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As tears go by

Sie singt den Song auf einer ausgelassenen Party. „Es ist der Abend des Tages. Ich sitze da und sehe den Kindern beim Spielen zu. Ich sehe lächelnde Gesichter. Aber ihr Lächeln gilt nicht mir. Ich sitze da und sehe zu. Während Tränen vorübergehen.“ Ein Lied, das rasch um die Welt gehen wird. Die junge Frau, die ihre Tränen besingt, ist siebzehn. Sie heißt Marianne Faithfull. Eine Schülerin. Bezaubernd, blond und bildhübsch. Mit ihrem Tränen-Song wird sie 1964 berühmt. Verfasst haben ihn die beiden Stones-Männer Keith Richards und Mick Jagger in der Küche. Es ist ihr erstes selbstkomponiertes Lied: As tears go by. Sie widmen es Marianne Faithfull aus dem Londoner Stadtteil Hampstead, einer Aristokratentochter mit ungarisch-österreichischen Wurzeln.

 

Marianne Faithfull. 1965. Foto Robert Freeman

 

Für die blutjunge Marianne folgen 3 ½ wilde Jahre mit Mick Jagger. Ein LSD-Leben wie aus dem Drehbuch einer durchgeknallten TV-Serie über die 60er. Sex, Drugs and Rock ‘n Roll. Im Februar 1967 werden die beiden wegen unerlaubten Drogenbesitzes nach einer Party in Keith Richards’ Landhaus verhaftet. Marianne ist nur mit einem Fell bekleidet. Es kommt, wie es kommen muss. Schlagzeilen der Sensationspresse. Boulevardreporter schlachten jedes Detail aus. Nun geht es stetig bergab. 1968 Fehlgeburt. 1970 Trennung von Mick Jagger. Marianne stürzt ab: Von ganz oben nach ganz unten. Der Tiefpunkt. Von der gefeierten 60er-Ikone zur obdachlosen Junkie-Bettlerin. Rock Bottom, wie die Briten sagen. Wenn der Stein auf den Grund des Sees fällt. Es müssen schlimme Jahre gewesen sein.

 

 

Marianne Faithfull gibt nicht auf. Sie wird zu einem funkelnden Kometen der Nachkriegs-Boomer-Generation. Tochter aus gutem Hause. Oscar-Wilde-Fan. Klosterschülerin, Jagger-Freundin, 60er-Popstar, Edel-Groupie, Schauspielerin, Heroinabhängige („Sister Morphine“), Therapie, Entzug, Einsamkeit. Drei gescheiterte Ehen. Kinder, Enkel. Comeback. Rockröhre, gefeierte Diva. Schwere Krebserkrankung, Long Covid. Ende im Pflegeheim. Ein pralles Leben mit allen Höhen und Tiefen. Unverwechselbar ihre Stimme. Sie ist wie guter Wein. Je älter, desto reifer, rasselnder und rauchiger. Einzigartig. Vom Leben gezeichnet. Ihre Lieder sind Spiegel ihrer Seele.

 

 

Doch Marianne steht auch für ein großes Stück künstlerische Emanzipation: Nach Jahren der Drogensucht und Obdachlosigkeit gelingt ihr 1979 mit dem Album „Broken English“ ein Comeback der Extraklasse. Songs wie The Ballad of Lucy Jordan erzählen von der Sehnsucht nach dem kleinen, großen Glück. Von verpassten Chancen, Niederlagen und Enttäuschungen. Und vom Wiederaufstehen und Durchhalten. Marianne verlässt unsere irdische Welt im Alter von 78 Jahren in einem Londoner Seniorenheim. Sie konnte es sich nur leisten, weil befreundete Künstler wie Iggy Pop und Nick Cave sie unterstützten.

Was bleibt, sind ihre Songs. Ihre Stimme. Und ihre Idee vom Leben: Don´t give up. Marianne Faithfull starb vor genau einem Jahr – im Januar 2025.

 

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Prosit Neujahr!

Am ersten Weihnachtsfeiertag stellte das ZDF folgende Frage online: Was ist vom US-Einreiseverbot zu halten, ausgesprochen für zwei Frauen der Plattform HateAid und einen ehemaligen EU-Kommissar für digitale Regulierung. Der Funke zum Frohen Fest verfing. Innerhalb weniger Stunden entflammten über dreitausend Kommentare zwischen Frühstück und Gänsebraten. Der Aufreger ging viral. Von Besinnung, Frieden und Versöhnung keine Spur. Statt „Oh, du fröhliche“ wurde um jedes Wort gestritten. Von Hexenjagd war die Rede oder von einer frohen Botschaft aus Washington.

 

Gesehen am Innsbrucker Platz in Berlin. 2025

 

Zwei unversöhnliche Lager bekämpften sich: heftig, zynisch und mit gezielten Tritten unter die Gürtellinie. Wer ist der Schulhofschläger? Wer, das verfolgte Unschuldslamm? Die beiden Positionen: Uneingeschränkte Meinungsfreiheit versus Verbot von Hass, Hetze und Verleumdung. Trumpisten versus Vertreter der liberalen Demokratie. Platz für Austausch, für Nachdenken oder Suche nach einer Lösung? Fehlanzeige! Zur Erinnerung: Es ging um ein Einreiseverbot für EU-Bürger in das Land von „Freedom of Speech“. Eine kurze Kostprobe aus der digitalen Feldschlacht:

 

  • „USA wollen mit aller Macht ihren Faschismus in Europa durchsetzen. Europa muss harte Kante zeigen.“
  • „Danke Trump. – Dinkel Dörte und Soja Sören kriegen Schnappatmung.“

 

  • Zensur erfolgt hier nur von Seiten der sogenannten USA. HateAid – ihr macht alles richtig!“
  • „Was hast du denn getrunken? Wir werden seit über vier Jahren zensiert. Überwacht und gemeldet von diesen Figuren und Märchen werden verbreitet, die wir alle dann auch noch geglaubt haben.“

 

  • „Die USA nehmen das mit der Meinungsfreiheit halt ernst. Eine Meinungsfreiheit, die staatlich festgelegte Grenzen hat, ist keine. Genauso könnte man auch behaupten, in der DDR habe es Reisefreiheit gegeben.“
  • „Witzbold, Deswegen sind dort mittlerweile einige Bücher sowie Wörter verboten und unliebsame Journalisten haben keinen Zutritt zum Weißen Haus.“ – Ist es Meinungsfreiheit, wenn alle mit Trump einer Meinung sein müssen?

 

So geht es an den Weihnachtstagen munter weiter. Verbissen, unversöhnlich und offenbar auch unzensiert. Jede/r kann schreiben, was er/sie will. Das Lager der Einreiseverbote-Fans scheint aktiver zu sein. Ich frage mich: Was treibt die Menschen während der Feiertage an ihre Endgeräte? Langeweile, Überdruss, Frust und Wut? Tja. „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke“, formulierte George Orwell in seinem großen Wurf „1984“. Weihnachten 2025 sind wir weiter. Vieles wird komplett verdreht. Im Trump-Lager ist pausenlos von Meinungsfreiheit die Rede – in gewollter Umkehrung, um am Ende des Tages die Unfreiheit durchzusetzen. Ängste und Vorurteile werden erfolgreich bewirtschaftet. Empörung verkauft sich besser als Information.

 

 

Ich war selbst einmal von einem Einreiseverbot betroffen. Im Herbst 1989 stand ich bis zur Nacht des 9. November 1989 als „feindlich-negatives“ Element auf der schwarzen Liste der DDR. Dann fiel die Mauer und alles war vorbei. Es bleibt nur zu hoffen, dass die aktuelle Mauer aus Ressentiments, Lügen und bizarren Verdrehungen bald in sich zusammenfällt.  Mein Wunsch für 2026.

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„Kein Mensch, kein Problem!“

Premiere von „Zwei Staatsanwälte“ im vornehmen Cinema Paris am Kurfürstendamm. „Das ist unser Weihnachtsfilm“, witzelt der junge Hauptdarsteller Aleksandr Kuznetsov. Er verkörpert den frisch gebackenen sowjetischen Regionalstaatsanwalt Kornew. Dem jungen Absolventen wird ein mit Blut beschriebenes Stück Pappe zugespielt. Darauf bittet ein Gefangener um Untersuchung seines Falls. Als der Staatsanwalt nach langem Ringen den Häftling aufsuchen kann, trifft er in einer stinkenden Einzelzelle den schwer misshandelten Jura-Dozenten Stepjanek. Er war sein Vorbild am Institut.  Es ist das Jahr 1937. Stalin sichert seine Herrschaft durch beispiellose Säuberungsaktionen. Etwa 800.000 Menschen werden in der Zeit des Großen Terrors erschossen.

Der renommierte Regisseur Sergei Loznitsa inszeniert das Kerker-System des Stalinismus als kafkaeskes Labyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt. Über den internierten, alten Genossen, vom NKWD-Geheimdienst als „Feind des Volkes“ beschuldigt, witzeln die Gefängnisaufseher: „Vor der Revolution hat er im Gefängnis gewartet. Nach der Revolution hat das Gefängnis auf ihn gewartet.“ Der Film steigt hinab in die geheimen Maschinenräume des Stalin-Systems. „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, verkündete Josef Wissarionowitsch Stalin und: „Kein Mensch, kein Problem!“

 

 

Das Absurde, ja das Unfassbare: Reihenweise werden Kämpfer der ersten Stunde, verdiente Genossen und Weggefährten Lenins unter dem Vorwand der Konterrevolution eingesperrt und zum Geständnis gezwungen. „Verbannt ohne Recht auf Korrespondenz“, heißt es in den Akten. Eine Chiffre für „erschossen“. Wer „verdächtig“ ist, wird weggeräumt. „War freies Denken in Russland schon immer viel gefährlicher gewesen als Diebstahl, so war es jetzt beinah selbstmörderisch.“ Dieses Zitat verdanken wir dem Gulag-Überlebenden Georgi Demidow. Ein Physiker, der 1937 in Charkiw wegen einer kritischen Wandzeitung zu vierzehn Jahren Lagerhaft in Sibirien verurteilt wurde. Demidow schrieb alles auf. Seine Romane bleiben unveröffentlicht. Tragisch: Drei Jahre nach seinem Tod 1987 gibt Gorbatschow die konfiszierten Texte im Rahmen der Perestroika frei.

Der neue Film folgt konsequent der erschütternden Romanvorlage. Ein Höhepunkt ist das Treffen in der Kerkerzelle. Der misstrauische und vom Tod gezeichnete Alte sagt dem blutjungen Juristen: „Hör zu, Junge. Ich mache mir keine Sorgen um mich, ich bin sowieso tot. Für unsere revolutionäre Sache zerreisst´s mir die Seele. Wenn du ein wirklich ein echter Bolschewik bist, kein Feigling und ein ehrlicher sowjetischer Jurist, fahr heut nach Moskau. Verschaff dir eine Audienz bei Stalin.“

 

„Der Kapitän der Länder der Sowjets steuert uns von Sieg zu Sieg“ Propagandaplakat von 1933. © ullstein.

 

Regionalstaatsanwalt Michail Alexejewitsch Kornew schafft es mit „knabenhafter Hartnäckigkeit“ bis zum Generalstaatsanwalt in Moskau. Tatsächlich wird er vorgelassen. Der Oberste Hüter der sowjetischen Rechtsprechung hört sich den Bericht des Provinzstaatsanwalts an. Er werde sich kümmern, versichert er. Das Schicksal nimmt seinen Lauf…

War der wahrheitssuchende Staatsanwalt ein blauäugiger Naivling? Eine Art Don Quichotte? Der ukrainische Regisseur Loznitsa verneint diese Frage vehement. Nein, der junge Mann sei ein Idealist gewesen. Ohne Menschen wie ihn würden wir nichts über das wahre Gesicht der „sowjetischen Gerechtigkeit“ erfahren. Unter Stalin, so Losnitza, seien im Großen Terror täglich dreitausend Menschen erschossen worden. Heute würden jeden Tag tausend Menschen in den Schützengräben im Auftrag Moskaus verbluten.

 

Georgi Demidow. (1908-1987) Physiker. Gulag-Häftling. Autor. Die Veröffentlichung seiner Romane erlebte er nicht mehr.

 

Film und Buch berichten nüchtern und ohne falsches Pathos aus dem Hinterhof des Menschheitsversprechens Sozialismus. Bedrückend aktuell und zugegeben, es ist harte Kost. Allerdings mit hohem Erkenntnisgewinn. Das Buch „Zwei Staatsanwälte“ zählt laut Zeit zu den hundert wichtigsten Büchern des Jahres 2025. Der neue Film, uraufgeführt in Cannes, hat mindestens ähnliches Potenzial.

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Held der Arbeit

Wir brauchen sie. Andere erschaffen sie: Helden des Alltags. Sie helfen uns, den vielen Widrigkeiten zu trotzen. Am aufregendsten sind Helden wider Willen. Menschen wie du und ich, die über sich hinauswachsen. Wolfgang Becker ist so einer. Ein Mann, der im Stillen wirkte, hinter der Kamera, ohne großes Gedöns. Dieser Autor, Filmemacher und Kultregisseur. Good Bye, Lenin, sein Welterfolg. „Der witzigste deutsche Wendefilm aller Zeiten“, wie die internationale Presse jubelte. Vor genau einem Jahr ist Becker im Alter von siebzig Jahren verstorben. Bis zum Schluss hatte er an seinen letzten großen Kinofilm gearbeitet. „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße.“ Eine bittersüße Komödie vom Feinsten.

Nach der Romanvorlage von Maxim Leo entwickelte Becker eine rasante Schwindelgeschichte über Sensationsgier und Scheinheiligkeit von Medien, Politik und Gesellschaft. Denn: Das Land braucht neue Helden. Micha, ein erfolgloser Videothekenbetreiber, wird zum „ostdeutschen Oskar Schindler“ hochgejazzt. Eine Paraderolle für Charly Hübner. Der Plot: der ehemalige Reichsbahner Micha habe 1984 am Berliner Bahnhof Friedrichstraße die Weichen für eine vollbesetzte S-Bahn in die Freiheit gestellt. Alles Schabernack, alles erfunden, aber „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.“ Mit dabei ein Starensemble von Christiane Paul über Daniel Brühl bis Jürgen Vogel. Sogar Eisprinzessin Kati Witt wirkt als Gast mit.

 

 

Regisseur Wolfgang Becker liebte Außenseiter, schräge Typen und Tagträumer. Er gab ihnen den nötigen Raum, ob bei Das Leben ist eine Baustelle (1997), Good Bye, Lenin (2003) oder in der Romanverfilmung Ich & Kaminski nach Daniel Kehlmann  (2015). Manchmal spielte der gebürtige Westfale in kleinen Nebenrollen selbst mit: als gescheiterter Stasi-Spitzel oder als KZ-Kommandant. Seine wenigen, gleichwohl wichtigen Filme zeichnen Herzenswärme, Genauigkeit und Komik aus. Das Einfache, das so schwer zu machen ist.

 

Das Heldenteam vom Bahnhof Friedrichstraße: Charly Hübner, Christiane Paul, Maxim Leo, Leonie Benesch und Wolfgang Becker. (von links nach rechts). Foto: X Verleih AG, Frederic Batie.

 

In seinem Abschiedsfilm „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ bringt Becker den Zeitgeist im vereinten Land auf den Punkt. Dieses Gebräu aus klick-geilen Medien, publicitysüchtigen Politikern und überhitzten TikTok-Trends. In diesem Biotop gedeihen blühende Landschaften voller Personenkult, Verdummung und Geschichtsverdrehung. Wolfgang Beckers Antwort: Versöhnung durch Humor. Er erzählt einmal mehr eine deutsch-deutsche Geschichte, die nicht nur von Siegern geschrieben wird. Sondern von „Helden wider Willen“ wie Micha alias Charly Hübner, der den Schriftsteller Uwe Johnson zitiert: „Kenntnisnahme voneinander.“ Das ist es. Dazu ein Augenzwinkern. Mehr geht nicht.

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„Mein Engel, mein alles, mein Ich“ 

Wann hat Sie der letzte handgeschriebene Brief erfreut? Wann haben Sie einen auf die Reise geschickt? Ja, mit Briefmarke draufgeklebt und zum Briefkasten getragen? – Vermutlich verdammt lang her. Im Zeitalter von WhatsApp, Snapchat und anderen Messenger-Diensten ist das Briefeschreiben völlig aus der Mode geraten. Es kommt noch dicker. Dänemark stellt als erstes europäische Land die Zustellung von Privatbriefen komplett ein. Ab Neujahr 2026 klingelt der Briefträger nicht mehr zweimal. Aus und vorbei. Die staatliche Post-Nord erklärt: In den vergangenen 25 Jahren sei das Briefvolumen um mehr als neunzig Prozent eingebrochen. Öffentliche Briefkästen werden abgebaut, Zustellnetze gekappt. Nach 160 Jahren Briefpost ist Schluss. Nur noch Pakete werden ausgeliefert.

 

Ein Schatz. (Liebes-)Briefe aus den frühen Achtzigern, den Mauerzeiten des 20. Jahrhunderts, als der Himmel über Berlin noch geteilt war. Ein Dank an das DDR-Ministerium für Staatssicherheit für deren Aufbewahrung.

 

Damit endet eine fünftausend jährige Geschichte der Postübermittlung. Angefangen mit den Papyrus-Botschaften im alten Ägypten über staatliche, nicht private Briefbeförderung unter Kaiser Augustus im Römischen Reich bis zur „Post für alle“, eingeführt von Reichskanzler Bismarck im Jahre 1871. In Deutschland existiert laut Postgesetz noch eine Zustellungspflicht an zwei Werktagen pro Woche. Private Briefe per Hand? Längst ein seltenes Luxusgut. Mehr als 95 Prozent der Briefe sind heute Rechnungen, Bußgeldbescheide oder Reklamekram. Wer schreibt noch Liebesbriefe, Abenteuergeschichten, Urlaubsberichte mit Füllfederhalter oder Kuli? Brieffreundschaften? Das war einmal. Alles Geschichten aus einem Land vor unserer Zeit.

„Ich küsse Dich Millionen Mal.“ Herzensbotschaften werden heute per Klick, mit Herzchen und Sonnenuntergangsbild in Sekundenschnelle gepostet. Handschrift? Briefumschlag? Porto? Anstrengend, aufwändig und langsam. Dabei verkörpert ein handgeschriebener Brief etwas, was digitale Kommunikation nie leisten kann: Persönlichkeit, Einmaligkeit, Intimität. Schreiben per Hand verlangsamt — im positiven Sinn. Man überlegt länger, formuliert bewusster und kommt nicht selten auf bessere Ideen und Gedanken.

 

Beethoven schreibt am 6. Juli 1812 an eine Unbekannte diesen Brief: „Mein Engel, mein alles, mein Ich. – … meine unsterbliche Geliebte.“ Der Brief ist bis heute erhalten. Welche Mail wird in zweihundert Jahren noch in welcher Cloud zu finden sein?

 

Franz Kafka hat seiner Verlobten Felice die schönsten Zeilen in Briefen gewidmet: „Nichts verbindet zwei Menschen so vollständig, besonders wenn sie, wie Sie und ich, nur Worte haben“. Schriftstellerin Ingeborg Bachmann schrieb mit 27 Jahren frisch verliebt an den Dichter Paul Celan: „Für mich bist Du Wüste und Meer und alles, was Geheimnis ist“. Der wohl berühmteste Liebesbrief stammt von Ludwig van Beethoven: „Meine unsterbliche Geliebte. Leben kann ich entweder nur ganz mit Dir oder gar nicht. Oh, liebe mich fort. Verkenne nie das treuste Herz Deines Geliebten. Ewig Dein. Ewig mein. Ewig Uns.“ Wer die Angebetete war, weiß nur Beethoven selbst. Seit 150 Jahren debattiert die Literaturwissenschaft die Frage, ob es sich vielleicht doch um Josephine Stackelberg geb. Brunsvick verwitwete Deym gehandelt haben könnte.

 

 

Beethovens achtseitiges Buhlen mit Bleistift auf vergilbtem Papier hat mehr als zweihundert Jahre überdauert: „Mein Engel, mein alles, mein Ich“. Ein Liebesbrief für die Ewigkeit. Schreibt Briefe, solange es noch geht.

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„Man will einmal Ruhe haben.“

Zwölf Jahre lang recherchierte der Journalist Claude Lanzmann eines der dunkelsten Menschheitsverbrechen: den Massenmord an Millionen Juden in den Gaskammern. Der Sohn eines französischen Resistance-Kämpfers wollte wissen: »Was bedeutet es, nackt bei minus zwanzig Grad zu warten, bis man vergast wurde?« Herausgekommen ist 1985 ein aufwühlendes Roadmovie nach vielen Schwierigkeiten, gedreht mit einem kleinen Kamerateam, zwei Assistentinnen kreuz und quer durch Europa mit einem VW-Bus.

Ein Mammutprojekt ohne Fördermittel. Ohne Fernsehen. Im eigenen Auftrag. Privat finanziert, stets bei knapper Kasse, rastlos auf der Suche nach Antworten dreißig Jahre nach dem Holocaust. Im Februar 1986 feierte Lanzmann auf der Berlinale Premiere. Ein Film wie kein anderer. „Shoah“ mit einer Länge von 9 Stunden und 26 Minuten. Ohne historisches Archivmaterial oder Musik. Dafür lange Interviews mit Opfern, Tätern und Zeugen. Neuneinhalb Stunden ziehen endlos Straßen, Wälder, Gräber, Bahngleise, Dörfer und Wohnzimmer über die Leinwand. Alles, nur keine Hitler-Reden, NS-Aufmärsche oder Leichenberge. Sein stiller XXL-Film fordert höchste Konzentration.

 

 

Claude Lanzmann wollte „das Unmögliche erreichen: das „Unbenennbare benennen.“ Den Holocaust mit den Todesfabriken, seinen Opfern und Tätern erfahrbar machen. Damals in den Siebzigern konnten Überlebende noch befragt werden, keine dreißig Jahre nach Kriegsende. So gelingt ihm ein einmaliges Zeitdokument mit KZ-Überlebenden, SS-Kommandanten und polnischen Dorfbewohnern. Ungeschminkt, oft ungekürzt. So erschüttern Schilderungen des Friseurs Abraham Bomba, der unbekleideten Frauen die Haare vor ihrer Vergasung schneiden musste. Oder die des Auschwitz-Augenzeugen Filip Müller. Ein junger Slowake im sogenannten Sonderkommando, der die Leichen aus den Gaskammern bergen und verbrennen musste. Müller gehört zu den gerade mal fünf Überlebenden des Sonderkommandos, die von Anfang an in Auschwitz dabei waren.

Die Täter reagieren ausweichend, abwehrend bis aggressiv. Beim Treffen mit dem Leiter der SS-Einsatzgruppen Schubert muss Lanzmann mit versteckter Kamera in der Tasche flüchten.  Lanzmann: „Ehrlichkeit hatte nur Niederlagen gebracht. Man musste lernen, die Betrüger zu betrügen. Es war eine Pflicht.“ Andere wie der SS-Brigadeführer und Diplomat im Auswärtigen Amt Eduard Veesenmayer leugnet 1975 ungebrochen die Verbrechen. Er sagt: „In Deutschland hat man die Nase voll. Man will einmal Ruhe haben.“ Andere Verantwortliche wollen erst nach Kriegsende vom „Judenmord“ erfahren haben. Karl Wolff, General der Waffen-SS und Adjutant Himmlers antwortet in die Kamera von Claude Lanzmann: „Es gab keinen Führerbefehl. Das ist jüdische Propaganda seit zwanzig Jahren.“ Der frühere SS-Verbindungsoffizier in Hitlers Führerhauptquartier war 1964 wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen in Treblinka zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt worden. 1969 wurde er entlassen.

 

Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen. Eine Ausstellung für die Ohren – und das Herz. Der Filmemacher: „Nur Zeugnisse können Revisionismus verhindern.“ Jüdisches Museum Berlin. Foto: Jens Ziehe

 

Seit 2023 gehört die Sammlung Lanzmann mit Shoah zum UNESCO-Weltkulturerbe. Pünktlich zum 100. Todestag des französischen Chronisten der Shoah präsentiert das Jüdische Museum Berlin neunzig Minuten Aussagen und Interviews aus 220 Stunden Audiokassetten und 530 Stunden Filmmaterial. „Es gibt wenig zu sehen, aber viel zu hören“, betont Direktorin Hetty Berg. Die Beispiele jedoch gehen unter die Haut, in insgesamt elf Hörinseln. Ein einmaliges Dokument gegen Gleichgültigkeit, Vergessen oder Verharmlosen. Auch hier gilt die Hoffnung: Vielleicht lernt die Menschheit doch aus ihren Fehlern? Bis Ende 2027 sollen alle Tonaufnahmen digitalisiert und zugänglich gemacht werden.

 

Audiokassetten Claude Lanzmann. Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März

 

Witwe Dominique Lanzmann-Petithory, Krankenhausärztin in Paris, sagt: „Shoah ist der passende Schlüssel. Ein Kunstwerk ohne Leichen, ohne Schüsse, ohne Blut – das zum Denken zwingt und die Vorstellungskraft aktiviert.“ Sein Werk sei für die Ewigkeit bestimmt, „ein Teil des Weltgedächtnisses.“

Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen. Jüdisches Museum Berlin.

Bis 12. April 2026. Zeitgleich in Paris (Le Mémorial de la Shoa) und New York (The New York Historical) zu sehen.

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Sein Kampf

Lachen ist schön. Andere zum Lachen bringen, noch schöner. Lachen als Beruf kann wunderbar sein. Aber Augen auf bei der Berufswahl! Eigentlich sind schlechte Zeiten beste Zeiten für Satiriker, Komiker, Kabarettisten, Zyniker und Comedians aller Art. Wenn es den Menschen mies geht, „mach Komödien“, meinte einst 1,2,3-Altmeister Billy Wilder. Serdar Somuncu ist so einer, der seit Jahrzehnten Menschen zum Lachen bringt, dass es einem im Halse stecken bleiben kann. In Istanbul geboren, in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, gibt er den furchtlosen, unbeugsamen „Quoten-Kanake“.

Wikipedia sortiert den Mann als Kabarettist, Autor und Regisseur ein. Studierter Schlagzeuger ist er auch. Die Bühne ist sein Leben, Provokation sein Geschäft. Motto: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung.“ Als Macho-Türke mit großer Klappe legt er einen kometenhaften Aufstieg hin – dank Adolf Hitler. Jahrelang hat er „Mein Kampf“ unters Volk gebracht. Manchmal mit schusssicherer Weste und Polizeischutz, wenn er vor Neonazis den Führer durch den Kakao zog. Eines seiner Bücher heißt: „Der Adolf in mir!“ Somuncu 2020: „Mein Lebensthema ist die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus; mit Faschismus, mit Propaganda und der Durchsetzung von Denkstrukturen, die destruktiv sind.“

 

Serdar Somuncu in seiner Rolle als Hassprediger „Hassias“. Foto: Sebastian Igel

 

Serdar Somuncu hat über hundert Theaterstücke inszeniert, darunter Kafkas Bericht für eine Akademie. Unaufhaltsam macht er wortmächtig Karriere.  Von 2016 bis 2023 moderiert er „Die blaue Stunde“ auf radioeins. Er tritt bei der „heute-show“ auf und ist bei n-tv als „So! Muncu!“ präsent. Seine Leib- und Magen-Rolle: Der Hassprediger „Hassias“ – ein Serdar-Worteigengebräu aus Messias und „GröHaZ“ –dem größten Hassias aller Zeiten. Sein Erfolgsrezept: Regierungen kommen und gehen. Hass bleibt.

Somuncu tritt in die Fußstapfen von TV-Kultfigur „Ekel-Alfred“. In Corona-Zeiten attackiert er „Ungesundheitsminister“ Lauterbach und stellt sich immer unverblümter auf die Seite der Ungeimpften. Plötzlich erhält der bekennende Antifaschist Beifall von rechts und Konflikte mit den sogenannten Mainstreammedien. Im September 2023 verkündet er sein Karriereende; da ist er 55 Jahre alt. Viel zu jung, um in Rente zu gehen.

Es wird stiller, die Bühnen kleiner. Provokationskünstler Somuncu feiert folgerichtig im Netz sein Comeback. Auf Instagram und YouTube präsentiert er sich als Kulturkämpfer gegen Wokeness und produziert platte Beschimpfungsvideos, besonders im Visier Frauen: Dunja Hayali sei eine „systemtreue Handlangerin“, Heidi Reichinnek „eine linke Klimperkiste, die schneller als ein Maschinengewehr“ spreche und Annalena Baerbock etikettiert er als „Anal-Ena“. Willkommen im tiefsten Souterrain der Satire.

Satire darf alles. Natürlich. Jedenfalls in einem freien Land. Doch für schale Sprüche wie: man dürfe hier nichts mehr sagen, gibt es keine Erfolgsgarantie. Plötzlich fühlt sich Somuncu „sanktioniert“, weil er nicht mehr „genehm“ sei. Der Hassprediger macht weiter, was er kann: Er teilt aus: gegen Ukraine-Präsident Selenskyj als „räudigen, bettelnden Straßenköter“ und bezeichnet das TV-Geschäft als Scheinwelt. „Die Leute verstellen sich. Es ist asozial.“ Jeder Text werde minutiös geprüft. Das sei faschistoid. Er beklagt in einem neuen Podcast mangelnde Solidarität unter Comedians.

 

 

Was für ein Wandel. Der Mann, der punktgenau und schlagkräftig austeilt, inszeniert sich als Opfer, das beleidigt auf Kritik reagiert. Die lautet: Er mache mittlerweile alles für Applaus. Er liefere den Wütenden seine Wut, um Klicks zu generieren; seine Gags würden immer verbissener und ernster, er sei eine Art Mario Barth geworden. Humor unter Aldi-Niveau.

Menschen zum Lachen zu bringen, ist eine Kunst. Und Kunst ist eine ernste Sache, meinte einst der Urvater des subtilen und befreienden Humors, Karl Valentin. Sein Geheimnis? Ein Augenzwinkern. Was ist nur los mit Serdar Somuncu? Vom rotzfrechen Hitler-Imitator zum schwurbeligen AfD-Hofsänger? Als ich das letzte seiner vielen Wut-Videos gesehen habe, bescheren mir die YouTube-Algorithmen eine musikalische Überraschung. Weiter geht’s mit Tannhäuser von Richard Wagner. Danke KI, für diese herrliche Pointe zum Schluss.

 

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„Ich halte doch nicht die Luft an“

Anruf bei Cornelia Schleime. Wir kennen uns schone eine ganze Weile: „Wie geht’s Dir? Was läuft?“ – „Meinem Hund geht es schlecht. Susi ist 17, das wäre bei uns Menschen hundert. Ich kann nicht mehr verreisen. Geht nicht mit der alten Dame.“ – Und sonst? – „Ich mache einen Tango-Kurs.“ Wer Cornelia Schleime kennenlernt, wird sie nicht vergessen. Jetzt also Tango mit Wiegeschritt. So viel Energie, Tatendrang und noch mehr Lust auf Neues. Das Leben ist Tanz. Ihre künstlerischen Arbeiten sind derzeit auf gleich drei Ausstellungen in der Republik zu sehen: Augsburg, Stuttgart und Frankfurt/Oder.

Kaum zu glauben. Cornelia Schleime ist mittlerweile 72 Jahre. In Denken, Fühlen und Handeln zeigt sie sich geistig beweglicher als viele aus der Gen Z. Von Verzagtheit und Weltschmerz keine Spur. Die Vollblut-Malerin, Autorin, Filmerin und Performerin ist ein Gesamtkunstwerk. Sie ist wie ihre Vaterstadt Berlin: Crazy und krass, unangepasst und verwegen. Dabei lebt sie die meiste Zeit in der märkischen Streusandbüchse. Draußen auf dem Lande. Zwischen Blumenkohl, Fuchs, Hase und Windrädern.

 

Selbstporträt als Schaf. 2010 – alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Cornelia Schleime.

 

Farbe ist ihr Element. Ihr Fundament ein wilder Mix aus Romantizismus, Figürlichkeit und Vielschichtigkeit. Plus jede Menge Fantasie, Selbstironie und Witz. Malen ist für sie „ein Liebesakt“. Einer ihrer Vorbilder ist der Surrealist Louis Bunuel. Schleimes Bildkompositionen kombinieren häufig Frauen mit Tieren. Auf die Leinwand zaubert sie Fabelwesen, stark und selbstbewusst. Die Schleime-Menschen. Das Besondere: Die Blicke der Porträtierten ziehen die Betrachtenden magisch ins Bild hinein. Schau mir in die Augen!

Man nennt sie eine Rebellin. Das einstige Punk-Girl vom Prenzlauer Berg, als das Altbauviertel kaputt, aber kreativ war. Mit Ofenheizung, begehbaren Dächern und Klo auf halber Treppe. Kunst Made in GDR. Die Berliner Pflanze Conny kann sanft und poetisch sein, wenn sie will: „Eine Fabuliererin mit Lust am Absurden“, lobt eine Kunstkritikerin. Schleimes Motto: „Überleben durch Schönheit, um nicht an der hässlichen Wahrheit durchzudrehen.“

 

Bondage. Hüpstedt/DDR. 1982. Foto: Bernd Hiepe

 

„Sie hasst Langeweile und Glattheit. In der DDR wurden ihre Arbeiten verboten, heute hängen sie weltweit in Museen und Galerien“, vermerkt der Deutschlandfunk. Schleime hat jeden Schritt in ihrem Leben selbst erkämpft. Mal verträumt und mädchenhaft, mal durchgeladen wie eine Kalaschnikow. Die waschechte Berlinerin lernt Friseurin, jobbt als Pferdepflegerin auf der Rennbahn in Dresden. Dabei möchte sie mit siebzehn nur eines werden: Künstlerin. Doch die DDR, in der sie erwachsen wird, setzt enge Grenzen. Unbeeindruckt probiert sie sich aus: als Grenzgängerin. Sie wird Frontfrau der ersten DDR-Punkband „Zwitschermaschine“, Friedhofswächterin, Maskenbildnerin, Aktmodell und Fotografin.

Sie studiert Malerei in Dresden, lernt mit achtzehn den Lyriker Sascha Anderson kennen. Leitfigur der Untergrund-Szene vom Prenzlauer Berg und zeitgleich Haus- und Hoflieferant der Stasi. Er verrät viele in der Szene und seine Freundin Conny gleich mit. Schleime wird mit Ausstellungs- und Berufsverbot belegt. „Natürlich hat mich das persönlich hart getroffen. Er hat sich bei mir entschuldigt und diese Entschuldigung habe ich auch angenommen.“

 

Rotkäppchen. 2020

 

Sie ist Anfang dreißig, als sie die kleine DDR mit dem großen Sozialismus-Anspruch verlässt. Das war 1984. Sie reist „mit Sohn Moritz, einem Koffer und einem Federbett“ nach West-Berlin aus. Zurück blieben etwa hundert Ölbilder und tausend Zeichnungen. Beschlagnahmt oder vernichtet? Niemand weiß es. Ihre frühen Arbeiten sind bis auf Fotos und einige Super8mm-Filme bis heute nicht aufgetaucht.

Seit einem halben Jahrhundert malt, dichtet, singt, schreibt, filmt und inszeniert Schleime, was ihr auf der Seele brennt. Sie lacht gerne, redet viel und schnell, mag kein Kunstgelaber. Die Berlinerin ist bodenständig und künstlerisch enorm kreativ. Der lebende Gegenentwurf zu verkopften und dogmatischen Intellektuellen. Sie sagt: „Lachen befreit.“

 

Für den, der von mir will, was ihm nicht zusteht. 2022

 

In letzter Zeit wird sie mit Auszeichnungen und Preisen überschüttet, „obwohl Frauen in der Kunstbranche das Doppelte, bis Dreifache leisten müssen, bis sie anerkannt werden“, sagt ihr Galerist Judin. Heute gilt Cornelia Schleime als „Grand Dame“ und „eine der besten Malerinnen des Landes“, so die Kunstkritik.

Stellen Sie sich mal vor! Für diese Gesprächsreihe möchte ich sie gewinnen. Spontan sagt Conny zu. „Klar mache ich mit, wenn ich Zeit habe. Ich kann ja nicht weg, der alte Hund.“ Am 21. März 2026 kommt die freiheitsliebende Grand Dame des deutschen Kunstbetriebs in das kleine Theaterdorf Netzeband. „Für Euch mache ich das. Aber vorbereiten ist nicht. Kommt nicht in die Tüte.“ Klar: Conny braucht kein Drehbuch, sie atmet das Leben – in jeder Sekunde.

 

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F*ck mich Finch

Wer kennt Finch? Fast alle Arme schnellen nach oben. Die 13- bis 15-jährigen Kids vom Gymnasium Strausberg II mögen ihn. „Der ist von hier! – Ein cooler Ossi, der sich nicht unterbuttern lässt. – Ein Unioner. – Super Texte“, lauten die Antworten. Ein Schüler durfte mit den Eltern zum Konzert. Gemeinsam mit 15.000 Fans in der ausverkauften Berliner Arena in Friedrichshain. Um Finch geht es auch beim Projekttag an einem ostdeutschen Gymnasium. In drei Workshops sollen Fragen zur Rolle der Mediennutzung von Literatur bis TikTok angesprochen werden. YouTube nutzen alle. YouTube hat Finch zum Star gemacht. Jetzt füllt der Rapper mit dem Ossi-Bonus die größten Hallen von Hamburg bis München.

Im Osten geht die Sonne auf. Für Finch ist das Programm. Als Nils Wehowsky am 13. April 1990 in Frankfurt/Oder geboren, ist er ein waschechtes Wendekind. Gelandet in einer Welt im totalen Wandel zwischen Mauerfall und Einheit. Zwischen Aufbruch und Treuhand-Jahren. Über Kindheit und Jugend sagt er: „Wir hatten wenig, aber wir hatten uns.“ Er macht eine Mechatroniker-Lehre, nebenbei schreibt er auf, was er sieht. Die ersten Textversuche schickt er seinem Deutschlehrer. Vor gut zehn Jahren wird aus Nils Finch Asozial. Sein Debütalbum Dorfdisko schlägt 2019 voll ein. Es geht um harte Jungs, große Sprüche und scharfe Bräute; ferner um Disko, Trabis, Softeis. Pfeffi, Fliesentisch und Vokuliha.

 

 

Finch Asozial macht seinem Namen alle Ehre. Ein Ost-Proll der Extraklasse. Reden frei Schnauze. Chauvi-Sprüche am Fließband. Kostprobe: „Fick mich Finch … „Aua. Es tut so weh. Bitte schieb ihn nur zur Hälfte rein.“ Seine Texte sind alles, außer politisch korrekt. Seinen Sound beschreibt er selbst als „Klamauk-Ballermann-Rap“. Ein wilder Ritt, gewürzt mit Rap, Rave, Techno und Schlagermusik zum Mitsingen. Finch provoziert, Finch polarisiert. Ist er ein Rechts-Rapper, der AfD-Parolen zu Texten verhackstückt? Oder ein Rebell, der für eine neue Wende im Lande steht? Egal. Der Mann hat Erfolg. Und wie!

Finch erntet steile Shitstorms aus allen Empörungsgemeinden. Für die Linken ist er zu rechts, für die Rechten zu links. Die Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes bezeichnet ihn als „frauenfeindlich und sexistisch“.  In der späten Corona-Zeit ändert Finch sein Image. Den Zusatznamen „Asozial“ streicht er. Nun mache er Texte ohne „Meldefinger“, betont er. Rassismus sei im Übrigen eine gesamtdeutsche Realität. Im Song Wenn du dumm bist, kritisiert Finch rechtes Gedankengut. Nach einer Parodie durch Künstler des rechten Labels NDS kündigte Finch an, seine GEMA-Einnahmen der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet zu spenden.

 

 

Finch spricht offenbar vielen aus dem Herzen, die einfach so reden wollen, wie sie denken. Ohne Angst vor Tugendwächtern und Besserwisserei. Lieder wie „Liebe ist ein Wir-Gefühl“ oder „Ostdeutschland“ werden bei Live-Konzerten in Berlin oder Stuttgart tausendfach mitgegrölt. In Onkelz Poster heißt es: „Ich saufe mich ins Koma, an der Wand hängt mein Onkelz Poster. Anfang zwanzig, mit Leberzirrhose/Schuld sind die oben. Der Hass in euch/und ihr hasst uns … Ich wünsch’ mir meine DDR zurück.“

Nils alias Finch ist mittlerweile 35 Jahre, genauso alt wie die deutsche Einheit. Finch hat die DDR nie erlebt. Genau wie die Schüler in Strausberg und die große Mehrheit seiner Fans. Aber der Junge aus dem verschwundenen Drei-Buchstaben-Land hat ein gutes Gespür für Widerspruch und Zeitgeist. Seine Fans sind dankbar, übrigens in ganz Deutschland. Vielleicht auch deshalb, weil der Rapper für Eigensinn, Stolz und Selbstbehauptung steht – gegen „die da oben“.

 

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Der Kunstmaler vom Heldenplatz

Wien. Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Habsburger Reich versprüht Prunk und Pomp. Kaiser Franz Josef schenkt seinem Volk imperialen Glanz und Gloria. Auf gut vier Kilometern und in sechzig Meter Breite reiht sich am Ring ein Monumentalbau am anderen: Börse, Universität, Rathaus, Burgtheater, Parlament, Hofburg, Kunst- und Naturhistorisches Museum, Staatsoper. Eine perfekt inszenierte Selbstdarstellung der k.u.k. Monarchie, heute von Millionen Touristen bestaunt. Im Zentrum Wiens die Hofburg. Residenz und Herzkammer des Habsburger Reiches. Heute Sitz von Museen mit Schatzkammer, Hofreitschule, Hof- und Volksgarten. Maria Theresa und Mozart-Denkmäler. Doch der unübersehbare Blickfang ist der Altan. Heiligtum der Habsburger und bis heute toxische Tabuzone der Republik. Das hat einen Grund.

 

Blick auf Altan und Heldenplatz in Wien. Der Name Altan hat verschiedene Bedeutungen: Er bedeutet „Gold“ auf Mongolisch und „rote Morgendämmerung“ auf Türkisch.

 

Die 200qm-große Terrasse mit dem grandiosen Blick auf den Heldenplatz heißt im Wiener Volksmund nur „Hitler-Balkon“. Hier verkündete am 15. März 1938 der Mann mit dem Schnauzer einer jubelnden Masse den „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland. Noch ein Jahr zuvor war auf dem Balkon probeweise eine große Holzschablone mit einem geplanten Denkmal für Kaiser Franz Josef platziert worden. Es kommt radikal anders! Auf die Habsburger Herrschaft folgt nach kurzer Republik das Hakenkreuz-Reich.

An der Balkontür heißt es: „Betreten verboten!“ Zunächst verfügte Hitler selbst, der Altan dürfe nicht mehr genutzt werden. Nach seinem Ende 1945 blieb die Terrasse weiter gesperrt. Eine No-go-Area bis heute. Offiziell aus baulichen Gründen, die Balustrade sei zu niedrig. Vermutlich wohl eher, um eine Wallfahrtsstätte zu verhindern. Erlaubt ist daher nur, durch die verriegelte Balkontür zu blinzeln.

 

Soll der Zugang zum „Hitler-Balkon“ geöffnet werden? Oder soll die Tür zum Altan in der Wiener Hofburg weiter geschlossen bleiben?

 

Was wäre, wenn? „Tja, wäre wohl besser gewesen, wenn’s ihn damals genommen hätten“, sagt die Museumsfrau im schönsten Wienerisch an der nicht weit entfernten Kunstakademie am Schillerplatz. Hier hatte sich 1907 der achtzehnjährige Adolf H. an der Malschule beworben. Die Akademie ist ein weiterer Habsburger Prachtbau. Italienische Hochrenaissance, im Innern eine beeindruckende Aula mit Deckenbildern von Anselm Feuerbach. Im Obergeschoss eine Galerie, prallvoll mit Meisterwerken aus fünf Jahrhunderten.  Von Cranach dem Älteren über Rembrandt bis Rubens. Adolf H., der Junge aus der Provinz und Schulabbrecher, dessen Mutter Clara mit Brustkrebs im Sterben liegt, scheitert zweimal. Das Prüfungsprotokoll von 1907 vermerkt sinngemäß: „Die Zeichnungen zeigen keinen ausreichenden Sinn für figürliches Gestalten.“

 

Wiener Staatsoper von Adolf Hitler. 1912. Viele seiner Bilder sind in den USA unter Verschluss.

 

Die Herren Professoren bescheinigen dem Kunsteleven immerhin eine gewisse „architektonische Begabung“. Tief enttäuscht zieht sich der abgelehnte Kunstmaler zurück, wohnt in einfachen Zimmern, zuerst in Mariahilf im 6., später im 15. Bezirk. Als die Mutter stirbt, reicht die winzige Waisenpension kaum zum Überleben. Von Februar 1910 bis Mai 1913 bezieht Hitler im 20. Bezirk in der Meldemannstraße in einem Männerheim eine Schlafstelle mit Gemeinschaftsküche. Heute wirbt dort das Pflegeheim „Seniorenschlössl“ mit dem Motto „Wie daham“ und einer Regenbogenfahne vor der Eingangstür.

 

Ehem. Männerwohnheim in der Meldemannstraße 27, Wien-Brigittenau, im 20. Bezirk. Einst eine Art Obdachlosenheim, heute ein Pflegeheim.

 

Kunstmaler Adolf fertigt in seinen Hunger- und Künstlerjahren selbstgemalte Postkarten und kleine Aquarell-Stadtansichten.  Hunderte, gar tausende Bilder malt er wie am Fließband, alle zum schnellen Verkauf. Von der Wiener Staatsoper bis zum Bergbauernhof, auch einmal Porträts wie das „Mutter Maria“-Motiv. Seine Käufer seien in der Mehrheit Juden gewesen, berichten Biografen. Ein Rechtsanwalt namens Josef Feingold, habe eine ganze Reihe von Bildern Hitlers gekauft, die das alte Wien darstellen. Von Pracht und Pomp des kaiserlichen Wiens mit glanzvollen Opernbällen, Sachertorte und Dreiviertel-Takt ist Kopist Hitler selbst Lichtjahre entfernt. Der Postkartenmaler malt, um zu überleben und das, was sich verkaufen lässt.

 

„Mutter Maria“ von Adolf Hitler, 1913. Eine seiner ganz seltenen Porträt-Zeichnungen.

 

Im August 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, als Hitler im Zenit steht, vertraut er dem britischen Botschafter Nevile Henderson  in Berlin an: „Ich bin Künstler und kein Politiker. Sobald die polnische Frage geklärt ist, möchte ich mein Leben als Künstler beenden.“

 

Die Aula der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Immer einen Besuch wert. In der Gemäldegalerie werden Tradition und Moderne gepflegt. Hier wurde Hitler zweimal abgelehnt.

 

„Ach, es wäre uns viel erspart geblieben, hätten sie ihn an der Akademie aufgenommen“, betont noch einmal die aufgeweckte Wienerin, die in der Kunstakademie Rubens, Rembrandt und Hieronymus Boschs berühmtes „Weltgericht“ mit Himmel und Hölle beaufsichtigt. Währenddessen bleibt in der nahen Hofburg der „Hitler-Balkon“ weiter fest verschlossen. Auch achtzig Jahre danach. An einer Informationssäule auf dem Weg zum Balkon kann abgestimmt werden, ob der Altan gesperrt oder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Das Ergebnis ist eindeutig. Die Befürworter für eine Öffnung liegen Ende Oktober 2025 bei über 200.000 Stimmen, die Gegner bei rund 26.000. Und? Was denken Sie?