglichkeiten. Mit einem Bein steht Gudkov in der Gefängniszelle. Einschüchtern lässt sich der 79-jährige Moskauer nicht. Wer mehr über Russland erfahren will, dem sei seine Langzeitstudie: „Feinde, Gegner und Partner Russlands“ empfohlen. Es sind Informationen aus erster Hand.

 

Tanz der Veteranen. Lächeln für die Kamera. Gudkov: „Im öffentlichen Raum fühlen sich die Menschen extrem verletzlich. Deshalb sagen 75 Prozent, dass man Menschen nicht vertrauen kann. Dieser Zustand ständiger Wachsamkeit ist ein Ausdruck latenter Angst.“ Foto: Pavel724

 

Was Gudkov sich von uns erhofft? Im Westen existiere ein „Defizit moralischer Klarheit“ beklagt der unerschrockene Gudkov in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Westen wolle wohl lieber in Ruhe gelassen werden.

 

PS. Die beste Waffe ist Humor. Was darf Satire? (Fast) Alles. Liebesgrüße nach Moskau. Jacques Tillys Antwort auf dem Rosenmontagsumzug in Düsseldorf. 2026.

post image

Die Macht der Machtlosen

Zwischen Karotten und Zwiebeln präsentiert ein Gemüsehändler in seinem Schaufenster den Spruch: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Nicht um sein Angebot attraktiver zu gestalten oder gar aus purer Überzeugung. Nein, der gute Mann will seine Ruhe haben. Diese kafkaeske Geschichte aus dem einst realsozialistischen Prag erzählt der Schriftsteller Václav Havel: „Er tut das nicht, weil er von der Wahrheit dieses Gedankens überzeugt ist, sondern weil es von ihm erwartet wird“. Schließlich folgt Havels berühmter Kernsatz: „Das Schild ist ein Zeichen der Unterordnung, ein Versuch, in Ruhe gelassen zu werden.“

In der Lüge leben, das ist die Realität in autoritären Ländern. Macht beruht nicht nur auf Gewalt, sondern auch auf der Basis alltäglicher Mitwirkung der Beherrschten. Ideologie dient als Schutzschild für Angst und Anpassung. Das System funktioniert, weil Menschen mitmachen. Aus dieser Erkenntnis entwickelt der 42-jährige Dichter und Dissident Havel 1978 seinen Gegenentwurf zur kommunistischen Herrschaft. Er nennt es: „In der Wahrheit leben“. Wer das Schild nicht aufhängt, stellt das System infrage – nicht durch Protest, sondern schlicht durch Verweigerung der Lüge. So Havel in seiner Schrift „Die Macht der Machtlosen“.

 

 

Wer war dieser Václav Havel? – Ein Prager Großbürgersohn, dessen Eltern nach der Machtübernahme der tschechischen Kommunisten 1948 enteignet werden. Der junge Mann wird Chemielaborant, Geisteswissenschaften darf er nicht studieren. Er schlägt sich als Taxifahrer, Bühnentechniker. Beleuchter, Sekretär, Lektor, Dramaturg und schließlich als „Hausautor“ im „Theater am Geländer“ durch. Unermüdlich spitzt er die Feder gegen die Mächtigen, verfasst Stücke und Essays in der Tradition des absurden Theaters. Havel wird zu einem der Wegbereiter des Prager Frühlings 1968. Der Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz scheitert. Havel gehört nach der Niederschlagung zu den Initiatoren der Charta 77, einer Denkschrift für Reformen und demokratische Erneuerung.

 

In Wahrheit leben. Václav Havel. 1965

 

Der unbequeme Havel (1936-2011) eckt mit seinen Schriften an. Die Behörden verpassen dem Widerspenstigen Publikationsverbot. Dreimal wird er verhaftet, als Wortführer der Regimegegner verbringt er insgesamt mehr als vier Jahre im Gefängnis. Seine letzte Haft wegen Rowdytums, so die konstruierte Anklage, datiert vom Februar 1989. Entlassen wird der „Staatsfeind“ im Mai 1989. Ein halbes Jahr später, im Rahmen der Samtenen Revolution steigt der parteilose Dichter zum ersten Mann im Staate auf. Am 23. Dezember 1989 tauscht er die Gefängniszelle gegen das Präsidentenamt ein. Es klingt wie ein Märchen. Die Macht der Machtlosen setzt sich durch, nach vierzig Jahren. Es lohnt sich in der Wahrheit zu leben.

An Havels Gemüsehändler erinnerte vor kurzem der kanadische Premier Mark Carney in Davos. Es sei wieder an der Zeit, die Schilder der Anpassung aus dem Schaufenster zu nehmen und in Wahrheit leben. Carneys Botschaft in seiner bemerkenswerten Rede: Integration statt Unterordnung. Dafür erhielt der Kanadier Standing Ovation.

 

 

In Wahrheit leben ist ein schöner Gedanke. Václav Havel war in dunklen Zeiten ein Mutmacher. Er sagte: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“. Es muss ja nicht wieder vierzig Jahre dauern, wie einst beim tschechischen Dichter und Präsidenten, den heute noch viele den europäischen Nelson Mandela nennen.