Reden ist Silber…
… Schweigen ist Gold. So sagt der Volksmund. In den meisten Familien hat dieser Satz Goldstandard. Vielleicht ist es besser, bestimmte Geheimnisse für sich zu behalten. Aus guten Gründen. Dagegen stehen jedoch so viele Fragen, die auf Antworten warten. Wie war das in unserer Familie? Die junge Autorin Alisha Gamisch, 1990 am Tegernsee geboren, hat das Schicksal ihrer Vorfahren nicht zur Ruhe kommen lassen. Alisha hat eine Russlanddeutsche Familiengeschichte. Die sogenannten Kontingentflüchtlinge aus der UdSSR/ Russland lieben Putin und Helene Fischer, heißt es, viele würden AfD wählen. Stimmt das? Alisha Gamisch widerspricht. Sie wagt mit ihrem ersten Roman Parasiti einen präzisen Blick auf ihre russisch-deutsche Familie, der von Bayern nach Sibirien führt. Ihr Debüt war zum Deutschen Buchpreis 2026 nominiert. Aus gutem Grund.
„Ich hatte nur einen, und das war kein Richtiger. … Ich weiß ja nicht, was Liebe ist.“ Das sagt Oma Lydia über ihren Sahska. Ehemann, Musiker, Trinker und ein Parasit, der abends, wenn er nach Hause kommt, immer „herumrutschen“ will. „Wenn sie Glück hat, tut es nicht weh“. Aber irgendwann hat die Näherin wieder einen „Braten in der Röhre“. Im Krankenhaus von Nowosibirsk kennt sie „die Kittel, das Umziehen, das „Schnell, schnell, beeilt euch, wir haben nicht ewig Zeit! … das Eisen, das sie brauchen, um das Knäulchen rauszuholen.“ Lydias Unterleib fühlt sich danach an, „als hätte man ihn mit Schwiegervaters Fleischklopfer bearbeitet“. Dabei ist Lydia eine Frau, die alles übersteht. Krieg, Vertreibung, Deportation, Barackenleben und Ausreise als Spätaussiedlerin nach Deutschland. Dort bleibt sie die Fremde. Eine „Rucksack“-Deutsche, die jetzt die Russin ist. In Sibirien war sie die Deutsche, eine „Fashisti“.

Russlanddeutsche. Zu Hunderttausenden kamen sie aus der einstigen Sowjetunion. Immer unter Druck. Deportiert, ausgewiesen, spät „ausgesiedelt“. Heute: Alles Putin-Fans? Stimmt das?
Was vererben wir und was behalten wir lieber für uns? Wie prägen Herkunft, Familie und Tradition? Was ist Heimat? Die neugierige Enkelin Rina ist eine rotblonde Sozialarbeiterin mit blauem Kinn, „geschwollen wie ein aufgegangener Dampfnudelteig“, nachdem sie Prügel von ihren Schutzbefohlenen bekommen hat. Hartnäckig will sie wissen, was in der Familie los ist. Der Grund: Die Frauen erreicht im Reihenhaus von Fürstenfeldbruck der Aufruf einer Lebensschutzorganisation, in der Abtreibung als Mord angeklagt wird. Der Flyer schlägt wie eine Bombe ein. Die Großmutter erstarrt. Tante Valli, ein Kuckuckskind, verstummt. Das große Schweigen. Enkelin Rina fragt weiter.

Wenn ein Leben in einen Koffer passt. Menschen auf der Flucht. Eine Arbeit von Vychaslav Akhunov aus Usbekistan auf der Biennale in Venedig 2026.
Tante Valli ist eine Patzanka, ein Mannsweib. Klare Ansagen, schroffer Ton. In der russischen Schule wurde sie als Deutsche gemobbt. Valli strickt, repariert den Herd, isoliert Fenster, schaut auf dem Chamäleonsofa den gutaussehenden „Bergdoktor“ und backt Kribli. Sie ist gerne mit ihrer Nichte Reni zusammen, auch wenn sie mit ihren Fragen manchmal nervt. Parasiti ist ein Generationenroman. Alisha Gamisch erzählt von der engen Familienbande, die ihre Romanfamilie wie ein Seil verbindet und hilft, aber auch bedrückt und einengt. So entsteht eine intensive Nahaufnahme von Tradition, Enge, häuslicher Gewalt und zärtlicher Intimität.
Oma sagt: „Wir sind Deutsche – das ist alles.“ Trotzig-standhaft lebt sie ihrer Enkelin vor, wie das Leben dicke Seile um die Familie geschlungen hat. Wenn nur nicht der Mushik wäre, der vermeintliche Herr im Hause, der Wodka-geschwängert abends sein Eherecht einfordert. Die Russlanddeutsche Oma Lydia bleibt sich treu: Egal, ob Männer, Kälte, harte Arbeit in der Kolchose, Stalin oder Putin. Es gibt Dinge, die muss man selbst regeln. Da hilft keine Macht, keine Politik, kein Gott.
Alisha Gamisch. Parasiti. Ein starkes Debüt. Eine bewegende Geschichte, die das große Schweigen in Familien durchbricht.

