Ahoi!
„Jenseits der Brandmauer“ geht wie eine Rakete durch die Decke. Ein kleines Buch über das vorpommersche Jarmen steht bundesweit auf Platz eins der Bestsellerliste. Unfassbar. Überall ist die Brandmauer vergriffen, dieser unverstellte Blick hinter die Mauer. Dort, wo es anders ist als in vielen Köpfen, Feeds und TV-Berichten. Jarmen liegt im blauen AfD-Land an der Ostsee. Niemand kennt sich dort so gut aus wie Jan Gorkow. Es ist seine Heimat. „Ich rede, streite, diskutiere ständig mit den Wählern dieser Partei. Wer in der Provinz lebt, weiß, dass alles andere unmöglich ist.“
Der 39-jährige Jan Gorkow – besser bekannt als Monchi – ist Frontmann der Punkband Feine Sahne Fischfilet. Monchi ist Gorkows Spitzname und spielt auf die japanischen Affen-Plüschpuppen mit ihren speziellen Frisuren an. Das Schwergewicht Monchi ist ein Unikum. Seit einem Jahrzehnt produziert er nicht nur Songs, ausverkaufte Tourneen und Bestseller, er organisiert auch „das geilste Dorffest Ostdeutschlands“. Anfang September 2026 heißt es zum zehnten Mal „Wasted in Jarmen“ mit vielen Bands und Events. In diesem Jahr ist Andrei Iwanowitsch Moiseenko Ehrengast. Der Hundertjährige ist einer der letzten KZ-Buchenwald-Überlebenden. Übrigens: das Festival ist komplett ausverkauft.
Monchis neues Buch ist eine einzige Liebeserklärung an Tochter und Freundin, an seine Eltern und sein Heimatstädtchen Jarmen. Ein knapp dreitausend Einwohner-„Dorf“ mit vier Supermärkten, zwei Döner-Läden und einer Tanke. Hier gibt es einen Motoball-Verein, die Freiwillige Feuerwehr und den Fußballclub Blau Weiß Jarmen 21. Alle, die aus Berlin auf dem Weg nach Usedom sind, fahren an Jarmen vorbei. Zwei Häuser von Monchi entfernt hisst ein Nachbar seine riesengroße schwarz-weiß-rote Fahne mit Reichsadler. Für viele gilt Sänger Monchi als „der bekannteste Linke“ in Mecklenburg-Vorpommern. Monchi: „Morddrohungen haben sich bei mir angesammelt wie Sandburgen an der Ostsee.“
Monchi, alias Jan Gorkow, geboren 1987 in Neubrandenburg, führt ein Leben auf der Überholspur. Der Sohn eines Bauingenieurs und einer Zahnärztin: „Ich hatte Bock auf Action. Ich hatte Bock auf Stress. Rauskommen aus´m Dorf. Scheiße bauen. Wenn die Spießer kotzen, dann läuft was richtig.“ Der Drittligist Hansa Rostock ist seine große Liebe. Bei einem ausgefallenen Auswärtsspiel in Stendal fackelt er ein Polizeiauto ab. Die Folge: 30.000 Euro Bewährungsstrafe und bundesweites Stadionverbot. Da war er neunzehn. „So viele fanden uns Scheiße, aber wir waren die Geilsten.“ Wegen extrem linker Sprüche und Kloppereien mit Rechten steht er unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Im April 2017 kommt der Film Wildes Herz von Charly Hübner ins Kino. Es ist die wilde Geschichte von Jan Gorkow, dem Jungen aus Jarmen.
Mit Jenseits der Brandmauer geht Monchi wieder einmal ins Risiko. Er sagt, Geborgenheit und Zusammenhalt gebe es nur auf dem Dorf. „Lasst uns schauen, was uns verbindet, und nicht, was uns trennt.“ Er findet es bescheuert, wenn Zugereiste auf dem „geilsten Dorffest“ brüllen: „Ganz Jarmen hasst die AfD!“. Absurd in einem Ort, in dem 54% die Weidel/Höcke-Partei gewählt haben. Aufgeben kommt für Monchi nicht in Frage: „Ich liebe dieses Bundesland. Ich liebe die Nähe zu meiner Familie, zu meinen Freunden, zu Hansa, ich mag unsere Leute hier … in unserem Song „Wo niemals Ebbe ist“ gibt es die Zeilen „Sollte ich alt werden, werde ich hier alt“.
Ahoi! Was sonst, heißt es unverdrossen für Monchi und sein Jarmen. Wer aus erster Hand erfahren will, was in unserem Land los ist, dem seien seine 230 Seiten Jenseits der Brandmauer empfohlen. Ehrenwort!
