Wo war mein Opa 1945?
Mein Großvater war eine Respektperson. Eleganter schwarzer Anzug, rot-weiße Fliege, Einstecktuch. Ein Musikdirektor vom alten Schlage. Trollinger-Liebhaber, Caféhaus-Stammgast, Konzertkritiker. Er rauchte leidenschaftlich gern, selbst beim Klavierunterricht. Bei ihm lernte ich meine ersten Töne an seinen geliebten 88 Tasten. Da er seine Zigarette stets mit Spitze paffte, fiel die Asche manchmal zwischen die Tasten. Zum Ärger meiner Großmutter Maria, die sie mühsam herauskramen musste. Ich bewunderte meinen Opa, auch wenn ich beim Spielen im dichten Qualm ab und zu husten musste. Max nahm mich sogar in sein Lieblingscafé mit. Ich durfte eine Limo bestellen, während die älteren Herren neueste Skandale debattierten oder der Kellnerin Komplimente hinterherwarfen.
Mein Opa, geboren 1894, war eine Instanz für mich. Ein Mann der Musik, der Bildung und der Kultur. Seine Qualmerei wurde ihm Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zum Verhängnis. Was solls? Er lebte eben ein echtes Künstlerleben, bis zum Schluss. Musik und Freunde seien die beiden Dinge, die im Leben wirklich zählen, brachte er mir bei. Als zehnjähriger Steppke wollte ich so werden wie er: Pianist, Konzertmeister und tiefes Eintauchen in die wunderbare Welt der Musik.

Mein Großvater Max war Musiker, Musenliebhaber und mein Vorbild. Meine ersten Klaviertöne hat er mir beigebracht.
Kurz vor seinem Tod klärte mich mein Vater auf, mein geliebter Opa Max sei „in der Partei“ gewesen. Mein Großvater ein Nazi? Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich brauchte zwanzig Jahre Zeit, bis ich Anfang 2025 wagte, einen Antrag beim Bundesarchiv zu stellen. Das Ergebnis kam relativ prompt und war … positiv. Eingetreten ist mein „konservativ gebildeter Musiklehrer“, so steht es auf seiner Visitenkarte, am 1. Mai 1933, drei Monate nach der Machtergreifung Hitlers. War mein Opa ein Opportunist? Ein Überzeugungstäter? Oder einer der Millionen Mitläufer? Ich weiß es nicht. Von 1933 bis 1943 war er Mitglied in Goebbels Reichsmusikkammer, erfahre ich noch. Meine Vorfahren kann ich nicht mehr fragen. Was mache ich damit? Was hilft mir dieses Wissen?
Seit einigen Wochen können sich deutsche Enkel und Urenkel auf Spurensuche nach Oma und Opa im NS-Regime begeben. Per Mausklick, digital, ohne umständliche Anträge beim Bundesarchiv. ZEIT, SPIEGEL und Süddeutsche Zeitung bieten schnelle Online-Recherchen nach den Großeltern im Dritten Reich an. Trumps US-Regierung hatte die 1945 eroberte Nazi-Kartei Anfang 2026 freigegeben. Das Angebot wird millionenfach genutzt. Mehr als achtzig Jahre nach Ende des „Tausendjährigen Reichs“, das eine riesige Trümmerlandschaft hinterließ.

Susanne Beyer hat sich intensiv mit ihrem Großvater beschäftigt. Ein Buch, das viele Fragen stellt und eine Reihe Antworten gibt: Was hat Opa im Dritten Reich gemacht?
Das perfekte Buch zur Familienrecherche hat die Journalistin Susanne Beyer vor einem Jahr geschrieben. Es heißt poetisch „Kornblumenblau“. Ihr Großvater, dessen Namen sie nicht nennt, war Chemiker. Als Doktorand forschte er an der Blütenfarbe Blau, an dem schönen Kornblumenblau. Tatsächlich arbeitete er später für Buna an der Herstellung von synthetischem Kautschuk, um Gummi für Reifen herzustellen, denn: „Räder rollen für den Endsieg.“ Die IG-Farbentochter Buna errichtete 1942 ein neues Werk in Monowitz, besser bekannt als Auschwitz III. 35.000 KZ-Häftlinge arbeiteten auf der Baustelle, bis zu dreißigtausend seien gestorben, heißt es. Der leitende Chemiker und Großvater von Susanne Beyer wurde im April 1945 im brandenburgischen Kloster Lehnin erschossen.
Akribisch begibt sich die SPIEGEL-Autorin auf Spurensuche. Am Ende wird sie nicht klüger als zuvor sein. Weder lässt sich der geheimnisvolle Tod ihres Großvaters klären, angeblich sei er von seinen Kameraden ausgewählt worden, um als Opfer betrunkenen Rotarmisten zu dienen. Auch kann die „Kriegsenkelin“ nicht herausfinden, welche Rolle ihr Großvater im NS-System tatsächlich spielte. Susanne Beyer verweist auf „Gefühlserbschaften des Holocausts“. Für sie war ihr Opa ein „Täter“, denn: „Wer Zeuge eines Unrechts wird, ist Teil des Unrechts.“
„Schädlich Wahrheit ziehe ich dem nützlichen Irrtum vor“, meint Altmeister Goethe. Aber: ist es nicht besser zu schweigen und den „alten Kram“ ruhen zu lassen? Was Susanne Beyers Buch nicht nur für Babyboomer lesenswert macht, sind zwei Dinge. Ihre Reportage ist emotional und – ja – gefühlig. Einen solchen Text können nur Frauen schreiben. Sicher kein Zufall. Männer schweigen lieber. Frauen wollen reden. Zum zweiten finden sich im Anhang viele Adressen, weiterführende Literatur und konkrete Recherchehilfen. Praktisch und hilfreich.
Susanne Beyer will das sympathische Bild ihres Großvaters nicht zerstören. Am Ende ihrer langen, intensiven Recherche bleibt nun eine große Leerstelle. Gewissheit gibt es nicht, Opas NS-Rolle und sein gewaltsames Ende bleiben ungeklärt. Aber sie hat herausgefunden, wie viele kleine Rädchen das große Getriebe einer Diktatur in Schwung halten.
Susanne Beyer. Kornblumenblau. Der geheimnisvolle Tod meines Großvaters und die Frage, was er mit den Nazis zu tun hatte. Eine Spurensuche.
