„Der Dummheit schaden“

Die Dummheit besiegen. Wie geht das? Eine gute Frage, so alt wie die Menschheit. Eine Antwort wäre derzeit nötiger denn je. Die Lage ist apokalyptisch. Glaubt man der wissenschaftlichen Weltuntergangsuhr von Albert Einstein und Frank Oppenheimer. Die beiden Physiker stellten 1947 diese Uhr im Jahr ihrer Einführung auf sieben Minuten vor Mitternacht. Heute, 2026, steht sie bei 25 Sekunden vor zwölf. Was macht man mit 25 Sekunden vor dem Finale? Einfach umdrehen und weiterschlafen, den oder die Liebste küssen? Oder einen frischen Aperol Spritz bestellen, in der Hoffnung, dass dieser nach dem Armageddon ankommt?

In Zeiten von Abstieg, Unsicherheit, Kriegen, Katastrophen und notorisch unfähigen bis korrupten Eliten schlägt die Stunde der Heilsbringer. Sie regieren von Washington bis Moskau, sie gehen auf Dummenfang. Das Böse machen sie in Demokratie, Dekadenz, Klimawandel und linksgrünem Wokismus aus. Es geht um die große Unzufriedenheit mit der Gegenwart: „Überall nur Stillstand, Stagnation in der Gesellschaft, der Politik und leider auch in Wirtschaft und Technologie“, klagt Multi-Milliardär Peter Thiel. Ähnlich würde jeder Handwerkermeister ins gleiche Horn blasen. Der gebürtige Frankfurter Peter Thiel lädt seine Untergangs-Rhetorik mit einer sehr speziellen christlichen Heilslehre auf.

 

 

Das Ergebnis ist hochtoxisch. US-Investor und Trump-Freund Thiel, PayPal- und Palentir-Gründer, aktuell geschätztes Vermögen 32 Mrd. Dollar, verknüpft Geld und Glaube in Allmachtsphantasien. Kernthese: „Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar.“ In „Weltverbesserern“ wie Papst Leo, der Klimabewegung, aber auch in UNO und EU sieht er Antichristen, sprich „falsche Messiasse“, am Werk, so Thiel auf einer Vortragsreihe in San Francisco. Im März 2026 doziert er in Rom über Katechon. Nie gehört? Katechon ist eine vage Nebenfigur aus dem zweiten Thessalonicher-Brief.

Katechon sei die Kraft, die sich zur Rettung der Welt über alles hinwegsetzen kann. Thiel bedient sich eines Taschenspielertricks, so Theologen, wenn er die Figur als Kronzeuge für den Kampf gegen das Böse aufbauscht. Die Botschaft von Jesus in der Bergpredigt – Gebot der Nächstenliebe – bzw. du musst dich entscheiden, welchem Gott du folgst: Geld oder Glaube“ – würden vernachlässigt bzw. ignoriert. Thiel sagt, er wolle mit Hilfe von Tech-Lösungen den Armageddon verhindern. Er möchte quasi selbst Gott spielen.

 

 

Was tun? Der Philosoph Peter Sloterdijk sagte neulich, US- Tech-Jünger wie Thiel oder Elon Musk hätten jede Bodenhaftung verloren. Bei ihren Kreuzzügen drohten „apokalyptische Machtkämpfe“. Die Thiels, Musks und Bezos bildeten demnach „eine kleine diabolische Minderheit, die es mit ihrem schwarzen Realismus fertigbringt, den Rest der Welt zu irritieren.“ Das Problem: für ihre unendliche Gier ist die Welt zu klein.

Wem nun glauben? Selbsternannten katholischen US-Fundis wie Thiel oder Vatikan-Chef Papst Leo? Der war gerade in Assisi. In die umbrische Stadt pilgern derzeit Hunderttausende, um Franz von Assisi zu ehren. Die Botschaft des reichen Kaufmannsohnes im Mittelalter: in vollkommener Armut leben wie Jesus. Er war ein Heiliger der Armut und des Elends. Ein Poverello, ein Mann der Wohlstandsverzicht predigte und lebte. Sein Prinzip: Durch Teilen Gemeinschaft und Gerechtigkeit herstellen. Am 3. Oktober 2026 jährt sich Franz von Assisis früher Tod mit 45 Jahren mittlerweile zum 800. Mal.

 

 

Wem das zu katholisch wird, sollte sich an den evangelischen Pfarrersohn Friedrich Nietzsche halten. Der Verfasser des Anti-Christ, eine der schärfsten Abrechnungen mit dem Christentum, wurde gefragt, was das Hauptgeschäft der Philosophie sei? Ganz einfach: der Dummheit schaden.

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