Archive for : November, 2026

post image

Generation Jazz

Wo schlägt das Herz des Jazz? In New Orleans, Chicago oder doch in New York? Mein Mittelpunkt ist das Village Vanguard in der 178 Seventh Avenue South im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. Eine Institution, 1935 eröffnet. Wenn die Nacht anbricht, geht es die Kellerstufen hinab und … wer genau hinhört… kann den Herzschlag spüren. Hier waren und sind Legenden auf der Bühne: John Coltrane, Miles Davis, Thelonious Monk, Bill Evans oder Sonny Rollins. Jazz für alle Generationen? Das war einmal. Denn wer geht hierzulande noch in Jazz-Clubs? Die Boomer-Generation. So auch an diesem Abend in Halberstadt. Fernab von großen Metropolen. Viele bunten Blumen blühen am Rande. Hier erfreut ein kleiner privater Treffpunkt Musikfans in Halberstadt, Sachsen-Anhalt, mitten im AfD-Land.

An diesem Herbstabend spielt Cactus in a Garage im heimeligen Keller und wärmt mit Souljazz die Herzen. Die vier jungen Musiker performen abwechslungsreich wie entspannt vor einem gesetzten Publikum, das gebannt lauscht. Jung trifft alt! Es geht doch. Statt bloßer Retro-Zitate präsentiert das Quartett überwiegend Eigenkompositionen zwischen Groove, Jazz-Rock, Fusion und Soul. Ab und zu werden ein paar Cover-Versionen eingestreut. Jazz verzaubert an diesem Abend. Schlechte Nachrichten und miese Weltuntergangsgefühle bleiben draußen vor der Tür. Da ist was dran: Musik lenkt nicht nur ab. Musik heilt. Musik kann magische Kräfte entfalten.

 

Konrad Buschhüter , Lorenz Knauft, Lucas Rauch und Joel Podolski sind Cactus in a Garage.

 

Die Band ist U-35, also jung. Das Publikum deutlich über 60plus. Ein Problem? – Einer aus der Band sagt: „Wenn wir spielen, vergessen wir alles um uns herum. Wir tauchen in unsere Musik ein und freuen uns, wenn die Stücke ankommen.“ Ein anderer ergänzt: „Außerdem ist die Sache so: Drei Dinge sind wichtig. Zeit, Geld und Energie. Wir Jungen haben weder Zeit noch Geld, dafür aber reichlich Energie. Bei den Alten ist es genau umgekehrt: Sie haben keine Energie, dafür aber viel Zeit und Geld.“ Das ist das perfekte Match.

Cactus in a Garage hat etwas ansteckend Positives, Optimistisches. Sie setzen auf eine treibende Hammond-Orgel, groovende Gitarren- Saxofon- und Querflötensoli und einen dynamisch-feinfühligen frischvermählten glücklichen Mann am Schlagzeug. Wie sagte einst Jazzpapst Ernst Behrendt: „Jazz ist die Musik der Lebensfreude und überschäumenden Kraft. Die Musik ursprünglicher Vitalität und Geister voller Ironie. Die Musik der Jugend und des Humors – das alles ist Jazz.“

 

 

Zum Finale streuen sie mit Move on Up einen Klassiker von Curtis Mayfield ein. Der Dank ist so sicher wie ein voller Hut, der sich mit Scheinen füllt. Es lebe die Generation Jazz. Die Überraschung ist gelungen. Fröhlicher Souljazz an einem Ort, an dem man so etwas nicht erwarten würde. Ein Lichtblick in einer von Zumutungen und Klischees gebeutelten Region. Die Band kommt aus Sachsen-Anhalt. Sie tragen mit lockerem „Hüftschwung im Gepäck, ihren Sound aus der Garage voller alter Cadillacs nun in die Clubs der Welt.“ Cactus in a Garage ist derzeit auf Deutschland-Tournee. Wer weiß, vielleicht treten sie eines Abends auch mal in einem Keller in New York auf. Auch das Village Vanguard kann frischen Wind jederzeit gut vertragen.