Irland ist grün. Auf der Halbinsel Howth vor den Toren Dublins.

Thank you

Der grüne 16er Doppeldeckerbus quält sich vom Flughafen ins Zentrum von Dublin. Am Trinity College, eine der ältesten Universitäten der Welt, steige ich aus. Achtung! Linksverkehr. Die Uni ragt wie eine Festung mitten in die City. Viktorianischer Pomp mit Harry-Potter-Charme, ein riesiger Campus mit altehrwürdigen Gebäuden. Hier eine Gedenktafel für Samuel Beckett („Warten auf Godot“), der vor hundert Jahren am College studierte. Dort Institute, Bibliothek, Rugby-Feld und Tennisplätze. Versteckt ein Wohnheim mit Jugendherberge-Charme, die Nacht für zweihundert Euro, Frühstück in der Mensa inklusive. Dublin ist eine der teuersten Städte der Welt, erzählen die Einheimischen. Das wird wohl stimmen. Das einstige Armenhaus hat sich in eine Boomtown verwandelt. Dank der europäischen Zentralen von Tech-Giganten wie Google, PayPal & Co.

Dublin. Das ist Guiness, Irish Folk und sangesfrohe Menschen in jedem Pub und an jeder Straßenecke. Die Iren sind wahre Geschichtenerzähler. Ihre Anekdoten und Storys sind witzig und stets ein wenig skurril. Wer an der Trinity College während der Prüfungszeit unter dem Glockenturm hindurchgeht, fällt durch, wird behauptet. Die beiden Säulengebäude heißen Himmel und Hölle. Im Himmel wird geheiratet und gefeiert, in der Hölle gegenüber werden Examen geschrieben. Die Durchfallquote sei gigantisch, weiß unsere junge Guide, eine Absolventin. Nur sechs Prozent würden ihr Examen im ersten Durchgang schaffen.

 

Trinity College. In der Mitte der Glockenturm. Während der Prüfungen nie untendurch gehen. Weiter hinten „Himmel“ (rechts mit Säulen) und gegenüber „Hölle“.

 

Die Trinity-Uni aus dem 16. Jahrhundert ist die älteste Universität Irlands, betont die junge Frau weiter. Gegründet von Königin Elizabeth I als Kaderschmiede exklusiv für Protestanten. Erst 1873 wurden Katholiken zugelassen. Es dauerte ein weiteres Jahrhundert, bis 1970 junge Menschen aus aller Welt unabhängig von Religion, Geschlecht und Herkunft studieren konnten. Heute kommt der Nachwuchs aus mehr als hundert Nationen. Auf dem Eingangstor weht die Regenbogenfahne. Im Museum von Trinity kann das Book of Kells für stolze 39 Euro bestaunt werden. Das Neue Testament, mehr als 1.200 Jahre alt. Die prächtig verzierte Bibel erstand das Trinity College 1661. Im selben Gebäude der altehrwürdige Lesesaal mit Büsten von Aristoteles bis Shakespeare. Mittlerweile sind im reinen Männerclub auch vier Frauenbüsten aufgestellt worden. Im Saal heißt es euphorisch: „Eine Bibliothek ist wie ein Paradies“.

 

Der altehrwürdige Lesesaal des Trinity College. Motto: Bibliotheken sind ein Paradies. Unter den Würdenträgern sind mittlerweile auch vier Frauen vertreten, u.a. Rosalind Franklin.

 

Hinaus ins Leben. Überall musizieren Straßenmusikanten. Songs auf der Klampfe, von den Beatles bis Billy Eilish. Es sind meist Profis. Sie müssen vor einer Jury vorspielen, versichert ein anderer Guide, um die begehrte Straßen-Lizenz zu erwerben. Die Iren trinken und singen gerne … und das sehr lange. Rasch fällt an der St. Andrews-Kirche eine Statue auf. Sie zeigt Molly Malone. Eine Marktfrau. Eine arme, aber freizügige Fischhändlerin, die früh stirbt, so die Legende. Und eine irische Institution. Gegenstand einer Volksballade, die inoffizielle Hymne Dublins. Es gibt sogar einen „Molly Malone Day“. Wer ihren Busen berührt, so der Volksmund weiter, erfährt ein wenig Glück. Der Fischhändlerin ist am Dekolleté anzusehen, wie viele Menschen nach dem Glück grabschen. „Diese Skulptur muss weg“, schimpft eine junge Frau. „Geht gar nicht. Sowas von vorgestern!“

 

An der legendären Marktfrau Molly Malone kommt kaum jemand vorbei. Viele legen an der Dame Hand an, weil das Glück bringen soll.

 

Irland war eines der letzten europäischen Länder, dass Scheidungen erlaubte. Lange Zeit schwang die erzkatholische Kirche unangefochten das moralische Zepter. Längst füllen Missbrauchsgeschichten ihres irdischen Personals ganze Buchregale. So überrascht es nicht, dass eines der angesagtesten Lokale ausgerechnet in der ehemaligen St. Mary-Kirche residiert. Seit zwanzig Jahren heißt es in der „Church Café Bar“: Guiness, Cheeseburger und Irisch Folk statt Amen, Predigt und Weihrauch. Die Bibel trägt hier Henkel, meint ein Scherzbold am Tresen.

 

 

Dublin präsentiert sich weltoffen, gastfreundlich, abwechslungsreich und leider auch sehr teuer. Die Globalisierung hat in der irischen Hauptstadt den Alltag kräftig umgekrempelt. Ein paar Dinge bleiben: Der unbedingte Freiheitswillen der Iren. Alles, bloß kein British Empire. Das Land ist nach wie vor geteilt. Tatsächlich existieren weitere liebgewonnene Traditionen. Wer in Dublin einen der vielen vollen Busse verlässt, ruft beim Ausstieg dem Fahrer ein lautes „Thank you“ zu. Für Berliner Ohren eine echte Überraschung. Geht doch, freundlich zu sein: in einer wuseligen und lebendigen Stadt. Got Irish!

Fortsetzung folgt.

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