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Vater-Land

Eine Frage, die viele kennen.  Was macht eigentlich mein Vater? Mein „Tata“. So heißt Vater auf rumänisch. Die Filmemacherin Alexandra Bidian hat sich mit Mutter Regina und Schwester Maria auf Spurensuche gemacht. 1.500 Kilometer weit Richtung Sibiu, Rumänien, der verlorenen Heimat des verstorbenen Vaters. Ein Dichter und Dissident. Demokrat und Exilant. Verfolgt und eingesperrt. Im Visier der Securitate, der rumänischen Stasi. Abgeschoben und ausgereist in den Siebzigern. Neuanfang in Wiesbaden. Dort gründet er mit seiner großen Liebe Regina eine Familie. Sie haben zwei Töchter. Er schreibt Gedichte, Texte und Briefe, um auf sein verlorenes Land aufmerksam zu machen. Hofft auf eine Wende. Sehnt sich nach dem Ende des Ceausescu-Regime.

 

 

Alexandra Bidians Familiengeschichte „Schon lange kein Frühling. Mein Vater, Rumänien und Ich“ erzählt still und eindringlich die Geschichte eines Mannes, der im Sozialismus aus der Bahn geworfen wird. Im rumänischen Kommunismus gibt es Aufmärsche, Parolen, einige Prachtbauten und noch mehr Orden. Das Gesicht des Alltags aber prägen Mangel, leere Läden, hohe Preise, Korruption. Willkür. Keine Zukunft im Armenhaus des Sozialismus. Heutzutage ist Rumänien zweitärmstes EU-Land, geprägt von Wirtschaftsboom, neureichem Pomp und harten Gegensätzen. Bei den kleinen Leuten kommt nur wenig an. Die Folge. Über vier Millionen Rumänen haben auf der Suche nach Jobs und einem besseren Leben das Land verlassen. Geblieben ist die Korruption. Aber auch der familiäre Zusammenhalt. Die Frage in Rumänen steht: Bleiben oder gehen?

 

Filmemacherin Alexandra Bidian.

 

Bidians Roadmovie konzentriert sich auf ihre Familie. Wer ist Tata? Sie fragt intensiv nach, manchmal bis an die Schmerzgrenze. Was hat dieser große, ernste Mann gemacht, der nach achtzehn Jahren Exil immer stiller wurde. Der wunderbare Gedichte verfasst hat: „Schon lange kein Frühling. Schon lange, seitdem Tag, an dem ich dich in Trauer ließ. Entstelltes Land der Väter. Seitdem vergehen im wilden Rennen Tage ohne Kraft. Nächte voller Wehmut.  Und Jahre ganz entleert von dem, was Liebe heißt.“  Was bedeutet Widerstand im Alltag? Was Familie, Heimat, Tradition? Alexandra liest alte Briefe, fragt Verwandte und Weggefährten, gräbt sich in Vaters zweitausendseitige Geheimdienstakte  ein. Einer der besten Freunde war ein Spitzel.

 

Vater Tata mit seinen Töchtern Alexandra und Maria in den neunziger Jahren auf dem Weg nach Rumänien. Foto: Alexandra Bidian

 

Tata wird 1948 als Schüler wegen „Umsturzplänen“ zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Tagelang steht er im kalten Wasser. Rheumatismus ist die Folge. Er jobbt als Hilfsarbeiter, kann nur Theologie studieren. Ständig wird er überwacht, bis er Mitte der Siebziger ins Exil geht. Familie und Freunde in Rumänien schildern ihn als aufrechten Mann, aber auch als Träumer und Idealisten. In Deutschland verfasst er Briefe an Kohl und US-Präsident Bush, engagiert sich im Exilrat. Immer wieder schreibt er Gedichte, Texte, Aufrufe. Vergebens. „Ich wollte meinem Land helfen, etwas Gültiges schaffen. Es ist mir nicht gelungen.“

Als Ceaușescu 1989 gestürzt wird, will er Präsident werden. Ein Traum, mehr nicht. Exil macht mürbe und müde. Er verstummt. Über seine Rückkehr nach Rumänien in den Neunzigern heißt es: „Dürstend sucht er nach alten Spuren.“ In den Akten entdeckt Alexandra den Plan der Securitate, ihren Vater ab 1974 als Informanten im Westen einzusetzen. Der Vater ein Agent? Ein dunkles Geheimnis? Alles wird plötzlich in Frage gestellt. Alexandra: „Ich habe eine Tür geöffnet, die ich nicht mehr schließen kann.“ Mutter Regina: „Für mich unvorstellbar. Unmöglich!“ Was war der Vater nun wirklich? Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Am Ende der filmischen Reise folgt eine Liebeserklärung an Tata: „Ich weiß, was du für ein Mensch warst. Das zählt.“

Alexandra Bidian macht in Hamburg Filme. Schwester Maria Bidian schreibt in Berlin Romane. Die Frucht des Vaters geht auf. Frühling wird es jedes Jahr wieder.

 

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Du kannst eine Kerze ausblasen…

…aber nicht das Feuer, das lodert. Gute Ideen setzen sich durch. Nicht alle, aber diese hat es geschafft: Playing for Change. Musik für die Welt. Vor etwa zwanzig Jahren beschließen die Musikproduzenten Mark Johnson und Enzo Buono ausgetretene Wege zu verlassen. Sie wollen Songs produzieren, die unter die Haut gehen und etwas verändern. Weltweit. Ob in New York oder Nepal. Ghana oder Cuba. New Orleans oder Neu Delhi. Initiator Marc Johnson reist mit Enzo Buono um den Globus, um populäre Titel von unterschiedlichsten (Straßen-)Musikern interpretieren zu lassen. Musik als universelle Sprache, um „zu inspirieren, zu verbinden und der Welt mittels Musik Frieden zu bringen“. Große Worte, gewiss. Aber aus kleinsten Anfängen wird 2008 eine weltweite Bewegung. Der erste Song Stand by me schlägt ein. In Barcelona, Benin oder Neuseeland.

 

 

Imagine von John Lennon, Peace Train von Cat Stevens oder When The Levee Breaks mit John Paul Jones. Lieder reisen um die Welt. Mit Hilfe eines mobilen Tonstudios zeichnet das Playing for Change-Team die jeweiligen Interpretationen des Songs auf, um in der Postproduktion zusammengefügt zu werden. Mittlerweile sind weltweit über tausend Musizierende in das Projekt involviert. So entstehen Collagen, die Musiker, Chöre und Bands unterschiedlichster Ethnien und Kulturen in ihrem heimatlichen Umfeld und meist unter freiem Himmel zeigen.

 

 

Doch Playing für Change will mehr sein als vier oder fünf Minuten YouTube-Folklore. Die Songs sollen als Herzschlag eines sozialen Wandels dienen. Über dreihundert Mitarbeiter wirken vor Ort mit: Musiker, Künstler, Techniker und Koordinatoren, die von ihrer Arbeit leben können. Sie geben jährlich über 80.000 Stunden kostenlosen Unterricht für mehr als siebtausend Kinder in 26 Ländern. Von Argentinien über die Ukraine, von Uganda bis Thailand. Während sich autokratische Regierungen, darunter auch das Trump-Regime, aus UN-Programmen zurückziehen, versucht die private Initiative von Playing für Change spendenfinanziert dagegen zu halten.

 

 

Die eigentlichen Stars in den Videos sind weder Bono, Peter Gabriel noch Ringo Starr, es sind Amateure und Straßenmusiker. Sie wollen zeigen: eine bessere Welt ist möglich. Jenseits von Krieg, Katastrophen und Korruption. Lieder können genügend Kraft entwickeln, um Machthaber zu stoppen sowie Grenzen zwischen den Menschen zu überwinden. Wie heißt es so treffend im Song Biko von Petr Gabriel: „Eine Kerze kannst du ausblasen, doch ein Feuer nicht. Haben die Flammen erst einmal Nahrung gefunden, wird der Wind sie noch höher lodern lassen.“ Das Apartheid-Regime ließ Steve Biko ermorden. Ein gutes Jahrzehnt später musste die Regierung von Südafrika abdanken. Es stimmt: Musik kann Herzen entflammen. Leider dauert es manchmal viel zu lange, bis der Funke überspringt. Aber eines ist gewiss: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.

 

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Reden ist Silber…

… Schweigen ist Gold. So sagt der Volksmund. In den meisten Familien hat dieser Satz Goldstandard. Vielleicht ist es besser, bestimmte Geheimnisse für sich zu behalten. Aus guten Gründen. Dagegen stehen jedoch so viele Fragen, die auf Antworten warten. Wie war das in unserer Familie? Die junge Autorin Alisha Gamisch, 1990 am Tegernsee geboren, hat das Schicksal ihrer Vorfahren nicht zur Ruhe kommen lassen. Alisha hat eine Russlanddeutsche Familiengeschichte. Die sogenannten Kontingentflüchtlinge aus der UdSSR/ Russland lieben Putin und Helene Fischer, heißt es, viele würden AfD wählen. Stimmt das? Alisha Gamisch widerspricht. Sie wagt mit ihrem ersten Roman Parasiti einen präzisen Blick auf ihre russisch-deutsche Familie, der von Bayern nach Sibirien führt. Ihr Debüt war zum Deutschen Buchpreis 2026 nominiert. Aus gutem Grund.

 

Alisha Gamisch. Mit ihrem Debüt Parasiti sofort auf die Longlist des Deutschen Buchpreis 2026.

 

„Ich hatte nur einen, und das war kein Richtiger. … Ich weiß ja nicht, was Liebe ist.“ Das sagt Oma Lydia über ihren Sahska. Ehemann, Musiker, Trinker und ein Parasit, der abends, wenn er nach Hause kommt, immer „herumrutschen“ will. „Wenn sie Glück hat, tut es nicht weh“. Aber irgendwann hat die Näherin wieder einen „Braten in der Röhre“. Im Krankenhaus von Nowosibirsk kennt sie „die Kittel, das Umziehen, das „Schnell, schnell, beeilt euch, wir haben nicht ewig Zeit! … das Eisen, das sie brauchen, um das Knäulchen rauszuholen.“ Lydias Unterleib fühlt sich danach an, „als hätte man ihn mit Schwiegervaters Fleischklopfer bearbeitet“. Dabei ist Lydia eine Frau, die alles übersteht. Krieg, Vertreibung, Deportation, Barackenleben und Ausreise als Spätaussiedlerin nach Deutschland. Dort bleibt sie die Fremde. Eine „Rucksack“-Deutsche, die jetzt die Russin ist. In Sibirien war sie die Deutsche, eine „Fashisti“.

 

Russlanddeutsche. Zu Hunderttausenden kamen sie aus der einstigen Sowjetunion. Immer unter Druck. Deportiert, ausgewiesen, spät „ausgesiedelt“. Heute: Alles Putin-Fans? Stimmt das?

 

Was vererben wir und was behalten wir lieber für uns? Wie prägen Herkunft, Familie und Tradition? Was ist Heimat? Die neugierige Enkelin Rina ist eine rotblonde Sozialarbeiterin mit blauem Kinn, „geschwollen wie ein aufgegangener Dampfnudelteig“, nachdem sie Prügel von ihren Schutzbefohlenen bekommen hat. Hartnäckig will sie wissen, was in der Familie los ist. Der Grund: Die Frauen erreicht im Reihenhaus von Fürstenfeldbruck der Aufruf einer Lebensschutzorganisation, in der Abtreibung als Mord angeklagt wird. Der Flyer schlägt wie eine Bombe ein. Die Großmutter erstarrt. Tante Valli, ein Kuckuckskind, verstummt. Das große Schweigen. Enkelin Rina fragt weiter.

 

Wenn ein Leben in einen Koffer passt. Menschen auf der Flucht. Eine Arbeit von Vychaslav Akhunov aus Usbekistan auf der Biennale in Venedig 2026.

 

Tante Valli ist eine Patzanka, ein Mannsweib. Klare Ansagen, schroffer Ton. In der russischen Schule wurde sie als Deutsche gemobbt. Valli strickt, repariert den Herd, isoliert Fenster, schaut auf dem Chamäleonsofa den gutaussehenden „Bergdoktor“ und backt Kribli. Sie ist gerne mit ihrer Nichte Reni zusammen, auch wenn sie mit ihren Fragen manchmal nervt. Parasiti ist ein Generationenroman. Alisha Gamisch erzählt von der engen Familienbande, die ihre Romanfamilie wie ein Seil verbindet und hilft, aber auch bedrückt und einengt. So entsteht eine intensive Nahaufnahme von Tradition, Enge, häuslicher Gewalt und zärtlicher Intimität.

Oma sagt: „Wir sind Deutsche – das ist alles.“ Trotzig-standhaft lebt sie ihrer Enkelin vor, wie das Leben dicke Seile um die Familie geschlungen hat. Wenn nur nicht der Mushik wäre, der vermeintliche Herr im Hause, der Wodka-geschwängert abends sein Eherecht einfordert. Die Russlanddeutsche Oma Lydia bleibt sich treu: Egal, ob Männer, Kälte, harte Arbeit in der Kolchose, Stalin oder Putin. Es gibt Dinge, die muss man selbst regeln. Da hilft keine Macht, keine Politik, kein Gott.

 

Alisha Gamisch in der Reihe „Neben der Spur – Europ. Festival der Reiseliteratur“ in Wustrau. Oktober 2026. Foto: Henry Mundt.

 

Alisha Gamisch. Parasiti. Ein starkes Debüt. Eine bewegende Geschichte, die das große Schweigen in Familien durchbricht.

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Nah am Wasser

Es ist kurz vor fünf Uhr nachmittags im Giardini. Zwischen den Biennale-Pavillons in Venedigs großer Kunstausstellung wandelt ein erschöpftes Publikum. Plötzlich entwickelt sich eine aufgeregte, große Menschenansammlung. Am österreichischen Pavillon laufen die Leute handybereit zusammen. Eine Nackte mit Sauerstoffgerät ist in einem Bassin zu sehen. Sogleich schreitet eine Performerin zu einer vergoldeten Bronzeglocke auf der zu lesen ist: „O Tempora, o Mores.“ Tja, willkommen im Herbst 2026. Oh Zeiten, oh Sitten… Das Publikum zückt die Smartphones. Es geht los.

Flugs klettert die Nackte an einem Seil akrobatisch nach oben. Sie verschwindet unter der Glocke und taucht mit dem Kopf nach unten wieder auf. Punkt Fünf benutzt die Performerin ihren Körper als menschlichen Klöppel, um die Glocke fünfmal laut läuten zu lassen. Die Zuschauer stimmen beeindruckt ein Ah und Oh an. Ein Raunen wie auf dem Rummelplatz. Schaulust vom Feinsten. Hier findet sie statt: die Performance der österreichischen Künstlerin Florentina Holzinger. Hochgehypte Theaterexpertin für Körperaktionen aller Art bis jenseits der Schmerzgrenze.

 

Wenn die Glocke schlägt, ist auf der Biennale das Team Florentina Holzinger aktiv. Mit vollem Körpereinsatz.

 

Was ist das? Provokation? Ein Weckruf des Matriarchats? Oder ein perfekt inszeniertes Spektakel für eine satte Gesellschaft, die im Instagram-Zeitalter bedient werden will? Die zusammengelaufene Menge applaudiert nach dem letzten Glockenschlag artig. Die Performerin seilt sich ab und verlässt erhobenen Hauptes die Bühne. Was war das nun? Zeitvertreib für Voyeure oder moderne Kunst des 21. Jahrhunderts, die wachrüttelt? Wir sind ratlos, gleichwohl waren wir genauso gebannt wie die nunmehr dem Ausgang zuströmenden Massen. Nun geht es Richtung Markusplatz, Rialtobrücke oder Canale Grande. Vermutlich in Erwartung eines Dinners mit Sonnenuntergang in einer „der schönsten Städte der Welt“.

Venedig hält, was es verspricht. Ein Architekturensemble zum Niederknien. Erfolgreich widersetzen sich deren Bewohner seit Generationen allen Untergangsszenarien. Die Stadt auf 127 Inseln versucht weiter den Massentourismus zu zähmen, um den UNESCO-Welterbetitel nicht zu verlieren. Mittlerweile verlangt Venedig 3,50 Euro Eintritt pro Nacht. Ja, die Lagunenstadt leidet unter den Wellen der vielen Motorboote, unter Hochwasser, Überalterung und Bevölkerungsschwund. Jede Wohnung, die in ein Airbnb-Apartment umgewandelt wird, beschleunigt den Niedergang. Dennoch bleibt die Schönheit, mit ihren Fassaden, Kirchen und Brücken aus der Zeit der Renaissance. Eine Stadt ohne Straßen, Autos und Radverkehr. Nur für Fußgänger, Flaneure und Gondolieri. Eine logistische Meisterleistung, täglich viele Tausend Einwohner und Touristen zu versorgen.

 

Die wunderbare Welt der Nilbar Güres aus der Türkei. Schönheit und Fantasie trotzen Willkür und Gleichschritt.

 

Kunst entsteht im Auge der Betrachter. Eine Floskel, die auch für der 61. Biennale gilt. Bereits nach wenigen Stunden gerät man angesichts der Bilderflut ans Limit. Die Weltkunstschau (bis November 2026) brummt und summt mit Impressionen, Installationen, Eindrücken und Reizen aller Art. In den Arsenalen, in den Gärten, in der gesamten Stadt. Meine persönlichen Highlights: „A Kiss on the Eyes.“ So lautet die liebevolle Schlussformel in türkischen Korrespondenzen an Freunde. So sehen die wundersamen Gebilde der Künstlerin Nilbar Güres aus. Fantasievoll und kreativ. Ein Fest für Augen, Sinne und Seele.

 

Im Palazzo Franchetti stellt der usbekische Künstler Vyacheslav Akhunov seine Arbeiten gegen das Vergessen aus.

 

Am Canale Grande sind die Werke von Vyacheslav Akhunov (*1948) im prachtvollen Palazzo Franchetti zu sehen. Der Usbeke erinnert messerscharf an Allmacht, Verfolgung und Deportation in seiner Heimat. An Menschen in der untergegangenen Sowjetunion, an Vergessene, Abgehängte und Ausgegrenzte. Akhunov präsentiert Koffer, Briefe, Fotos oder kleine bunte Stalinbauten voller sozialistischem Kitsch und Alltagszenen. Ein lebendiges Archiv. Geschichte greift in die Gegenwart. Weltweit. Wichtig in unseren schnelllebigen Zeiten. Noch wichtiger in der aktuellen Eskalation, in der Kunst wieder von einigen wenigen Herrschern dominiert und diktiert werden soll.

 

Nichts geht verloren bei Vychaslav Akhunov aus Usbekistan. Ein lebendes Archiv von und mit Menschen, die sonst vergessen werden.

 

Selbstverständlich bietet die Biennale 2026 viel mehr. Allerlei Absurdes, Banales oder Grenzwertiges. Ob Babypuppen, die Besucher im japanischen Pavillon wickeln können oder Urschreitherapien wie in der niederländischen Performance, in der aggressiv geschrien wird, als gebe es kein Morgen. „Ruin“ ist der deutsche Beitrag der viel zu früh verstorbenen Henrike Neumann. Sie erinnert in kühler, mintgrüner Strenge an unsere eigene wechselvolle Geschichte. Um 18 Uhr ist Schluss auf der Biennale. Molto bene! Die Fülle der Eindrücke wollen verdaut werden. Am besten sucht man einen der Kanäle auf, isst ein paar Nudeln, trinkt ein Glas Wein und schaut dem bunten Treiben zu. Venedig dankt mit dem Spiel seiner Wellen und der Geschäftigkeit der Menschen. Sie alle verweilen in einer Stadt, die nah am Wasser gebaut ist – und trotz aller Widrigkeiten – ach, so schön ist.

 

„Verweile doch! Du bist so schön.“ Noch mehr Kunst gibt es zum Beispiel in Venedig-Guidecca zu entdecken. Wie wäre es mit Michael Corner und seiner Goethe Interpretation? Viva Venezia!

 

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Hinauf! Immer höher!

Willkommen im Yak-Land. Das liegt neuerdings in Südtirol. Mit der Sextener Seilbahn geht es in den Dolomiten hinauf zum Berg Helm, italienisch Monte San Elmo. Für 36 Euro in sechs Minuten per Seilbahn auf über zweitausend Meter Höhe. Die Sonne lacht. Der Berg-Guru ruft. Reinhold Messner lädt mit seiner jungen Frau Diane zum Vortrag: „Yak-Land. Eine fesselnde Geschichte über die Kraft des Überlebens“. Der Eintritt ist frei – „auf der schönsten Bühne der Welt“. Alle Plätze sind lange vor Beginn besetzt. Es herrscht eine erwartungsfrohe Stille in beeindruckender Bergkulisse. Hinter dem Podium grüßt eine silberne Blechbüchse, einst eine Seilstation. Jetzt steht auf großen Lettern Reinhold Messner Haus. Upcycling wird er das gleich nennen.

 

„Am schönsten Platz in den Bergen“. Audienz bei Reinhold und Diane Messmer hoch auf dem Berg Helm über Sexten/Südtirol.

 

Der Meister betritt mit Gefährtin Diane das Podium. Beifall brandet auf. Der 82-jährige stellt sich als Abenteurer, seine 46-jährige Frau als Bäurin vor. „Sabbeln“ sei ihre gemeinsame Leidenschaft. Sie kämen gerade aus der Himalaya-Region, erzählt er. Dort haben sie ein Museum für Sherpas eröffnet. Noch eine Messner-Location. Allein Südtirol verzeichnet sechs Messner-Besuchszentren. Darunter das atemberaubende Museum auf dem Kronplatz bei Bruneck. Eine in die Bergspitze geworfene, begrünte Betonkiste, mit riesigen Fenstern, aufgerissen wie Augen eines Bergsteigers, der erschöpft, aber glücklich das Gipfelkreuz erreicht hat. Sehenswert. Ein Entwurf der Stararchitektin Zaha Hadid.

Bei der Messner-Audienz geht es jetzt um das Yak. Eine langhaarige, asiatische Rinderart. Die Tiere seien extrem widerstandsfähig und genügsam, lobt Messner. Sie stammen aus dem tibetischen Hochland, aus viertausend Metern Höhe. Yak bedeute auch Grunz-Ochse, ein idealer Transporter und „Gärtner der Natur“. Yaks liefern Wolle, Milch, Butter und Fleisch. Sie können bis zu achtzig Kilo tragen und halten Temperaturen von minus vierzig Grad aus, wenn nötig „fressen sie auch Schnee“. Zwölf Yaks haben die Messners aus dem Himalaya nach Südtirol mitgebracht. Drei sind an diesem Septembernachmittag zu bestaunen. Mensch und Tier müssten zusammenleben wie die Sherpas und Yaks in Tibet und Nepal. Messner singt das hohe Lied von Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und Mut zur Einfachheit. Das Publikum nickt zustimmend und klatscht.

 

Neue Bewohner in Südtirol. Yaks aus dem Himalaya-Gebiet. „Widerstandsfähig, genügsam, zuverlässig.“

 

„Wir brauchen dringend mehr Vorbilder“. Die seien selten geworden, erklärt Messner unter noch mehr Beifall. Es folgen Sätze wie aus dem Lehrbuch eines Umweltleistungskurses. „Berge sind absichtslos, Menschen nicht.“ Oder: „Berge müssen wild bleiben, genau wie wir.“  Sie dürften nicht als Kulisse missbraucht werden, sondern seien unsere Lehrmeister. Natur müsse wieder still und unberührt sein. Das sagt der einstige Extrembergsteiger, der als Kind mit fünf Brüdern in einem Zimmer geschlafen hat, der mit zehn Jahren Hühner geschlachtet und als Twen alle vierzehn Achttausender im Himalaya-Gebirge bestiegen hat. Ohne Sauerstoffgerät und Sicherung. Und der seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Günther 1970 bei einer dieser lebensgefährlichen Expeditionen unter nie vollständig geklärten Umständen verloren hat.

 

Was treibt einen Mann an, der alles erreicht hat? Fragen an Legende Reinhold Messmer.

 

Was bleibt, wenn alle Gipfel erreicht sind? Messner betont, er sehe sich als Grenzgänger, Erzähler und Mensch. Manche Medien nennen ihn auch Selbstdarsteller, Entertainer, Einzelgänger und Welterklärer. „Ich bin kein Guru“, widerspricht Messner. An diesem heiteren Bergnachmittag fragt niemand nach familiären Erbstreitigkeiten im Hause Messner. Die Besucher hängen an seinen Lippen. Messner gibt Autogramme, lässt sich fotografieren, zeigt die Yaks, weist auf sein neues Buch hin, das Anfang Oktober 2026 erscheint. Titel: „Lebenszeit vom Wert der Vergänglichkeit“. Sein Terminkalender ist für die nächsten Monate mit Lesungen und Vorträgen vollgepflastert. Im Dezember möchte er in die Überschwemmungsgebiete am Himalaya reisen. „Selbst ein Bild machen. Hilfe organisieren.“

 

 

Reinhold Messner ist eine lebende Legende. Mittlerweile wirkt er ein wenig müde, aber bleibt rastlos. Es treibt ihn nicht mehr in die Einsamkeit der Berge. In die Extreme von Eis und Kälte, Atemnot und Erschöpfung. Jetzt sucht er volle Häuser und den Beifall des Publikums. In seinen Museen finden sich Zitate des Philosophen Nietzsche, der auf die Fragen des Lebens Antworten suchte. Warum begeben wir uns in Todesgefahr? – Um das Leben zu feiern? Oder um unseren Ehrgeiz zu stillen? Nietzsche sagt: „Der Kampf ums Dasein – das bezeichnet einen Ausnahmezustand. Die Regel ist vielmehr der Kampf um Macht, um „Mehr“ und „Besser“ und „Schneller“ und „Öfter“.

Und Messner? „Holzhacken bringt mehr als Schreiben.“

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Wo geht´s lang?

Im Regionalexpress von Finsterwalde nach Berlin. Später Freitagnachmittag. Zwei Männer unterhalten sich lebhaft im Oberdeck. Ein junger Mann in Monteurs-Kluft und ein älterer, ziemlich heiserer Mann. Die beiden reden sich zunehmend in Rage. Das ganze Abteil hört mit. Ich auch. Der Junge: „Welcher Holocaust? Es war Krieg. Da war alles möglich. Das ist lange vorbei. Da wird viel erzählt. Ich schaue nach vorn.“ Kurze Pause. „Mein Chef kauft nicht bei Zionisten. Mein Chef ist Türke, da ist er konsequent. Nein, bei Juden kauft der nicht.“ Der Alte nickt zustimmend. Der Junge: „Die Juden bestimmen den Finanzmarkt. Bitcoin, ETF, der ganze Kram, das ist alles in den Händen der Rockefellers.“ Der Alte: „Genau. Bei uns gibt es keine Meinungsfreiheit. Was wir denken und was wir sagen, ist nicht möglich. Da wirst du sofort gesperrt.“ Kurze Pause.

Der Alte: „Meine Mutter war Flüchtling. Sie wurden von Russen und Polen vertrieben. (der Junge staunt ungläubig) „Ihr hat keiner geholfen.“ Der Junge: „In Russland hilft dir als Flüchtling auch kein Mensch. Du stehst auf dem Markusplatz (sic!) in Moskau und keiner hilft dir.“ Der Alte: „Zu uns kommen doch keine Facharbeiter. So ein Quatsch! Wer Facharbeiter ist, bleibt in seinem Heimatland.“ Der Junge: „Du findest keinen einzigen deutschen „Furnier“ (sic!) mehr. Keinen einzigen. Keiner will mehr die Drecksarbeit machen.“ Der Alte stimmt zu: „Ach, wir produzieren nur noch Studenten. Die können nichts, machen nichts, reden nur so klug daher, dass niemand etwas versteht. Vergiss es!“ Die beiden Männer verlassen den Zug am Südkreuz. Es wird wieder still im Abteil.

 

 

Das mitgehörte Gespräch ist nicht mehr ganz taufrisch. Es war eine Zufallsbegebenheit, vor einigen Monaten. Die beiden Männer im Zug unterhielten sich noch über Fußball, Staus und Wohlstand, der bequem mache und die allgemein herrschende Dekadenz „wie im alten Rom“. Tja! Das Unmögliche scheint wieder möglich zu sein. Angst beherrscht das Land. Die einen fürchten Überfremdung und „Bevölkerungsaustausch“, andere die Rückkehr von Diktatur und Faschismus. Alle eint die Überzeugung, das Land sei in größter Gefahr. „Mir kommt es vor, als wären wir am Vorabend von etwas, was ich nicht miterleben möchte“, sagt der Komiker Hape Kerkeling.

Die letzten Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern bestätigen den Trend. Wer laut, kantig, extrem und vor allem YouTube-tauglich auftritt, kann Wahlen gewinnen. Es stimmt: Die regierenden Parteien können, wenn sie ehrlich sind, keine Wohlstandsgewinne mehr für alle versprechen. Wie immer man sich dreht und wendet, nicht Zuwächse, sondern Einbußen werden heute und morgen zu verteilen sein. Das bringt Ängste mit sich, die das Fundament der demokratischen Ordnung angreifen. Demokratie ist anstrengend. Insofern ist die Lage ernst. Aber keineswegs hoffnungslos.

 

Standhaft bleiben! Nicht nur in Berlin gibt es viel zu tun.

 

Nicht nur in vollen Regionalzügen: Es gibt eine Kultur des Wegschauens, des Zurückweichens, des Nicht-ganz-so-ernst-Nehmens der Lage und der Verzagtheit der Verteidiger demokratischer Institutionen. Die denken nur an sich! Da halte ich mich raus. Es ist doch alles verrückt geworden. Ohne mich! Wie oft kann ich Sätze wie diese hören. Teilhabe und Schutz. Das sind die wichtigsten Aufgaben der Demokratie. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn Schutz und Sicherheit nur noch für Privilegierte und Begüterte möglich sind, hat unser Land tatsächlich ein Problem. Dann verkommt das vielzitierte Wort Demokratie zu einer abgedroschenen Floskel. Dann wird es in der Mitte der Gesellschaft still. Dann dominieren Parolen und Propaganda. „Freiheit aushalten“ ist schön, aber anstrengend.

Es heißt, wir leben in der besten Gesellschaft aller Zeiten. Doch wie viele verbringen ihre Tage damit, alles Schöne und Wichtige zu verpassen, weil sie permanent auf ihr Handy starren? Stets online. Stets in der Sorge, etwas zu verpassen, immer damit beschäftigt, sich mit allen anderen zu vergleichen. Demokratie heißt Teilhabe. Nicht nur Wischen und liken. Sonst bekommen wir bei Wahlen genau das, was wir verdienen.

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Die Wahl der Qual

Bis zum letzten Moment brüte ich über meinem Stimmzettel. Was tun? Zum ersten Mal beteilige ich mich per Briefwahl. Der rote Umschlag muss raus zur Post. Wir sind verreist, wenn Berlin am 20. September 2026 die Qual der Wahl hat. 27 Parteien werben um mein Kreuz. Alphabetisch gelesen von AfD über CDU, Grüne, Linkspartei, SPD bis zu Volt. Wie immer versprechen alle den Jahrmarkt auf Erden. Flott gesegnet mit Floskeln: von „Verantwortung“ über „Zukunft“ bis „Freiheit, Frieden und Sicherheit“. Wahrheiten sind verpönt. Ein angeschlagenes Wirtschafts- und Sozialsystem, eine erschöpfte Verwaltung, dazu eine Stadt, in der nur noch alles leidlich funktioniert. Berlin eben.

Eine Viermillionenstadt, die in immer mehr Interessengruppen und Communities zerfällt. Mit Menschen, die zuverlässig in Schnappatmung verfallen, wenn ihnen etwas nicht passt. Triggern geht schnell. Die Hauptsorgen? Eine weitverbreitete Angst zu kurz zu kommen, nicht gesehen, gefühlt oder neudeutsch gewertschätzt zu werden. Bloß nichts verlieren, was man hat. Der Neid, andere könnten bevorzugt werden. Jedes Milieu pfegt sein stabiles Feindbild. Schuld sind die Reichen oder die Migranten, die Grünen oder die Faschos usw.

 

Graffito an der Spree, unweit vom Reichstag.

 

Tja. Wen soll ich nun wählen? Ich zähle zur Generation der Profiteure der (west) deutschen Wohlstands für alle-Ära. Erstaunlicherweise hat dieses Demokratiemodell acht Jahrzehnte gehalten. Die längste Friedensperiode der Neuzeit. Wirft man ein solches Projekt weg? Aus Wut, Enttäuschung, Frust oder schlicht aus Überdruss? Wie im alten Rom, in dem sich die Gesellschaft an ihrer eigenen Dekadenz verschluckte?

Nach wie vor sitze ich an meinem unvollendeten Stimmzettel. Galt nicht immer die alte Faustformel? Bei jeder Partei gibt es zuverlässig ein ABER… also muss ich mich am Ende für das kleinste aller Übel entscheiden. Immerhin kann ich wählen. Viele Menschen in der Welt beneiden uns um dieses Privileg. Andere warnen vor einem zweiten 1933. Das „Abhitlern“ werde wieder schick, sagen Kids auf dem Land. Das System sei am Ende. Die Altparteien hätten versagt. Verrückt! Diese Sprüche waren alle schon mal da.

 

Der Jahrhundertschritt von Wolfgang Mattheuer (1984). Potsdam. Barberini-Museum.

 

Bei den letzten, nur noch eingeschränkt freien Reichstagswahlen vom 5. März 1933 erreichte Hitler exakt 43,9 % und somit keine absolute Mehrheit. Fast genauso viele Stimmen erzielte Siegmunds AfD in Sachsen-Anhalt mit 43,8%. Die Rechtsaußen verpassten die Alleinregierung. 2026 wie 1933. Hitler war damals bereits an der Macht. Gemeinsam mit der DNVP/Kampffront Schwarz-Weiß-Rot kam er auf 51,9 %. Der Freifahrtschein für seine NS-Diktatur. Das 1933er-Wahlversprechen der Nazi-Partei: „Für Freiheit und Frieden“.

Puh. Ich habe es geschafft und meine drei Kreuze gemacht. Wo, das bleibt mein Geheimnis. Wird es nach der Wahl besser, wird es schlechter? Wir dürfen gespannt sein. Ich weiß nur eines: Es liegt an uns Wirtschaftswunderkindern und uns Wohlstandserben, nicht die alten Dummheiten zu wiederholen. Wozu waren wir in der Schule? Wollten wir nicht klüger sein als unsere Großeltern?

 

Gesehen bei uns um die Ecke…

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Zeitalter der Aufklärung? Liegt noch vor uns.

Wenn die Tankrechnung explodiert, die Bahn nicht kommt und kein Arzttermin mehr zu haben ist. Wenn der Einkauf doppelt so teuer, Mieten nur eine Richtung kennen und die Pflege der Angehörigen unbezahlbar wird, dann ist in diesem Staat etwas faul. Manche Menschen sind am Limit. Noch mehr meckern, auch wenn es vielen nicht so schlecht geht. Offenbar prasselt zu viel in die deutsche Komfortzone: Inflation, Migration, Rezession, Kriegsgefahr, steigende Kosten, Schulden, überbordende Bürokratie, dazu fehlende Gerechtigkeit und Klimaschutz. Die Elite reagiert mit Floskeln, Sparappellen und Durchhalteparolen. Hinter der Brandmauer ist ein veritabler Scheinriese gewachsen. Ein Sammelbecken für alle Unzufriedene, genannt AfD. Sie sahnt ab, ohne selbst etwas leisten zu müssen. Die Artisten in der Zirkuskuppel sind ratlos. Das Publikum verunsichert.

 

Deutschland 2026. Die Simson-Reiter.

 

Es sind gute Zeiten für Heilsbringer aller Art. Für Ressentiment-Bewirtschafter und selbsternannte Abendlandretter. Für Digitale Content-Produzenten und alternative Medien. Sie heizen die Stimmung an, gegen Andersartige und Fremde, gegen Altparteien und Systemmedien, aber mit größtem Vergnügen gegen die da oben. Ihr erstes Etappenziel haben sie erreicht: Im kleinen Sachsen-Anhalt haben die politischen Ränder die Mehrheit erzielt – zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Man dürfe nichts mehr sagen, hämmern die Brandstifter in die Köpfe, im Land gehe alles bergab. Die sogenannte schweigende Mehrheit duckt sich weg und wartet ab. Wohin wird sie sich entscheiden?

 

Nach der Sachsen-Anhalt-Wahl. Klaus Stuttmann. September 2026.

 

 

Das Ende der Geschichte sei erreicht, verkündete 1989 Francis Fukuyama wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer, einer der bedeutendsten Theoretiker. Die liberale Demokratie habe über Diktaturen gesiegt. Jetzt könnten Menschenrechte und Wohlstand überall umgesetzt werden. Der Soziologe argumentierte, die Zahl liberal-demokratischer Länder sei nach dem Ende des Kalten Krieges „von etwa 35 auf weit über 100 gestiegen“. Doch seit mehr als einem Jahrzehnt erlebt die Welt die Wende zurück. Fukuyama hat sich geirrt. Grundlegend. Auch bei Donald Trump, dem er allenfalls eine Manager-Karriere prognostiziert hatte. Vor kurzem räumte Fukuyama auch diese Fehleinschätzung ein: „Trump ist demokratisch gewählt, aber das Gesetz ist ihm egal.“

Regieren jetzt autokratische Milliardäre? Hat der digitale Turbokapitalismus der Marke Musk, Meta und Bezos alle roten Linien überrannt? Fukuyama: „Die EU war sehr erfolgreich darin, Frieden und Wohlstand zu sichern. Ich glaube, dass die Menschen davon gelangweilt sind, dass sie sich eigentlich nach etwas Gefahr, nach Herausforderung und nach einem stärkeren Gemeinschaftsgefühl sehnen. Ich denke, das treibt viele der rechtsextremen Parteien weltweit an. Das sieht man auch in den USA.“ Sein Fazit: „Das Zeitalter der Aufklärung ist nicht vorbei. Aber man muss hart daran arbeiten, dass dieses Licht weiterbrennt“.

 

Das Zeitalter der Aufklärung versprach Licht, Sonne, Wissen und Erkenntnis statt Aberglaube, Dunkelheit und Dogmen  … und „den Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“. (Immanuel Kant, 1784)

 

Bis zu seinem Tode hat der deutsche Publizist Alexander Kluge die Fahne von Aufklärung, Wissen und Bildung hochgehalten. Menschen klüger zu machen, war seine Mission. Das Kriegskind aus Halberstadt (1932-2026) – die Domstadt liegt in Sachsen-Anhalt – wusste noch, wie ein Bombenangriff riecht: „Nach Phosphor. Verbranntes Holz. Das Fleisch der Nachbarin“. Kluge forderte: „Kriege müssen beendet werden. Nur so kann man die Partei der Kinder ergreifen.“

Das „Universalgenie“ und „Elefant im Kino“, so hieß es in Nachrufen, gab den Nachgeborenen einen wichtigen Rat: „Aufklärung braucht Bodenhaftung. Wenn wir die Tiere in uns respektieren, lernen wir vielleicht die Natur draußen und damit unseren Erdball zu respektieren. Das Zeitalter der Aufklärung liegt noch vor uns.“ Der Schriftsteller und Filmemacher war überzeugt: „Ich kann jeden Nazi umdrehen. Aber man muss mit ihnen reden und genau zuhören. Das gilt auch für Trump, AfD und andere Konsorten.“

 

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Ahoi!

„Jenseits der Brandmauer“ geht wie eine Rakete durch die Decke. Ein kleines Buch über das vorpommersche Jarmen steht bundesweit auf Platz eins der Bestsellerliste. Unfassbar. Überall ist die Brandmauer vergriffen, dieser unverstellte Blick hinter die Mauer. Dort, wo es anders ist als in vielen Köpfen, Feeds und TV-Berichten. Jarmen liegt im blauen AfD-Land an der Ostsee. Niemand kennt sich dort so gut aus wie Jan Gorkow. Es ist seine Heimat. „Ich rede, streite, diskutiere ständig mit den Wählern dieser Partei. Wer in der Provinz lebt, weiß, dass alles andere unmöglich ist.“

Der 39-jährige Jan Gorkow – besser bekannt als Monchi – ist Frontmann der Punkband Feine Sahne Fischfilet. Monchi ist Gorkows Spitzname und spielt auf die japanischen Affen-Plüschpuppen mit ihren speziellen Frisuren an. Das Schwergewicht Monchi ist ein Unikum. Seit einem Jahrzehnt produziert er nicht nur Songs, ausverkaufte Tourneen und Bestseller, er organisiert auch „das geilste Dorffest Ostdeutschlands“. Anfang September 2026 heißt es zum zehnten Mal „Wasted in Jarmen“ mit vielen Bands und Events. In diesem Jahr ist Andrei Iwanowitsch Moiseenko Ehrengast. Der Hundertjährige ist einer der letzten KZ-Buchenwald-Überlebenden. Übrigens: das Festival ist komplett ausverkauft.

 

 

Monchis neues Buch ist eine einzige Liebeserklärung an Tochter und Freundin, an seine Eltern und sein Heimatstädtchen Jarmen. Ein knapp dreitausend Einwohner-„Dorf“ mit vier Supermärkten, zwei Döner-Läden und einer Tanke. Hier gibt es einen Motoball-Verein, die Freiwillige Feuerwehr und den Fußballclub Blau Weiß Jarmen 21. Alle, die aus Berlin auf dem Weg nach Usedom sind, fahren an Jarmen vorbei. Zwei Häuser von Monchi entfernt hisst ein Nachbar seine riesengroße schwarz-weiß-rote Fahne mit Reichsadler. Für viele gilt Sänger Monchi als „der bekannteste Linke“ in Mecklenburg-Vorpommern. Monchi: „Morddrohungen haben sich bei mir angesammelt wie Sandburgen an der Ostsee.“

Monchi, alias Jan Gorkow, geboren 1987 in Neubrandenburg, führt ein Leben auf der Überholspur. Der Sohn eines Bauingenieurs und einer Zahnärztin: „Ich hatte Bock auf Action. Ich hatte Bock auf Stress. Rauskommen aus´m Dorf. Scheiße bauen. Wenn die Spießer kotzen, dann läuft was richtig.“ Der Drittligist Hansa Rostock ist seine große Liebe. Bei einem ausgefallenen Auswärtsspiel in Stendal fackelt er ein Polizeiauto ab. Die Folge: 30.000 Euro Bewährungsstrafe und bundesweites Stadionverbot.  Da war er neunzehn. „So viele fanden uns Scheiße, aber wir waren die Geilsten.“ Wegen extrem linker Sprüche und Kloppereien mit Rechten steht er unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Im April 2017 kommt der Film Wildes Herz von Charly Hübner ins Kino. Es ist die wilde Geschichte von Jan Gorkow, dem Jungen aus Jarmen.

 

 

Mit Jenseits der Brandmauer geht Monchi wieder einmal ins Risiko. Er sagt, Geborgenheit und Zusammenhalt gebe es nur auf dem Dorf. „Lasst uns schauen, was uns verbindet, und nicht, was uns trennt.“ Er findet es bescheuert, wenn Zugereiste auf dem „geilsten Dorffest“ brüllen: „Ganz Jarmen hasst die AfD!“. Absurd in einem Ort, in dem 54% die Weidel/Höcke-Partei gewählt haben. Aufgeben kommt für Monchi nicht in Frage: „Ich liebe dieses Bundesland. Ich liebe die Nähe zu meiner Familie, zu meinen Freunden, zu Hansa, ich mag unsere Leute hier … in unserem Song „Wo niemals Ebbe ist“ gibt es die Zeilen „Sollte ich alt werden, werde ich hier alt“.

Ahoi! Was sonst, heißt es unverdrossen für Monchi und sein Jarmen. Wer aus erster Hand erfahren will, was in unserem Land los ist, dem seien seine 230 Seiten Jenseits der Brandmauer empfohlen. Ehrenwort!

 

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Spiel noch mal

Der kleine Freund ist schmal, handlich und passt in jede Hosentasche. In der Regel ist das Ding aus Holz und Metall 10,5 cm lang, 2,8 cm tief und 1,8cm hoch. Der kleine Fratz wird gerne unterschätzt, heißt im Volksmund Schnuffelrutsch, Mundorgel oder bayrisch derb Fotzenhobel. Das Mundblasinstrument benötigt ausreichend Puste und noch mehr Talent. Die Töne müssen chromatisch bedient werden. Wer den Bogen raus hat, ist absolut lagerfeuertauglich. Optimal auch einsetzbar zur Gitarre für Straßenmusiker jeder Couleur in jeder beliebigen Fußgängerzone, wenn Songs von Bob Dylan über Cat Stevens bis Oasis gecovert werden. Eben alles, was Kleingeld bringt.

Richtig! Alles dreht sich um die Mundharmonika. Klein, aber oho! Gefühlvoll geblasen ist sie eine Stimmungskanone. Immer nah an einem Hauch Melancholie und Sehnsucht. Die Mundharmonika steht für einsame Verlierer und verlassene Ladys. Die Blues Harp gibt der Enttäuschung eine Stimme und hilft über Kummer und Frust hinweg. Sie kann aber auch den entscheidenden Ton setzen: Von Neil Youngs Heart of Gold über Springsteens The River bis zu Spiel mir das Lied vom Tod von Ennio Morricone.

 

 

Es gibt einen Musiker, der die Mundharmonika geadelt hat. Sein Name: Jean-Baptiste Frédéric Isidor Baron Thielemans, besser bekannt als „Toots“ Thielemans. (1922-2016) Vor genau zehn Jahren im August 2016 hat der kleine Belgier, wie er sich nannte, die Bühne für immer verlassen. Seine Lieder aber bleiben. Der stille, bescheidene Gentleman blies dem winzigen Holz-Metall-Ding wie kein anderer Leben ein. Mit Bluesette gelang ihm nach dem II. Weltkrieg der Durchbruch. Er spielte in den USA mit allen Großen zusammen: Ella Fitzgerald, Natalie Cole, Billy Joel, Paul Simon, Miles Davis, Chet Baker, Charlie Parker, Benny Goodman, Ellis Regina, Jacco Pastorius, Oscar Peterson, Quincy Jones, Pat Metheney, Sting und Stevie Wonder.

 

 

Imagine! Toots Thielemans war Inspiration für John Lennon. Er komponierte die Titelmelodie für die Sesamstraße. 2001 wurde er vom belgischen König Albert II. in den Stand eines Barons erhoben. Leider ist er im Mainstream längst vergessen. Aber es lohnt sich Toots zu entdecken. Der elegante Herr, der mit seiner kleinen Mundharmonika große Konzertsäle verzauberte. Seine Musik sei „between a tear and a smile“, zwischen einer Träne und einem Lächeln, sagte er einmal, zwischen Melancholie und einer heiteren Leichtigkeit. Zum Schluss noch eine letzte Toots-Kostprobe. Shape of my hear, gemeinsam mit Sting, aus dem Jahre 1993.