Das Leben ist eine Baustelle
Schloss Bellevue. Der Sitz des Bundespräsidenten ist geschlossen. Für mindestens acht Jahre. Höchstwahrscheinlich deutlich länger. Das Schloss in Berlin ist in die Jahre gekommen, ein Sanierungsfall. Ab und zu fällt Strom aus oder der Fahrstuhl bleibt stehen. „Besonders sparsam und zweckmäßig“ war Bellevue 1785 in zwei Jahren erbaut worden. Das Schloss diente Prinz August Ferdinand von Preußen, dem jüngsten Bruder Friedrich des Großen als Sommerresidenz. Bellevue – zu deutsch: Schöne Aussicht – gilt als das erste klassizistische Schloss Preußens.
Im II. Weltkrieg brannte Bellevue bereits im April 1941 nach einem britischen Volltreffer aus. Vom Mittelbau blieben nur Außenmauern stehen; der südliche Anbau wurde vollständig zerstört. Bis heute steht der unterirdische Bunker unter Wasser. Das Schloss verharrte bis 1955 als Ruine, in der anfangs Ausgebombte ihre Wäsche aufhängten. Der eigentliche Wiederaufbau wurde 1959 nach vier Jahren abgeschlossen. Die Kosten sind nie dokumentiert worden. Schätzungen gehen von etwa zehn Millionen DM aus. Nach heutiger Kaufkraft wären das rund sechzig Millionen Euro.

Schloss Bellevue 1945. Bereits im April 1941 durch einen britischen Bombenangriff zerstört. Wiederaufgebaut ab 1955.
Jetzt startet die Generalsanierung des Bundespräsidenten-Schlosses. Fertig werden soll alles 2034, inklusive der Sanierung des rund zwanzig Jahre alten ovalen Neubaus. Das Bundespräsidialamt, Spitzname: Elefantenklo, ist gleichfalls ein Sanierungsfall. Aktuelle Baukosten 601 Millionen Euro plus 188 Mio. Risikoreserve für unvorhersehbare Entwicklungen und 71 Mio. € Vorsorge für Baupreissteigerungen. Das macht nach Adam Riese 860 Millionen Euro. Baufachleute rechnen eher mit Gesamtkosten bis zu einer Milliarde. Die heutige Sanierung kostet bis zum Vierzehnfachen im Vergleich zum bescheidenen Wiederaufbau Ende der 50er- Jahre. Warum?
Die zuständigen Stellen argumentieren mit gestiegenen Baupreisen und höheren Löhnen. Hinzu kommen hohe technische, sicherheitsrelevante und denkmalpflegerische Anforderungen. Das Schloss soll sicher wie eine Festung sein und klimaneutral werden. Damit steht Bellevue prototypisch für Kostenexplosion und deutsches Schneckentempo. Es gibt unzählige Beispiele von der Hamburger Elbphilharmonie (Kostensteigerung: + 1.025 %) über die Kölner Oper (+ 215 %) bis zum Berliner Flughafen BER (+ 225%). Alle Bauten dauerten um Jahre länger. Viele Milliarden Euro wurden infolge von Fehlplanung, Schlamperei und Behördenbingo in den Sand gesetzt. Geld, das heute überall fehlt.
Zwei weitere aktuelle Fälle zeigen, wie Steuergelder in teuren Prestigeprojekten regelrecht versenkt werden. Das neue Museum des 20. Jahrhunderts neben der Berliner Philharmonie nennt sich offiziell Berlin Modern. Es sollte eigentlich in diesem Sommer eingeweiht werden. Das Vorzeigeprojekt des renommierten Schweizer Architektenbüros Herzog & de Meuron steht jedoch derzeit unter Wasser. Fertigstellung voraussichtlich 2030. Die Kosten haben sich von zweihundert Millionen auf vermutlich 526,5 Millionen € mehr als verdoppelt. Berlin Modern gilt inzwischen als teuerster Museumsneubau Deutschlands.

Stillstand auf der Baustelle „Berlin Modern“. Wasser ist eingedrungen. Die Kosten für das neue Museum des 20. Jahrhundert laufen aus dem Ruder.
Die Dauerbaustelle Stuttgart 21 ist das größte Finanzdesaster der Republik. Vor fast zwanzig Jahren wurden bei Planungsbeginn 4,5 Milliarden Euro Kosten veranschlagt. Tatsächlich sind mittlerweile mindestens 11,5 Milliarden Euro kalkuliert. Tendenz steigend. Derzeit beträgt die Verspätung der Deutschen Bahn in Stuttgart 2.750 Tage, das sind 7 ½ Jahre. Spötter sprechen längst von Stuttgart 31.
Deutschland sei Weltmeister im Geldverschwenden für Gigaprojekte, heißt es. Die Gründe sind offenbar so vielfältig wie die Ausreden der Verantwortlichen. Viele Megavorhaben dauern bis zu zwanzig Jahre. In dieser Zeit ändern sich ständig Gesetze, Technik, Wünsche und Sicherheitsvorschriften. Politiker agieren nach der Devise: Tatkraft zeigen und nach vorne Breschen. Das heißt loslegen, um erst später das eigene Prestigeprojekt ordentlich gegenzufinanzieren. Je länger gebaut wird, desto intensiver wirken steigende Energie- und Materialpreise, Lohnzuwächse, teure Finanzierungskredite und – nicht zu vergessen – schlechtes Projektmanagement. Hinzu kommen Subunternehmen, die reihenweise Konkurs gehen. Als Brandbeschleuniger im Geldversenkungs-Wettbewerb gilt die deutsche Leidenschaft für kleinteilige Bauvorschriften, Planfeststellungen, Umweltprüfungen und Widerspruchsverfahren.

Das Leben ist eine Baustelle. Genau wie die SPD und das ganze Land. Es gibt viel zu tun. Karikatur: Klaus Stuttmann.
Als Schloss Bellevue vor fast zweihundertfünfzig Jahren in zwei Jahren errichtet wurde, waren die Baufirmen zu Vertragstreue, Kosten- und Termineinhaltung verpflichtet worden. Bei Verstoß mussten nach preußischem Baurecht Vertragsstrafen gezahlt werden. Natürlich war das damalige Schloss weder klimaneutral noch mit Sicherheitspanzergläsern oder smarter Haustechnik ausgestattet. Tja, so ist das heute. Deshalb müssen der oder die neue Bundespräsidentin mit ihren gut zweihundert Beschäftigten noch viele Jahre warten. Niemand weiß, wie lange. Das präsidiale Ausweichquartier befindet sich mittlerweile am Berliner Hauptbahnhof. Ein Trost: Dort kennt man sich mit Verspätungen bestens aus.

