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Die Wahl der Qual

Bis zum letzten Moment brüte ich über meinem Stimmzettel. Was tun? Zum ersten Mal beteilige ich mich per Briefwahl. Der rote Umschlag muss raus zur Post. Wir sind verreist, wenn Berlin am 20. September 2026 die Qual der Wahl hat. 27 Parteien werben um mein Kreuz. Alphabetisch gelesen von AfD über CDU, Grüne, Linkspartei, SPD bis zu Volt. Wie immer versprechen alle den Jahrmarkt auf Erden. Flott gesegnet mit Floskeln: von „Verantwortung“ über „Zukunft“ bis „Freiheit, Frieden und Sicherheit“. Wahrheiten sind verpönt. Ein angeschlagenes Wirtschafts- und Sozialsystem, eine erschöpfte Verwaltung, dazu eine Stadt, in der nur noch alles leidlich funktioniert. Berlin eben.

Eine Viermillionenstadt, die in immer mehr Interessengruppen und Communities zerfällt. Mit Menschen, die zuverlässig in Schnappatmung verfallen, wenn ihnen etwas nicht passt. Triggern geht schnell. Die Hauptsorgen? Eine weitverbreitete Angst zu kurz zu kommen, nicht gesehen, gefühlt oder neudeutsch gewertschätzt zu werden. Bloß nichts verlieren, was man hat. Der Neid, andere könnten bevorzugt werden. Jedes Milieu pfegt sein stabiles Feindbild. Schuld sind die Reichen oder die Migranten, die Grünen oder die Faschos usw.

 

Graffito an der Spree, unweit vom Reichstag.

 

Tja. Wen soll ich nun wählen? Ich zähle zur Generation der Profiteure der (west) deutschen Wohlstands für alle-Ära. Erstaunlicherweise hat dieses Demokratiemodell acht Jahrzehnte gehalten. Die längste Friedensperiode der Neuzeit. Wirft man ein solches Projekt weg? Aus Wut, Enttäuschung, Frust oder schlicht aus Überdruss? Wie im alten Rom, in dem sich die Gesellschaft an ihrer eigenen Dekadenz verschluckte?

Nach wie vor sitze ich an meinem unvollendeten Stimmzettel. Galt nicht immer die alte Faustformel? Bei jeder Partei gibt es zuverlässig ein ABER… also muss ich mich am Ende für das kleinste aller Übel entscheiden. Immerhin kann ich wählen. Viele Menschen in der Welt beneiden uns um dieses Privileg. Andere warnen vor einem zweiten 1933. Das „Abhitlern“ werde wieder schick, sagen Kids auf dem Land. Das System sei am Ende. Die Altparteien hätten versagt. Verrückt! Diese Sprüche waren alle schon mal da.

 

Der Jahrhundertschritt von Wolfgang Mattheuer (1984). Potsdam. Barberini-Museum.

 

Bei den letzten, nur noch eingeschränkt freien Reichstagswahlen vom 5. März 1933 erreichte Hitler exakt 43,9 % und somit keine absolute Mehrheit. Fast genauso viele Stimmen erzielte Siegmunds AfD in Sachsen-Anhalt mit 43,8%. Die Rechtsaußen verpassten die Alleinregierung. 2026 wie 1933. Hitler war damals bereits an der Macht. Gemeinsam mit der DNVP/Kampffront Schwarz-Weiß-Rot kam er auf 51,9 %. Der Freifahrtschein für seine NS-Diktatur. Das 1933er-Wahlversprechen der Nazi-Partei: „Für Freiheit und Frieden“.

Puh. Ich habe es geschafft und meine drei Kreuze gemacht. Wo, das bleibt mein Geheimnis. Wird es nach der Wahl besser, wird es schlechter? Wir dürfen gespannt sein. Ich weiß nur eines: Es liegt an uns Wirtschaftswunderkindern und uns Wohlstandserben, nicht die alten Dummheiten zu wiederholen. Wozu waren wir in der Schule? Wollten wir nicht klüger sein als unsere Großeltern?

 

Gesehen bei uns um die Ecke…

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Zeitalter der Aufklärung? Liegt noch vor uns.

Wenn die Tankrechnung explodiert, die Bahn nicht kommt und kein Arzttermin mehr zu haben ist. Wenn der Einkauf doppelt so teuer, Mieten nur eine Richtung kennen und die Pflege der Angehörigen unbezahlbar wird, dann ist in diesem Staat etwas faul. Manche Menschen sind am Limit. Noch mehr meckern, auch wenn es vielen nicht so schlecht geht. Offenbar prasselt zu viel in die deutsche Komfortzone: Inflation, Migration, Rezession, Kriegsgefahr, steigende Kosten, Schulden, überbordende Bürokratie, dazu fehlende Gerechtigkeit und Klimaschutz. Die Elite reagiert mit Floskeln, Sparappellen und Durchhalteparolen. Hinter der Brandmauer ist ein veritabler Scheinriese gewachsen. Ein Sammelbecken für alle Unzufriedene, genannt AfD. Sie sahnt ab, ohne selbst etwas leisten zu müssen. Die Artisten in der Zirkuskuppel sind ratlos. Das Publikum verunsichert.

 

Deutschland 2026. Die Simson-Reiter.

 

Es sind gute Zeiten für Heilsbringer aller Art. Für Ressentiment-Bewirtschafter und selbsternannte Abendlandretter. Für Digitale Content-Produzenten und alternative Medien. Sie heizen die Stimmung an, gegen Andersartige und Fremde, gegen Altparteien und Systemmedien, aber mit größtem Vergnügen gegen die da oben. Ihr erstes Etappenziel haben sie erreicht: Im kleinen Sachsen-Anhalt haben die politischen Ränder die Mehrheit erzielt – zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Man dürfe nichts mehr sagen, hämmern die Brandstifter in die Köpfe, im Land gehe alles bergab. Die sogenannte schweigende Mehrheit duckt sich weg und wartet ab. Wohin wird sie sich entscheiden?

 

Nach der Sachsen-Anhalt-Wahl. Klaus Stuttmann. September 2026.

 

 

Das Ende der Geschichte sei erreicht, verkündete 1989 Francis Fukuyama wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer, einer der bedeutendsten Theoretiker. Die liberale Demokratie habe über Diktaturen gesiegt. Jetzt könnten Menschenrechte und Wohlstand überall umgesetzt werden. Der Soziologe argumentierte, die Zahl liberal-demokratischer Länder sei nach dem Ende des Kalten Krieges „von etwa 35 auf weit über 100 gestiegen“. Doch seit mehr als einem Jahrzehnt erlebt die Welt die Wende zurück. Fukuyama hat sich geirrt. Grundlegend. Auch bei Donald Trump, dem er allenfalls eine Manager-Karriere prognostiziert hatte. Vor kurzem räumte Fukuyama auch diese Fehleinschätzung ein: „Trump ist demokratisch gewählt, aber das Gesetz ist ihm egal.“

Regieren jetzt autokratische Milliardäre? Hat der digitale Turbokapitalismus der Marke Musk, Meta und Bezos alle roten Linien überrannt? Fukuyama: „Die EU war sehr erfolgreich darin, Frieden und Wohlstand zu sichern. Ich glaube, dass die Menschen davon gelangweilt sind, dass sie sich eigentlich nach etwas Gefahr, nach Herausforderung und nach einem stärkeren Gemeinschaftsgefühl sehnen. Ich denke, das treibt viele der rechtsextremen Parteien weltweit an. Das sieht man auch in den USA.“ Sein Fazit: „Das Zeitalter der Aufklärung ist nicht vorbei. Aber man muss hart daran arbeiten, dass dieses Licht weiterbrennt“.

 

Das Zeitalter der Aufklärung versprach Licht, Sonne, Wissen und Erkenntnis statt Aberglaube, Dunkelheit und Dogmen  … und „den Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“. (Immanuel Kant, 1784)

 

Bis zu seinem Tode hat der deutsche Publizist Alexander Kluge die Fahne von Aufklärung, Wissen und Bildung hochgehalten. Menschen klüger zu machen, war seine Mission. Das Kriegskind aus Halberstadt (1932-2026) – die Domstadt liegt in Sachsen-Anhalt – wusste noch, wie ein Bombenangriff riecht: „Nach Phosphor. Verbranntes Holz. Das Fleisch der Nachbarin“. Kluge forderte: „Kriege müssen beendet werden. Nur so kann man die Partei der Kinder ergreifen.“

Das „Universalgenie“ und „Elefant im Kino“, so hieß es in Nachrufen, gab den Nachgeborenen einen wichtigen Rat: „Aufklärung braucht Bodenhaftung. Wenn wir die Tiere in uns respektieren, lernen wir vielleicht die Natur draußen und damit unseren Erdball zu respektieren. Das Zeitalter der Aufklärung liegt noch vor uns.“ Der Schriftsteller und Filmemacher war überzeugt: „Ich kann jeden Nazi umdrehen. Aber man muss mit ihnen reden und genau zuhören. Das gilt auch für Trump, AfD und andere Konsorten.“

 

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Ahoi!

„Jenseits der Brandmauer“ geht wie eine Rakete durch die Decke. Ein kleines Buch über das vorpommersche Jarmen steht bundesweit auf Platz eins der Bestsellerliste. Unfassbar. Überall ist die Brandmauer vergriffen, dieser unverstellte Blick hinter die Mauer. Dort, wo es anders ist als in vielen Köpfen, Feeds und TV-Berichten. Jarmen liegt im blauen AfD-Land an der Ostsee. Niemand kennt sich dort so gut aus wie Jan Gorkow. Es ist seine Heimat. „Ich rede, streite, diskutiere ständig mit den Wählern dieser Partei. Wer in der Provinz lebt, weiß, dass alles andere unmöglich ist.“

Der 39-jährige Jan Gorkow – besser bekannt als Monchi – ist Frontmann der Punkband Feine Sahne Fischfilet. Monchi ist Gorkows Spitzname und spielt auf die japanischen Affen-Plüschpuppen mit ihren speziellen Frisuren an. Das Schwergewicht Monchi ist ein Unikum. Seit einem Jahrzehnt produziert er nicht nur Songs, ausverkaufte Tourneen und Bestseller, er organisiert auch „das geilste Dorffest Ostdeutschlands“. Anfang September 2026 heißt es zum zehnten Mal „Wasted in Jarmen“ mit vielen Bands und Events. In diesem Jahr ist Andrei Iwanowitsch Moiseenko Ehrengast. Der Hundertjährige ist einer der letzten KZ-Buchenwald-Überlebenden. Übrigens: das Festival ist komplett ausverkauft.

 

 

Monchis neues Buch ist eine einzige Liebeserklärung an Tochter und Freundin, an seine Eltern und sein Heimatstädtchen Jarmen. Ein knapp dreitausend Einwohner-„Dorf“ mit vier Supermärkten, zwei Döner-Läden und einer Tanke. Hier gibt es einen Motoball-Verein, die Freiwillige Feuerwehr und den Fußballclub Blau Weiß Jarmen 21. Alle, die aus Berlin auf dem Weg nach Usedom sind, fahren an Jarmen vorbei. Zwei Häuser von Monchi entfernt hisst ein Nachbar seine riesengroße schwarz-weiß-rote Fahne mit Reichsadler. Für viele gilt Sänger Monchi als „der bekannteste Linke“ in Mecklenburg-Vorpommern. Monchi: „Morddrohungen haben sich bei mir angesammelt wie Sandburgen an der Ostsee.“

Monchi, alias Jan Gorkow, geboren 1987 in Neubrandenburg, führt ein Leben auf der Überholspur. Der Sohn eines Bauingenieurs und einer Zahnärztin: „Ich hatte Bock auf Action. Ich hatte Bock auf Stress. Rauskommen aus´m Dorf. Scheiße bauen. Wenn die Spießer kotzen, dann läuft was richtig.“ Der Drittligist Hansa Rostock ist seine große Liebe. Bei einem ausgefallenen Auswärtsspiel in Stendal fackelt er ein Polizeiauto ab. Die Folge: 30.000 Euro Bewährungsstrafe und bundesweites Stadionverbot.  Da war er neunzehn. „So viele fanden uns Scheiße, aber wir waren die Geilsten.“ Wegen extrem linker Sprüche und Kloppereien mit Rechten steht er unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Im April 2017 kommt der Film Wildes Herz von Charly Hübner ins Kino. Es ist die wilde Geschichte von Jan Gorkow, dem Jungen aus Jarmen.

 

 

Mit Jenseits der Brandmauer geht Monchi wieder einmal ins Risiko. Er sagt, Geborgenheit und Zusammenhalt gebe es nur auf dem Dorf. „Lasst uns schauen, was uns verbindet, und nicht, was uns trennt.“ Er findet es bescheuert, wenn Zugereiste auf dem „geilsten Dorffest“ brüllen: „Ganz Jarmen hasst die AfD!“. Absurd in einem Ort, in dem 54% die Weidel/Höcke-Partei gewählt haben. Aufgeben kommt für Monchi nicht in Frage: „Ich liebe dieses Bundesland. Ich liebe die Nähe zu meiner Familie, zu meinen Freunden, zu Hansa, ich mag unsere Leute hier … in unserem Song „Wo niemals Ebbe ist“ gibt es die Zeilen „Sollte ich alt werden, werde ich hier alt“.

Ahoi! Was sonst, heißt es unverdrossen für Monchi und sein Jarmen. Wer aus erster Hand erfahren will, was in unserem Land los ist, dem seien seine 230 Seiten Jenseits der Brandmauer empfohlen. Ehrenwort!

 

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Spiel noch mal

Der kleine Freund ist schmal, handlich und passt in jede Hosentasche. In der Regel ist das Ding aus Holz und Metall 10,5 cm lang, 2,8 cm tief und 1,8cm hoch. Der kleine Fratz wird gerne unterschätzt, heißt im Volksmund Schnuffelrutsch, Mundorgel oder bayrisch derb Fotzenhobel. Das Mundblasinstrument benötigt ausreichend Puste und noch mehr Talent. Die Töne müssen chromatisch bedient werden. Wer den Bogen raus hat, ist absolut lagerfeuertauglich. Optimal auch einsetzbar zur Gitarre für Straßenmusiker jeder Couleur in jeder beliebigen Fußgängerzone, wenn Songs von Bob Dylan über Cat Stevens bis Oasis gecovert werden. Eben alles, was Kleingeld bringt.

Richtig! Alles dreht sich um die Mundharmonika. Klein, aber oho! Gefühlvoll geblasen ist sie eine Stimmungskanone. Immer nah an einem Hauch Melancholie und Sehnsucht. Die Mundharmonika steht für einsame Verlierer und verlassene Ladys. Die Blues Harp gibt der Enttäuschung eine Stimme und hilft über Kummer und Frust hinweg. Sie kann aber auch den entscheidenden Ton setzen: Von Neil Youngs Heart of Gold über Springsteens The River bis zu Spiel mir das Lied vom Tod von Ennio Morricone.

 

 

Es gibt einen Musiker, der die Mundharmonika geadelt hat. Sein Name: Jean-Baptiste Frédéric Isidor Baron Thielemans, besser bekannt als „Toots“ Thielemans. (1922-2016) Vor genau zehn Jahren im August 2016 hat der kleine Belgier, wie er sich nannte, die Bühne für immer verlassen. Seine Lieder aber bleiben. Der stille, bescheidene Gentleman blies dem winzigen Holz-Metall-Ding wie kein anderer Leben ein. Mit Bluesette gelang ihm nach dem II. Weltkrieg der Durchbruch. Er spielte in den USA mit allen Großen zusammen: Ella Fitzgerald, Natalie Cole, Billy Joel, Paul Simon, Miles Davis, Chet Baker, Charlie Parker, Benny Goodman, Ellis Regina, Jacco Pastorius, Oscar Peterson, Quincy Jones, Pat Metheney, Sting und Stevie Wonder.

 

 

Imagine! Toots Thielemans war Inspiration für John Lennon. Er komponierte die Titelmelodie für die Sesamstraße. 2001 wurde er vom belgischen König Albert II. in den Stand eines Barons erhoben. Leider ist er im Mainstream längst vergessen. Aber es lohnt sich Toots zu entdecken. Der elegante Herr, der mit seiner kleinen Mundharmonika große Konzertsäle verzauberte. Seine Musik sei „between a tear and a smile“, zwischen einer Träne und einem Lächeln, sagte er einmal, zwischen Melancholie und einer heiteren Leichtigkeit. Zum Schluss noch eine letzte Toots-Kostprobe. Shape of my hear, gemeinsam mit Sting, aus dem Jahre 1993.

 

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„Der Dummheit schaden“

Die Dummheit besiegen. Wie geht das? Eine gute Frage, so alt wie die Menschheit. Eine Antwort wäre derzeit nötiger denn je. Die Lage ist apokalyptisch. Glaubt man der wissenschaftlichen Weltuntergangsuhr von Albert Einstein und Frank Oppenheimer. Die beiden Physiker stellten 1947 diese Uhr im Jahr ihrer Einführung auf sieben Minuten vor Mitternacht. Heute, 2026, steht sie bei 25 Sekunden vor zwölf. Was macht man mit 25 Sekunden vor dem Finale? Einfach umdrehen und weiterschlafen, den oder die Liebste küssen? Oder einen frischen Aperol Spritz bestellen, in der Hoffnung, dass dieser nach dem Armageddon ankommt?

In Zeiten von Abstieg, Unsicherheit, Kriegen, Katastrophen und notorisch unfähigen bis korrupten Eliten schlägt die Stunde der Heilsbringer. Sie regieren von Washington bis Moskau, sie gehen auf Dummenfang. Das Böse machen sie in Demokratie, Dekadenz, Klimawandel und linksgrünem Wokismus aus. Es geht um die große Unzufriedenheit mit der Gegenwart: „Überall nur Stillstand, Stagnation in der Gesellschaft, der Politik und leider auch in Wirtschaft und Technologie“, klagt Multi-Milliardär Peter Thiel. Ähnlich würde jeder Handwerkermeister ins gleiche Horn blasen. Der gebürtige Frankfurter Peter Thiel lädt seine Untergangs-Rhetorik mit einer sehr speziellen christlichen Heilslehre auf.

 

 

Das Ergebnis ist hochtoxisch. US-Investor und Trump-Freund Thiel, PayPal- und Palentir-Gründer, aktuell geschätztes Vermögen 32 Mrd. Dollar, verknüpft Geld und Glaube in Allmachtsphantasien. Kernthese: „Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar.“ In „Weltverbesserern“ wie Papst Leo, der Klimabewegung, aber auch in UNO und EU sieht er Antichristen, sprich „falsche Messiasse“, am Werk, so Thiel auf einer Vortragsreihe in San Francisco. Im März 2026 doziert er in Rom über Katechon. Nie gehört? Katechon ist eine vage Nebenfigur aus dem zweiten Thessalonicher-Brief.

Katechon sei die Kraft, die sich zur Rettung der Welt über alles hinwegsetzen kann. Thiel bedient sich eines Taschenspielertricks, so Theologen, wenn er die Figur als Kronzeuge für den Kampf gegen das Böse aufbauscht. Die Botschaft von Jesus in der Bergpredigt – Gebot der Nächstenliebe – bzw. du musst dich entscheiden, welchem Gott du folgst: Geld oder Glaube“ – würden vernachlässigt bzw. ignoriert. Thiel sagt, er wolle mit Hilfe von Tech-Lösungen den Armageddon verhindern. Er möchte quasi selbst Gott spielen.

 

 

Was tun? Der Philosoph Peter Sloterdijk sagte neulich, US- Tech-Jünger wie Thiel oder Elon Musk hätten jede Bodenhaftung verloren. Bei ihren Kreuzzügen drohten „apokalyptische Machtkämpfe“. Die Thiels, Musks und Bezos bildeten demnach „eine kleine diabolische Minderheit, die es mit ihrem schwarzen Realismus fertigbringt, den Rest der Welt zu irritieren.“ Das Problem: für ihre unendliche Gier ist die Welt zu klein.

Wem nun glauben? Selbsternannten katholischen US-Fundis wie Thiel oder Vatikan-Chef Papst Leo? Der war gerade in Assisi. In die umbrische Stadt pilgern derzeit Hunderttausende, um Franz von Assisi zu ehren. Die Botschaft des reichen Kaufmannsohnes im Mittelalter: in vollkommener Armut leben wie Jesus. Er war ein Heiliger der Armut und des Elends. Ein Poverello, ein Mann der Wohlstandsverzicht predigte und lebte. Sein Prinzip: Durch Teilen Gemeinschaft und Gerechtigkeit herstellen. Am 3. Oktober 2026 jährt sich Franz von Assisis früher Tod mit 45 Jahren mittlerweile zum 800. Mal.

 

 

Wem das zu katholisch wird, sollte sich an den evangelischen Pfarrersohn Friedrich Nietzsche halten. Der Verfasser des Anti-Christ, eine der schärfsten Abrechnungen mit dem Christentum, wurde gefragt, was das Hauptgeschäft der Philosophie sei? Ganz einfach: der Dummheit schaden.

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Intensivstation

Als ich zum OP-Saal geschoben werde, fragen mich Pfleger und Schwestern immer wieder: Name? Größe? Gewicht? Schließlich legt die Anästhesieassistentin an Hand und Arm Zugänge für die OP. Wieder die Frage: Name? Größe? Gewicht? Und überraschenderweise folgt eine weitere: Beruf? – „Journalist“. – Wo? – „Ich war lange beim ZDF.“ Fake News ruft lauthals eine Kollegin, die ich nicht sehen nur hören kann. Meine Schwester verdreht die Augen und sagt noch: „Ach, bei aller Kritik, ich finde es gut, dass es sie gibt. Gerade in diesen Zeiten.“ Dann wird mir eine Sauerstoffmaske übergestülpt. Ich verschwinde in das Land der Träume.

Als ich drei Stunden später auf der Intensiv wach werde, befinde ich mich an Schläuchen, die zu Messgeräten führen, die mich wiederum überwachen. Herzschlag, Blutdruck, Puls. Manchmal piept das Gerät aufgeregt. Die lebensrettende OP an der Aorta sei gut verlaufen, sagt mir plötzlich jemand in blauer Ärztekluft. Aufatmen! Wie schön! Ich lebe, auch wenn jetzt alles schmerzt. Die nächsten 24 Stunden sehe ich viele Gesichter. Gesichter, die sich um mich kümmern, versorgen, messen und beruhigen. Menschen, jedweder Herkunft, jedweder Hautfarbe. Mit und ohne Kopftuch. Einmal rund um den Erdball. Von Asien bis Afrika, von Syrien bis zum Balkan. Intensivschwester Karena ist mein Herzblatt.  Mit ihrem leicht slawischen Akzent trifft sie den richtigen Ton. Sie schenkt mir genau das, was ich brauche: Kompetenz und Zuwendung.

 

Hubertus-Krankenhaus Berlin. Spezialisiert auf Gefäßmedizin. Foto: Johannesstift Diakonie.

 

Meine Nachbarin auf der Intensiv ist eine ältere, mehrfach operierte Frau. Wir sind nur durch einen dünnen Vorhang getrennt. „Hilfe! Hallo! Hört mich keiner?“ Die Dame schreit, ruft und drückt alle paar Minuten den roten Notknopf. „Ich will hier raus. Man hält mich fest. Helft mir!“ Die Anfang Achtzigjährige kommt nicht zur Ruhe, verlangt verzweifelt ihre Söhne und ruft nach ihrer Mutter. „Ich will nicht sterben! Ich will raus!“ Immer wenn das Pflegpersonal an ihr Bett eilt, schreit sie noch lauter. Nach Stunden Dauerstress für alle wird die demente Frau ins Isolationszimmer verlegt. Es war mittlerweile freigeworden. Gottseidank! Noch am nächsten Morgen höre ich ihre lauten Rufe aus der Ferne: „Hallo! Hilft mir denn keiner?“

Am nächsten Tag werde ich auf Normalstation gebracht. Es ist heiß im Krankenhaus, aber ich habe ein Einzelzimmer (Privileg, ich weiß) mit Blick auf den Krankenhausgarten. Das Grün wird mein persönlicher Ruhe- und Sehnsuchtspunkt. Mein Glück einer erfolgreichen OP teile ich allerdings wieder mit dem Pech, dass mein direkter Nachbar ein dementer älterer Herr ist, der im besten Pavarotti-Bariton stundenlang tönt: „Hilfe! Ich will hier raus!“ Sein Zimmer sieht aus wie ein Schlachtfeld. Manchmal trauen sich Pflegekräfte nur zu dritt zu ihm. Auch dieser Patient ist dement. Wieder behält das Personal die Nerven. Kümmert sich, pflegt und versorgt uns Frischoperierten. Auch auf der Normalstation geht es zu wie auf der Arche Noah.

 

Für mich ein Paradies: Der Krankenhausgarten.

 

Das evangelische Hubertus-Krankenhaus befindet sich in Schlachtensee, in einer der vornehmsten Ecken Berlins. Eine patientengerechte Betreuung ohne zugewanderte Menschen wäre weder möglich noch realistisch machbar. Von der einfachsten Küchenkraft bis zu meinem Chefarzt, der iranische Wurzeln hat. Ihm und allen anderen habe ich zu verdanken, dass ich am schönen Leben weiter teilhaben kann. Was für ein Glück! Der 6. August wird mein zweiter Geburtstag. Den werde ich künftig feiern, aber mein großer Respekt gilt den Teams von der Intensivstation und Station 6.

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Theater, Blitz und Donner

Es musste so kommen. Der Himmel über Netzeband, dem kleinen märkischen Theaterdorf, verfinstert sich dramatisch. Die Premiere von „Nacht des Schicksals“ steuert gerade auf ihren Höhepunkt zu. Mitten im ESC-Contest um 350 Jahre Musikgeschichte, von Guiseppe Verdi bis Roland Kaiser entlädt sich die Hochspannung. Blitz und Donner gehen auf den Theaterpark nieder. Sogleich ergießt sich heftiger Regen über die Kulisse. Ensemble, Technik und Publikum werden innerhalb weniger Minuten klatschnass. Das Wunder! Niemand wird vom Blitz getroffen, nur wenige verlassen ihren Platz. Die meisten bleiben und klatschen am Ende begeistert Beifall. Was für eine Nacht! Was für ein Spektakel! Die Kraft der Natur trifft auf die Kreativität der Kultur.

 

Was für eine Premiere! Petrus inszeniert mit. „Die Nacht des Schicksals“ mit Blitz, Donner und Gewitterregen.

 

„Am Rande der Welt entstehen die besten Ideen“, sagte einmal Theatermann Jürgen Heidenreich. Er gilt als Gründungsvater vom Theaterwunder in Netzeband. Einem 180-Seelen-Dorf, knapp hundert Kilometer nördlich von Berlin. Es ist seit genau dreißig Jahren eine echte Erfolgsgeschichte. Kultur am gefühlten Ende der Welt. In einem ehemaligen DDR-Dorf, von den Einheimischen liebevoll-melancholisch „das letzte Loch vor der Hölle genannt“. Mit der Einheit kam für das Dorf der Bauern, Soldaten und Jäger der stetige Niedergang. Die LPG ging pleite, Jobs und alte Sicherheiten waren weg. Die Jugend zog der Arbeit hinterher gen Westen. Das Dorf versank in Schnaps, Frust und Depression.

Wie in einem Märchen tauchte Anfang der neunziger Jahre ein Investor aus Düsseldorf auf. Landschaftsarchitekt Horst Wagenfeld und Ehefrau Johanna, eine Marketingexpertin, krempelten das Dorf komplett um. Sie sanierten mit Hilfe von Fördermitteln Gutskirche, Park und Höfe, träumten von „Integrierter Ländlicher Entwicklung“ und holten Theaterleute aus der Stadt. Während die hochambitionierten „Wessis“ Wagenfeld nach wenigen Jahren scheiterten, blieb der damals junge Regisseur, Schauspieler und Theatermann Frank Matthus bis heute. Ein Glücksfall. Matthus und sein kleines, aber großartiges Team beweisen seitdem: Kultur kann sehr wohl etwas verändern, wenn die richtige Mischung aus Kreativität, Programm und Bodenhaftung zum Tragen kommt. Wenn Profis und Laien gemeinsam Theater machen.

 

Hilfe! Wer rettet das Dorf vor Investoren? Foto: Uta Gasper

 

Netzeband mauserte sich in drei Jahrzehnten zu einem kleinem Dorf mit großem Anspruch. Diese Entwicklung feiert die diesjährige Neuinszenierung „Die Nacht des Schicksals“ von Frank Matthus und Axel Poike. Das Pop-Oper-Freiluft-Spektakel ist Höhepunkt von dreißig Jahren Theatersommer Netzeband und zwanzig Jahren Synchrontheater. Synchron bedeutet: Stimmen kommen vom Band, Menschen geben in Masken und Kostümen ihren Protagonisten Herz und Seele. Intendant Frank Matthus: „Wir zitieren auch die Masken der vergangenen Jahre. Es ist sowohl Feier, Einkehr als auch Zukunftsexperiment. Was daraus wird, wird sich zeigen.“

Hier kurz die Story: Friedhof, Dorf und Gutspark eines kleinen Provinznests sollen einem Ferienresort weichen. Der Investor „West goes East Holding“ verspricht Zukunft, Jobs und das große Geld. Allein der Friedhofsgärtner hält dagegen. Er will, dass alles so bleibt. Ihm kommen plötzlich „Untote“ zu Hilfe. Die Vergangenheit erhebt sich aus den Gräbern. Alle machen mit: von Theodor Fontane über Kleists Prinz von Homburg bis zum hier herrschenden Adelsgeschlecht der von Königsmarck. Sie prägten Jahrhunderte das abgelegene, arme Gutsdorf zwischen Berlin und Hamburg.

 

Auch im ersten Akt mischt Co-Regisseur Petrus mit: Abendliches Wolkenleuchten kurz vor der Gewitter-Entladung.

 

Der Plot – Friedhofsgärtner gegen Marketing-Manager, David gegen Goliath – geht an diesem Abend auf. Die Jubiläums-Inszenierung mobilisiert großartige Arien und Songs. Ein wilder Mix aus Klassik und Popkultur. Von Verdi, Puccini, Mozarts Zauberflöte bis zu Richard Wagners „Walkürenritt“. Von Black Sabbath, Money, Money aus Cabaret bis zu Brecht/Weills Dreigroschenoper und Roland Kaiser. Für Nicht-Opern-Experten eine echte Herausforderung.

Das Finale soll nicht verraten werden. Nur so viel: Michael Jackson und die beste Sparkasse der Welt spielen bei der Rettung des Dorfes eine gewisse Rolle. Und ein gewaltiger Gewitterschauer. Den gibt es allerdings nur, wenn Petrus mitspielt.

Operndrama „Die Nacht des Schicksals.“ Netzeband. Brandenburg. Bis 29. August 2026. Fr/Sa 20.30 Uhr. (ab Berlin mit RE6). Mehr als ein Geheimtipp! Es lohnt sich.

 

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Opas gegen links

„Jetzt ist die Stunde der Rentner. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Sie müssen auf die Straße gehen“, fordert Peter Hahne, 73 Jahre alt. Der mediengestählte Diplom-Theologe, Ex-ZDF-Moderator und Bestseller-Autor meint, es sei höchste Zeit für so etwas wie Opas gegen links. Der Fernsehpfarrer sieht größte Not. „Unser Land wird umgekrempelt. Ich will das nicht!“ Freundlich im Ton, kämpferisch in der Sache jammert der Mann im Unruhestand: „Ich will unser altes Land zurück. Das gute alte Deutschland. Normal soll es wieder werden.“ Normal ist bei ihm ein wichtiges Wort. Hahne – jetzt ein Rentner-Rebell? Einer der alten, zornigen Männer, die unter Bedeutungsverlust leiden? Die vom Weltuntergang reden, wenn, ja wenn nicht endlich auf sie gehört wird?

 

Stets auf Sendung. Peter Hahne. Er will Deutschland retten.

 

Peter Hahne war im ZDF viele Jahre mein geschätzter Kollege. Auf dem Nachttisch meiner Mutter lag eines seiner vielen Lebensmut-Bändlein. Über sechs Millionen seiner Besinnungs- Kalender- und Streitschriften-Exemplare hat er verkauft. Meine Mutter mochte ihn, den netten Mann vom Fernsehen. Er kann so schön reden, sagte sie, und sei ein freundlicher Mensch. Sie war sogar auf einer seiner Lesungen, vor vielen Jahren. Meine Mutter ist längst tot. Peter Hahne zieht weiter durchs Land, derzeit von Plauen nach Weißenfels. Tausende hören ihm zu. Seine Botschaft ist einfach: Deutschland retten! Vor Merz, Merkel, Klingbeil, den Grünen und dem linken Zeitgeist. Sein jüngstes Buch heißt: „Warum macht ihr uns kaputt? Wie wir unsere Zukunft verspielen“.

Peter Hahne betont, er sei nicht rechts abgebogen. Das müsse er auch nicht, denn er sei von Jugend an konservativ und rechts gewesen. „Ich hatte einen linken Lehrer.“ Der Sohn eines Drogisten aus Minden wollte eigentlich Pfarrer werden. Er studierte Theologie, landete jedoch bei ARD und ZDF. Dort machte er Karriere. Viele Jahre bis zu seinem Ruhestand 2017. Seitdem zieht er rastlos gegen die Öffentlich-Rechtlichen durchs Land. ARD und ZDF würden eine andere Welt zeigen. „Nicht die Realität.“ Er wolle keine Zwangsgebühren mehr zahlen, „für etwas, was ich nicht benutze“. Die „Öffis“ hätten sich nach links verirrt. Schluss damit, fordert der ZDF-Rentner. Das kommt beim Publikum an.

 

 

Hahne missioniert mittlerweile im Netz, in alternativen Kanälen. Er kommentiert, kritisiert und erklärt die Welt für rechte und rechtskonservative Medien wie Achse des Guten, Tichys Einblick, NIUS, Apollo News, Junge Freiheit oder das Portal Scharf rechts. Dort präsentieren zwei TV-Schönheiten, gemeinsam nicht so alt wie Gast Hahne, einen gutgelaunten älteren Herrn auf dem Sofa, der aus dem Nähkästchen plaudert und Deutschland auf der Kippe wähnt. Hahne sagt, die Wahl am 6. September in Sachsen-Anhalt habe „weltweite Bedeutung, vom Kreml bis zum Weißen Haus“. Bei dieser Schicksalswahl hoffe er auf die Wende.

Nichts mehr sei normal in Deutschland, wiederholt er. Man dürfe nicht mehr reden wie einem der Schnabel gewachsen sei. Alles ginge den Bach runter. Die Große Koalition ist für ihn ein einziges Desaster. Die Folge: Masseneinwanderung, Messerstechereien, Vergewaltigungen, Wirtschaftskrise, Pleitewelle, Volksverarmung und Klimawahn. Die beiden Moderatorinnen feuern Hahne an. Die drei auf dem Sofa sind sich total einig. Wie schön: Der alte, zornige Mann spricht aus, was viele klammheimlich denken. Schließlich liefert Hahne den entscheidenden Satz: „Die Zeit war noch nie so reif für einen Machtwechsel wie heute.“ Was danach kommt, wird nicht gefragt.

 

Nichts funktioniert mehr. Nichts ist mehr normal. Wenn Peter Hahne loslegt, sagt er, was viele hören wollen.

 

Rettet das Zigeunerschnitzel, beendet den Gender-Unfug, macht Deutschland wieder normal. Das ist Hahnes Kernbotschaft: Make Germany normal again. Vorwärts in die Vergangenheit! Als das Leben noch einfach, normal und übersichtlich war. Als Opa noch etwas zu sagen hatte. Nur, damals gab es keinen Podcast: Scharf rechts. Damals sendeten nur die Öffentlich-Rechtlichen. Selbstverständlich stets mit Peter Hahne auf Sendung. Der Mann, der gerne sagt, was viele hören wollen.

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What a wonderful world

Die Frau ist ein echtes Phänomen. Sie veredelt Cover-Versionen wie geschickte Hände Rohdiamanten in Schmuckstücke. Sie interpretiert berühmte Songs und präsentiert sie besser als die Originale von Sting, Cindy Lauper oder Louis Armstrong. Berühmt wird die schüchterne Sängerin erst nach ihrem frühen Tod. Ihr Name: Eva Cassidy aus Washington D.C. Ihr einmaliges Geschenk: eine klare, unglaublich gefühlvolle, unverwechselbare Stimme. Sichert Euch Taschentücher, wenn sie Over the Rainbow oder Time after Time anstimmt. Evas Lieder sind für die Ewigkeit. Eine Stimme für die vielen Menschen ohne Stimme. Für die Einsamen und Kranken und für alle, die mit ihrem Schicksal hadern. Und für den großen Rest, der einfach gute Musik mag.

 

 

Geboren im Februar 1963 in der US-Hauptstadt Washington, wächst Eva Cassidy als drittes von vier Kindern in einer einfachen, hochmusikalischen Vorortfamilie auf. Vater Hugh ist beim US-Militär, Mutter Barbara eine Deutsche, die er aus Rheinland-Pfalz mitgebracht hat. Mit neun Jahren gibt Vater Hugh Tochter Eva Gitarrenunterricht. Es folgen erste kleine Auftritte: Hausmusik in der Familie mit Gesang und Gitarre, in der Schule oder bei Festen. Eigentlich will Eva Malerin werden, als Brotberuf lernt sie Gärtnerin. Musik ist eine Option, die sie schätzt; ihr größter Traum einmal mit Stevie Wonder auf einer Bühne zu stehen.

Eine Zusage des California Institute of the Arts muss sie absagen. Dazu fehlt das Studiengeld. So singt sie weiter in Garagen oder Übungskellern und verdient ihre Brötchen als Gärtnerin in Beltsville. Unverdrossen tingelt sie mit ihrer Band BTS auf Hochzeiten, Straßenfesten oder in Cafés. Die großen Plattenfirmen zeigen nur die kalte Schulter. Viele Jahre gilt Eva als Geheimtipp, der ab und an von kleinen Radiosendern gespielt wird. Alle Versuche, das blonde Talent im Musikgeschäft zu etablieren, scheitern.  „Kommerziellen Scheiß“ (“commercial crap”) mag sie nicht singen, folglich: keine Chance im harten Musikbusiness.  Als endlich ein Produzent einen Vertrag anbietet, geht dieser gerade sang- und klanglos pleite.

 

 

Eva ist dreißig, als ihr 1993 nach Schmerzen ein Melanom (Hautkrebs) am Rücken entfernt wird. Mit Nachkontrollen nimmt sie es offenbar nicht genau. Im Sommer 1996 arbeitet sie an einer Wandmalerei in einer Grundschule. Plötzlich leidet sie an heftigen Schmerzen an der Hüfte. Eine Untersuchung ergibt einen Beckenbruch, verursacht durch Tumorzellen. Der Krebs hat sich außerdem in der Lunge festgesetzt. Im Herbst 1996 organisieren Freunde ein Benefizkonzert für die schwerkranke Eva. Am Ende des Abends verabschiedet sich Eva Cassidy mit ihrer Version von What a Wonderful World. Die erzielten Spendeneinnahmen stellt sie anderen Patienten zur Verfügung. Am 2. November 1996 erliegt Eva Cassidy ihrem Leiden. Sie ist 33 Jahre alt geworden.

 

 

Was für eine wunderbare, was für eine schreckliche Welt! Im Jahr 2000 gelingt Eva Cassidy in England mit dem Sting-Klassiker Fields of Gold posthum der große Durchbruch Vier Jahre nach ihrem Tod erobert ihre Stimme weltweit die Charts. 2007 erscheint What a wonderful world als Single, einst aufgenommen bei einer Wohltätigkeitsgala des Roten Kreuzes. Eva Cassidy sagte einmal, bescheiden wie sie war: „Ich habe den einfachsten Job der Welt. Alles, das ich tun muss, ist singen und Gitarre zu spielen.“

 

 

Freunde haben mich auf die Sängerin Eva Cassidy aufmerksam gemacht. Eine Entdeckung, die – nicht nur – mein Leben reicher macht.

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Mein optimiertes Leben

Die Sonne klettert nach oben. Eine Amsel zwitschert verschlafen. Höchste Zeit für frühe Vögel aufzustehen. „4 Uhr früh ist das neue 5 Uhr früh“, erklärt Wellness-Club-Guru Robin Sharma. Auf geht´s! Das Leben optimieren. Einatmen, ausatmen. Ein dreifaches Ooohm. Abschalten. Zur Ruhe kommen. Wer konsequent der Lehre der Achtsamkeit folgt, erreicht optimiertes Glück, Selbstzufriedenheit und Weisheit. Folglich wird früher aufgestanden und Hilfsmittel aller Art geschluckt: Vitamin B12, Folsäure, Proteine, Aminosäuren, Kalzium, Magnesium, Zink. Das Frühstück ist keine einfache Brötchen- oder Haferflocken-Mahlzeit mehr, sondern hochdosiertes Tages-Tuning. Schicker ist, statt Apfel- Quittensaft zu trinken. Obst wird zu Shakes- und Smoothie-Brei verrührt. Und unbedingt Sellerie verwenden.

Wie wäre es nach Aerobic und Gymnastik ins Cardio-Training einzusteigen. „Spinning Classes sind en vogue. Bei Morning Wellness Raves, Sober Morning Coffee Raves und Soulcycling wird in diskothekenhafter Atmosphäre zu Pop und Trance rauschhaft in die Pedale getreten.“ Danach ruhe man auf der 2.790 Euro teuren Akupressur-Matte VitaMat mit Anwendungen wie UVB- und Infrarot-Licht. Wer noch Zeit hat, genießt Aromatherapie, Klangschalenmassage, Saunaaufguss und Tee auf japanischer Matchabasis, genau wie Rapperin Shirin David mit ihrer Hymne „Bauch, Beine, Po“. „Auf TikTok rufen die Livestreamer zur Morgenroutine zusammen wie der Muezzin zum Gebet.“

 

 

Alles klar? Achtsamkeit ist die neue Religion im neoliberalen KI-Zeitalter. Eine milliardenschwere Wellness-Wellcare-Branche (globaler Jahresumsatz 2023: 1.8 Billionen $) vermittelt einfache Botschaften: Gegen Stress im Alltag, Arbeitsverdichtung und 24/7-Allzeitverfügbarkeit helfen Achtsamkeit, Klangschale und Infrarot-Strahler. Außerdem steht eine Armee von teuren Business- und Glücks-Coaches bereit. Das schreibt die 35-jährige Diana Kinnert in ihrem neuen Buch:Die Achtsamkeitsfalle“.

Diana Kinnert. Markenzeichen: Frau mit Hut und Migrantenkind. CDU-Karriere seit dem 15. Lebensjahr. Ein Paradiesvogel in der aufgedrehten Influencer Welt. Diana stellt nüchtern fest: „Achtsamkeit ist keine Befreiung. Sie ist Kannibalismus im Dienste des Kapitalismus.“ Die gebürtige Wuppertalerin geht noch einen Schritt weiter: „Mit der Achtsamkeit macht sich der Kapitalismus die Innenwelten des Menschen zu eigen. Der Kapitalismus hat sich eine Kultur gegeben.“

 

Diana Kinnert. Autorin, Beraterin, CDU-Mitglied. Sie fühlt dem Zeitgeist auf den Nerv.

 

Warum? In Zeiten, in denen sich alle gestresst fühlen, sei das eine fatale Entwicklung,  so Kinnert, weil: „Wir hören uns nicht mehr selbst!“ Die Achtsamkeitsbranche verlange Kontrolle und Gehorsam. Alles müsse optimiert werden: Schlaf, Leben, Arbeit, Freizeit. Die Achtsamkeitsfalle bedeute Individualisierung von Verantwortung, Versagen und Schuld. Beispiel: Wirst Du arbeitslos, bist du zu faul, also selbst schuld. Die CDU-Querdenkerin fordert: „Erschöpfung muss Widerstandsgeste sein.“ Und: „Der Zweifel ist die größte Ressource des Menschen. Der Zweifel unterscheidet den Menschen von der Maschine.“

Was tun? Sie habe überhaupt nichts gegen Klangschalen und Yoga, erklärt Diana Kinnert. Pausen, Erholung und Entspannung seien überlebenswichtig. Keine Frage sagt die belesene Kritikerin des Zeitgeists, die als liberales „Feigenblatt der CDU“ kritisiert wird. Vor vier Jahren hagelte es Plagiatsvorwürfe gegen ihre ersten beiden Bestseller: Für die Zukunft seh’ ich schwarz (2017) und Die neue Einsamkeit (2021). Vorwurf: sie habe bis zu zweihundert Stellen abgekupfert. Kinnert entschuldigte sich öffentlich. Dies sei „nicht mutwillig“ geschehen. Und zog sich zurück. Ihr neues Buch „Achtsamkeitsfalle“ erscheint nun im Selbstverlag. Es ist eine überzeugende Bestandsaufnahme unserer überdrehten TikTok-Welt.

 

 

 

Wenn Diana Achtsamkeit sucht, fährt sie früh im alten Sportwagen an stille Seen, sagt sie, angelt und lauscht aufmerksam Vogelstimmen. Selbstverständlich in der unschuldigen Morgendämmerung, bevor der Weltenlärm wieder aufdreht. Natur wahrzunehmen sei schöner und wichtiger, als die Angst, den neuesten Podcast mit Peter Thiel zu verpassen.