Vater und Tochter. Eine Spurensuche von Alexandra Bidian.

Vater-Land

Eine Frage, die viele kennen. Was macht eigentlich mein Vater? Mein „Tata“. So heißt Vater auf rumänisch. Die Filmemacherin Alexandra Bidian hat sich mit Mutter Regina und Schwester Maria auf Spurensuche gemacht. 1.500 Kilometer weit Richtung Sibiu, Rumänien, der verlorenen Heimat des verstorbenen Vaters. Ein Dichter und Dissident. Demokrat und Exilant. Verfolgt und eingesperrt. Im Visier der Securitate, der rumänischen Stasi. Abgeschoben und ausgereist in den Siebzigern. Neuanfang in Wiesbaden. Dort gründet er mit seiner großen Liebe Regina eine Familie. Sie haben zwei Töchter. Er schreibt Gedichte, Texte und Briefe, um auf sein geschundenes Land aufmerksam zu machen. Hofft auf eine Wende. Sehnt sich nach dem Ende des Ceaușescu-Regime.

 

 

Alexandra Bidians Familiengeschichte „Schon lange kein Frühling. Mein Vater, Rumänien und Ich“ erzählt still und eindringlich die Geschichte eines Mannes, der im Sozialismus aus der Bahn geworfen wird. Im rumänischen Kommunismus gibt es Aufmärsche, Parolen, einige Prachtbauten und noch mehr Orden. Das Gesicht des Alltags aber prägen Mangel, leere Läden, hohe Preise, Korruption. Willkür. Keine Zukunft im Armenhaus des Sozialismus. Heutzutage ist Rumänien zweitärmstes EU-Land, geprägt von Wirtschaftsboom, neureichem Pomp und harten Gegensätzen. Bei den kleinen Leuten kommt nur wenig an. Die Folge. Über vier Millionen Rumänen haben auf der Suche nach Jobs und einem besseren Leben das Land verlassen. Geblieben ist die Korruption. Aber auch der familiäre Zusammenhalt. Die Frage in Rumänen steht: Bleiben oder gehen?

 

Filmemacherin Alexandra Bidian.

 

Bidians Roadmovie konzentriert sich auf ihre Familie. Wer ist Tata? Sie fragt intensiv nach, manchmal bis an die Schmerzgrenze. Was hat dieser große, ernste Mann gemacht, der nach achtzehn Jahren Exil immer stiller wurde. Der wunderbare Gedichte verfasst hat: „Schon lange kein Frühling. Schon lange, seitdem Tag, an dem ich dich in Trauer ließ. Entstelltes Land der Väter. Seitdem vergehen im wilden Rennen Tage ohne Kraft. Nächte voller Wehmut.  Und Jahre ganz entleert von dem, was Liebe heißt.“  Was bedeutet Widerstand im Alltag? Was Familie, Heimat, Tradition? Alexandra liest alte Briefe, fragt Verwandte und Weggefährten, gräbt sich in Vaters zweitausendseitige Geheimdienstakte  ein. Einer der besten Freunde war ein Spitzel.

 

Vater Tata mit seinen Töchtern Alexandra und Maria in den neunziger Jahren auf dem Weg nach Rumänien. Foto: Alexandra Bidian

 

Tata wird 1948 als Schüler wegen „Umsturzplänen“ zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Tagelang steht er im kalten Wasser. Rheumatismus ist die Folge. Er jobbt als Hilfsarbeiter, kann nur Theologie studieren. Ständig wird er überwacht, bis er Mitte der Siebziger ins Exil geht. Familie und Freunde in Rumänien schildern ihn als aufrechten Mann, aber auch als Träumer und Idealisten. In Deutschland verfasst er Briefe an Bundeskanzler Kohl und US-Präsident Bush, engagiert sich im Exilrat. Immer wieder schreibt er Gedichte, Texte, Aufrufe. Vergebens. „Ich wollte meinem Land helfen, etwas Gültiges schaffen. Es ist mir nicht gelungen.“

Als Ceaușescu 1989 gestürzt wird, will er Präsident werden. Ein Traum, mehr nicht. Exil macht mürbe und müde. Er verstummt. Über seine Rückkehr nach Rumänien in den Neunzigern heißt es: „Dürstend sucht er nach alten Spuren.“ In den Akten entdeckt Alexandra den Plan der Securitate, ihren Vater ab 1974 als Informanten im Westen einzusetzen. Der Vater ein Agent? Ein dunkles Geheimnis? Alles wird plötzlich in Frage gestellt. Alexandra: „Ich habe eine Tür geöffnet, die ich nicht mehr schließen kann.“ Mutter Regina: „Für mich unvorstellbar. Unmöglich!“ Was war der Vater nun wirklich? Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Am Ende der filmischen Reise folgt eine Liebeserklärung an Tata: „Ich weiß, was du für ein Mensch warst. Das zählt.“

Alexandra Bidian macht in Hamburg Filme. Schwester Maria Bidian schreibt in Berlin Romane. Die Frucht des Vaters geht auf. Frühling wird es jedes Jahr wieder.

 

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