Intensivstation
Als ich zum OP-Saal geschoben werde, fragen mich Pfleger und Schwestern immer wieder: Name? Größe? Gewicht? Schließlich legt die Anästhesieassistentin an Hand und Arm Zugänge für die OP. Wieder die Frage: Name? Größe? Gewicht? Und überraschenderweise folgt eine weitere: Beruf? – „Journalist“. – Wo? – „Ich war lange beim ZDF.“ Fake News ruft lauthals eine Kollegin, die ich nicht sehen nur hören kann. Meine Schwester verdreht die Augen und sagt noch: „Ach, bei aller Kritik, ich finde es gut, dass es sie gibt. Gerade in diesen Zeiten.“ Dann wird mir eine Sauerstoffmaske übergestülpt. Ich verschwinde in das Land der Träume.
Als ich drei Stunden später auf der Intensiv wach werde, befinde ich mich an Schläuchen, die zu Messgeräten führen, die mich wiederum überwachen. Herzschlag, Blutdruck, Puls. Manchmal piept das Gerät aufgeregt. Die lebensrettende OP an der Aorta sei gut verlaufen, sagt mir plötzlich jemand in blauer Ärztekluft. Aufatmen! Wie schön! Ich lebe, auch wenn jetzt alles schmerzt. Die nächsten 24 Stunden sehe ich viele Gesichter. Gesichter, die sich um mich kümmern, versorgen, messen und beruhigen. Menschen, jedweder Herkunft, jedweder Hautfarbe. Mit und ohne Kopftuch. Einmal rund um den Erdball. Von Asien bis Afrika, von Syrien bis zum Balkan. Intensivschwester Karena ist mein Herzblatt. Mit ihrem leicht slawischen Akzent trifft sie den richtigen Ton. Sie schenkt mir genau das, was ich brauche: Kompetenz und Zuwendung.
Meine Nachbarin auf der Intensiv ist eine ältere, mehrfach operierte Frau. Wir sind nur durch einen dünnen Vorhang getrennt. „Hilfe! Hallo! Hört mich keiner?“ Die Dame schreit, ruft und drückt alle paar Minuten den roten Notknopf. „Ich will hier raus. Man hält mich fest. Helft mir!“ Die Anfang Achtzigjährige kommt nicht zur Ruhe, verlangt verzweifelt ihre Söhne und ruft nach ihrer Mutter. „Ich will nicht sterben! Ich will raus!“ Immer wenn das Pflegpersonal an ihr Bett eilt, schreit sie noch lauter. Nach Stunden Dauerstress für alle wird die demente Frau ins Isolationszimmer verlegt. Es war mittlerweile freigeworden. Gottseidank! Noch am nächsten Morgen höre ich ihre lauten Rufe aus der Ferne: „Hallo! Hilft mir denn keiner?“
Am nächsten Tag werde ich auf Normalstation gebracht. Es ist heiß im Krankenhaus, aber ich habe ein Einzelzimmer (Privileg, ich weiß) mit Blick auf den Krankenhausgarten. Das Grün wird mein persönlicher Ruhe- und Sehnsuchtspunkt. Mein Glück einer erfolgreichen OP teile ich allerdings wieder mit dem Pech, dass mein direkter Nachbar ein dementer älterer Herr ist, der im besten Pavarotti-Bariton stundenlang tönt: „Hilfe! Ich will hier raus!“ Sein Zimmer sieht aus wie ein Schlachtfeld. Manchmal trauen sich Pflegekräfte nur zu dritt zu ihm. Auch dieser Patient ist dement. Wieder behält das Personal die Nerven. Kümmert sich, pflegt und versorgt uns Frischoperierten. Auch auf der Normalstation geht es zu wie auf der Arche Noah.
Das evangelische Hubertus-Krankenhaus befindet sich in Schlachtensee, in einer der vornehmsten Ecken Berlins. Eine patientengerechte Betreuung ohne zugewanderte Menschen wäre weder möglich noch realistisch machbar. Von der einfachsten Küchenkraft bis zu meinem Chefarzt, der iranische Wurzeln hat. Ihm und allen anderen habe ich zu verdanken, dass ich am schönen Leben weiter teilhaben kann. Was für ein Glück! Der 6. August wird mein zweiter Geburtstag. Den werde ich künftig feiern, aber mein großer Respekt gilt den Teams von der Intensivstation und Station 6.


