"Haltung" wahren in komplizierten Zeiten.

Neues aus der Anstalt

Als ich nach vier Jahrzehnten ZDF meine Abschiedsparty feierte, wünschten mir viele eine gute Zeit. Ein Ritual, wenn jemand nach langer Zeit geht. Was mich überraschte, war etwas anderes. Erst einer, dann zwei, drei Kolleginnen und Kollegen raunten mir zu: „Du konntest Deine Meinung im Sender sagen. Du warst festangestellt. Dir konnte nichts passieren. Ich kann mir das als Freier nicht leisten. Ich muss meine Miete zahlen!“ Wie bitte? Ich stutzte. Ab dem dritten, vierten Mal fragte ich zurück: „Wieso? Was hat dich gehindert? Wir sind doch nicht in Adlershof, beim DDR-Fernsehen.“ Viele konnten nur süß-sauer lächeln. Mehr aber auch nicht.

Privat eine andere Meinung als beruflich zu haben, ist im Journalismus so ziemlich das Allerletzte. Anpassung, Duckmäusertum und Angst vor Konsequenzen statt frei denken, recherchieren und senden? Es stimmt: Fehlende Freiheit wird am liebsten bei anderen angeprangert. Und nun das: Skandal heißt es seit Rosenmontag. Ausgerechnet. Mainz wie es singt und lacht. Der Sender sei ein Narrenschiff, schlimmer noch eine „Lügenfabrik“. Manipulationsvorwürfe an das Flaggschiff heute journal, für das ich mit Leib und Seele gearbeitet habe. Was war passiert? Falsche KI-Bilder und ein vier Jahre altes Video in einem Bericht über die ICE-Behörden in den USA.

 

KI-Bilder mit Sora-Wasserzeichen in einem heute journal-Beitrag vom 15.02.2026 über ICE-Praktiken. Quelle: Screenshot Übermedien

 

Dabei haben ARD und ZDF im Januar 2026 ihren KI-Kodex präsentiert. Da heißt es:

„Das Vertrauen in unsere journalistischen Inhalte ist unser höchstes Gut. Die redaktionelle Kontrolle und die Einhaltung der journalistischen Sorgfaltsgrundsätze stellen wir auch dann sicher, wenn uns generative KI bei der Erstellung journalistischer Inhalte unterstützt. Die publizistische Verantwortung liegt beim Menschen, nicht bei dem System. Wir kennzeichnen den Einsatz von generativer KI nach transparenten Regeln.“ Schöne Worte. Aber wie sieht es aus mit Anspruch und Wirklichkeit?

In unseren turbulenten Tagen ist das Thema Vertrauen die Gretchenfrage. Seit 2025 backe ich kleinere Brötchen.  Die erarbeite ich mir ehrenamtlich an Schulen, Unis und in Sachsen. Dort schwerpunktmäßig im Landkreis Bautzen, einer AfD-Hochburg. Lichtjahre entfernt von der Mainzer ZDF-Welt und viele Umdrehungen weit weg von meinem eigenen, langjährigen Kosmos. Richtig. Wo ich jetzt unterwegs bin, ob bei Jugendlichen oder Rentnern, ist Zuhören das Gebot der Stunde. Aber auch Maßstäbe im Journalismus wie solide Recherche, Ergebnisoffenheit, Faktencheck und sorgfältige Prüfung verteidigen.

 

Was darf man noch sagen? Eine Schlüsselfrage im Empörungszeitalter. Wer gibt die richtigen Antworten?

 

Im Kern geht es „meinem“ Publikum, das ich erlebe, um einfache Fragen. Was ist richtig, was falsch? Was ist echt, was gefälscht? Vor allem: Wem kann ich – noch – vertrauen? Glaubwürdigkeit ist der Schlüssel. Vertrauen in Politik, Medien, Unternehmen, Kirche, Eliten. Da klemmt es. Da ist die große Störung. Hier steckt unendlich viel Frust. Ständig höre ich: „Was bringt Euer Journalismus? – Es ändert sich doch nichts.“ /“Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen.“ / „Ihr denkt doch nur an euch selbst.“/ „Niemand kümmert sich um uns.“

Viele Menschen wünschen sich Orientierung. Zu mir als Referenten aus Berlin entwickeln die meisten ein Ja, aber-Verhältnis. Toll, dass mal jemand von den Medien vorbeikommt, aber …  es bleibt ein Schweigen. Ich sehe die Skepsis in ihren Augen. Was sie aus meiner Stunde mitnehmen, weiß ich nicht.

 

Schlimmer als die Polizei erlaubt. News in KI-Zeiten. Dieses Bild ist eine reine KI-Fälschung. Das musste später die Gewerkschaft der Polizei einräumen. Quelle: GdP Sachsen

 

Das Traurig-Perfide. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk liefert derzeit seinen Feinden gratis Munition. Vor allem dank dessen Krisenmanagement. Ob beim Rücktritt von RBB-Intendantin Patricia Schlesinger oder in der Gelbhaar-Affäre (schon vergessen?). Auch dort übernahm niemand Verantwortung. Stattdessen zahlte der Sender wegen falscher Berichterstattung einem Grünen-Abgeordneten ein hohes „Schweigegeld“.

Das öffentlich-rechtliche System ist das Beste, was es im Medienwesen gibt. Davon bin ich weiter überzeugt. Nur sind die Anstalten in einem schlechten Zustand. Die KI-Affäre im ZDF ist ein Geschenk an seine Gegner. Denn NIUS und Co haben nur ein Geschäftsmodell: Das Öffentlich-Rechtliche muss weg. Mit Ressentiments werden Quoten und Klicks produziert. Das wird ihnen in diesen Tagen leicht gemacht. Und das ist kaum auszuhalten.

 

Ein weiteres KI-Fake-Beispiel. Angebliche Trauer um „Täter wie Opfer im U-Bahnhof Wandsbek“. Diese 100%ige Fälschung diente zur Stimmungsmache gegen einen Asylbewerber, der eine junge Frau in Hamburg mit in den Tod gerissen hatte. Quelle: Facebook 31.01.2026

 

Aussitzen und wegducken geht nicht mehr. Traut euch in den Anstalten, einen professionellen Job zu machen. Die Unterscheidung von Fälschung und Wahrheit ist wichtiger denn je. Ich weiß: Lügen ist in der Empörungsgesellschaft bequemer und erscheint „dem Verstand häufig viel einleuchtender und anziehender als die Wahrheit. Weil der Lügner den großen Vorteil hat, im Voraus zu wissen, was das Publikum hören will.“ Das sagte einst die Philosophin Hannah Arendt. Ich weiß auch: NIUS ist keine Alternative. Die Öffentlich-Rechtlichen sollten sich endlich wieder auf ihre Wurzeln besinnen. Auf das, was den Rundfunk nach 1945 stark gemacht hat: Berichten, was ist. Und nicht, was sein soll.

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