Die Wahl der Qual
Bis zum letzten Moment brüte ich über meinem Stimmzettel. Was tun? Zum ersten Mal beteilige ich mich per Briefwahl. Der rote Umschlag muss raus zur Post. Wir sind verreist, wenn Berlin am 20. September 2026 die Qual der Wahl hat. 27 Parteien werben um mein Kreuz. Alphabetisch gelesen von AfD über CDU, Grüne, Linkspartei, SPD bis zu Volt. Wie immer versprechen alle den Jahrmarkt auf Erden. Flott gesegnet mit Floskeln: von „Verantwortung“ über „Zukunft“ bis „Freiheit, Frieden und Sicherheit“. Wahrheiten sind verpönt. Ein angeschlagenes Wirtschafts- und Sozialsystem, eine erschöpfte Verwaltung, dazu eine Stadt, in der nur noch alles leidlich funktioniert. Berlin eben.
Eine Viermillionenstadt, die in immer mehr Interessengruppen und Communities zerfällt. Mit Menschen, die zuverlässig in Schnappatmung verfallen, wenn ihnen etwas nicht passt. Triggern geht schnell. Die Hauptsorgen? Eine weitverbreitete Angst zu kurz zu kommen, nicht gesehen, gefühlt oder neudeutsch gewertschätzt zu werden. Bloß nichts verlieren, was man hat. Der Neid, andere könnten bevorzugt werden. Jedes Milieu pfegt sein stabiles Feindbild. Schuld sind die Reichen oder die Migranten, die Grünen oder die Faschos usw.
Tja. Wen soll ich nun wählen? Ich zähle zur Generation der Profiteure der (west) deutschen Wohlstands für alle-Ära. Erstaunlicherweise hat dieses Demokratiemodell acht Jahrzehnte gehalten. Die längste Friedensperiode der Neuzeit. Wirft man ein solches Projekt weg? Aus Wut, Enttäuschung, Frust oder schlicht aus Überdruss? Wie im alten Rom, in dem sich die Gesellschaft an ihrer eigenen Dekadenz verschluckte?
Nach wie vor sitze ich an meinem unvollendeten Stimmzettel. Galt nicht immer die alte Faustformel? Bei jeder Partei gibt es zuverlässig ein ABER… also muss ich mich am Ende für das kleinste aller Übel entscheiden. Immerhin kann ich wählen. Viele Menschen in der Welt beneiden uns um dieses Privileg. Andere warnen vor einem zweiten 1933. Das „Abhitlern“ werde wieder schick, sagen Kids auf dem Land. Das System sei am Ende. Die Altparteien hätten versagt. Verrückt! Diese Sprüche waren alle schon mal da.
Bei den letzten, nur noch eingeschränkt freien Reichstagswahlen vom 5. März 1933 erreichte Hitler exakt 43,9 % und somit keine absolute Mehrheit. Fast genauso viele Stimmen erzielte Siegmunds AfD in Sachsen-Anhalt mit 43,8%. Die Rechtsaußen verpassten die Alleinregierung. 2026 wie 1933. Hitler war damals bereits an der Macht. Gemeinsam mit der DNVP/Kampffront Schwarz-Weiß-Rot kam er auf 51,9 %. Der Freifahrtschein für seine NS-Diktatur. Das 1933er-Wahlversprechen der Nazi-Partei: „Für Freiheit und Frieden“.
Puh. Ich habe es geschafft und meine drei Kreuze gemacht. Wo, das bleibt mein Geheimnis. Wird es nach der Wahl besser, wird es schlechter? Wir dürfen gespannt sein. Ich weiß nur eines: Es liegt an uns Wirtschaftswunderkindern und uns Wohlstandserben, nicht die alten Dummheiten zu wiederholen. Wozu waren wir in der Schule? Wollten wir nicht klüger sein als unsere Großeltern?



