Thank you, Dublin Teil II
Am Eingang zum Literatur-Institut der Trinity Universität von Dublin stehen große Fragen: „Sind Bibliotheken die letzte Bastion der Demokratie? Hört Lernen jemals auf? Braucht Technologie Kultur? Kann Kunst widerstehen? Dienen Gesetze stets dem Allgemeinwohl? Sprechen Ruinen lauter als Denkmale? Ist Menschlichkeit in der Lage, einen lebenswerten Planeten zu erhalten? Wie sieht Frieden aus?“
Noch eine Frage lautet: „Wer erzählt unsere Geschichten?“ Diesen Punkt können wir alle selbst beantworten. Ganz einfach: Indem wir genau hinschauen, neugierig bleiben und nicht unentwegt auf Handys glotzen. Gleich gegenüber der Uni residiert die Zentrale der Bank of Ireland. Das mächtige Gebäude besitzt die größte Tür Irlands, aber kein einziges Fenster. Warum? Fenster bringen Unglück, sagt der irische Aberglaube. Das Geld fliegt zum Fenster raus. Dank der Tech-Konzerne ist das einst bitterarme Irland neureich. Die neue Zentrale der Bank of Ireland hat nur noch Beton und Glasflächen. Ob sich Fenster öffnen lassen, ist unbekannt. Dublin zählt zu den teuersten Städten Europas.
Das Kilmainham Gaol ist ein furchteinflößendes Gefängnis. Aber noch mehr: Ein Monument und Mahnmal. Gaol steht für die verhasste viktorianische Empire-Herrschaft, 1796 von den Briten als Reformgefängnis errichtet. Pro Zelle sollte nur ein Gefangener untergebracht werden. Tatsächlich waren es bis zu zehn, erzählt Guide Alan. Ein waschechter Ire. Wortgewandt und witzig, ein versierter Geschichtenerzähler. Er weiß alles, über den wichtigsten Ort der irischen Freiheitsgeschichte. In der großen Hungersnot 1840 drängten viele Iren freiwillig in den Knast, da es dort wenigstens einmal so etwas wie eine Mahlzeit gab. 1881 gelang einem Gefangenen mit Hilfe von Bettlaken die einzige erfolgreiche Flucht über die fünf Meter hohe Außenmauer. Die Freude währte kurz. Der Ausbrecher wurde rasch wieder geschnappt.
Am bewegendsten ist die Love Story von Joseph Blunkett. Der Dichter und Journalist war 1916 einer der sieben Unterzeichner der irischen Unabhängigkeitsresolution. Plunkett war mit der Künstlerin Grace Gifford verlobt. Eigentlich wollten sie am Ostersonntag heiraten, doch der Aufstand kam dazwischen. Als Grace erfuhr, dass Joseph zum Tode verurteilt worden war, kaufte sie in Dublin einen Ehering. Joseph Plunkett durfte sieben Stunden vor seinem Tod Grace in der Gefängniskapelle heiraten. Genau zehn Minuten konnten sie danach noch gemeinsam unter britischer Aufsicht in der Zelle verbringen. Am nächsten Morgen, am 4. Mai 1916, wurde der 28-jährige Joseph Plunkett im Innenhof des Kilmainham Gaol exekutiert. Seine letzten Worte waren: „Ich sterbe für den Ruhm Gottes und die Ehre Irlands“. Miss Joseph Blunkett, geborene Grace Gifford, konnte wenigstens noch eine Locke retten.
Beim irischen Oster-Aufstand 1916 kamen etwa 250 Zivilisten, darunter vierzig Kinder, ums Leben. Die Soldaten des British Empires schossen sogar mit Artillerie ins Stadtzentrum. Von den siebenhundert Gefangenen, berichtet Guide Alan, wurden neunzig hingerichtet. Sechzehn allein im Innenhof des Gaol-Gefängnis. Wie durch ein Wunder überlebte James Connolly die erste Exekution. Der Schwerverletzte wurde tags darauf auf einem Stuhl sitzend erschossen. „Hier änderte sich die Geschichte Irlands“, erklärt Alan mit Pathos in der Stimme, als wäre der irische Aufstand gerade erst niedergeschlagen worden. Der Hof ist Nationale Gedenkstätte, mit zwei einfachen Kreuzen und der irischen Nationalflagge.

Erschießungsstätte von irischen Widerstandskämpfern. Für Guide Alan im Gefängnis Kilmainham Gaol Mahnmal und Ort, der Irlands Geschichte grundlegend verändert hat.
Am 6. Dezember 1922 wird Irland vom Königreich unabhängig. 1949 tritt die Republik Irland aus dem Commonwealth aus und ist seitdem vollständig souverän. Die irische Insel jedoch ist bis heute geteilt. Das verhasste Gefängnis wurde 1924 geschlossen und erst 1966 wieder zeitweise als Gedenkstätte eröffnet. Nach jahrzehntelanger Renovierung durch eine private Initiative konnte Kilmainham Gaol 1996 als Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein Besuch lohnt sich.
Zurück in Dublins City erklingen an allen Ecken und Enden Balladen und Lieder. Wer eine staatliche Lizenz ergattert hat, darf öffentlich auftreten. Dazu muss allerdings vorher eine Prüfung bestanden werden. Vor dem alten Jugendstil-Kaufhaus in der Grafton Street spielt ein Musiker unermüdlich live auf seiner Gitarre Songs von Pink Floyd bis Metallica. Einer der vielen Kleingeld-Prinzen und -Prinzessinnen von Dublin im Sommer 2026. Das ist typisch irisch: Sangesfreudig und gewitzt, unabhängig und frei, umsonst und schräg. Alles zusammen: höchst liebenswert. Denn: Wo man singt, da lass dich nieder. Böse Leute haben keine Lieder.


