Gewitter in Brandenburg. Foto: Schnetterle-Hof Nebelin

Theater, Blitz und Donner

Es musste so kommen. Der Himmel über Netzeband, dem kleinen märkischen Theaterdorf, verfinstert sich dramatisch. Die Premiere von „Nacht des Schicksals“ steuert gerade auf ihren Höhepunkt zu. Mitten im ESC-Contest um 350 Jahre Musikgeschichte, von Guiseppe Verdi bis Roland Kaiser entlädt sich die Hochspannung. Blitz und Donner gehen auf den Theaterpark nieder. Sogleich ergießt sich heftiger Regen über die Kulisse. Ensemble, Technik und Publikum werden innerhalb weniger Minuten klatschnass. Das Wunder! Niemand wird vom Blitz getroffen, nur wenige verlassen ihren Platz. Die meisten bleiben und klatschen am Ende begeistert Beifall. Was für eine Nacht! Was für ein Spektakel! Die Kraft der Natur trifft auf die Kreativität der Kultur.

 

Was für eine Premiere! Petrus inszeniert mit. „Die Nacht des Schicksals“ mit Blitz, Donner und Gewitterregen.

 

„Am Rande der Welt entstehen die besten Ideen“, sagte einmal Theatermann Jürgen Heidenreich. Er gilt als Gründungsvater vom Theaterwunder in Netzeband. Einem 180-Seelen-Dorf, knapp hundert Kilometer nördlich von Berlin. Es ist seit genau dreißig Jahren eine echte Erfolgsgeschichte. Kultur am gefühlten Ende der Welt. In einem ehemaligen DDR-Dorf, von den Einheimischen liebevoll-melancholisch „das letzte Loch vor der Hölle genannt“. Mit der Einheit kam für das Dorf der Bauern, Soldaten und Jäger der stetige Niedergang. Die LPG ging pleite, Jobs und alte Sicherheiten waren weg. Die Jugend zog der Arbeit hinterher gen Westen. Das Dorf versank in Schnaps, Frust und Depression.

Wie in einem Märchen tauchte Anfang der neunziger Jahre ein Investor aus Düsseldorf auf. Landschaftsarchitekt Horst Wagenfeld und Ehefrau Johanna, eine Marketingexpertin, krempelten das Dorf komplett um. Sie sanierten mit Hilfe von Fördermitteln Gutskirche, Park und Höfe, träumten von „Integrierter Ländlicher Entwicklung“ und holten Theaterleute aus der Stadt. Während die hochambitionierten „Wessis“ Wagenfeld nach wenigen Jahren scheiterten, blieb der damals junge Regisseur, Schauspieler und Theatermann Frank Matthus bis heute. Ein Glücksfall. Matthus und sein kleines, aber großartiges Team beweisen seitdem: Kultur kann sehr wohl etwas verändern, wenn die richtige Mischung aus Kreativität, Programm und Bodenhaftung zum Tragen kommt. Wenn Profis und Laien gemeinsam Theater machen.

 

Hilfe! Wer rettet das Dorf vor den Investoren? Foto: Uta Gasper

 

Netzeband mauserte sich in drei Jahrzehnten zu einem kleinem Dorf mit großem Anspruch. Diese Entwicklung feiert die diesjährige Neuinszenierung „Die Nacht des Schicksals“ von Frank Matthus und Axel Poike. Das Pop-Oper-Freiluft-Spektakel ist Höhepunkt von dreißig Jahren Theatersommer Netzeband und zwanzig Jahren Synchrontheater. Synchron bedeutet: Stimmen kommen vom Band, Menschen geben in Masken und Kostümen ihren Protagonisten Herz und Seele. Intendant Frank Matthus: „Wir zitieren auch die Masken der vergangenen Jahre. Es ist sowohl Feier, Einkehr als auch Zukunftsexperiment. Was daraus wird, wird sich zeigen.“

Hier kurz die Story: Friedhof, Dorf und Gutspark eines kleinen Provinznests sollen einem Ferienresort weichen. Der Investor „West goes East Holding“ verspricht Zukunft, Jobs und das große Geld. Allein der Friedhofsgärtner hält dagegen. Er will, dass alles so bleibt. Ihm kommen plötzlich „Untote“ zu Hilfe. Die Vergangenheit erhebt sich aus den Gräbern. Alle machen mit: von Theodor Fontane über Kleists Prinz von Homburg bis zum hier herrschenden Adelsgeschlecht der von Königsmarck. Sie prägten Jahrhunderte das abgelegene, arme Gutsdorf zwischen Berlin und Hamburg.

 

Auch im ersten Akt mischt Co-Regisseur Petrus mit: Abendliches Wolkenleuchten kurz vor der Gewitter-Entladung.

 

Der Plot – Friedhofsgärtner gegen Marketing-Manager, David gegen Goliath – geht an diesem Abend auf. Die Jubiläums-Inszenierung mobilisiert großartige Arien und Songs. Ein wilder Mix aus Klassik und Popkultur. Von Verdi, Puccini, Mozarts Zauberflöte bis zu Richard Wagners „Walkürenritt“. Von Black Sabbath, Money, Money aus Cabaret bis zu Brecht/Weills Dreigroschenoper und Roland Kaiser. Für Nicht-Opern-Experten eine echte Herausforderung.

Das Finale soll nicht verraten werden. Nur so viel: Michael Jackson und die beste Sparkasse der Welt spielen bei der Rettung des Dorfes eine gewisse Rolle. Und ein gewaltiger Gewitterschauer. Den gibt es allerdings nur, wenn Petrus mitspielt.

Operndrama „Die Nacht des Schicksals.“ Netzeband. Brandenburg. Bis 29. August 2026. Fr/Sa 20.30 Uhr. (ab Berlin mit RE6). Mehr als ein Geheimtipp! Es lohnt sich.

 

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