As tears go by
Sie singt den Song auf einer ausgelassenen Party. „Es ist der Abend des Tages. Ich sitze da und sehe den Kindern beim Spielen zu. Ich sehe lächelnde Gesichter. Aber ihr Lächeln gilt nicht mir. Ich sitze da und sehe zu. Während Tränen vorübergehen.“ Ein Lied, das rasch um die Welt gehen wird. Die junge Frau, die ihre Tränen besingt, ist siebzehn. Sie heißt Marianne Faithfull. Eine Schülerin. Bezaubernd, blond und bildhübsch. Mit ihrem Tränen-Song wird sie 1964 berühmt. Verfasst haben ihn die beiden Stones-Männer Keith Richards und Mick Jagger in der Küche. Es ist ihr erstes selbstkomponiertes Lied: As tears go by. Sie widmen es Marianne Faithfull aus dem Londoner Stadtteil Hampstead, einer Aristokratentochter mit ungarisch-österreichischen Wurzeln.
Für die blutjunge Marianne folgen 3 ½ wilde Jahre mit Mick Jagger. Ein LSD-Leben wie aus dem Drehbuch einer durchgeknallten TV-Serie über die 60er. Sex, Drugs and Rock ‘n Roll. Im Februar 1967 werden die beiden wegen unerlaubten Drogenbesitzes nach einer Party in Keith Richards’ Landhaus verhaftet. Marianne ist nur mit einem Fell bekleidet. Es kommt, wie es kommen muss. Schlagzeilen der Sensationspresse. Boulevardreporter schlachten jedes Detail aus. Nun geht es stetig bergab. 1968 Fehlgeburt. 1970 Trennung von Mick Jagger. Marianne stürzt ab: Von ganz oben nach ganz unten. Der Tiefpunkt. Von der gefeierten 60er-Ikone zur obdachlosen Junkie-Bettlerin. Rock Bottom, wie die Briten sagen. Wenn der Stein auf den Grund des Sees fällt. Es müssen schlimme Jahre gewesen sein.
Marianne Faithfull gibt nicht auf. Sie wird zu einem funkelnden Kometen der Nachkriegs-Boomer-Generation. Tochter aus gutem Hause. Oscar-Wilde-Fan. Klosterschülerin, Jagger-Freundin, 60er-Popstar, Edel-Groupie, Schauspielerin, Heroinabhängige („Sister Morphine“), Therapie, Entzug, Einsamkeit. Drei gescheiterte Ehen. Kinder, Enkel. Comeback. Rockröhre, gefeierte Diva. Schwere Krebserkrankung, Long Covid. Ende im Pflegeheim. Ein pralles Leben mit allen Höhen und Tiefen. Unverwechselbar ihre Stimme. Sie ist wie guter Wein. Je älter, desto reifer, rasselnder und rauchiger. Einzigartig. Vom Leben gezeichnet. Ihre Lieder sind Spiegel ihrer Seele.
Doch Marianne steht auch für ein großes Stück künstlerische Emanzipation: Nach Jahren der Drogensucht und Obdachlosigkeit gelingt ihr 1979 mit dem Album „Broken English“ ein Comeback der Extraklasse. Songs wie The Ballad of Lucy Jordan erzählen von der Sehnsucht nach dem kleinen, großen Glück. Von verpassten Chancen, Niederlagen und Enttäuschungen. Und vom Wiederaufstehen und Durchhalten. Marianne verlässt unsere irdische Welt im Alter von 78 Jahren in einem Londoner Seniorenheim. Sie konnte es sich nur leisten, weil befreundete Künstler wie Iggy Pop und Nick Cave sie unterstützten.
Was bleibt, sind ihre Songs. Ihre Stimme. Und ihre Idee vom Leben: Don´t give up. Marianne Faithfull starb vor genau einem Jahr – im Januar 2025.



















