post image

So viel Zukunft war nie

Das ehemalige Centrum-Warenhaus von Hoyerswerda ist nicht zu übersehen. Kaum kleiner als sein großer Bruder am Berliner Alexanderplatz. Auffällig durch seine markante, wabenförmige Metall-Fassade. Parterre residiert das Lausitz-Center. Weiter oben steht alles leer. Wir suchen den Zugang zum Tanz-Projekt-Abend. Niemand weiß den Weg. Besucher irren wie wir rund um das Gebäude. Einen Familienvater fragen wir nach dem Weg. Er kennt ihn auch nicht. Wir kommen ins Gespräch.

Gemeinsam eilen wir um das riesige Gebäude im Zentrum von Hoyerswerda-Neustadt. Die Neustadt ist mittlerweile über ein halbes Jahrhundert alt. Unser Zufallsbegleiter ist von der Sparkasse. „Wir sponsern den Abend“, sagt er stolz. „Wir brauchen so was für die Zukunft.“ Plötzlich finden wir die breite Auffahrtsrampe zum Parkdeck. „Hoyerswerda kommt. Mit den Milliarden von der Kohle-Transformation investieren wir in Karbonfaser, Wasserstoff und Windräder. Die Lausitz wird zum Zentrum der Elektromobilität und Batterieproduktion.“

 

Hoyerswerda tanzt. Ein faszinierendes Projekt. Das pralle Leben in einem leerstehenden Kaufhaus. Selbst entwickelt, selbst gespielt und zurecht seit 2010 gefeiert.

 

Wir sind ganz oben. Über den Dächern der einstigen sozialistischen Vorzeige-Planstadt, im einstigen Braunkohlerevier und Energiezentrum der DDR, im heutigen Sachsen. Nach der Wende Krawall-, Frust- und Ausländer-Raus-Hochburg. Wir finden gemeinsam den Eingang. Hier sind wir richtig. Hier ist was los. Menschen plaudern vor dem Einlass. Sie hoffen auf eine wunderbare Sommernacht. Über Hoyerswerda zeigt sich der Junimond. Endlich ist was los: Tanztheater. Alle sieben Vorstellungen sind restlos ausverkauft. Zum wiederholten Mal seit 2010 heißt es. „Eine Stadt tanzt. Die Entscheidung.“ Tanz den Frust. Tanz ihn einfach weg. Gemeinsam. Über hundert Mitwirkende. Die meisten sind Laien. Menschen von nebenan. Pflegerin oder Arzt, dazu ein paar Profis. Bereit für achtzig Minuten Lebensgefühl. Für flotte Songs, Rhythmus, Bewegung und Begeisterung.

 

 

Im Saal ist es heiß und stickig. Egal. Die Show beginnt. Die erste von dreizehn Tanz-Szenen beginnt furios. Eine neue Stadtplanerin soll die von siebzigtausend auf 32.000 Einwohner geschrumpfte Stadt retten. Die Bässe wummern. Die Songs gehen unter die Haut. Die Choreographie sitzt.  In den Augen der Beteiligten ist Glanz zu sehen. Schaut her, was wir können. Wir haben uns nicht aufgegeben. Für das Ensemble ist Hoyerswerda kein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Zu bleiben. Die Welt zuhause besser zu machen. Lebens- und liebenswert. Im Stück ringen Traditionalisten mit Erneuerern. Klar ist: Die Abrissbirne ist keine Lösung. Auch nicht die Parolen der AfD. Oder die Ignoranz der Westler. Das Tanztheater steigert sich, fragt in den Songs: Was wäre, wenn?

Was wäre eine Stadt, die Spaß macht. In der nicht der Geldbeutel entscheidet. Eine Stadt von morgen, in der es gereicht zu geht. In die Menschen strömen und nicht wegziehen. Der Vater des Tanzprojekts ist Dirk Lienig. Ein ausgebildeter Tänzer, der die Welt bereist hat. In Hoyerswerda geboren will er seine Vaterstadt nicht weiter untergehen sehen. Der Erfinder und Regisseur der tanzenden Stadt sagt: „Beim Tanzen vergesse ich alles. Kummer, Sorgen, Stromrechnungen, Stress. Ich bin völlig bei mir. Schwebe schwerelos. Bin in einer anderen Welt.“

 

Eine Stadt tanzt. Über 100 Mitwirkende. Neunzig Tänzerinnen und Tänzern. Allesamt Laien. Sie tanzen sich frei.

 

Finale. Das Publikum rast vor Freude. Vergessen sind Alltag und Sorgen. Vergessen die Kritiker, die lästern, mit Tanz-Gedöns werde die Welt nicht besser werden. Hoyerswerda schwebt in diesen Minuten. Komm, das wissen wir: Seit der Einheit sind sechzig Prozent der Einwohnerschaft weggezogen. Hoyerswerda schrumpft gnadenlos weiter. Das Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren. In den nächsten Jahren treten die Babyboomer ab. Wer besetzt dann die viertausend Jobs in Verwaltung, Versorgung und Gesundheit?

 

Hoyerswerda leuchtet. Die 32.000 Einwohner-Energiestadt in der Lausitz will eine Zukunft haben.

 

Nicht jetzt. Hoyerswerda will sich amüsieren, tanzen und sich freuen. Die Menge tritt auf das Parkdeck hinaus. Genießt den Juni-Abend. Tanztheater-Chef Lienig: „Hoyerswerda wird geliebt, gehasst, be­lächelt, besungen, bewundert, links liegengelassen oder rechts eingeordnet.“ Für den 56-jährigen ist Hoyerswerda „eine der faszinierendsten Städte Deutschlands“. Er strahlt an diesem freundlich-lauen Abend. Geschafft! Klar, kommt der nächste Montag. Aber ist die Zukunft nicht „ne abgeschossene Kugel“? Wie es der Held von Hoyerswerda, der singende Baggerfahrer Gerhard „Gundi“ Gundermann besungen hat.

Die tanzende Stadt trägt die Kugel weiter. Mal sehen, wo sie hinfliegt. Zukunft in der Lausitz? Hier gibt es 99 Tipps.

 

 

post image

Das innere Leuchten

Mittendrin steht sie. Millionenfach besucht. Genauso viel fotografiert und in die Welt gepostet. Die Gedächtniskirche. Auf Berlinerisch: Hohler Zahn mit Lippenstift und Puderdose. Symbiose aus Alt und Neu. Offizieller Name seit 131 Jahren: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Kirchenensemble mit der markanten Turmruine ist ein wenig in die Jahre gekommen. Keine Frage. Längst spielt die Musik anderswo. Einst Kaiserlicher neoromanischer Prunk- und Protz-Bau der Superlative. Dann Kriegsruine am zerstörten Kudamm. Im Kalten Krieg: Wahrzeichen des alten West-Berlin. Symbol des freien Westens und Sehnsuchtsort für viele DDR-Bürger.

 

Die Berliner Gedächtniskirche musste sich immer wieder neu erfinden. Architekt Egon Eiermann bei der Einweihung 1961: „Ich wünsche mir und uns allen, dass nie wieder Schatten des Schreckens durch den Traum des Lichts dieser Gläser fallen mögen.“

 

Das Schicksal der Gedächtniskirche ist so wechselvoll wie die deutsche Geschichte: Schauplatz für Kaiser-Wilhelm-Jubelfeiern und totale NS-Kriegskatastrophe. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und 68er-Proteste. Heute Ort für Friedensgebete und Terroranschläge, Konzerte und Trauerfeiern unter anderem für Hildegard Knef oder Harald Juhnke.

Die Gedächtniskirche birgt ein Geheimnis. Ihr inneres Leuchten. Der Grundton Blau ist ein großes Versprechen. Wie das Meer oder der Himmel. Wie der Eindruck von Unendlichkeit und Ewigkeit. An der Stirnseite der goldene, schwebende Auferstehungschristus, 1962 geschaffen von Karl Hemmerter. Der Kirchenraum schafft eine Atmosphäre von Klarheit, Stille und Spiritualität. Er weckt Sehnsucht nach Geborgenheit und Sinn. Besucher schwärmen von dem leuchtenden Ultramarinblau. Dieses magische Licht haben wir dem deutschen Architekten Egon Eiermann und dem französischen Glasbaukünstler Gabriel Loire zu verdanken. Ihre gemeinsame, streit- wie fruchtbare Arbeit vor über sechzig Jahren erreichte etwas völlig Neues. Damals hoch umstritten, mittlerweile längst ein Meilenstein der Moderne.

 

Der Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle. Er zeigt uns zwischen den Doppelwänden der Kirche das große Geheimnis der Gedächtniskirche.

 

Architekt und Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle führt uns eine Treppe hinter der Orgel hinauf zum begehbaren Ort des Geheimnis. Um Verkehrslärm und Leuchtreklame abzuschirmen, wurde der Kirchenneubau mit zwei Wänden in Stahlskelettbauweise mit Tausenden Glasfenstern in Betonwaben ausstaffiert. Der doppelwandige, achteckige Bau kann umrundet werden. Die Wände sind in kleine Raster aufgeteilt, mit insgesamt 21.334 Beton-Dickglas-Elementen in Betonwaben aus Stahl und Beton. Jedes einzelne farbige Glasteil ist ein Unikat. Handgefertigt, aus Altglas recycelt. Errichtet in anderthalb Jahren.

 

Alles eine Frage des Lichts. Die Betonwaben mit insgesamt knapp 22.000 Glasfenstern in den Doppelwänden der Gedächtniskirche.

 

Der Franzose Gabriel Loire war ein Meister der Dickglastechnik. Sein Vorbild: die Kathedrale von Chartres. In Loires Fenster-Waben entstehen keine konkreten Bilder, sondern unzählige farbige Strahlungen. Wie geschliffene Juwelen. Diese Fenster sorgen für das innere Leuchten. Die gläserne Lichtstrahlbrechung je nach Sonnenstand ergibt am Ende das blaue, warme Licht im Kirchenschiff. Menschliche Kreativität auf höchstem Niveau. Ohne App und KI.

 

Das Blaue Licht. Eine deutsch-französische Meisterleistung von Architekt Egon Eiermann und Glasbaukünstler Gabriel Loire. Damals als „Eierkiste“, „Papp- und Hutschachtel“, „Bibelschuppen“, „Puderdose mit Lippenstift“ und „Halleluja-Gasometer“ geschmäht. Längst eine Ikone der Moderne.

 

Dieses Leuchten hat im Laufe der Jahrzehnte durch Abgase und Abnutzung stark gelitten. Das Problem: Der Stahl der Bewehrung, der die Gläser zusammenhält, ist nicht rostfrei. Nun muss jedes einzelne der knapp 22.000 Gläser entfernt, gereinigt und in einer neuen rostfreien Stahlkonstruktion neu eingefasst werden. Das wird länger dauern als achtzehn Monate wie damals in der Bauzeit, dazu braucht es keine Propheten. Mindestens fünf Jahre Bauzeit sind aktuell veranschlagt. 35 Millionen Euro soll die Komplett-Sanierung kosten. Spenden sind erwünscht, damit die neue, alte Gedächtniskirche wieder leuchten kann. Im nächsten Jahr soll die Gedächtniskirche wieder Großbaustelle werden.

 

Der schwebende Jesus von Karl Hammeter aus Bayern in der „neuen“ Gedächtniskirche. Ernst Barlach lässt grüßen.

 

Ach, du schnöde Welt: das innere Leuchten ist wichtiger denn je. An diesem symbolträchtigen Ort, auferstanden aus Ruinen. Die Gedächtniskirche bleibt ein Mahnmal für Neuanfang und Niedergang, für Verständigung und Frieden. Wenn das blaue Licht wieder leuchtet, vielleicht sogar noch heller und besser als früher, dann wäre nicht nur Hegel begeistert. Er würde von der „List der Vernunft“ sprechen. Das ist doch ein schönes Ziel.

 

Das innere Leuchten. Es hilft gegen Verzagtheit, schlechte Laune und das Gerede vom Weltuntergang.

 

post image

„Det is Berlin?“

Was ist typisch Berlin? Der Fernsehturm, die Millionen-Metropole ohne Sperrstunde, Events bis zum Abwinken und Clubs zum Abstürzen. Dazu ein großer Steinhaufen im märkischen Sand, bevölkert mit ruppigen Eingeborenen und großer Klappe, einstürzende Mauern (lange her: 1989), Verkehrschaos, bröselnden Brücken, tagelangem Stromausfall und Mega-Mieten. In der Hauptstadt ballt sich alles zusammen: eine ausgepowerte Verwaltung, ein undurchdringlicher Dschungel an Vorschriften und das berühmte Berliner Motto: Bin nicht zuständig, da kann ja jeder kommen!

Da braucht eine neue Ampel an einer Schule schon mal 25 Jahre bis zur Einweihung. Das nennt sich Behördenpingpong. Der Bauzaun ist Ikone und Symbol vom heutigen Babylon Berlin. So eine Absperrung kann durchaus mal vergessen werden. Seit 21 Jahren bewacht ein Absperrzaun zuverlässig die Leere mitten im Zentrum, direkt an der Staatsbibliothek. Wo? Genau: Unter den Linden, Ecke Charlottenstraße. Merke: Berlin ist eine Metropole mit dem einzigartigen Talent zum Scheitern.

 

Staatsbibliothek. Berlins vermutlich ältester Bauzaun. Seit 2005.

 

Berlin – das neue Kalkutta? Muss das sein? Oder war das nicht schon immer so? Wir fragen jemanden, der sich mit dieser Frage ein Leben lang intensiv beschäftigt hat. Karl Scheffler: Historiker. Kunstwissenschaftler. Kulturkritiker. Hier sein Berlin-Check:

Berlin war lange Zeit nicht ein Ziel, sondern bestenfalls eine Etappenstation an der Karawanenstraße. Ein Zufluchtsort für solche, die nichts zu verlieren haben.“

Über die Berliner: „Jeder hält sich für gut und richtig nur was er sagt. Unter hundert Berlinern gibt es nicht zwei, die zuzuhören verstehen.“

Über die Berlinerin: „Sie ist dafür, dass alles im Hause seine Ordnung hat, aber sie ist doch nicht eigentlich sauber und adrett. Sie regiert gerne Mann, Kinder und Dienstmädchen. … als junges Mädchen ist die typische Mittelklasse-Berlinerin niedlich genug … vielmehr ist selbst in den Töchtern schon eine unhemmbare Lust, alles Reine ins Schmutzige, alles Große ins Kleine, alles Leidenschaftliche ins Niedere ironisch herabzudenken und Gefühlsworte mit scharfen Spottworten zu erwidern.“

Über das Paarungsverhalten: „Die allgemeine Jagd auf die Frau gehört in Berlin zu den deutlichsten Zeichen roher Kulturlosigkeit. Die Männer benehmen sich dabei schamlos zudringlich, taktlos und formlos, so dass dem Betrachter auf der Straße, im Café, in den Kunstausstellungen und Varietés oft ist, als befände er sich in einer Goldgräberstadt.“

 

Cornelia Schleime, Künstlerin, Malerin, Urberlinerin. Selbstporträt als Schaf. Für sie gilt, bange machen, gibt´s nicht. „Ich nehme, wie es kommt.“

 

Über den Bauboom: „Denn nicht die verantwortlichen Behörden haben Berlin und seine Vororte nach einheitlichem Plan gebaut, sondern ein Haufen profitgieriger, geistig verblödeter und rohe Spekulanten hat die Stadt und ihre Vororte angelegt. … Ob man am Alexanderplatz wohnt oder in Steglitz, Tempelhof oder Pankow, das ist ziemlich dasselbe.“

Über die Hassliebe zu Berlin, beginnend an der Stadtgrenze: „Die Annahme, die Provinz hasse und verabscheue Berlin, ist nur zum Teil richtig. Man hat in der Provinz wohl den Instinkt für die Unproduktivität des hauptstädtischen Geistes, und man höhnt über jede sichtbare Unzulänglichkeit; aber daneben herrscht allgemein auch Neid auf die Genüsse, die die Großstadt zu bieten hat.“

 

Karl Scheffler. Gemalt von Max Liebermann 1918.

 

Wir danken Karl Scheffler für seine pointierte Polemik, die in dem geflügelten Bonmots gipfelt: „Berlin ist dazu verdammt: Immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Dieser Befund stammt aus dem Jahre 1910 und ist genau 126 Jahre alt. Da regierte noch der Kaiser. Was hat sich geändert? Finde den Unterschied.

Wer mehr über die Stadt an der Spree erfahren will, hier meine Empfehlung. Jens Bisky. Fast 1.000 Seiten Berlin. Hochkompetent, gut geschrieben und unterhaltsam:

 

 

 

post image

Weimar, „groß und frei“

»Hier ist gut sein!« sagt der alte Dichterfürst an einem sonnigen Septembermorgen des Jahres 1827, als er mit seinem Gefährten Eckermann den Ettersberg bestiegen hatte. »Ich dächte, wir versuchten, wie in dieser guten Luft uns etwa ein kleines Frühstück behagen möchte.« Bei gegrilltem Rebhuhn und Wein fühlt sich Goethe „groß und frei“, hoch über Weimar. Der Legende nach habe der Meister hier seine Initialen in eine Eiche geritzt, auf dem Ettersberg, Goethes Olymp. Genau hier errichten die Nazis gut ein Jahrhundert später im Sommer 1937 das größte Konzentrationslager auf deutschem Boden. Es soll K.L. Ettersberg heißen, KL steht für Konzentrationslager.

Doch die traditionsbewusste NS-Kulturgemeinde in Weimar erhebt Einspruch. Nicht gegen das geplante Konzentrationslager, nein, nur der Name Ettersberg dürfe nicht besudelt werden, er soll Goethe vorbehalten bleiben. So entscheidet sich SS-Chef Heinrich Himmler am Ende für den unverfänglichen Begriff Buchenwald. Bald ein Ort des Grauens und der völligen Gesetzlosigkeit. Buchenwald wird das größte KZ auf deutschem Boden. Diesem Dreiklang von Goethe, Ettersberg und Buchenwald begegnen wir im neuen Buch der Historikerin Katja Hoyer: „Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte.“

 

Was von der Goethe-Eiche auf dem Ettersberg übriggeblieben ist. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald. 2022

 

Der Ettersberg wird gerodet. Raum schaffen für alle Feinde der „Volksgemeinschaft“, für insgesamt 280.000 Buchenwald-Gefangene. Jeder fünfte Insasse überlebt die sieben Höllenjahre auf dem Ettersberg nicht. Einzig die dicke Goethe-Eiche zwischen Lagerküche und Wäscherei darf stehen bleiben. Im August 1944 muss der einzige Baum auf dem KZ-Gelände doch noch gefällt werden. Eine alliierte Bombe hatte die deutsche Eiche getroffen. Aus den Resten schnitzt der Leipziger Kommunist und Häftling Bruno Apitz heimlich „Das letzte Gesicht“, das Antlitz eines sterbenden Häftlings. Ein geflügeltes Wort in Weimar heißt: „Was ist der höchste Berg Deutschlands? Der Ettersberg! Hoch kommst du schnell, aber runter nicht mehr.“

Dieses weltberühmte Weimar schält Katja Hoyer wie eine Zwiebel. Schicht für Schicht legt sie frei. Mit Tränen der Freude und der tiefen Traurigkeit. Deutsche Geschichte auf dem Hackbrett. Prominenz ist ausreichend vorhanden. Hier wohnten Goethe, Schiller, Nietzsche, dessen Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schriftsteller und Verleger Harry Graf Kessler. Aus Weimar kommen NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, der Großvater des Schriftstellers Ferdinand von Schirach oder Hitlers persönlicher Sekretär und Trauzeuge Martin Bormann. Hitler selbst besuchte mehr als vierzig Mal die thüringische Kleinstadt. Er residierte im eigens für ihn umgebauten Hotel „Elephant“, in einer 80 Quadratmeter großen Führer-Suite. Hermann Göring lernte in Weimar die Schauspielerin Emmy Sonneman kennen; 1932 heirateten sie. Weimar erhält ein überdimensioniertes Gau-Forum.

 

Plakat zur Bauhaus-Ausstellung 1923. Weimar. Ort des Neuanfangs. Nationalverfassung. Bauhaus, NSDAP-Hochburg. Das kurze Leben der Weimarer Republik.

 

Die einstige Residenzstadt Weimar ist für Hoyer „Deutschlands Leuchtturm der Kultur“. Ort der ersten demokratischen Verfassung der „Weimarer Republik“, Geburtsstätte der Bauhauskultur und frühe NS-Hochburg, schließlich zwölf Jahre lang „Herz der Finsternis“. Die Stärke ihrer Buches liegt in der Vielfalt der Erzählung von Historischem im Privaten – von Nietzsches Schwester über Marlene Dietrich bis zum einfachen Schreibwarenhändler Carl Weirich, einem fleißigen Tagebuchschreiber oder der alteingesessenen Hotelbesitzerin Rosa Schmidt. Die Chefin des Hohenzollern, die anfangs Hitler als Stammgast beherbergte, überlebt den NS-Führer nicht. Ihr einziges Vergehen: Jüdische Großeltern, was sie bis zu ihrer Ermordung Ende 1944 in Auschwitz verbergen konnte.

 

Viele Anekdoten, spannende Geschichten aus dem Weimar-Biotop. Eine Frage bleibt: Haben die Deutschen damals wie heute Angst vor dem Neuen? Wählen sie statt der Moderne wieder völkisch-national?

 

Hoyers Gretchenfrage ist zeitlos wie brandaktuell: „Wie konnte sich Deutschland binnen weniger Jahre von einer der liberalsten Demokratien der Welt in eine völkermörderische Diktatur verwandeln? Welche Entscheidungen trafen einfache Deutsche, die diese Entwicklung möglich machten?“

Für Katja Hoyer erschließt sich „ein wesentlicher Teil dieses Rätsels“ am Beispiel Weimars.  Das Städtchen der „Dichter und Denker“ gleiche einer Nussschale. Alles findet sich ein: Geist, Glanz und Grausamkeiten der letzten hundert Jahre. Wenn wir das Verhalten der Menschen von Weimar besser verstehen, so hofft Hoyer, könne der Schlüssel zu Erkenntnissen liegen, „wie wir Demokratie und Freiheit in unserer Zeit bewahren können“.

Fast 600 Seiten Weimar, wo man sich „groß und frei“ fühlen kann. Davon träumt im idyllisch-schönen Thüringen auch Björn Höcke. Ein ehemaliger Geschichtslehrer, dessen Interviews millionenfach geklickt werden.

Katja Hoyer. Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte.

 

 

Goethe in Weimar. Schiller nicht zu vergessen. Ein Ort zum Verweilen, Genießen und Nachdenken, worauf es im Leben ankommt.

post image

Was bleibt

„Man lebt zweimal. Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“, heißt es bei Balzac. Erinnern als Aufgabe. Einer meiner letzten Jobs kurz vor Dienstschluss beim ZDF war es, lebende Prominente im Fließbandtakt zu beerdigen. Nekrolog hieß es früher, jetzt Lebensbild. Das klingt freundlicher. Eine anderthalbminütige Kurz- und eine Langfassung von drei Minuten. So bastelte ich möglichst kurzweilige, gleichwohl treffende Lebensbiografien. Aus Archivschnipseln, alten und neuen Interviews, ein Best of im Telegrammstil. Lässt man die Schattenseiten beiseite? Es heißt doch, kaum wird so viel gelogen wie auf Trauerfeiern und Premieren. Viele Nachrufe sind entstanden: Über Promi-Künstler, Maler, Musiker, Ministerinnen, Schriftsteller und sogar zwei Intendanten. Die eigenen Chefs würdigen – was für ein Ritt auf der Rasierklinge!

 

„Ich bin stur. Glaube an Papier und Bleistift. Widerspruch auf Papier.“ Georg Baselitz. (1938-2026) Foto: Geoffroy Van Der Hasselt

 

Seit meinem Ausscheiden aus der ZDF-Anstalt gilt die Regel: Tote beleben das Geschäft. Eine alte Nachrichten-Weisheit. Das heißt: Wenn eine Person der Zeitgeschichte die Lebensbühne verlässt, komme ich ins Programm und – klar – in alle digitalen Kanäle. Jetzt hat sich Georg Baselitz verabschiedet. Ein klarer, kräftiger, kompromissloser, lautstarker wie sensibler Malerfürst der alten Schule. Sein Durchbruch gelang ihm 1969 mit Der Wald auf dem Kopf. Warum? Baselitz wechselte die Perspektive. Er wollte, dass seine Bilder neu gesehen werden. Das Ergebnis: Kopfüber wurde er weltweit berühmt. Eine Provokation wie sein onanierender Junge in Die große Nacht im Eimer, einige Jahre zuvor. In heutigen TikTok-Zeiten würde es heißen: mega-provokativ geht viral, die optimale Aufmerksamkeitsmaschine.

 

„Baselitz Jetzt“. Museum der Moderne Salzburg. Foto: wildbild Herbert Rohrer

 

Was bei diesen kurzen „Lebensbildern“ leider untergeht, sind Zwischentöne und Details. Auch alles, was zwischen den Zeilen ist. Dinge, die nicht ausgesprochen und trotzdem verstanden werden. Baselitz arbeitete sich zeitlebens an Krieg und Zerstörung ab, aber auch an seinem Vater, einem überzeugten Nazi aus dem sächsischen Deutschbaselitz. „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen. Ich war gezwungen, alles in Frage zu stellen, musste erneut ‚naiv‘ sein, neu anfangen.“

 

 

Seine Helden-Bilder gehören zu den beeindruckendsten Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte. Gebrochene Männer, zwischen Schlamm, Verzweiflung und dem brennenden Wunsch nach Vergessen; merkwürdige Monster voll verletztem, vernarbtem Stolz.  Sie schauen uns an! Direkt in die Augen!

 

Ein Geheimtipp für Pfingsten 2026. Ein Ausflug an die Ostsee mit Baselitz.

 

Hier einige Tipps für alle, die sich intensiver mit Baselitz (1938-2026) beschäftigen wollen.  Mit Hans-Georg Kern, so sein Geburtsname, und Ehefrau Elke, seine Lebensgefährtin, Ratgeberin und schärfste Kritikerin. Es gibt viel zu entdecken:

Museum der Moderne Salzburg. „Baselitz jetzt“, bis 18. Oktober 2026

72 Stunden Baselitz nonstop in der Seemannskirche Prerow. Mecklenburg-Vorpommern. „Mein Vater sieht einen Engel“. Pfingsten. 22. bis 25. Mai 2026.

Baselitz-Atelier und Museum. Schloss Derneburg bei Hildesheim.  „Zeit für neue Helden“ (bis Ende Oktober 2026)

Museum Küppersmühle. Duisburg. Heldenbilder.

post image

Eintritt frei

Vor genau hundert Jahren entwarf der Autor und Grafiker Werner Graul das Plakat für den Zukunftsfilm Metropolis, eine Antwort auf Hollywood. Jetzt führt uns US-Künstler Mike Winkelmann auf das nächste Level. Roboter übernehmen die Regie: Die Hunde sind so groß wie Cocker-Spaniel und tollen im Laufstall herum. Ihre Körper sind fleischfarben, glatt und haarlos. Auf ihren künstlichen Körpern sind lebensechte Silikon-Köpfe montiert. Zu sehen sind die Tech-Milliardäre Mark Zuckerberg, Amazon-Gründer Jeff Bezos und Elon Musk, der Gruselfaktor im Trio Infernale der KI-Giganten. Musk-Mann agiert clever mit kalten Augen und ohne herzerweichenden Hundeblick. Mit dabei sind die Kunstgiganten Andy Warhol und Altmeister Pablo Picasso. Als Bösewicht bellt Kim Jong-un im Geviert, der kompakte und beleibte Diktator aus Pjöngjang. Das gebannte Publikum in der Berliner Neuen Nationalgalerie zückt sofort die Smartphones.

 

 

Die künstlichen Roboterhunde, die „Regular Animals“, beobachten ihre Besucher mit Hilfe eingebauter Kameras. In einem fort produzieren sie statt Hundehäufchen Fotos aus ihrem Allerwertesten. „Hyperflesh“ nennt sich diese Horrormasken-Performance mit einem Mix aus Robotertechnik, Kunst und Provokation. Der Vater der Hunde-Performance ist der US-Digitalkünstler Mike Winkelmann alias Beeple. Ist seine Arbeit ein neuer zynischer Zeitvertreib für eine verwöhnte Kunstszene? Aktionskünstler Beeple entgegnet: „Unser Weltbild wird von Tech-Milliardären beeinflusst, die mächtige Algorithmen kontrollieren. Sie entscheiden, was wir sehen und was nicht. Und sie müssen dafür nicht vor die UNO treten oder vor den Kongress. Sie können einfach morgens aufwachen und den Algorithmus verändern.“

Mittlerweile gilt für immer mehr Menschen eine neue Maxime: Mach nicht, was ChatGPT will, sorg dafür, dass der Computer das macht, was du willst. Der weltweit erfolgreiche Performer Winkelmann will mit seinen Roboterhunden wachrütteln: „Man hört Leute immer sagen, dass Künstliche Intelligenz keine Seele habe. Natürlich hat sie keine Seele. Sie ist ein Computerprogramm“. Dennoch betont Winkelmann: „Wenn sich die KI weiterentwickelt, werden wir ihr in Zukunft immer mehr menschliche Eigenschaften und Emotionen zuschreiben. Mit meinen Skulpturen versuche ich, die Seltsamkeiten, die auf uns zukommen, vorauszusehen.“

 

Eigentlich mag er keine Hunde. Aber sie kommen gut an. Mike Winkelmann nutzt KI als Kreative Intelligenz. Foto: Jennifer 8 Lee. WikiPortraits

 

Die Tech-Elite um Bezos, Musk und Zuckerberg verspricht im Gleichschritt mit Donald Trump „Wohlstand für alle“ und ein „Goldenes Zeitalter“. Maschinen nehmen Menschen die Arbeit ab, heißt es, und Roboter erledigen „alles besser, schneller, billiger“. Arbeit wird zur Option, nicht mehr zum Alltag. Ein „allgemeiner Überfluss“ ersetzt das Prinzip von Mangel und Konkurrenz. Die KI-Marketing-Methode ist genial einfach und perfekt: Wir füttern die Tech-Riesen freiwillig und mit jeder Dateneingabe, die wiederum mit jeder neuen Information reicher und mächtiger werden.

 

Fahr aufs Land und nutze Deinen Verstand. Egeria-Grotte in Rheinsberg. Bei freiem Eintritt kann die Nymphe der Klugheit besucht werden. Foto: Manfred Selle

 

Was tun? Vor zweieinhalbtausend Jahren pilgerte der damals mächtige römische König Numa Pompilius (717 – 672 v. Chr.) zur Nymphe Egeria. Der Regent galt als friedfertig und weise. Daher bat der König um weitere Ratschläge für kluges und gerechtes Regieren, so die Sage. Keine schlechte Idee. Die römische Grotte der Nymphe Egeria ist seit Jahrhunderten ein beliebtes Motiv in Malerei und Literatur.

 

Der römische König Numa Pompilius holte sich bei Egeria Rat für gerechtes und gutes Regieren. Foto: Manfred Selle

 

Im Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert findet die Egeria-Grotte in Europa an verschiedenen Orten Nachahmung, so auch in der Nähe von Berlin. Für Friedrich Merz würde ein Wochenende im idyllischen Rheinsberg reichen. Es ist ein halber Tagesausflug ins Grüne. Zeit für Besinnung und Durchatmen. Und die ganz Großen? Was hindert die Tech-Masters of the Universe nach Rom zu pilgern, um endlich zur Vernunft zu kommen? Dort könnte Egeria helfen. Die Menschheit braucht Klugheit, Verstand und Gerechtigkeit. Dringend.

Mike Winkelmann alias Beeple. Animal Regular. Neue Nationalgalerie Berlin. Bis 10. Mai 2026. Freier Eintritt.

 

Egeria ruht. Wer küsst sie wach? Quelle: spsg. P-M. Bauers

post image

Oh, Michael

Der King of Pop ist wieder da. Der Mann mit dem geschmeidigen Gang und dem gewissen Etwas. Ein Mega-Star des 20. Jahrhunderts. Sein Leben klingt wie ein modernes Märchen aus den USA. Jetzt neu erzählt im Biopic-Blockbuster „Michael“. Die Geschichte des schwarzen Jungen aus dem Rust Belt rund um Detroit. Achtes Kind, Sohn des Kranführers Joseph und der Verkäuferin Katherine Jackson. Das Talent des Jungen: Tanzen, Singen, Menschen glücklich machen. Im Film heißt es: „Wir müssen aus Michaels Erfolg Kapital schlagen. Die Jackson-Familie ist wie eine Marke. Das ist unsere Coca-Cola.“

Mit sieben steht der kleine Michael zum ersten Mal auf der Bühne. Im Alter von fünfzig Jahren verlässt er die Welt wieder. Atemstillstand. Folge einer Überdosierung mit dem Narkosemittel Propofol. Über eine Milliarde Menschen verfolgt im Sommer 2009 die Trauerfeier, wie der hoch begabte, rast- wie ruhelose Michael seine letzte Reise in einem vergoldeten Sarg antritt.

 

 

Der neue Film erzählt nur die Geschichte seines unaufhaltsamen Aufstiegs. Da ist der ehrgeizige, tyrannische Vater, der aus dem musikalischen Können seiner Söhne Kapital schlagen will. Um jeden Preis. Geprobt wird mit dem Gürtel in der Hand. Vater Joseph schlägt mit harter Hand zu und tritt Türen ein, wenn es sein muss. Sein Motto: „Ich ziehe Männer groß, keine Jungs.“ Der Film endet mit zwei Konzertausschnitten. 1984 mit allen Jackson-Brüdern, aber ohne Vater. Der zweite Take präsentiert Michael 1988 auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Superstar als Heiland und Erlöser, Badness als sinnstiftende Gemeinschaft. Die Kamera badet in kreischenden, ekstatischen Menschen, die ihren Schwarm wie einen Gott verehren.

Der einstige Michael-Manager John Branca hat das perfekt inszenierte Kino-Comeback aus der Taufe gehoben. Dem gewieften, 75-jährigen New Yorker gelingt sein Meisterstück: Mit dem toten Michael kann er mehr Geld verdienen als mit dem Lebenden. John Branca ist der „King of Pop-Management“. Ein Meister der Selbstvermarktung, der unter anderem die Bee Gees, Boby Dylan, Rolling Stones, Elton John oder Santana vertritt. In der Kinoversion wird Branca von Schauspieler Miles Teller gespielt. Was für ein Deal! Am Michael-Mythos lässt sich weltweit gut verdienen.

 

 

Kritiker vermissen die vielen Schattenseiten im Leben des Michael Jackson. Tablettensucht, angeblicher Kindesmissbrauch, seine teure und bizarre Neverland-Scheinwelt, Michaels Realitätsverlust und Größenwahn.  Das blendet der Film komplett aus. Doch die Frage bleibt: Wer hat wen missbraucht?  Wer bereichert sich weiter an den Legenden vom Vorstadtjungen, der wie kein anderer geschmeidig groovt und den einzigartigen Moonwalk zelebriert. Mit virtuos glucksender Stimme, energetisch und pulsierend, die behandschuhte Hand am Gemächt. Sein Durchbruch mit Thriller 1983 gelingt mit einer faszinierenden Tanz-Choreographie, inspiriert vom Pantomimen Marcel Marceau.

 

 

Was in Michael nicht wirklich vorkommt: Die geraubte Kindheit. Der Drill und Druck in der Familie. Die Flucht in Schmerzmittel. Die zahllosen Geldmacher und Glücksritter, die seinen Erfolg gnadenlos vermarkten. Umgeben von Ja-Sagern flüchtet Michael Jackson in einen Goldenen Käfig, unter anderem Neverland genannt. Er lebt wie ein Außerirdischer in einer abgeschotteten Kunstwelt. Er ändert seine Hautfarbe, will weiße Kinder, sie sollen nicht wie sein Vater aussehen.

Jetzt ist der King of Pop wieder als Kino-Event präsent. Zum Schwelgen, Tanzen und Träumen, verbunden mit der simplen Botschaft: Musik kann dein Leben entscheidend verändern. Michael Jackson, so heißt es, wollte eigentlich immer wie Peter Pan sein. Das Kind, das niemals erwachsen wird. Das war wohl sein größter Traum!

 

post image

Hitlers letzter Geburtstag

Immer wieder regnet es an diesem Freitag, den 20. April 1945. Dichte Wolken hängen über der Reichshauptstadt. Aus der Ferne grummelt Geschützdonner. Raus aus Berlin! Nur weg heißt die Devise. „Rette sich, wer kann!“ Eine Massenflucht setzt ein, in Richtung Westen, größtenteils zu Fuß. An die zweitausend Passierscheine für Parteibonzen werden eiligst ausgegeben. Plötzlich wieder „Vollalarm“. US-Kampfbomber werfen ihre tödliche Last ab. Menschen kauern in Luftschutzkellern. Adolf Hitler begeht seinen 56. Geburtstag, es ist sein letzter. Tief unter der Erde geloben im Führerbunker die Letzten ihre „Treue bis in den Tod“, so Hitlers Kammerdiener Heinz Linge.

Happy Birthday, Adolf! Absurd, bizarr, grotesk! NS-Propagandachef Joseph Goebbels feiert im Großdeutschen Rundfunk ein letztes Mal seine Großtaten: „Wenn Deutschland heute noch lebt, wenn Europa und mit ihm das gesittete Abendland noch nicht ganz versunken ist – sie haben es ihm allein zu verdanken, denn er wird der Mann des Jahrhunderts sein. … Er ist der Einzige, der sich selbst treu blieb. … Er ist Deutschlands tapferstes Herz und unseres Volkes glühendster Wille.“

 

Deutschland im April 1945.

 

„Prost auf den Endsieg!“ Täglich „fallen“ an die zehntausend deutsche Soldaten, kommen tausende unschuldige Menschen ums Leben: Frauen, Kinder, Greise, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, Deserteure, KZ-Insassen. Das NS-Reich rast im Höllentempo in den Abgrund. Das nackte Chaos, der totale Wahnsinn. Zwischen Zossen und Wannsee bombardieren deutsche Kampfflugzeuge eine Wagenkolonne. So attackieren sie ihre eigenen Vorgesetzten, die sie für die Angriffsspitze der Roten Armee halten. Friendly Fire. Tatsächlich fallen die deutschen Bomben auf Hitlers flüchtenden Wehrmacht-Führungsstab, die zentrale Abteilung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Die Festung Berlin wird zur Falle.

Mutti hat eben noch die letzten Schmucksachen vergraben. Meine Uhr behalte ich um, der Boden ist mir zu nass“, hält Lilo am 20. April 1945 fest, eine Schülerin aus Berlin-Friedrichshagen. „Ab und zu zittert das Haus von irgendeinem Einschlag, Ich weiß nicht, sind wir so wenig nervös, haben wir so wenig Fantasie oder sind wir absolut am Ende, dass uns alles gleichgültig erscheint, dass man nur das Ende herbeisehnt. … Kälte, Hunger und Bomben – Bomben! Manch einer meint, es wäre besser in Russenhand zu fallen als die dauernde Fliegerangst. Ich weiß es nicht“, notiert die Ärztin Anne-Marie Durand-Weyer aus Schöneberg.

 

Bruno Epple aus Radolfzell am Bodensee. Eintrag 20. April 1945 in seinem Tagebuch. Quelle: Stadtmuseum Radolfzell.

 

An „Führers Geburtstag“ vertraut der vierzehnjährige Bruno in Radolfzell seinem Tagebuch heimlich an: „Nürnberg und Leipzig sind in russischer Hand. Die Russen haben den Stadtrand von Berlin erreicht. Viele, viele Menschen müssen für die Nazi-Bonzen das Leben lassen, damit sie noch einige Wochen länger leben können. (…) Nieder mit diesen Scheusalen, nieder mit diesen Mördern!! Es lebe Christus! Es lebe Deutschland. Es lebe die Freiheit.“

Aus Schüler Bruno wird später ein vielseitig begabter Künstler. Und Hitler? Keine zehn Tage später macht der Tod auch vor dem Bösen nicht Halt. Hitler beendet am 30. April 1945 sein Reich der Finsternis – durch Selbstmord. Offiziell wird verkündet, er sei „in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen“. Die letzte Lüge des alten Regimes. Die Radiosender spielen „Siegfrieds Tod“ aus der „Götterdämmerung“.

 

Auferstanden aus Ruinen. Seiltänzerin Margret Zimmermann. Köln, 1946.

post image

„The way it is“

Der Mann am Klavier ist keine dreißig, verkriecht sich in der Garage und schreibt auf, was er in seiner Kleinstadt Williamsburg sieht, hört und erlebt: The way it is. Wir schreiben das Jahr 1986. Bruce wächst wohlbehütet auf. 15.000 Einwohner, gepflegte Vorgärten, US-Südstaaten-Idylle. In Virginia heißt es nur: „So ist das und so bleibt das!“ Quasi Gott gewollt. Bruce Hornsby eifert seinem Idol Bob Dylan nach, lässt sich von seinem Protestsong „Girl from the North Country“ anregen. Bruces Botschaft ist einfach: „Glaubt das nicht!“ Ausgrenzung, Diskriminierung und weiße Willkür sind keineswegs gottgegeben, auch wenn es manche sonntags predigen. Vor genau vierzig Jahren geschieht das kleine Wunder von Williamsburg. Der Südstaaten-Boy landet einen Welthit.

 

 

„The Way It Is“ ist der erste Song mit seiner Band und erstürmt Weihnachten 1986 die Charts. Weltweit. Rapper wie E-40 und Mase covern seine Hymne. 2019 räumt Pianist Bruce Hornsby ungläubig ein: „Das war ein wundervoller Zufall. Es war ein Song über Rassismus mit zwei improvisierten Solos. Das ist wohl kaum das Rezept für Pop-Erfolg.“ Im Laufe der neunziger-Jahre experimentiert Hornsby, weg vom Mainstream-Pop. Er orientiert sich an Bluegrass, jedoch immer häufiger am Jazz oder wagt Ausflüge in die Klassik. Seine Live-Konzerte unterscheiden sich von denen anderer Bands. Statt fester Setlists kann das Publikum mitbestimmen, was am jeweiligen Abend auf die Bühne kommt.

Bruce und seine Band, die Noisemakers feiern Improvisationen, gerne über eigene bekannte Titel. „Kreativ zu sein, Musik im Präsens zu machen, darum geht es uns live. Ich schreibe Songs, wir machen Platten und dann werden die Platten der Ausgangspunkt, die grundsätzliche Blaupause, das grundsätzliche Arrangement.“  Hornsby steigt zusätzlich als Live-Mitglied bei Grateful Dead ein, jammt mit Pat Metheny oder Eric Clapton. Er gewinnt eine treue Fangemeinde, die es ihm ermöglicht, auf seinen Solo-Alben immer wieder Neues auszuprobieren. Hornsby beherrscht viele Genres. Manche sagen, er könne sich musikalisch nicht wirklich entscheiden, was er will. Tja. Anything goes.

 

 

Nachdem es lange still um ihn wurde, startet Hornsby kurz vor der Corona-Zeit seine zweite Karriere. Auf Absolute Zero“ sammelt Hornsby einmal mehr unterschiedliche Musiker um sich, so yMusic, Blake Mills oder Robert Hunter. Das Album ist „eines der meistgefeierten in Hornsbys Karriere“, lobt das kritische Musik-Portal Laut.de. In diesen Tagen erscheint Indigo Park, sein mittlerweile wohl 25. Album. Es ist ein typischer Hornsby-Mix: Zehn Songs, die locker Anklänge von Pop, Folk, Jazz und Beats zum Tanzen bringen. Anspruchsvoll, eingängig und zeitlos, mit prominenten Gästen wie Ezra Koenig (Vampire Weekend) und Bonnie Raitt. Mein Favorit: Sliver of time. Einen Augenblick Bruce. Der bescheidene wie vielseitige 71-jährige Pianist aus dem Süden der USA weiß: Nichts muss bleiben, wie es ist.

 

post image

Alexander, der Große

Alexander Kluge ist dreizehn, als der Krieg endet. Ein Jahr älter als das Dritte Reich. Das Elternhaus ist beim großen Bombenangriff auf seine Heimatstadt Halberstadt abgebrannt, drei Tage vor der Befreiung durch die US-Armee. Doch der wichtigste Tag beim Kriegsende ist für den jungen Kluge der 1. Juni 1945. Die Rückkehr seiner Mutter aus Berlin. „Steht in der Tür und umarmt mich. Ich erinnere mich an eine junge Frau, wie sie in den Kleidern dieser Zeit vor mir steht, in Vorkriegsmode, zigmal umgeschneidert. Meine Eltern waren ja seit 1942 geschieden. Für meine Schwester und mich ist diese Scheidung schlagender und vernichtender als die Tatsache, dass unser Elternhaus bei dem Bombenangriff vom 8. April (1945) abbrennt. Das war nicht so schlimm wie das Auseinandergehen dieser Ehe.“

Typisch Kluge. Kriegskind, Kirchenmusiker, Jurastudent, Referendar, Filmemacher, Schriftsteller, Theoretiker, Chronist der Lebensläufe, Sammler und Jäger. Institution des deutschen Geistesleben. Alexander Kluge. Sein Name ist Marke. Unverwechselbar. Er konnte in einem Atemzug über Jesus, Hannibal, Clausewitz, Napoleon, Kant, Hegel oder die Schlacht von Stalingrad reden. Sein Motto: „Menschen haben zweierlei Eigentum: ihre Lebenszeit, ihren Eigensinn. Davon handeln meine Geschichten.“

 

 

Als ich vor einigen Jahren das Gleimhaus in seiner Geburtsstadt Halberstadt besuche, stoße ich rasch auf den Sohn der Stadt. In einer kleinen Ecke wird der Vor- wie Nachdenker „aus dem Land der Bauernkriege“ auf einer Wandtafel zitiert: „Aufklärung braucht Bodenhaftung. Wenn wir die Tiere in uns respektieren, lernen wir vielleicht die Natur draußen und damit unseren Erdball zu respektieren. Das Zeitalter der Aufklärung liegt noch vor uns.“

 

Abschied von gestern. 1966. Debütfilm mit Schwester Alexandra Kluge in der Hauptrolle. „Sein anderes Ich.“

 

Seine Texte enthalten häufig mehr Fragen als Antworten. Sein Interesse gilt Randfiguren und Verdrängtem. Nebenschauplätze faszinieren ihn: Wie verändert der Flügelschlag einer Libelle im Golf von Mexiko das Weltklima? Was machen „Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos?“ Für seine filmische Reise erhält Kluge 1968 den Goldenen Löwen von Venedig. Als Ende der achtziger Jahre das Privatfernsehen aufkommt, produziert er auf RTL in der Sonntagnacht-Nische ein Vierteljahrhundert lang Zehn vor Elf. Markenzeichen der über 3.300 Sendungen: Frei erfundene Persönlichkeiten erzählen „wahre“ Geschichten. Unvergessen: Peter Berling als Hitlers Bodyguard. Listige Fake-Geschichten. Ein Spiel mit ausgedachter Zeugenschaft als Test fürs Publikum. Dazu Gedanken-Puzzle und Gespräche mit Heiner Müller, Christoph Schlingensief oder Helge Schneider. Meist im Kluge-Flüsterton, beharrlich, geduldig, wissensklug.

 

Sand und Zeit. 2025. Weggefährtin Hannelore Hoger: „Er schrieb täglich ein neues Buch. Schreiben war sein Leben.“

 

Kluge stellt alte Gewissheiten auf seinen Prüfstand. Adam und Eva, Alexander der Große, Napoleon, Adolfs Verdauungsstörungen oder die neue Unübersichtlichkeit der TikTok-Welt. Sein Fazit: Der Mensch bleibt das moderne Raubtier. Und: Die Welt regiert sich selbst. Die Regeln ändern sich nie. Bis ins hohe Alter von 94 Jahren bewegen ihn zwei Lebensthemen: Der Schrecken des Krieges, untrennbar verknüpft mit dem Schicksal seiner Heimatstadt. Und seine rastlose Suche nach Erkenntnissen.  Letzte Ausstellung in Wien. Kluge im Konjunktiv der Bilder 2025: „Die aktuelle Bedrohung ist die Inflation der Bilder. Fake News muss man nicht fürchten. Man muss sie widerlegen. Mist muss man wegräumen.“

 

Die Welt im Sucher. Alexander Kluge (1932-2026) Rastlos, wissensdurstig, produktiv. Quelle: https://kluge-alexander.de/

 

Kurz vor seinem Tod experimentiert der Universalist mit KI-Systemen. Wie kann man Computer-Generiertes in Widersprüche und Fallen locken? „In meinem ganzen Leben habe ich keinen Menschen gesehen, dessen Geist derart über alle Grenzen springt“, schreibt Weggefährte und „Heimat“-Filmemacher Edgar Reitz. Alexander Kluge war „ein leuchtender Stern“; er sei überzeugt gewesen, dass er in seinen nicht realisierten Projekten weiterleben wird. Die Schauspielerin Lilith Stangenberg spielte 2020 die Hauptrolle in Kluges Orphea. Die Welt sei ohne ihn einsamer geworden und zugleich so reich beschenkt worden, betont sie: „Au revoir, liebster Alexander, möge dein neuer Gastgeber dich mit besonderer Zärtlichkeit behandeln.“