Zeitalter der Aufklärung? Liegt noch vor uns.
Wenn die Tankrechnung explodiert, die Bahn nicht kommt und kein Arzttermin mehr zu haben ist. Wenn der Einkauf doppelt so teuer, Mieten nur eine Richtung kennen und die Pflege der Angehörigen unbezahlbar wird, dann ist in diesem Staat etwas faul. Manche Menschen sind am Limit. Noch mehr meckern, auch wenn es vielen nicht so schlecht geht. Offenbar prasselt zu viel in die deutsche Komfortzone: Inflation, Migration, Rezession, Kriegsgefahr, steigende Kosten, Schulden, überbordende Bürokratie, dazu fehlende Gerechtigkeit und Klimaschutz. Die Elite reagiert mit Floskeln, Sparappellen und Durchhalteparolen. Hinter der Brandmauer ist ein veritabler Scheinriese gewachsen. Ein Sammelbecken für alle Unzufriedene, genannt AfD. Sie sahnt ab, ohne selbst etwas leisten zu müssen. Die Artisten in der Zirkuskuppel sind ratlos. Das Publikum verunsichert.
Es sind gute Zeiten für Heilsbringer aller Art. Für Ressentiment-Bewirtschafter und selbsternannte Abendlandretter. Für Digitale Content-Produzenten und alternative Medien. Sie heizen die Stimmung an, gegen Andersartige und Fremde, gegen Altparteien und Systemmedien, aber mit größtem Vergnügen gegen die da oben. Ihr erstes Etappenziel haben sie erreicht: Im kleinen Sachsen-Anhalt haben die politischen Ränder die Mehrheit erzielt – zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Man dürfe nichts mehr sagen, hämmern die Brandstifter in die Köpfe, im Land gehe alles bergab. Die sogenannte schweigende Mehrheit duckt sich weg und wartet ab. Wohin wird sie sich entscheiden?
Das Ende der Geschichte sei erreicht, verkündete 1989 Francis Fukuyama wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer, einer der bedeutendsten Theoretiker. Die liberale Demokratie habe über Diktaturen gesiegt. Jetzt könnten Menschenrechte und Wohlstand überall umgesetzt werden. Der Soziologe argumentierte, die Zahl liberal-demokratischer Länder sei nach dem Ende des Kalten Krieges „von etwa 35 auf weit über 100 gestiegen“. Doch seit mehr als einem Jahrzehnt erlebt die Welt die Wende zurück. Fukuyama hat sich geirrt. Grundlegend. Auch bei Donald Trump, dem er allenfalls eine Manager-Karriere prognostiziert hatte. Vor kurzem räumte Fukuyama auch diese Fehleinschätzung ein: „Trump ist demokratisch gewählt, aber das Gesetz ist ihm egal.“
Regieren jetzt autokratische Milliardäre? Hat der digitale Turbokapitalismus der Marke Musk, Meta und Bezos alle roten Linien überrannt? Fukuyama: „Die EU war sehr erfolgreich darin, Frieden und Wohlstand zu sichern. Ich glaube, dass die Menschen davon gelangweilt sind, dass sie sich eigentlich nach etwas Gefahr, nach Herausforderung und nach einem stärkeren Gemeinschaftsgefühl sehnen. Ich denke, das treibt viele der rechtsextremen Parteien weltweit an. Das sieht man auch in den USA.“ Sein Fazit: „Das Zeitalter der Aufklärung ist nicht vorbei. Aber man muss hart daran arbeiten, dass dieses Licht weiterbrennt“.

Das Zeitalter der Aufklärung versprach Licht, Sonne, Wissen und Erkenntnis statt Aberglaube, Dunkelheit und Dogmen … und „den Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“. (Immanuel Kant, 1784)
Bis zu seinem Tode hat der deutsche Publizist Alexander Kluge die Fahne von Aufklärung, Wissen und Bildung hochgehalten. Menschen klüger zu machen, war seine Mission. Das Kriegskind aus Halberstadt (1932-2026) – die Domstadt liegt in Sachsen-Anhalt – wusste noch, wie ein Bombenangriff riecht: „Nach Phosphor. Verbranntes Holz. Das Fleisch der Nachbarin“. Kluge forderte: „Kriege müssen beendet werden. Nur so kann man die Partei der Kinder ergreifen.“
Das „Universalgenie“ und „Elefant im Kino“, so hieß es in Nachrufen, gab den Nachgeborenen einen wichtigen Rat: „Aufklärung braucht Bodenhaftung. Wenn wir die Tiere in uns respektieren, lernen wir vielleicht die Natur draußen und damit unseren Erdball zu respektieren. Das Zeitalter der Aufklärung liegt noch vor uns.“ Der Schriftsteller und Filmemacher war überzeugt: „Ich kann jeden Nazi umdrehen. Aber man muss mit ihnen reden und genau zuhören. Das gilt auch für Trump, AfD und andere Konsorten.“


