Shiva in Südtirol. Reinhold Messner-Haus

Hinauf! Immer höher!

Willkommen im Yak-Land. Das liegt neuerdings in Südtirol. Mit der Sextener Seilbahn geht es in den Dolomiten hinauf zum Berg Helm, italienisch Monte San Elmo. Für 36 Euro in sechs Minuten per Seilbahn auf über zweitausend Meter Höhe. Die Sonne lacht. Der Berg-Guru ruft. Reinhold Messner lädt mit seiner jungen Frau Diane zum Vortrag: „Yak-Land. Eine fesselnde Geschichte über die Kraft des Überlebens“. Der Eintritt ist frei – „auf der schönsten Bühne der Welt“. Alle Plätze sind lange vor Beginn besetzt. Es herrscht eine erwartungsfrohe Stille in beeindruckender Bergkulisse. Hinter dem Podium grüßt eine silberne Blechbüchse, einst eine Seilstation. Jetzt steht auf großen Lettern Reinhold Messner Haus. Upcycling wird er das gleich nennen.

 

„Am schönsten Platz in den Bergen“. Audienz bei Reinhold und Diane Messmer hoch auf dem Berg Helm über Sexten/Südtirol.

 

Der Meister betritt mit Gefährtin Diane das Podium. Beifall brandet auf. Der 82-jährige stellt sich als Abenteurer, seine 46-jährige Frau als Bäurin vor. „Sabbeln“ sei ihre gemeinsame Leidenschaft. Sie kämen gerade aus der Himalaya-Region, erzählt er. Dort haben sie ein Museum für Sherpas eröffnet. Noch eine Messner-Location. Allein Südtirol verzeichnet sechs Messner-Besuchszentren. Darunter das atemberaubende Museum auf dem Kronplatz bei Bruneck. Eine in die Bergspitze geworfene, begrünte Betonkiste, mit riesigen Fenstern, aufgerissen wie Augen eines Bergsteigers, der erschöpft, aber glücklich das Gipfelkreuz erreicht hat. Sehenswert. Ein Entwurf der Stararchitektin Zaha Hadid.

Bei der Messner-Audienz geht es jetzt um das Yak. Eine langhaarige, asiatische Rinderart. Die Tiere seien extrem widerstandsfähig und genügsam, lobt Messner. Sie stammen aus dem tibetischen Hochland, aus viertausend Metern Höhe. Yak bedeute auch Grunz-Ochse, ein idealer Transporter und „Gärtner der Natur“. Yaks liefern Wolle, Milch, Butter und Fleisch. Sie können bis zu achtzig Kilo tragen und halten Temperaturen von minus vierzig Grad aus, wenn nötig „fressen sie auch Schnee“. Zwölf Yaks haben die Messners aus dem Himalaya nach Südtirol mitgebracht. Drei sind an diesem Septembernachmittag zu bestaunen. Mensch und Tier müssten zusammenleben wie die Sherpas und Yaks in Tibet und Nepal. Messner singt das hohe Lied von Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und Mut zur Einfachheit. Das Publikum nickt zustimmend und klatscht.

 

Neue Bewohner in Südtirol. Yaks aus dem Himalaya-Gebiet. „Widerstandsfähig, genügsam, zuverlässig.“

 

„Wir brauchen dringend mehr Vorbilder“. Die seien selten geworden, erklärt Messner unter noch mehr Beifall. Es folgen Sätze wie aus dem Lehrbuch eines Umweltleistungskurses. „Berge sind absichtslos, Menschen nicht.“ Oder: „Berge müssen wild bleiben, genau wie wir.“  Sie dürften nicht als Kulisse missbraucht werden, sondern seien unsere Lehrmeister. Natur müsse wieder still und unberührt sein. Das sagt der einstige Extrembergsteiger, der als Kind mit fünf Brüdern in einem Zimmer geschlafen hat, der mit zehn Jahren Hühner geschlachtet und als Twen alle vierzehn Achttausender im Himalaya-Gebirge bestiegen hat. Ohne Sauerstoffgerät und Sicherung. Und der seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Günther 1970 bei einer dieser lebensgefährlichen Expeditionen unter nie vollständig geklärten Umständen verloren hat.

 

Was treibt einen Mann an, der alles erreicht hat? Fragen an Legende Reinhold Messmer.

 

Was bleibt, wenn alle Gipfel erreicht sind? Messner betont, er sehe sich als Grenzgänger, Erzähler und Mensch. Manche Medien nennen ihn auch Selbstdarsteller, Entertainer, Einzelgänger und Welterklärer. „Ich bin kein Guru“, widerspricht Messner. An diesem heiteren Bergnachmittag fragt niemand nach familiären Erbstreitigkeiten im Hause Messner. Die Besucher hängen an seinen Lippen. Messner gibt Autogramme, lässt sich fotografieren, zeigt die Yaks, weist auf sein neues Buch hin, das Anfang Oktober 2026 erscheint. Titel: „Lebenszeit vom Wert der Vergänglichkeit“. Sein Terminkalender ist für die nächsten Monate mit Lesungen und Vorträgen vollgepflastert. Im Dezember möchte er in die Überschwemmungsgebiete am Himalaya reisen. „Selbst ein Bild machen. Hilfe organisieren.“

 

 

Reinhold Messner ist eine lebende Legende. Mittlerweile wirkt er ein wenig müde, aber bleibt rastlos. Es treibt ihn nicht mehr in die Einsamkeit der Berge. In die Extreme von Eis und Kälte, Atemnot und Erschöpfung. Jetzt sucht er volle Häuser und den Beifall des Publikums. In seinen Museen finden sich Zitate des Philosophen Nietzsche, der auf die Fragen des Lebens Antworten suchte. Warum begeben wir uns in Todesgefahr? – Um das Leben zu feiern? Oder um unseren Ehrgeiz zu stillen? Nietzsche sagt: „Der Kampf ums Dasein – das bezeichnet einen Ausnahmezustand. Die Regel ist vielmehr der Kampf um Macht, um „Mehr“ und „Besser“ und „Schneller“ und „Öfter“.

Und Messner? „Holzhacken bringt mehr als Schreiben.“

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